9punkt - Die Debattenrundschau

Deswegen benutzen sie Kugeln

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2020. Die taz veranstaltet ein Streitgespräch über die Frage, ob die urbanen Eliten die ärmeren Schichten in die Arme der AfD treiben. Ja, meint Wolfgang Merkel. Nein, meint Naika Foroutan. Nicht die sozialen Medien sind schuld an der Verrohung des öffentlichen Meinungsaustauschs, sondern ihre Nutzer, schreibt der Kunsthistoriker Jörg Scheller in der NZZ. Die FR erinnert an die Rechten unter den frühen Grünen. "Die meisten Iraker sind es leid, ihr Land und ihr tägliches Leben als Schlachtfeld von regionalen und globalen Konflikten zu sehen", sagt der Schriftsteller Sinan Antoon im Gespräch mit der FAZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

Auf den Klimawandel zu reagieren, indem man ständig den individuellen Verbraucher an den Pranger stellt, bringt uns nicht weiter. Und sehr politisch gedacht ist es auch nicht, meint Zacharias Zacharakis auf Zeit online nach Lektüre eines FAS-Interviews mit Agrarministerin Julia Klöckner. "Politikerinnen und Politiker schieben die Verantwortung für ihre Versäumnisse auf die Bürgerinnen und Bürger und geben ihnen die Schuld dafür, durch ihren übermäßigen Konsum die Welt zu einem schlechteren Ort zu machen. Aber da muss man einmal fragen dürfen: Wo leben wir eigentlich? Richtig, in einer Marktwirtschaft. Und in dieser gelten die Gesetze von Angebot und Nachfrage. Wer es zulässt, dass gewisse Produkte zu gewissen Preisen in Geschäften angeboten werden, der darf sich nicht darüber wundern, dass die Menschen diese Dinge auch kaufen."

Im Gespräch mit Annika Leister von der Berliner Zeitung gibt sich Philipp Ruch vom "Zentrum für politische Schönheit", der seine Warnungen an die Konservativen mit Asche toter Juden untermauern wollte, (unsere Resümees) zerknirscht. Auf die Frage, ob seine Aktion ein Erfolg war, sagt er: "Nein, die Aktion hat ihr Ziel völlig verfehlt. Sie ist gescheitert. Natürlich scheitern alle unsere Aktionen auf ihre Art. Aber hier liegt schon ein außergewöhnliches Scheitern vor." Aber an seiner Stele an der Stelle der ehemaligen Kroll-Oper hält er fest: "Wir haben uns entschuldigt und radikale Schritte vollzogen: Wir haben die Asche, den Glutkern, entfernt und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz übergeben. Wir. Jetzt hat sie nichts mehr mit der Schoah zu tun. Sie fordert seither dazu auf, die Verteidigung der Demokratie zu schwören." Ziemlich sauer reagiert in der FAZ Hannah Bethke auf die jüngsten Äußerungen Ruchs.

Frankreich hat eine neue #metoo-Debatte. Ausgelöst oder vielmehr neu angefacht wurde sie durch die Schauspielerin Adele Haenel und die Schriftstellerin Vanessa Springora, die öffentlich machten, wie sie als 13- bzw. 15-Jährige von sehr viel älteren Künstler-Männern sexuell ausgebeutet wurden, berichtet Nadia Pantel in der SZ. Teile des kulturellen Milieus finden das immer noch unerheblich: "'In den Siebziger- und Achtzigerjahren war Literatur wichtiger als Moral, heute ist die Moral wichtiger als die Literatur', schreibt der Kulturjournalist Bernard Pivot auf Twitter. Pivot lud Matzneff fünfmal in seine Talkshow Apostrophes ein. Schaut man heute die Beiträge von früher, entsteht nicht der Eindruck, es gehe in erster Linie um Literatur. So fragte Pivot in einer Sendung 1990, warum Matzneff 'junge Miezen' sammele. Der Literat erklärte, volljährige Frauen seien schon 'zu verhärtet', Mädchen seien 'viel lieber', und würden erst ab 18 'sehr hysterisch'." Unsere Resümees zur Affäre um den einst gefeierten Autor Gabriel Matzneff.

Warum werden Veränderungen von Sprache stets als Verfall wahrgenommen, fragt der Sprachhistoriker Peter Eisenberg in der FAZ. Er weiß, wovon er redet, denn er hat jahrelang Briefe von Sprachfreunden an die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung beantwortet: "Nicht selten hatten die Diskurse dieselbe Struktur: Ein Journalist im Ruhestand macht geltend, es müsse heißen 'Sie hat gewinkt'. Auf die Frage, woher er das wisse, antwortet er, das wisse doch jeder vernünftige Mensch. Auf die Mitteilung, aus Erhebungen in Zeitungstexten gehe hervor, dass seine Kollegen gegenwärtig die Form 'Sie hat gewunken' präferieren, kommt als Antwort, das sei eine Verfallserscheinung, die Masse habe eben keine Ahnung."
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Internet

Nicht die sozialen Medien sind schuld an der Verrohung des öffentlichen Meinungsaustauschs, sondern ihre Nutzer, erinnert in der NZZ der Kunsthistoriker Jörg Scheller. "In den Diagnosen, die bezeichnenderweise auch auf Twitter beliebt sind, erscheint das Medium als starkes, aktives Subjekt, gleichsam als Mutter- oder Vaterfigur: 'Twitter macht uns zu . . .', 'Twitter erzieht einen zu . . .', 'Twitter zwingt uns zu . . .'. Die Mediennutzer indes werden als Kinder, Junkies oder irregeleitete Opfer porträtiert. Ebenso gut ließe sich sagen: Diese Waffe hat mich zum Schießen verführt! Oder: Dieses Auto hat mich zum Rasen erzogen! Solchen Behauptungen liegt ein zutiefst illiberales, paternalistisches Menschenbild zugrunde, das einen Geist der Passivität fördert. Verhält es sich wirklich so, dass wir Opfer von zynischen Maschinen und psychopathischen Algorithmen sind? Oder sind es nicht auch wir selbst, die mit unserem Verhalten die Maschinen und Algorithmen zu Zynikern und Psychopathen machen?"
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Europa

In der FR erinnert Arno Widmann an die Gründung der Grünen vor vierzig Jahren. Die kamen damals kurz zur Einsicht, dass ein Zusammenschluss linker und linkester Gruppen nicht ausreicht, die Gesellschaft zu verändern: "So kam es zur Zusammenarbeit mit rechtskonservativen bis rechten Ökologen in der 1979 für die Europawahl gegründeten 'Sonstigen Politischen Vereinigung'. Vorsitzende waren der ehemalige CDU-Abgeordnete Herbert Gruhl, dessen Buch 'Ein Planet wird geplündert - Die Schreckensbilanz unserer Politik' 1975 der erste ökologische Bestseller des bundesrepublikanischen Buchmarktes gewesen war, August Haußleiter, ein CSU-Abtrünniger, und Helmut Neddermeyer von der Grünen Liste Umweltschutz Niedersachsen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle, eine gerne übersehene Rolle bei der Entwicklung dieser das linke Spektrum sprengenden Konzeption spielten die Erfahrungen der osteuropäischen Opposition, in der sich linke und bürgerliche Kräfte längst zusammengetan hatten." Lesenswert über die Braunen bei den frühen Grünen ein Kapitel aus einem Buch über die Grünen, das Michael Miersch in seinem Blog online stellt.

Wir brauchen mehr Einwanderung, und das hat Folgen, auch kulturelle. Besser, die "Völker der früh industrialisierten Länder" gewöhnen sich schnell dran, meint Meinhard Miegel in der Welt: "Sie müssen begreifen, dass sie existenziell gefährdet sind, wenn sie ihre Alten, Kranken und Pflegebedürftigen nicht mehr aus eigener Kraft angemessen versorgen können, Hunderttausende von Lehrstellen sowie qualifizierten und nicht qualifizierten Arbeitsplätzen mangels geeigneten Personals unbesetzt bleiben und Zukunftsvisionen schwinden, weil immer mehr Menschen keinen Sinn mehr in ihren Anstrengungen sehen. Wozu in einen Handwerksbetrieb oder in eine Anwaltskanzlei investieren, wenn es keinen Nachfolger mehr gibt?"
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Politik

"Die meisten Iraker sind es leid, ihr Land und ihr tägliches Leben als Schlachtfeld von regionalen und globalen Konflikten zu sehen", sagt der Schriftsteller Sinan Antoon im Gespräch mit Lena Bopp von der FAZ. Unter den jüngsten Scharmützeln zwischen den Amerikanern und den Iranern ist fast vergessen worden, dass sich im Irak zuvor eine Protestbewegung jenseits der alten fatalen Trennungslinien entwickelt hat: "Das Gute an den Entwicklungen der vergangenen zwei, drei Jahre ist, dass die meisten Proteste keine sektiererischen Slogans benutzten. Es ist ein neues Gefühl des Irakerseins entstanden, das nicht durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession oder Gruppe geprägt ist. Das ist sehr wichtig. Der sektiererische Diskurs der politischen Parteien ist überholt. Sie haben nichts mehr, womit sie den Leuten Angst machen können. Deswegen benutzen sie Kugeln. Das ist das Einzige, was ihnen bleibt."
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Stichwörter: Irak, Antoon, Sinan

Ideen

Die taz veranstaltet ein von Sabine am Orde und Stefan Reinecke moderiertes Streitgespräch zwischen dem Politologen Wolfgang Merkel (der der Sozialdemokratie nahesteht) und der Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, über die Frage, ob die urbanen Eliten die ärmeren Schichten in die Arme der AfD treiben. Merkel meint ja und argumentiert dabei von einer klassisch linken Position: "Das soziale Unten bleibt unten. Das ist meine Kritik: Die Linke hat sich kulturell progressiv definiert und nicht mehr ökonomisch. Weil es schwierig war, in einer entgrenzten ökonomischen Welt noch linke Steuerungsimpulse einzupflanzen, hat man sich auf das leichtere Feld der kulturellen Modernisierung verlegt. Auch sozialdemokratische Parteien entgrenzten und deregulierten, stets in der Hoffnung, dass es einen Trickle-Down-Effekt gibt, dass langfristig auch Mittel- und Unterschichten von dieser Entfesselung profitieren. Die Klassenfrage wurde ausgeblendet. Ein Fehler."

Foroutan sagt das erwartbare Gegenteil: "Es gibt in der Gesellschaft einen historisch und strukturell verankerten Rassismus und Sexismus. Klimapolitik oder Forderungen von Frauen und Minderheiten, in Sprache und Struktur repräsentiert zu sein, erfordern nun, diese eingeschliffenen Muster zu ändern. Das löst Aggressionen aus. Es ist keine moralische Hybris, für Klima- oder Migrationsgerechtigkeit und geschlechtergerechte Sprache einzutreten. Soll man jetzt sagen, die Erde ist eine Scheibe, weil sich jemand bevormundet fühlt, wenn man ihm sagt, dass die Erde rund ist?"
Archiv: Ideen