9punkt - Die Debattenrundschau

Etwas, um aus der Sackgasse zu kommen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.04.2019. In der taz beklagt Naika Foroutan eine "Migrantisierung der Ostdeutschen". Aber sie hat auch einen Trost: "Ostdeutsche sind weniger stark von Rassismus betroffen als Muslime." Wolfgang Tischer  macht im Literaturcafé auf nicht so erfreuliche Folgen der EU-Urheberrechtsreform für die Urheber aufmerksam. Mark Zuckerbergs Vorschläge für internationalen Datenschutz im Internet stoßen auf Skepsis. Die SZ setzt ihre Diskussion über Künstliche Intelligenz fort. Beim Thema Brexit gibt's nur noch Ratlosigkeit.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2019 finden Sie hier

Internet

In der NZZ stellt der Kulturwissenschaftler Roberto Simanowski das neue Projekt von Tim Berners-Lee vor, das das Internet aus den Klauen der Konzerne befreien soll: Solid (Social Linked Data). "Mit Solid wohnt mein Kommentar zu einem Foto nicht mehr auf der Website oder in der App, wo ich ihn gemacht habe, sondern bei mir oder einem Solid-Provider meiner Wahl. Wann immer die Website oder die App aufgerufen wird, erscheint der Kommentar unter dem Foto - oder er erscheint eben nicht, wenn ich die Zugriffsberechtigung wieder entzogen habe. Dies ändert prinzipiell das Machtverhältnis im Internet: Ich überlasse nicht mehr Plattformen wie Facebook als Eintrittspreis für deren Nutzung meine Daten, sondern kann den Zugriff auf diese jederzeit blockieren. Solid ist die Rückkehr zur Zukunft, die einst, als unsere Daten noch nicht in der Cloud wohnten, im täglichen Plebiszit unserer Computer lag.

Skeptisch äußert sich Bundesjustizministerin Katarina Barley zu den Vorschlägen Mark Zuckerbergs für mehr Datenschutz (unser Resümee), berichtet Friedhelm Greis bei Golem und zitiert die Ministerin: "'Facebook hätte bereits heute alle Möglichkeiten, um, unabhängig von staatlicher Regulierung, höchstmöglichen Datenschutz für die User zu garantieren. Stattdessen vergeht kaum ein Monat ohne einen neuen Sicherheitsskandal', sagte Barley. Die Ministerin kündigte an, das europäische Datenschutz- und Wettbewerbsrecht 'klar und hart durchsetzen' zu wollen. 'Und wir brauchen neue Regeln für Algorithmen und den Schutz vor uferlosem Tracking.'"

Skeptisch klingen auch Leon Kaisers Erläuterungen zu Zuckerbergs Äußerungen bei Netzpolitik: "Wie wenig glaubwürdig sein Vorschlag einer Internetregulierung für alle ist, zeigt seine Idee zur Datenportabilität. 'Echte Datenportabilität sollte so ähnlich aussehen, wie wenn Leute unsere Plattform nutzen, um sich bei einer App anzumelden', schreibt er und versucht damit, seine Plattform als globalen Standard darzustellen. Was vielen Menschen mehr helfen würde, wären Regeln für Interoperabilität. Das hieße, dass Menschen etwa mit datenschutzfreundlichen Messenger-Diensten wie Signal Nachrichten an WhatsApp oder Facebook-Nutzer:innen verschicken könnten."

Die Mode-Bloggerin Berit Müller schließt ihr Blog, weil ein Fotograf sie wegen Fotos abmahnt, die Zalando ihr als Pressefotos zur Verfügung gestellt hatte, berichtet Felix Disselhoff bei Meedia. Zalando hatte nicht mitgeteilt, dass die Lizenz für die Fotos nur auf ein paar Monate erteilt worden war. Hier die Erklärung der Bloggerin, die den Namen des Fotografen nicht nennt.

Außerdem: Zuckerberg kündigte in einem Gespräch mit Springer-Chef Mathias Döpfner an, auf Facebook mehr News zu bringen, meldet (der zu Springer gehörende Dienst) Politico.eu.
Archiv: Internet

Urheberrecht

Wolfgang Tischer  macht im Literaturcafé auf Folgen der EU-Urheberrechtsreform aufmerksam, die für Urheber nicht so ersprießlich sind.  In mehrfacher Hinsicht werden die Verwertungsgesellschaften die größten Nutznießer der Reform sein. Unter anderem durch Artikel 16 (vormals Artikel 12), der die Verlegerbeteiligung an den Ausschüttungen der VG Wort wiederherstellt. Und die VGs werden alle möglichen Einnahmen weiterverteilen, sofern Google und Facebook zahlen: Wer allerdings "mit der VG Wort keinen Wahrnehmungsvertrag abgeschlossen hat oder ihn nicht abschließen will, erhält nichts von diesem Geld. Self-Publisher, die ihre Werke als E-Book über die großen Online-Anbieter verkaufen, sind weiterhin von der VG-Wort-Ausschüttung ausgeschlossen. Ohnehin ist jeder ein Autor und Urheber, der Texte mit einer gewissen Schöpfungshöhe verfasst, also auch Hobby-Lyriker oder Blogger. Auch diese Urheber werden leer ausgehen, wenn ihre Werke ohne Erlaubnis auf den entsprechenden Plattformen landen."
Archiv: Urheberrecht

Gesellschaft

De Mehrheitsgesellschaft wird immer schuldiger. Die Migrationsforscherin Naika Foroutan wirft den Westdeutschen vor, nicht nur Muslime, sondern auch Ostdeutsche zu diskriminieren: "So rückt rund ein Drittel der Westdeutschen Muslime und Ostdeutsche in die Nähe von Extremismus", legt sie im Gespräch mit Stefan Reinecke in der taz dar. "Und ein Drittel glaubt, dass die Ostdeutschen noch nicht in Deutschland angekommen sind: Die müssen sich also noch eingewöhnen, sind noch fremd. Das ist, dreißig Jahre nach Mauerfall, eine Art Migrantisierung der Ostdeutschen." Aber Foroutan hat auch einen Trost: "Ostdeutsche sind weniger stark von Rassismus betroffen als Muslime." Das ganze beruht auf einer Studie über "Ost-Migrantische Analogien", die Reinecke hier vorstellt.

Parallel dazu bringt die Bundeszentrale für politische Bildung eine Studie heraus, die laut Welt folgendes Ergebnis erbringt: "Antisemitismus unter jungen Muslimen in Deutschland ist nach Expertenansicht auch Ergebnis einer zunehmenden Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft. (...) Das sei 'ein höchst bedenklicher' Mechanismus, hieß es." Lamya Kaddor, die Autorin des Textes, wehrt sich allerdings auf Twitter gegen die Schlussfolgerung der Welt: "Antisemitismus ist nicht die Folge von Islamfeindlichkeit. Diese Überschrift ist nicht korrekt! Das ist nicht das Ergebnis unseres Abschlussberichts. Es handelt sich nicht um eine Studie." In dem Text, der nach Strategien gegen Antisemitismus bei Jugendlichen suchen soll, heißt es, dass sich die Jugendlichen durch die zunehmende Islamfeindlichkeit gezwungen sähen, "auch tradierte Vorstellungen zu verteidigen, weil ihre Religion in Gänze und damit ein wichtiger Teil ihrer eigenen Identität angegriffen und in Frage gestellt wird. (...) Oft verhindert dies eine Reflexion und Weiterentwicklung muslimischer Diskurse, die für eine differenzierte und mündige Selbstbeurteilung wichtig wären. Es findet häufig eine Form von Flucht in Richtung Religion und Rückzug in die Familie statt." Der Text des Berichts ist hier als pdf-Dokument zu lesen.

Burkhard Müller besuchte für die SZ in Chemnitz die Jahrestagung des Fachverband für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Seit klar ist, dass viele Einwanderer bleiben werden und wir Fachkräfte von überall aus der Welt brauchen, ist der Deutschunterricht plötzlich ein Thema. In Chemnitz lernte Müller einiges "über die Stellung des Deutschen in der Welt und über die Art und Weise, wie es den anderen vermittelt wird. Aufschlussreich war schon, woher die Leute kommen, die an den Unis weltweit Deutschlehrer ausbilden: aus Polen, Usbekistan, Georgien, Russland, der Ukraine, Afghanistan - mit einem Wort aus dem alten Osten, wo der Blick nach Westen schweift und bei uns hängen bleibt. Was sie zu berichten hatten, klang überwiegend traurig: fehlende Gelder, fehlender Respekt, fehlende Unterrichtsmaterialien."
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Archiv: Gesellschaft

Wissenschaft

Die SZ hat aus der edge.org-Reihe zur Künstlichen Intelligenz einen Text des Kognitionswissenschaftlers Daniel C. Dennett übersetzt (hier das englische Original). Dennett hat nichts gegen KI, aber sehr viel gegen die Camouflage, mit der sie daherkommt: Weizenbaums Eliza-Test und die Turing-Tests des Loebner-Preises haben uns gezeigt, wie leicht auch gebildete Menschen auf die Vorstellung hereinfallen, KI könne irgendwie menschlich sein. "Und eine Erkenntnis, die wir daraus ziehen sollten ist, dass menschenähnliche Verzierungen eines Computerprogramms Mogelpackungen sind, die wir verdammen und nicht feiern sollten. Spätestens wenn Menschen anfangen, aufgrund von KI-Empfehlungen Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen, sollten wir Leute, die andere dazu bringen, solchen Systemen zu vertrauen, moralisch und rechtlich zur Verantwortung ziehen. Wir sollten sie mit Lizenzen und Genehmigungen in die Pflicht nehmen, genauso wie Apotheker, Kranführer oder andere Experten, deren Fehler und Fehleinschätzungen gravierende Folgen haben können."
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Ideen

In der NZZ wünscht sich Lukas Leuzinger eine Debattenkultur, in der nicht die "Stammeskrieger" dominieren, sondern politische Wesen, mit "Verständnis für Andersdenkende". Ekaterina Makhotina erklärt, warum sie Masha Gessens Thesen über den Homo sovieticus in ihrem neuen Buch "Die Zukunft ist Geschichte" nicht überzeugen: Denn der scheint "überall da, wo die Autorin mithilfe ihrer Protagonisten genauer hinschaut, gerade nicht in der Nähe zu sein: Der Homo sovieticus, das sind immer die anderen."
Archiv: Ideen

Europa

Nur noch ratlose Reaktionen lassen sich finden, nachdem die Testabstimmungen im House of Commons gestern Abend wieder keine Mehrheit für eine der vorgeschlagenen Brexit-Löungen brachte: "Wir brauchen etwas, um aus der Sackgasse zu kommen, aber was?", schreibt Stephen Bush im New Statesman. Martin Kettle meint im Guardian: "Nach diesem Scheitern der Abgeordneten könnten wir nun in eine sinnlose Neuwahl stolpern." Zeit online bringt noch ein FAQ zum Brexit, für alle, die nicht längst ermüdet sind.

Im Interview mit der Welt skizziert der arme Julian Barnes zwei Wege, wie die Briten noch aus dem Brexit-Schlamassel kommen könnten: "Meine größte Hoffnung wäre, dass das Parlament dafür stimmt, die Austrittsvereinbarung unter der Bedingung anzunehmen, dass diese mit einem zweiten Referendum verknüpft wird. Auf den Stimmzetteln hätte man dann die Wahl, der Vereinbarung entweder zuzustimmen oder einfach in der EU zu verbleiben. Und dann, wie Houdini, den man in Ketten in einen Sack unter Wasser steckte, gelingt es dem Land, sich in letzter Minute aus dieser Lage zu befreien."
Archiv: Europa
Stichwörter: Brexit, Barnes, Julian