9punkt - Die Debattenrundschau

Durchgeschüttelt und geplagt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.02.2018. Facebook wehrt sich gegen den Vorwurf, die Russen hätten über seinen Dienst die amerikanischen Wahlen manipuliert - und entschuldigt sich dann beim FBI, berichten New York Times und Wired.  In der FR begibt sich Bernhard Pörksen auf die Spur der "großen Gereiztheit".  Die FAZ staunt über die Staatsferne der ARD-Offiziellen. In der Welt plädiert die Museumsdirektorin Nanette Snoep  für "transkulturelle" statt ethnologischer Museen. Und die Briten warnen bei politico.eu: Wenn sie keinen Freihandelsdeal bekommen, zahlen sie nicht.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2018 finden Sie hier

Internet

Großes Thema bei der New York Times ist ein Twitter-Thread des Facebook-Offiziellen Rob Goldman, der nach der Anklage von 13 Russen durch das FBI bestreitet, dass Russland auf Facebook die amerikanischen Wahlen mit Anzeigen hintertrieben hätte (als hätten die Russen nur Anzeigen und nicht auch gefälschte Facebook-Seiten und -Konten eingesetzt). Kevin Roose kommentiert: "Goldmans Tweetstorm war unabsichtlich erhellend. Jahre, nachdem feindliche ausländische Akteure Facebook zu nutzen begannen, um einen Informationskrieg gegen die amerikanische Öffentlichkeit zu lancieren, zeigte er, dass einige hohe Facebook-Angestellte immer noch nicht verstehen, wie zentral Facebook für die russische Desinformationskampagne war und wie tiefgreifend die Fehler, die ihre Firma in diesem Kontext machte." Sheera Frenkel unterzieht Goldmans Twitter-Thread in einem zweiten Artikel einem Faktencheck.

Nicholas Thompson ergänzt bei Wired, dass sich Goldman inzwischen beim FBI für Fehler entschuldigt hat.

Gesellschaft

Im Gespräch mit Joachim Frank von der FR begibt sich Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen auf die Spur der "großen Gereiztheit", die er in einem neuen Buch diagnostiziert: "Die Behauptung der 'Zäsur' gehört zur Standardrhetorik im lauten Nachdenken über die Gegenwart... Deshalb ist mir das Getöse von einer 'Medienrevolution' zwar verdächtig. Und doch meine ich, dass es in der Tendenz zutrifft. Die gegenwärtige Gesellschaft wird durchgeschüttelt und geplagt von den Wachstumsschmerzen der Medienentwicklung, hin- und hergerissen zwischen Zuständen der Aufregung, Nervosität und Panik angesichts des Ausmaßes von Überreizung, Pöbelei und Hass und dem verzweifelten Bemühen, all das in den Griff zu bekommen."

Medien

Die Öffentlich-Rechtlichen werden laut der Finanzkommission Kef bis Ende 2020 einen Überschuss von 544,5 Millionen Euro haben, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ: Kein Wunder, dass nirgends "grundlegende Einsparungen" sichtbar sind. Die Vorsitzende des NDR-Verwaltungsrats, Dagmar Gräfin Kerssenbrock, hat den Bericht der Kef bereits zurückgewiesen und kritisiert, er greife in die Programmfreiheit der Sender ein, so Hanfeld. "Was sich in diesen Worten ausdrückt, muss man sich vor Augen halten: Die Verwaltungsratschefin eines öffentlich-rechtlichen Senders, politisch fest bei der CDU verortet, behauptet, dass ein unabhängiges Gremium von Finanzprüfern indem es tut, was seine Aufgabe ist, seine Kompetenzen überschreitet."
Anzeige

Kulturpolitik

In der Welt plädiert Nanette Snoep, Museumsdirektorin des Leipziger Grassi-Museums für Völkerkunde, für einen neuen Umgang mit ethnografischen Sammlungen, der zum Beispiel Beteiligung der Herkunftsländer an Ausstellungskonzepten einschließt: "Hier sollten wir mit der Tradition brechen und einen Dialog einleiten, der diesen Namen auch verdient, und mit dem Entwurf eines transkulturellen Museums der Zukunft beginnen. Solange die Stimmen aus den Herkunftsgebieten der betroffenen Objekte im Museum nicht zur Geltung kommen, solange monokulturelle, westliche Perspektiven dominieren, solange lokale Sichtweisen auf Sammlungsstücke der Öffentlichkeit nicht kommuniziert werden, so lange wird in Museen auch das System der Kolonialität fortbestehen. ... Die europäische oder westliche Weltsicht aufzugeben heißt, eine Multiperspektivität von Geschichte und Geschichten in den Vordergrund rücken. Unterschiedliche Perspektiven auf Sammlungen und Kolonialgeschichte müssen in die Museumsarbeit integriert werden, und zwar auf allen Ebenen."

Politik

Der Politologe Michael Werz hat Umfragen in der Türkei durchgeführt, wo er einen immer stärkeren Nationalismus feststellt, wie er im Interview mit Maximilian Popp von Spiegel online erläutert: "In der Tat hat sich diese neue Nationalismus in der Türkei wie im Zeitraffer etabliert. Aber es gibt auch in anderen Gesellschaften vergleichbare Entwicklungen. Beispielsweise die Fusion konservativ-katholischer mit poststalinistisch-nationalen Traditionen in Polen und Ungarn. Oder die Neuerfindung eines weißen Nationalismus in den USA unter Donald Trump, der mit fundamentalistisch-protestantischen Strömungen ein bizarres, aber unzertrennliches politisches Bündnis bildet. Ein weiteres Beispiel sind die an die frühe AKP erinnernden Bemühungen von Narenda Modis nationalistischer Hindu-Partei BHP in Indien."

Europa

Die EU-Prozeduren sehen diese Reihenfolge zwar nicht vor, aber wenn die Briten nicht vor ihrem Brexit eine Zusicherung über einen Freihandelsvertrag bekommen, behalten sie sich vor, ihre Schulden bei  der EU nicht zu bezahlen, berichtet Tom McTague in politico.eu, der mit nicht benannten höheren britischen Regierungsvertretern gesprochen hat: Einer von ihnen "erklärte, dass Brüssel erkennen müsse, das der Exit-Vertrag ohne Zusicherungen über die künftigen Handelsbeziehungen von den Parlamentariern niedergestimmt würde. 'Wir brauchen genug Sicherheit über das künftige Verhältnis, um es dem Unterhaus zu unterbreiten', sagt der Regierungsvertreter. 'Es gibt noch keine Entscheidung darüber, wie das Geld auszuhändigen ist', ergänzt er. Auf die Frage, ob das Vereinigte Künigreich die Zahlung zurückhalten könnte, sagt er: 'Das gehört zu den Dingen, die wir potenziell tun könnten.'"

Sigmar Gabriel scheint sich Verdienste an der Freilassung Deniz Yücels zuzuschreiben und daraus Hoffnungen abzuleiten, dass er Außenminister bleiben kann. Bei den Salonkolumnisten protestiert Daniel Killy: "Abgesehen davon, dass ein Dank an das türkische Regime für eine beschleunigte Behandlung des Falls Yücel nach 367 Tagen Untersuchungshaft wirklich zynisch ist, dass Diplomatie keine One-Man-Show ist und man sich nicht für Geheimgespräche öffentlich feiern lässt: Das einzige, was die SPD noch retten kann, das sind integre Leute. Es ist höchste Zeit, daran zu erinnern, dass ein guter Genosse der Partei und dem Lande zu dienen hat - und nicht sich selbst."