9punkt - Die Debattenrundschau

Grenzen der Unterlassung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.07.2019. Die Financial Times sagt Goodbye "zu einem Britannien, wie wir es einst kannten".  In der FAZ blickt der Soziologe Detlef Pollack auf den Mauerfall zurück und stellt fest: Nicht die Kirchen oder die Bürgerrechtler brachten die DDR zu Fall. Im Tagesspiegel antworten Museumschefs auf Vorwürfe, ihre Bestände seien schlecht gelagert. Laut Netzpolitik plädiert Tim Wu für eine Zerschlagung von Facebook. Und Vorsicht bei Bettgesprächen: Google hört mit.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2019 finden Sie hier

Europa

In vernichtender Nüchternheit analysiert Martin Wolf in der Financial Times die komplett verquere Lage, in die sich Britannien mit seinem Führungspersonal Boris Johnson, Jeremy Corbyn und Nigel Farage gebracht hat. "Brexit heißt Goodbye zu Britannien, wir wir es einst kannten", lautet die Überschrift zu seinem Artikel: "Die Briten spielten eine überproportionale Rolle in der Welt. Aber wie mag die Zukunft eines auf sich gestellten England aussehen, das offen im Streit liegt mit der EU? Eine Option wäre, sich ins Gefolge des unilateralen und solipsistischen Amerikas Donald Trumps zu begeben, wahrscheinlich als ein weiterer Feind der EU. Die Corbyn-Option wäre wohl, jeden vorstellbaren linken Tyrannen zu unterstützen, den er finden kann. Kann ein Land, das zwischen Ayn Rand und Leo Trotzki schwankt, in der Welt wirklich zählen?" Den Artikel kann man über diesen Link lesen.

Nicht die Bürgerrechtsbewegung, nicht die Kirchen waren ausschlaggebend für den Untergang der DDR, schreibt der Soziologe Detlef Pollack in der FAZ, sondern einerseits die Signale, die von der Perestroika ausgingen, vor allem aber die massive Unzufriedenheit der "Normalos",  die in die "massenhafte Abwanderung vor allem junger und gut ausgebildeter DDR-Bürger über die österreichisch-ungarische Grenze seit dem 11. September 1989" mündete. "Mit ihr wurde allen in der DDR, selbst den Funktionsträgern in den höchsten Ämtern, klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Die Wut und die Verzweiflung über die aussichtslos erscheinende Situation in der DDR trieb die Menschen auf die Straße. Genau zum Zeitpunkt der Massenabwanderung, im September 1989, setzten auch die Massendemonstrationen ein."

Die "Identitären" werden vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft und fürchten nun das Verbot. Konrad Litschko beschreibt in der taz ihre Rolle in einem rechtsextremen Netzwerk: "Die AfD bespielt dabei den parlamentarischen Raum; das Institut für Staatspolitik um den Vordenker Götz Kubitschek baut ideologisch vor; das Rechtsaußen-Magazin Compact dringt in die Öffentlichkeit; der Verein Ein Prozent organisiert Protest - und die Identitären versuchen diesen mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen umzusetzen. Personell kommt es dabei immer wieder zu Verschränkungen. So sind einige Identitäre Teil der AfD-Jugend, andere arbeiteten für AfD-Abgeordnete." In einem zweiten Artikel erklärt Andreas Speit die Ideologie der Identitären, die sich in ihren Aktionen auf den linken Theoretiker Guy Debord beziehen.

In der SZ möchte Jagoda Marinić sich nicht mehr als Moralapostel abfertigen lassen, nur weil sie die Rettung von Menschen im Mittelmeer verteidigt. "Ein Argument ist nicht deshalb kein Argument, weil es moralische Aspekte einbringt. Es geht dabei nicht um Überlegenheit, sondern im Gegenteil um die Auslotung des Vorstellbaren. Es gibt auch Grenzen der Unterlassung. Europa wird sich harten Fragen stellen müssen: Gibt es gerechte Kriege? Wenn ja, wie werden sie geführt und von wann an? Wie geht man mit den 70 Millionen Menschen auf der Flucht um, die nicht vor Europas Toren stehen? (...) Es gibt in keiner relevanten Sachfrage der Zeit einen Totalitarismus der Moral; was es hingegen gibt, sind Unterlassungen, die totalitären Regimen die Bahn ebnen. Unterlassungen, die Menschen ertrinken lassen."

Martin Krohs wendet auf Zeit online ein: "Schiffbrüchige zu retten, ist richtig. Aber systemische Vorbehalte gegen privat organisierte Seenotrettung gehören strikt von Xenophobie getrennt. Und diskutiert."

Außerdem: Paul Ingendaay denkt in der FAZ über Demokratiedefizite in der EU und im Europäischen Parlament nach, die auch durch ein Spitzenkandidatenmodell nicht zu beheben seien.
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Kulturpolitik

Christiane Peitz hat für den Tagesspiegel zu den Vorwürfen über die unhaltbaren Zustände in den Deposts des Ethnologischen Museums Berlin recherchiert (unser Resümee) und auch mit Christina Haak gesprochen, der stellvertretenden Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin. Sie gestehe ein, "dass die Nichtbearbeitung der 200 Kisten, die von der Roten Armee vor 27 Jahren über Leipzig nach Dahlem zurückkamen, 'nicht zu entschuldigen' ist. Aber es sei eine Frage der Ressourcen. Immerhin werden die Archivalien zu den Ethnologica gerade in einem Dreijahresprojekt entstaubt, digitalisiert und für Datenbanken verschlagwortet. Immerhin sind inzwischen 25 Prozent aller Bestände der Staatlichen Museen in Netz recherchierbar." Auch Johannes Vogel, der Chef des Berliner Naturkundemuseums spricht mit Christiane Peitz über Pflege und Erhaltung der Museumsbestände. Zwar sind auch dort nur zehn Prozent der Bestände inventarisiert, aber es sei eben kompliziert. Auch darum ärgert er sich sehr über die Kritik: "Wir haben eine wirklich globale Sammlung, davon gibt es weltweit nur fünf oder sechs. Wir stehen in der Verantwortung, diese Sammlung der Welt als globales Erbe zur Verfügung zu stellen."

Internet

Der bekannte Internetexperte und Jurist Tim Wu hat bei einer Konferenz die Zerschlagung von Facebook gefordert - und brachte Anti-Kartellverfahren in der Geschichte der USA etwa gegen Standard Oil in Erinnerung, berichtet Maximilian Henning bei Netzpolitik: "Wu sagte auch, die Übernahme Instagrams durch Facebook 2012 sei illegal gewesen. Zuckerberg hatte diese verteidigt: 'Ja, manche Übernahmen können schlecht für Innovation sein. Diese waren es nicht.' Laut Wu hätte Facebook Instagram aber übernommen, weil der Konzern das Unternehmen als Wettbewerber wahrgenommen hätte - das sei illegal. Die amerikanische Art seien gerechter Wettbewerb und faire Kämpfe zwischen Unternehmen. Außerdem wäre Instagram vermutlich auch alleine gut zurecht gekommen, das Unternehmen hätte genug Risikokapital auf seiner Seite gehabt."
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Archiv: Internet
Stichwörter: Wu, Tim, Facebook, Instagram

Ideen

Im Gespräch mit Martin Reeh von der taz versucht der Historiker Andreas Rödder zu erklären, was er heute als "konservativ" versteht: "Ein Konservativer sollte im 21. Jahrhundert so postmodern sein, zu akzeptieren, dass es keine Essenz im Sinne der gottgewollten Geschlechterordnung oder der naturgegebenen Nation gibt. Andersherum wird ein Schuh draus: Konservatives Denken ist immer darauf angewiesen zu begründen. Deshalb sind die Konservativen heute die eigentlichen Anwälte der Aufklärung."
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Überwachung

Die Meldung geht durch viele Medien: Die Assistenzsysteme von Google werden auch von Menschen abgehört. Herausgefunden haben es Journalisten des belgischen Senders Vrt Nws. Unter anderen berichtet Markus Reuter in Netzpolitik: "Laut den Daten, die Vrt Nws vorliegen, sprang in etwa 15 Prozent der Fälle der Mitschneidemodus des Systems an, obwohl die Nutzer:innen nicht 'OK, Google' sagten. Das ist insbesondere bedeutsam, da für den Google Assistant gar kein Endgerät wie der Amazon Echo Dot nötig ist, sondern die App auf dem Mobiltelefon einfach mitschneidet. Bei den unaufgefordert mitgeschnittenen Konversationen handelte es sich unter anderem um Bettgespräche, Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern sowie berufliche Telefongespräche." Wir wünschen uns nun einen zweiten Artikel,der erklärt, wie man diese Systeme auf Computern und Smartphones zuverlässig deinstalliert.

Google steht dazu, schreibt Bavo Van den Heuve bi Vrt Nws: "In einer Reaktion auf den Vrt-Bericht, gesteht Google ein, weltweit mit Sprachexperten zu arbeiten, um die Sprachtechnologie zu verbessern. 'Dies geschieht, indem wir Transkripte einer kleinen Zahl von Audiosateien anfertigen', sagt der belgische Google-Sprecher. Er fügt hinzu, dass 'diese Arbeit von entscheidender Bedeutung ist, um Produkte wie google Assistent zu entwickeln'."
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