9punkt - Die Debattenrundschau

Jedes Selfie legt ja Zeugnis ab

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.12.2019. Das Tablet Magazine recherchiert zum Antisemitismus in Britannien. In der taz tritt Nora Bossong zusammen mit intellektuellen Bündnisgenossinnen gegen Super Mario Philipp Ruch an. In der NZZ entwirft Volker Reinhardt eine Theologie des Selfies. Die NZZ deckt auch die herzlichen Beziehungen zwischen Roger Köppels Weltwoche und der chinesischen Botschaft auf. In Marianne attackiert Caroline Fourest Jean-Luc Mélenchon und hofft auf eine säkulare Linke.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.12.2019 finden Sie hier

Medien

Die Weltwoche des SVP-Nationalrats Roger Köppel fällt durch prochinesische Berichterstattung auf. Und es gibt eine Menge Anzeigen chinesischer Firmen. Außerdem hat der chinesische Botschafter in der Schweiz dort eine Kolumne, über die sich Köppel auf Nachfrage der NZZ-Reporter Simon Hehli und Daniel Gerny besonders stolz äußert. Aber die Chinafreundlichkeit hat auch einen Hintergrund, so die beiden Autoren. "Die Kooperation zwischen der Weltwoche und der chinesischen Botschaft ist bemerkenswert: Der NZZ liegen Kopien von Mails vor, die darauf hindeuten, dass die Weltwoche für ihre chinafreundliche Berichterstattung mit Gegenleistungen belohnt wird. Laut den Schreiben, die vom März 2019 datieren, soll die chinesische Botschaft chinesischen Firmen, die in der Schweiz tätig sind, die Übernahme der Kosten für Werbung in der Weltwoche offeriert haben. Es geht um ganzseitige Anzeigen im Wert von jeweils über 10.000 Franken."

Mit dem neuen Mediengesetz in Russland kann jede Privatperson, die Geld von der Tante aus dem Ausland überwiesen bekommt, zum "ausländischen Agenten" gestempelt werden, schreibt Inna Hartwich bei libmod.de: " Bislang mussten sich vor allem NGOs und Medien, die aus dem Ausland finanziert werden, als 'ausländische Agenten' registrieren lassen. Zehn Medien und 74 NGOs haben diesen Stempel aufgedrückt bekommen, mehrere gemeinnützige Organisationen mussten schließen, weil sie ohne die finanziellen Mittel aus dem Ausland nicht mehr arbeiten konnten. Andere unterliegen ständigen Kontrollen und müssen regelmäßig vollständige Auskunft über ihre Geldgeber, die finanzielle Ausstattung und das Personal geben. Durch das veränderte Gesetz werden nun auch Privatpersonen eingeschüchtert."
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Internet

Der türkisch-französische Digitalaktivist Aral Balkan schimpft im Interview mit der SZ über Google und Co, die die Daten der Menschen absaugten. Er will dagegen eine "ethisch unbedenkliche Software" entwickeln. Wie die aussehen soll, sagt er aber nicht (oder Interviewer Jannis Brühl interessiert sich nicht dafür, das Google-Bashing abzufragen, ist ja so viel einfacher.)
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Kulturmarkt

Ab heute werden Ebooks nur noch mit sieben Prozent besteuert und damit gedruckten Büchern gleichgestellt, schreibt Wolfgang Tischer im Literaturcafé. Darum "verdienen die Verlage und somit auch Autorinnen und Autoren mehr Geld - zumindest theoretisch. In den meisten Verlagsverträgen werden die E-Book-Tantiemen auf Basis des Nettoverlagsabgabepreises berechnet, also dem Betrag, den der Handel den Verlagen zahlt... Autoren sollten also bei der nächsten Verlagsabrechnung einmal genau nachsehen, ob bei E-Book-Verkäufen mehr übrigbleibt. Illusionen auf einen markanten Mehrverdienst sollte man sich aber nicht machen."
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Stichwörter: Ebooks

Geschichte

Im Tagesspiegel stellt Leander F. Badura zwei Bücher vor, die den Mythos widerlegen, in früheren Zeiten hätten Muslime, Christen und Juden in der arabischen Welt friedlich zusammengelebt: Georges Bensoussans "Die Juden der arabischen Welt" und Nathan Weinstocks "Der zerrissene Faden. Wie die arabische Welt ihre Juden verlor. 1947-1967" erzählen, mit welcher Gewalt Juden in der arabischen Welt Mitte des 20. Jahrhunderts in den Exodus getrieben wurden. "Das Gründungsjahr Israels - 1948 - war der Beginn eines Exodus', in dem etwa 900.000 Juden ihre Heimat zurückließen, von denen zwei Drittel in Israel Schutz suchten, die übrigen 300.000 in anderen Teilen der Welt. Sie flohen vor Diskriminierungen und zunehmend offener Gewalt. Wer Hab und Gut hatte, wurde zumeist enteignet. Die Zahl übertrifft die der arabischen Flüchtlinge infolge des ersten Krieges der Araber gegen Israel. Während das Schicksal dieser Menschen jedoch weithin bekannt ist und zudem in der internationalen Politik als Hebel gegen Israel genutzt wird, ist von dem der Juden in der arabischen Diaspora selten zu hören. Das mag daran liegen, dass Israel sie integrierte (bisweilen mehr schlecht als recht, aber das ist eine andere Geschichte), während die später Palästinenser genannten Araber in ihren Aufnahmeländern bis heute in Flüchtlingslagern leben müssen. Doch es liegt auch am Desinteresse der Öffentlichkeit, nicht zuletzt in europäischen Gesellschaften."
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Gesellschaft

Erstaunlich, wie schnell die jüngste Aktion des "Zentrums für politische Schönheit" (das bekanntlich zu weltanschaulichen Zwecken die Asche ermordeter Juden recyceln wollte, unsere Resümees) wieder in Vergessenheit geriet. Die Schriftstellerin Nora Bossong greift sie in der taz nochmal auf und vergleicht Philipp Ruch mit Super Mario, allein und männlich im Kampf gegen das Böse und alle übrigen Intellektuellen verachtend: "Dabei ist die intellektuelle Öffentlichkeit ja unübersehbar da, sie heißt nicht mehr Böll und Grass, sondern reicht von Eva Menasse und Juli Zeh über Enis Maci und Carolin Emcke bis hin zu Rahel Jaeggi und Aleida Assmann, um nur einige wenige zu nennen. Sie haben übrigens auch ein Gewissen, sie sprechen über Politik und mitunter über Moral, sie sind manchmal sogar moralapostolisch, aber, das scheint mir bei allen Genannten zuzutreffen, es wird kein Alleinherrschaftsanspruch gestellt, wie es das Zentrum und einige andere, auffälligerweise besonders gern männliche Akteure mitunter tun."

Shammi Haque porträtiert für die taz die saudi-arabischen Schwestern Khulud und Maha A. , die es im Alter von 23 und 17 wagten, ihrer Familienhölle zu entfliehen und in Deutschland Asyl bekamen: "Wie kommt es, dass Khulud und ihre Schwester den Ausbruch wagen? Für die Ältere ändert sich alles, als sie an die Universität kommt. Sie schließt Freundschaften, trifft bei Twitter auf mutige Frauen und liest online die Artikel der ägyptischen Schriftstellerin Nawal El Saadawi. Sie kauft ihre Bücher, die in Saudi-Arabien verboten sind, unter der Ladentheke. 2017 überlegt Khulud das erste Mal, Saudi-Arabien zu verlassen. Doch es ist unmöglich, ohne die Erlaubnis des Vaters Pass und Visum zu beantragen..."

Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts kannten die Menschen noch ihre Bedeutung: Sie waren die Krone der Schöpfung und lebten auf dem Planeten, um den sich alles drehte. Das änderte sich mit den Entdeckungen Tycho de Brahes, Keplers und Galileis. Plötzlich wusste niemand mehr, welchen Platz er im Universum hatte, schreibt der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ. Aber Gott sei Dank gibt es heute Selfies! "Jedes Selfie legt ja Zeugnis ab: Hier war ich, an diesem Ort und zu dieser Zeit, und dadurch bin ich ein Teil der Geschichte und daher wichtig. Verbreitet und versiegelt wird diese Bedeutung dann auf Facebook und/oder Instagram. Gott ist zur Speicherkapazität geworden, das Jüngste Gericht setzt sich aus der Zahl der Follower zusammen; wer mehr als eine Million davon hat, darf sicher mit Freispruch rechnen."
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Europa

Wann ist einer ein Nazi? Oder ein Rechtsextremer? Was muss er tun, um sich zu distanzieren? Die Diskussion um den 29-jährigen Kreispolitiker Robert Möritz aus Sachsen-Anhalt kommt nur schleppend in Gang. Möritz hatte vor acht Jahren als Ordner auf einer Neonazidemo gearbeitet, trägt ein Symbol der SS als Tattoo und ist erst vor wenigen Tagen aus dem Verein Uniter ausgetreten, dem rechtsextreme Bestrebungen nachgesagt werden. Aber der Mann hat gesagt, er sei nicht mehr rechtsextrem und damit war die Sache für die CDU in Sachsen-Anhalt erledigt. "Zum Gruseln" findet das Christian Bangel auf Zeit online: "Die sachsen-anhaltische CDU wurde nur durch starken Druck von außen davon abgehalten, den Fall ganz nach Art der Neunzigerjahre einfach abzubügeln. Motto: Die Union ist immun gegen Rechtsextremismus, und der Gegner steht links. Und so steht, 'eingehende Prüfung' hin oder her, wieder oder immer noch die Frage im Raum: Wer beschützt einen eigentlich noch davor, dass eines Tages Neonazis von früher Staatsämter bekleiden? So ganz abwegig ist das, siehe Österreich, nicht. Mancher deutsche Rechtsextreme ist schon heute Polizist oder Soldat. Und viele von ihnen machen einen bedeutenden Teil des Personals und der Wähler der AfD aus."

Ben Judah and Josh Glancy eröffnen im amerikanischen Tablet Magazine eine fünfteilige Serie über den wachsenden Antisemitismus in Britannien mit einem Artikel über den Autor Howard Jacobson, der den Antisemitismus unter vielen antiisraelischen oder antizionistischen Äußerungen entdeckt: "Jacobson ist vom Antizionismus besessen, weil er in ihm eine linguistische Mutation sieht, die etwas viel Dunkleres verbirgt. 'Die Kritik an Israel ist so groß, dass es sich wie eine Art Verfolgung anfühlt', sagt er. 'Israel ist nicht mein Land. Dies [Britannien, die Red.] ist mein Land. Es ist nicht mein Krieg. Aber ich fühle einfach sein Dröhnen, sein Dröhnen. Ich kann nicht behaupten, dass ich deswegen verfolgt werde. Aber es beeinflusst die mentale Musik, die Stimmungsmusik um uns herum. Es ist hässlich. Es ist hässlich, ein Jude zu sein, in jedem Land, wenn es das ist, worüber die Leute die ganze Zeit reden.' Er ist 'vollkommen überzeugt', dass es im Antizionismus einen bestimmten Ton gibt, der nur durch Judenhass erklärt werden kann. 'Ich meine nicht, wenn die Leute sagen: 'Wir mögen Netanyahu nicht' oder 'Wir mögen keine Siedlungen'. Ich meine die Sache mit dem Zionismus selbst. Was ist es, das diese Leidenschaft hinzufügt, die einige dieser englischen Kommentatoren so hysterisch macht?"

Auch James Kirchick (Tablet) ist entsetzt, wieviele große amerikanische und britische Zeitungen den Antisemitismus von Labour unter Jeremy Corbyn heruntergeschrieben haben: "Die Unfähigkeit hochgebildeter, gutmeinender, anständiger Menschen, Antisemitismus zu erkennen, der nicht in Springerstiefel und ein Hakenkreuz gekleidet ist, ist ein transatlantisches Leiden."

Jeremy Corbyn hat Großbritannien mit seiner zwiespältigen Haltung zum Brexit und seiner Indifferenz gegenüber Antisemitsmusvorwürfen den Brexiteers überlassen. Und in Frankreich macht Corbyns Bruder im Geiste Jean-Luc Mélenchon die Juden für dieses Unglück verantwortlich, attackiert den Großrabbiner von London für dessen angebliche Nähe zum Likud und versichert, das er niemals "Kniebeugen gegenüber den arroganten Forderungen" der jüdischen Gemeinde von Frankreich machen würde. Die linke, aber laizistische Kolumnistin Caroline Fourest setzt in Marianne fast schon verzweifelte Hoffnung auf ein Wiedererstarken der Sozialistischen Partei gegnüber dieser "linken Linken": "Es wäre dringend, einer zugleich wahrhaft soziale und und wirklich republikanische und säkulare Alternative wieder aufzubauen. Die Sozialistische Partei Frankreichs, dieser 'große umgestürzte Kadaver', versucht schüchtern, unter die Lebenden zurückzukehren. Ihre Weigerung bei der großen Demo gegen 'Islamophobie' mitzulaufen und ihre offensivere Haltung zur laizistischen Idee sind gute Zeichen."

In dem vom neuen, kemalistisch-sozialdemokratischen Bürgermeister Ekrem Imamoglu regierten Istanbul hat es gerade eine Tagung über Antisemitismus gegeben, staunt Anetta Kahane in der FR. Das habe bisher noch niemand dort gewagt: "Der Antisemitismus hat hier sowohl osmanische als kemalistische Quellen, sowohl religiöse als auch verschwörungstheoretische Wurzeln. Die Legenden vom Land, das angeblich immer judenfreundlich war, stimmen nicht. Das jedenfalls sagte Juden und Nicht-Juden auf dieser Tagung, die über Jahre die Situation beobachtet und recherchiert haben. ... Dass Erdogan heute antisemitisch agiert, weiß jeder. Doch dass Antisemitismus über Jahrhunderte Normalität war, will bis heute in der Türkei niemand wirklich wahrhaben. Die Juden sind eine Minderheit unter den Minderheiten und die Verfolgung und Ermordung der anderen, hat sie ängstlich und vorsichtig gemacht."
Archiv: Europa