9punkt - Die Debattenrundschau

Verabredung zur Vernichtung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2019. Vor genau achtzig Jahren schlossen Stalin und Hitler ihren Pakt: Bis heute wird er gern verdrängt und löst ein eigenartiges Unbehagen aus, schreibt die Historikerin Claudia Weber in der NZZ. Und bis heute arbeiten Deutsche und Russen gern über die Köpfe der Osteuropäer hinweg zusammen, notiert Richard Herzinger in der Welt. In der SZ bemerkt Karl-Markus Gauß, dass die Osteuropäer auch jenseits davon manche Gründe haben, auf den Westen sauer zu sein. Und um Grönland gibt's Gerangel, sagt der Südtiroler Extremabenteurer Robert Peroni. Vielleicht wird es nicht an Trump verkauft, aber die Chinesen sind schon da.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2019 finden Sie hier

Geschichte

Der vor achtzig Jahren geschlossene Hitler-Stalin-Pakt werde bis heute in der Geschichtsschreibung unterschätzt und löse ein eigenartiges Unbehagen aus, schreibt die Historikerin (und Autorin zum Thema) Claudia Weber in der NZZ, als sehe man den Krieg lieber als die Konfrontation zwischen Nazis und Kommunisten,  die dem Pakt folgte: Aber "der Hitler-Stalin-Pakt gehört in die Mitte des europäischen Kriegsgeschehens. Denn das 'Dritte Reich' besetzte Frankreich, die Benelux-Staaten und Teile Skandinaviens im Frühjahr 1940 während und aufgrund des Bündnisses mit Moskau. Die sogenannten Blitzkriege und der aus ihnen hervorgehende Mythos von der deutschen Unbesiegbarkeit wären ohne den Pakt, der einen Zweifrontenkrieg verhinderte, nicht möglich gewesen."

Rudolf Hermann erinnert in diesem Kontext an die Menschenkette von Tallinn bis Vilnius, mit der die baltischen Länder am 23. August 1989 - also lange vor dem Mauerfall - an den Pakt erinnerten.

Frank Herold macht im Tagesspiegel klar, dass sich die Zeitgenossen der vollen Katastrophe des Paktes noch nicht einmal beewusst waren: "Was zu diesem Zeitpunkt außerhalb des Kremls und der Berliner Schaltzentralen niemand weiß: Dies ist nicht bloß ein Nichtangriffspakt zwischen zwei Staaten, wie es ihn zu diesem Zeitpunkt einige in Europa gibt. Das ist nur der offizielle Teil. In einem geheimen Zusatzprotokoll enthält der Hitler-Stalin-Pakt faktisch die Verabredung zur Vernichtung Polens und der baltischen Staaten sowie zur Teilung Osteuropas in geopolitische Interessensphären."

Der Hitler-Stalin-Pakt war nicht die erste Manifestation deutsch-russischer Zugetanheit - und nicht die letzte, schreibt Richard Herzinger in der Welt: "Die Furcht, man könne Moskau provozieren, führte die Bundesregierung etwa dazu, 2008 die von den USA gewünschte Aufnahme Georgiens und der Ukraine in das Militärische Aktionsprogramm der Nato zu torpedieren. Der Kreml beantwortete dieses vorauseilende Entgegenkommen mit der Invasion Georgiens 2008, mit der Krim-Annexion 2014 und dem verdeckten Einmarsch in die Ostukraine im selben Jahr."
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Medien

Im Gespräch mit der FAZ verteidigt der Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer die Abwicklung von hr2 etwas lahm mit Tomasi di Lampedusas "Leopard".
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Stichwörter: Hessischer Rundfunk, Hr2

Ideen

In der SZ fordert Daniel Dettling keine Klimarevolution mit Verboten und Drohungen, sondern eine Klimademokratie " - eine zivilgesellschaftliche und lokale Bewegung von unten, die bei den Bürgerinnen und Bürgern, den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern wurzelt. 'Wenn Bürgermeister die Welt regierten, wären viele globale Probleme längst gelöst', schrieb der 2017 verstorbene US-amerikanische Professor für Zivilgesellschaft Benjamin Barber."
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Europa

In Dresden soll vor den Wahlen in einigen Neuen Ländern eine Demonstration gegen Rechtsextremismus stattfinden. Dass die Veranstalter die deutsche Fahne nicht bei der Demo sehen wollen, zeigt für taz-Autor Jan Feddersen aber, dass es sich wohl mehr um einen Auflauf linker Gesinnungsgenossen handeln wird: "Linke glauben ja gern, dass diese deutsche Trikolore nur eine rechte Farbbedeutung hat, aber das ist historisch unzutreffend, ja, es ist fahrlässig falsch. Nazis hassen Schwarz-Rot-Gold, und das taten ihre Held*innen des 'Dritten Reichs' ganz besonders, denn die deutsche Farbanordnung war eine der Republik, der Demokratie, der Nichtdiktatur. 'Schwarz-Rot-Senf' nannten sie in der Weimarer Republik diese Flaggenfarben - senffarben als sprachlich offener Assoziationsraum für anale Angstfantasien."

Erdogans Versuch, mithilfe der Nationalisten seine Macht zu bewahren und dabei gegen die Kurden zu hetzen, könnte diesmal nach hinten losgehen, hofft Bülent Mumay in der FAZ. Zwar konnte er in Diyarbakir, Van und Mardin die gewählten Bürgermeister ab- und Zwangsverwalter einsetzen, aber die Kurden stehen mit ihren Protesten jetzt nicht mehr allein: "Das Gefühl, gemeinsam etwas verändern zu können, hat die Proteste gegen die Einsetzung der Zwangsverwalter in den HDP-Kommunen erhöht. So protestierten jetzt auch Personen, die jahrelang gemeinsam Politik mit Erdogan gemacht haben, ebenso wie der CHP-Bürgermeister von Istanbul Ekrem Imamoglu. Für die Opposition könnte sich die Zeile des islamistischen Dichters Sezai Karakoç 'Es gibt einen Sieg, der von Niederlage zu Niederlage wächst', bewahrheiten."

Auf die osteuropäischen EU-Länder und ihren Nationalismus zu schimpfen ist einfach. Vielleicht muss man mal andersherum fragen, was eigentlich genau die EU den Osteuropäern gebracht hat, überlegt in der SZ Karl-Markus Gauß. Besonders dramatisch findet er die starke Emigrationsbewegung junger gut ausgebildeter Menschen, die teilweise vom Westen bezahlt wird: "Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Polen, die Slowakei, Kroatien, die baltischen Staaten - sie alle haben vielmehr Hunderttausende meist junge Bürger an die reichen Länder der Union verloren. Auf meinen Reisen in den Osten bin ich in den letzten Jahren häufig durch verödete, nahezu entvölkerte Regionen gekommen. Tausende Ärzte haben Bulgarien und Rumänien verlassen und das ihre dazu beigetragen, den Ärztemangel im Westen zu mildern. Man darf es ihnen nicht vorwerfen, dass sie für sich und ihre Familien ein besseres Leben suchten; aber sie, die aus ihren Anstellungen regelrecht herausgekauft wurden, fehlen dort, wo sie einst ihre universitäre Ausbildung erhielten, und ihr Fehlen nötigt immer mehr Menschen, ihrerseits das Weite zu suchen."
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Politik

Es ist leicht über Trumps Idee zu lächeln, Grönland kaufen zu wollen. Aber so lustig ist die Lage gar nicht, meint der in Grönland lebende Südtiroler Extremabenteurer Robert Peroni im Interview mit der FAZ. Denn um Grönland und seine Bodenschätze gibt es bereits einen Kampf: "Es wird ein Ringen zwischen Großmächten wie China, Russland und Amerika um das Land und seine Ölvorkommen geben. Alle drei sind jetzt schon auf die eine oder andere Weise auf der Insel tätig. Die Chinesen engagieren sich sehr stark. Sie bauen Mineralien und seltene Erden ab und beliefern Grönland mit Maschinen. Das sind die Dinge, um die es geht. Vor allem Erdöl, denn Grönland gehört zum Kontinentalschelf, seltene Erden und Gas."
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