9punkt - Die Debattenrundschau

Zur Symbiose von Hülsenfrüchten und Knöllchenbakterien

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.01.2019. Wie kam es, dass ein Politiker, der aussieht wie eine von einem Fuchs aufgerissene Oxfam-Spendentasche, Britannien in den Brexit-Abgrund stoßen konnte, fragt der Guardian. Und in der Zeit lotet Fintan O'Toole die Figur des englischen Exzentrikers aus, die nicht so harmlos ist, wie es scheint. Die taz erinnert an die Selbstverbrennung Jan Palachs vor fünfzig Jahren und beklagt den Sieg der Gleichgültigkeit, gegen die er ein Fanal setzen wollte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2019 finden Sie hier

Europa

Es ist kein Zufall, sondern symptomatisch, dass sich England auf seinem Weg aus dem Zentrum Europas von angeblichen Exzentrikern aus der Oberklasse wie Boris Johnson und Jacob Rees-Mogg anführen lässt, schreibt der irische Autor Fintan O'Toole in einem brillanten Essay für Zeit online. In der Figur des Exzentrikers schnurre zusammen, wie England über sich selber denke: "Der Schaden aber ist real: Die Freude am Exzentrischen hat eine clowneske Absurdität und eine selbstsüchtige Frivolität ins Zentrum der politischen Macht befördert. Der eigentliche Sinn von Exzentrik - ja die Bedeutung des Wortes - zielt darauf, abseits vom Zentrum zu sein, an den Rändern des normalen Lebens. Der Brexit aber erschuf sein eigenes Paradox: den Exzentriker im Zentrum der Ereignisse."

Einen der Exzentriker spießt die Guardian-Kolumnistin Marina Hyde mit ihrer unnachahmlichen (und schwer übersetzbaren) spitzen Zunge auf: "Und hier kommt die betroffen taumelnde Gestalt von Boris Johnson - der nicht so sehr Staatsmann als wie eine von einem Fuchs aufgerissene Oxfam-Spendentasche aussieht. Er hat nun Aussichten, Premierminister eines No-Deal-Britannien zu werden. Jetzt solle May nochmal nach Brüssel gehen, 'stolz und bestärkt durch die massive Ablehnung des Unterhauses', sprach Johnson und und erinnerte wie stets an eine taiwanesische Nachrichtenanimation von Winston Churchill. In der Zwischenzeit 'sollten wir uns mit wachsendem Enthusiasmus aktiv auf No Deal vorbereiten'."

Die Brexiters kommen mit allem durch, meint im Welt-Interview mit Wieland Freund der Schriftsteller Robert Harris: "Wir haben eine Brexit-dominierte Presse, eine Brexit-Regierung und einen inkompetenten Labour-Chef. Es ist eine Tragödie, dass wir zur selben Zeit den schlechtesten Premier und den schlechtesten Oppositionsführer unserer Geschichte haben. Es muss vielleicht erst zum harten Brexit kommen, damit man den Brexiters draufkommt, und manchmal denke ich, dass sie, tief drinnen, gar nicht wollen, dass es so weit kommt. Ich habe es neulich mal eine 'Religion des Verrats' genannt: Nichts stellt sie zufrieden, immer werden sie verraten - ein klassischer Trick von Demagogen."

Die Verfolgung Homosexueller in Tschetschenien ist wieder akut, berichtet Barbara Oertel in der taz: "Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation 'Russisches LGBT-Netz', die die Zeitung Nowaja Gazeta und der Fernsehsender Nastojaschee Wremja verbreiteten, wurden seit Ende Dezember 2018 40 Personen festgenommen, zwei Männer wurden zu Tode gefoltert. Laut Igor Kochetkow vom LGBT-Netz seien die Männer und Frauen, die der Homosexualität bezichtigt würden, von örtlichen Einsatzkräften festgenommen und in ein geheimes Gefängnis nach Argun nördlich der tschetschenischen Hauptstadt Grosny gebracht worden."
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Gesellschaft

Claudius Prößer und Susanne Memarnia unterhalten sich für die taz mit Ralph Ghadbhan, Autor eines Buchs über die "arabischen Clans", die die Berliner Unterwelt erobert haben. Er schätzt, dass es in Berlin einige Dutzend von ihnen gibt und macht der Berliner Politik Vorwürfe: "Das LKA Berlin hat die Clans bis heute nicht systematisch erfasst, weil die Politik das verhindert hat. Sie wollte keine Minderheiten stigmatisieren. Die Polizei redet im Rahmen der organisierten Kriminalität von arabischstämmigen Kriminellen."

Der Name des Aktivisten Yannic Hendricks darf genannt werden, berichtet Chris Köver bei Netzpolitik. Hendricks hatte sich in mehreren Interviews dazu geäußert, warum er FrauenärztInnen, die darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen, verklagt - aber er wollte stets seinen eigenen Namen aus der Diskussion heraushalten. Buzzfeed (später auch die taz, Perlentaucher und andere Medien) hatten den Namen genannt: "Die Journalist*innen sahen das anders. Sie schrieben: 'Wir glauben, dass eine Person, die sich aktiv und freiwillig in einen öffentlichen Meinungskampf begibt, auch öffentlich genannt werden darf.'" Dieser Auffassung hat sich jetzt auch das Landgericht Düsseldorf angschlossen, das Henricks' Klage abwies.
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Religion

In der Kölner Zentralmoschee hatte Ditib zur Pressekonferenz geladen, um den neu gewählten Vorstand vorzustellen und nebenbei die Medien zu attackieren, schreibt Christian Parth auf Zeit Online. Bevor Nachfragen gestellt werden konnten, etwa zur Wahl des stellvertretenden Vorsitzenden Ahmet Dilek, dem nach dem Putschversuch in der Türkei vorgeworfen wurde, die Bespitzelung von deutsch-türkischen Gülen-Anhängern beauftragt zu haben, wurde die Pressekonferenz mit dem Verweis, es sei längst Zeit für das Mittagsgebet, beendet. Auch sämtliche Hoffnungen auf mehr Transparenz und Öffnung in der Zukunft zerschlugen sich bald, so Parth: "Der neue Vorsitzende, Kazim Türkmen, hat schnell klargemacht, dass diese Deutung vorschnell war. Neuanfang, das sei nach den turbulenten Jahren in erster Linie die Rückkehr zur theologischen und seelsorgerischen Basisarbeit, die auch aufgrund der überwiegend negativen Berichterstattung sehr gelitten habe. Und Neuanfang sei auch die volle Konzentration auf die Anerkennung als Religionsgemeinschaft und Körperschaft des öffentlichen Rechts, um die sich der Verband seit Langem und bislang vergebens müht. Die Botschaft lautet also: Ditib will seinen Wirkungsgrad erhöhen und seine Macht als größter Player innerhalb der muslimischen Verbände in Deutschland weiter ausbauen."
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Stichwörter: Ditib

Geschichte

Alexandra Mostýn erinnert in der taz an die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz - und zieht aus heutiger Sicht ein deprimierendes Fazit: "Das realsozialistische Regime ist aber nicht an Märtyrern wie an Jan Palach zerbrochen. Sondern an der eigenen Unzulänglichkeit. Die Gleichgültigkeit, aus der Palach wachrütteln wollte, hat es aber überlebt. Es sind nicht die Dissidenten von damals, die heute die Geschichte Tschechiens schreiben. Es sind die Wendehälse. Die, die dank der gesellschaftlichen Apathie, die Palach zu seinem Opfer zwang, Karriere gemacht haben."
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Ideen

Didier Eribon, Edouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie, die drei Hübschen von der Kapitalkritik, feiern im Gespräch mit Daniel Binswanger von republik.ch die "Gilets jaunes". Dass sich hier rechte mit linken Diskursen mischen (unser Resümee), stört sie nicht im geringsten, wie sich auch in den Deutschland-Passagen des Gesprächs zeigt. Selbst für die AfD-Anhänger hat Eribon durchaus Verständnis: "Die Bevölkerung würde sich nicht so bedroht fühlen durch die Flüchtlinge, wenn der Sozialstaat nicht abgebaut worden wäre. Es wird häufig gesagt, dass die Bürger AfD wählen, weil sie um ihre eigene wohlfahrtsstaatliche Unterstützung fürchten. Das ist sehr gut nachvollziehbar, schließlich wurde ihr staatliches Sicherheitsnetz tatsächlich massiv abgebaut, allerdings nicht wegen der Flüchtlinge, sondern lange davor durch Gerhard Schröder." Der Neoliberalismus ist an allem schuld, meint auch der Schriftsteller Norbert Niemann im Freitext-Blog der Zeit, neidisch in Richtung Frankreich auf die Gelbwesten schielend. Auch in Deutschland fordert er "demokratischen Widerstand".

Zwar musste der eine Ehepartner bei einer Tagungseinladung des anderen immer als Geisel in Budapest bleiben, aber im kommunistischen Ungarn konnten wir wenigstens erforschen, was wir wollten, sagt im FR-Interview mit Arno Widmann Eva Kondorsi, Molekularbiologin und Direktorin am Institut für Biochemie der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die zur Symbiose von Hülsenfrüchten und Knöllchenbakterien forscht. Heute greife die Politik immer mehr in die Forschung ein: "Es wird heute viel von Innovation geredet. Innovation steht für die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg. Aber Innovation ist nur möglich bei einem möglichst umfassenden freien Austausch von Informationen und Gesichtspunkten. Davon wollen die Politiker, dieselben, die so gerne über Innovation sprechen, allerdings nichts wissen. Die Politik maßt sich immer mehr an, darüber zu entscheiden, was förderungswürdige Forschungsvorhaben sind und was nicht. Sie hören immer weniger auf Experten. Sie sind nur an schnellen Ergebnissen interessiert."
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Internet

Als Dark Social wird jener Internettraffic bezeichnet, der von außen kaum einsehbar ist, weitergeleitet etwa über persönliche Mails, geschlossene Gruppen in sozialen Netzwerken oder Messenger-Dienste wie Whatsapp, erklärt Dirk von Gehlen in der SZ und verweist auf die Brisanz der Kanäle, die nicht zu kontrollieren seien: "Das Aufkommen der Gelbwesten-Bewegung soll in beträchtlichem Maß durch private Gruppen auf Facebook organisiert worden sein, in denen sich private Nachbarschaften verbunden haben. Weite Teile des brasilianischen Präsidentschaftswahlkampfs sollen über den im Land äußerst populären Dienst Whatsapp geführt worden sein. Jedenfalls deckte die Zeitung Folha de São Paulo auf, dass der mittlerweile gewählte rechtsnationale Kandidat Jair Bolsonaro mehrere Agenturen beauftragt haben soll, Falschnachrichten in die Kanäle von Whatsapp zu posten. Whatsapp hat keine Einsicht in die Chats seiner Nutzer, da diese stark verschlüsselt sind. Der Dienst reagierte nur langsam auf die sich rasant verbreitenden Falschmeldungen und handelte sich damit eine Menge Kritik ein."
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