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9punkt - Die Debattenrundschau

Allein du selbst zu sein

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.04.2019. Zum ersten Mal seit Jahren publiziert der Islamische Staat ein Video seines Chefs Abu Bakr al-Baghdadi. Le Monde und Libération fragen nach der Strategie der Terrorgruppe, nachdem sie ihr "Staatsgebiet" verloren hat. In Zeit online erklärt die Expertin Ferda Ataman das Ende der Fremdenfeindlichkeit. Jetzt ist Rassismus angesagt. In der NZZ beklagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann den "Ruf nach Vorschriften, nach Verboten, nach Regelungen", der an den Unis neuerdings von unten komme.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.04.2019 finden Sie hier

Politik

Le Monde (hier) und Libération (hier) analysieren das jüngste Video Abu Bakr al-Baghdadis, also des Chefs des Islamischen Staats, der bisher überhaupt nur in einem einzigen Video von 2014 zu sehen gewesen war. Das Video wurde von den "Mediendiensten" der Terrororganisation gestern Abend ausgestellt. In Libération schreibt Luc Mathieu: "Seit Juli 2014 war al-Baghdadi verschwunden. Es war häufig behauptet worden, dass er tot oder schwer verletzt sei, nur einige Reden wurden als Audiodateien verbreitet. Trotz eines Lösegelds von 25 Millionen Dollar ist der Chef des IS in Freiheit geblieben. Es ist ihm gelungen der Erosion und dann Vernichtung seines 'Kaliphats' zu entfliehen."

Le Monde verweist auf eine Analyse der Experten Charlie Winter und Aymenn al-Tamimi in Atlantic, die ein "Ausschwärmen" des Islamischen Staats beschreiben. Den Verlust des Territoriums in Syrien und Irak kompensiere man damit, dass "weit entfernte Zweige des IS - zum Beispiel in Somalia und Südostasien - in den Status von Wilayat (Provinzen) erhoben wurden. Dies ist nicht nur eine sprachliche Verschiebung. ISIS hat damit Irak und Syrien  zu  zwei bloßen Teile eines alles überwölbenden globalen Kaliphats erklärt und es damit einfacher gemacht zu sagen, dass die Gruppe weltweit weiterhin floriert, selbst wenn ihr Proto-Staat sein Land verloren hat."
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Europa

Im Interview mit der Welt erklärt der türkische Filmemacher Mu Tunc, wie und warum man in der Türkei Punk ist: "Allein du selbst zu sein, bedeutet in der Türkei, Punk zu sein. Du selbst zu sein, bedeutet Rebellion. Ein Individuum zu sein, ist Rebellion."

Jammerschade, dass sich die EU seit dem Fall der Mauer nicht so entwickelt hat, wie ihre ungarisch-deutsche Familie, bedauert im Tagesspiegel Judith Langowski: "Aller Widersprüche zum Trotz lebt unsere Familie weiterhin europäisch. Wir dürfen in beiden Ländern wählen und arbeiten. Wir sind uns näher denn je. Aus zehnstündigen Autofahrten sind längst zweistündige Nonstop-Flüge geworden. Politisch aber haben sich die Länder entfernt. Vor 15 Jahren, am Abend des 30. April 2004, war ich Zeugin eines Ungarns, das sich auf Europa freute. Jetzt bin ich Zeugin eines Auseinanderdriftens, beschleunigt von verantwortungslosen Politikern, die aus Unsicherheit Kapital schlagen. Ich bin Ungarin, wenn ich meinen deutschen Verwandten Orbáns Autoritarismus erkläre, und Deutsche, wenn ich in Budapest versichern muss, dass Neukölln keine No-Go-Zone ist."
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Ideen

Der Journalist und Historiker François Reynaert hat im Jahr der Europawahl das Buch "Eine europäische Reise - von Karl dem Großen bis heute" vorgelegt. Im Gespräch mit  Thibaut Sardier von Libération wiederholt er eine einfache Wahrheit, die es eben auch verdient, ab und zu mal wiederholt zu werden: "Viele Europäer denken, dass ihnen die Europäische Union aufgezwungen worden sei, ewige Nationen seien gewissermaßen hineingetrieben worden. Aber die Nationen sind eine recht neue Konstruktion aus dem 19. Jahrhundert. Was es vorher gab, war eine Geschichte Europas. Die Konstruktion Europas ist also kein historischer Unfall, sondern eher eine Rückkehr in einen natürlichen Ablauf."

Im Interview mit dem Tagesspiegel rechnet der schwedische Klimaforscher Johan Rockström vor, wie wir - vielleicht - die zehn bis elf Milliarden Menschen ernähren können, die bald die Erde bevölkern werden: Mit einer Diät die höchstens 100 Gramm Fleisch pro Woche vorsieht und subventionierten Bioprodukten für alle. "Wenn man die ökologischen Kosten auf die Lebensmittel umrechnen würde, wären Lebensmittel im Schnitt wohl um rund 15 Prozent teurer. Für einen deutschen Haushalt wären das Mehrkosten von bis zu 300 Euro im Monat. Die Regierung müsste den Bürgern diese Differenz erstatten. Zusätzlich zum Kindergeld könnte es dann 300 Euro pro Monat als Dividende für eine ökologische Ernährung geben. Das würde den Menschen helfen, sich gut und günstig zu ernähren und Akzeptanz für eine ökologische Reform schaffen."
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Urheberrecht

Die Einnahmen der Autoren aus der VG Wort werden sich künftig wohl wieder halbieren. Die Verwertungsgesellschaften bereiten sich auf die Umsetzung der neuen EU-Urheberrechtsrichtlinien vor, für die die Staaten zwei Jahre Zweit haben, berichtet der Buchreport: "Die im Urheberrechtspaket .. enthaltene Regelung zur Verlegerbeteiligung legt .. den Grundstein, dass die VG Wort zu ihrem alten Ausschüttungs-System zurückkehren kann, bei dem die Verlage automatisch und pauschal an den Ausschüttungen beteiligt werden. Diese jahrzehntelange Praxis war 2016 in Anlehnung an die europäische Rechtsprechung vom Bundesgerichtshof gekippt worden ('Vogel-Urteil')."
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Medien

Dieter Bornemann, Redakteursrat des ORF, beklagt im Gespräch mit Theresa Hein von der SZ die Attacken der FPÖ auf den ORF und besonders auf den Anchorman Armin Wolf, dessen Absetzung gefordert wird, seit er im Gspräch mit einem FPÖ-Politiker eine aktuelle Karikatur der FPÖ mit einer Stürmer-Karikatur verglich (das Video ist hier zu sehen):  "Dass die öffentlich-rechtlichen Medien politisch unter Druck gesetzt werden, kann man in mehreren Ländern Europas beobachten. In vielen Bereichen werden Redaktionen ausgehungert, unter Beschuss genommen, es gibt massive Personaleinsparungen. Die finanzielle Situation macht natürlich den Qualitätsjournalismus schwieriger." Mehr auch auf Armin Wolfs eigener Seite.
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Stichwörter: FPÖ, ORF, Wolf, Armin

Gesellschaft

Fast traurig liest sich der NZZ-Artikel des Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann über den Druck zu bestimmtem Sprachgebrauch oder Ausschluss bestimmter Diskussionspartner an Universitäten - natürlich nimmt er Bezug auf das Kopftuch-Symposion der Frankfurter Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter (unsere Resümees): "Der Ruf nach Vorschriften, nach Verboten, nach Regelungen des Sprachgebrauchs, nach Normierung von Leselisten, nach Verbannung aller Positionen, die einem vermeintlich unfehlbaren Zeitgeist widersprechen, wird dabei nicht von übergeordneten Instanzen autoritär vorgeschrieben, sondern er kommt von unten. Von der Basis. Von den Studenten. Von kleinen, aber lautstarken Gruppierungen." Bei Cicero zitiert Frank A. Meyer Ignazio Silone zum Thema: "Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus."

Unterdessen klopft die Journalistin Ferda Ataman von den "Neuen Deutschen Medienmachern" (übrigens ohne Gender-Sternchen) im Gespräch mit Juliane Frisse von Zeit online fest, dass sie ganz klar ein Opfer des Rassismus und nicht irgendwelcher anderer Unarten ist: "Wenn wir über Rassismus sprechen, sollten wir das Kind beim Namen nennen und auch 'Rassismus' sagen - 'Fremdenfeindlichkeit' oder 'Ausländerfeindlichkeit' taugen als Synonyme nicht und sind problematische Begriffe. (...) Wer 'Rassismus' sagt, benennt das Problem. Wer 'Fremdenfeindlichkeit' sagt, übernimmt die Sicht der Täter." Rassistisch ist auch, wer das Verhältnis von Männern und Frauen bei den Muslimen kritisiert, fährt sie fort: "Es geht in Gesprächen aber nicht nur um Begrifflichkeiten. Der Rassismus schimmert oft auch in den Aussagen durch. Wer pauschal sagt, 'die Muslime' seien nicht demokratiefähig und gegen die Gleichstellung von Mann und Frau, äußert ein antimuslimisches Vorurteil." Wenn Sie unsicher über Ihren Sprachgebrauch sind, stehen sicher auch die von Zeit online befragten Rassismus-Expertinnen Tupoka Ogette und Reni Eddo-Lodge zur Verfügung.
Archiv: Gesellschaft