9punkt - Die Debattenrundschau

Irritierende Bündnisse

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.04.2018. Vor dem säkularen 1. Mai hat Deutschland nichts Besseres zu tun als übers Kreuz zu diskutieren. Die Ablehnung schallt Markus Söder, der dieses kulturelle Symbol des Bayerntums in die Eingangshallen der Ämter hängen will, auch aus überraschenden Richtungen entgegen: Selbst Bischof Marx spricht sich in der SZ gegen Söders Idee aus. Von Horst Dreier in der Welt zu schweigen. Im Observer staunt Nick Cohen darüber, wie offen in der Politik heute gelogen wird.

Religion

Die Werte unserer Gesellschaft sind nicht christlich, auch wenn das gern behauptet wird, schreibt der Humanist Heinz-Werner Kubitza in der taz: "Toleranz und Freiheit sind eben nicht organisch aus dem Christentum erwachsen, sondern mussten geradezu in Gegnerschaft zum Christentum verwirklicht werden. Religiöse Rechthaberei und Bevormundung mussten erst aus Staat und Rechtsprechung verschwinden, damit Raum für wirkliche Gewissensfreiheit und einen Begriff von Menschenwürde geschaffen wurde, der diesen Namen wirklich verdient."

Auch der Verfassungsrechtler Horst Dreier, der gerade das Buch "Staat ohne Gott - Religion in der säkularen Moderne" vorgelegt hat, stört sich in der Welt an der Heuchelei von Markus Söders Begründung für das Kreuz in bayerischen Ämtern: "Der Text des Kabinettsbeschlusses sowie erläuternde Stellungnahmen lassen das Bemühen erkennen, den Vorwurf einer Verletzung des Neutralitätsgebotes schon im Vorfeld abzuwehren, und zwar mit zwei unterschiedlichen Aussagen. Der einen zufolge werde das Kreuz gar nicht als christliches Symbol, sondern als eine Art Chiffre für die bayerische Identität und deren geschichtliche Prägung verstanden. Die andere gibt vor, das Kreuz repräsentiere die grundlegenden Wertvorstellungen des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung. Doch das Erste verbietet sich, und das Zweite stimmt nicht." Die Autorin Nora Gomringer plädiert dagegen in der Welt für das Kreuz in Ämtern.

Kardinal Reinhard Marx, Chef der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, lehnt den Kreuz-Erlass von Markus Söder strikt ab: "Es sei 'Spaltung, Unruhe, Gegeneinander' entstanden", kritisierte Marx im Interview mit der SZ. "'Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden', sagte der Erzbischof von München und Freising. 'Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet.' Es stehe dem Staat nicht zu, zu erklären, was das Kreuz bedeute." Auch die Bürger sind mehrheitlich gegen das Kreuz in Amtsstuben, laut einer Emid-Umfrage für die Bild-Zeitung, sind 64 Prozent der Befragten gegen die Aufhängung von Kreuzen in Behörden, meldet die SZ.

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Internet

Ralf Herbrich erforscht für Amazon in Berlin die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. Im Interview mit dem Tagesspiegel überlegt er, wie schön die Welt mit mehr KI sein könnte: "In dieser Utopie bliebe mehr Zeit für kreative Arbeit des Einzelnen. Selbst jetzt ist einiges doch noch extrem mechanisch: einkaufen gehen oder die Waschmaschine ausräumen. Das muss ja alles sein, man braucht ja saubere Klamotten und muss was essen. Aber ich sage mir da oft: Woah, was ist das für ein Aufwand!"
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Europa

Nick Cohen staunt in seiner Observer-Kolumne darüber, wie offen heute in der Politik gelogen wird. Die Wahrheit wird auch dann nicht gesagt, wenn jeder in der Runde sie eigentlich weiß: "Kein Historiker wird einen Präzedenzfall für das heutige Unterhaus finden, wo die Premierministerin und der größte Teil der Regierung und der Opposition wissentlich für eine Politik stimmen wird, von der sie wissen, dass sie die Nation ärmer macht. Ihre Absage an jede Idee politischer Integrität geht so weit, dass sie die Wahrheit über ihre Entscheidung zum Austritt aus dem Gemeinsamen Markt nicht sagen können. Sie können das Publikum nicht auf Augenhöhe ansprechen und ihm sagen, dass Leid der Preis für einen harten Brexit sein wird."
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Stichwörter: Brexit, Großbritannien

Gesellschaft

Der Attentäter von Toronto, der mit einem Kleinbus zehn Menschen umbrachte und dabei vor allem auf Frauen zielte, war ein "Incel", eine Zusammensetzung aus "involuntary" und "Celibate". Diese Incels organisieren ihren Frauenhass in Netzforen, erklärt Mira Sigel bei emma.de: "Incels sind eine heterogene Gruppe, dennoch zeigen sich übereinstimmende Merkmale: Sie sind technikaffin und arbeiten oft in der IT-Branche. Ihre sozialen Kontakte sind gestört, oft leben sie noch bei ihren Müttern. Sie attackieren Frauen aus der feigen Anonymität des Internets und feuern sich gegenseitig zu Gewalttaten an, die sie dann gemeinsam feiern, etwa, wenn es einem von ihnen gelungen ist, Frauen Angst zu machen oder sie sogar zu verletzen."

Antisemitismus teilt sich viele Symptome mit dem klassischen Verfolgungswahn, erklärt der Sozialpsychologe Sebastian Winter im Interview mit Zeit online: "Der Antisemitismus ist nicht einfach nur ein Konglomerat von Vorurteilen. Es handelt sich tatsächlich um eine Leidenschaft. Sigmund Freud hat das Massenpsychologie genannt: Alle Beteiligten des Kollektivs können sich mit einem gemeinsamen Ideal identifizieren. ... Auf der konkreten Ebene gibt es natürlich Unterschiede und verschiedenste historische Ausprägungen. Aber auf der Diskursebene finden wir in allen antisemitischen Lagern die Vorstellung von den Juden als Strippenzieher hinter den Kulissen, als heimliche Herrscher. Nur so kann es zu irritierenden Bündnissen kommen wie beispielsweise auf den antiisraelischen Demonstrationen 2014. Da haben Islamisten, Rechtsextreme und Angehörige eines bestimmten Spektrums der deutschen Linken gemeinsam protestiert. Das wäre bei jedem anderen Thema undenkbar."

Außerdem: In der NZZ fragt sich Marianne Birthler in einem Essay über den Fall der Mauer, warum unter den Ostdeutschen, die eine Diktatur zu Fall gebracht haben, heute das Ansehen der Demokratie sinkt.

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