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9punkt - Die Debattenrundschau

Was die richtige Freiheit ist

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.01.2018. Der von Catherine Deneuve unterzeichnete Aufruf mit Kritik an #MeToo sorgt weiter für erregte Debatten. Es gab immer schon Antifeministinnen, meint Christine Bard in Le Monde. Ist die "séduction à la française" in Gefahr, fragt Libération. In der FAZ fordert Bénédicte Savoy mit Emmanuel Macron eine Restitution afrikanischer Kunstschätze. In der SZ erzählt Evolutionsbiologe Jared Diamond, wie Donald Trump aus religiösen Rücksichten Fakten aus Regierungspapieren streichen lässt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.01.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Für "überfällig" und ganz im Sinne des französischen Feminismus der Sechziger hält Sarah Pines in der Welt die französische Kritik an #MeToo, die das Selbstbestimmungsrecht der Frau auf erotisches Spiel gegen unsere "spießige Prüderie" verteidige: "In den Händen der Erbinnen der 68er ist der Feminismus zu dem geworden, was er nie sein sollte: ein mit astrologischem Schwurbel bedrucktes Filzzelt, in dem aber auch wirklich alle Frauen willkommen sind, solange sie nur Promiskuität ablehnen. Draußen vor den Zelttüren hingegen verbleiben die Patriarchatssklavinnen im Minikleid und Doris Days Teewärmerhut - dem #MeToo-Feminismus (den Erbinnen der 68er) die Frage nach Sex, Mann und Frau zu überlassen, ist, als gäbe man das Rind dem Metzger und erwarte, dass er es heile."

Gestern brachte die taz ein Pro und Contra zum französischen Aufruf mit Kritik an #MeToo. Heute tritt die Gender-Feministin Hengameh Yaghoobifarah in der taz für die Contra-Seite gegen Catherine Deneuve nach, die für sie "eine Lanze für sexuelle Belästigung bricht": "Zu einem Patriarchat gehören bekanntlich nicht nur Männer, die ihre Macht verteidigen, sondern auch Komplizinnen, die genau dieses System stützen. Auch sie sind Schweine."

Etwas vornehmer drückt die Feministin Christine Bard den gleichen Gedanken in Le Monde aus - und spricht den Autorinnen des Aufrufs ab, dass sie ihre Position als feministisch verstehen könnten: "Es gab immer antifeministische Frauen, die vor Veränderung Angst hatten und feministische Forderungen gefährlich fanden. Die Widerstände sitzen nicht nur in den Köpfen der Männer, sondern auch in denen der Frauen. Es verlangt eine beträchtliche Arbeit, unseren sexistischen Habitus zu verstehen."

Ebenso deutlich pro Aufruf äußert sich der Filmkritiker Rüdiger Suchsland  auf seinem Blog Artechock. Auf den Deutschlandfunk-Kommentar Barbara Kostolnik, die Deneuve vorwarf, die eine "falsche Freiheit" einzutreten, antwortet er: "Bahn frei für die Gedankenpolizei! Wer von der 'falschen Freiheit' redet, die weiß offenbar sehr genau, was die richtige Freiheit ist. Nun ist es mit der Freiheit aber so eine Sache."

Zu "schwärmerisch" gerät Petra Kohse (Berliner Zeitung) der Aufruf: "Er ignoriert, dass die sexuelle Selbstbestimmung, um die es hier allen Parteien geht, nicht ohne gesellschaftliche und politische Gleichbehandlung von Frauen zu verwirklichen ist. Manche Frauen können in Situationen der Belästigung eben nicht 'nein' sagen, weil sie glauben, es sich in ihrer Position nicht leisten zu können."

Ist die "séduction à la française" in Gefahr, fragt Charlotte Belaich in Libération, auch mit Blick auf den Aufruf, der die Verführung verteidigt, und kommt zum Schluss, ja, und zwar zu recht. Französische Galanterie bestehe darin, die Frau auf ein Podest zu heben und sie zu beschützen, weil man sie als die schwächere ansehe: Dies sei also "eine Sicht, die eine Ungleichheit impliziert, nicht eine soziale, sondern eine natürliche, die man nicht bekämpfen kann. Bestenfalls könnte man der männlichen Gewalt einen Rahmen setzen. Auch wenn bestimmte galante Gesten keinen Sinn mehr haben - der Mann ging ausnahmsweise vor der Frau in bestimmte öffentliche Orte, weil Herbergen früher gewalttätige Spelunken  waren, heute ist das nicht mehr der Fall, wenn man ins Restaurant geht - wäre die Galanterie trotz allem, das beste, was man machen kann."
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Kulturpolitik

Bénédicte Savoy begrüßt in der FAZ klare Worte Emmanuel Macrons, gesprochen bei einem Besuch in Ouagadougou, wo er eine Restitution afrikanischen Erbes forderte, das sich in französischen Museen befindet. Mit Seitenhieb auf "die koloniale Amnesie, von der die Gestalter des zukünftigen Humboldt-Forums befallen zu sein scheinen", schreibt die Berliner Forscherin, die letztes Jahr mit Eklat aus dem Beirat des Humboldt-Forums austrat: "Was nun? Zuerst einmal und vor allem anderen gilt es, unverzüglich und ohne falsche Vorspiegelungen afrikanische Persönlichkeiten an den Diskussionen zu beteiligen, die sich jetzt in Frankreich entwickeln werden: Stimmen von Aktivisten, Intellektuellen, politisch Verantwortlichen und Vertretern der Museen; von Afrikanern aus Afrika und solchen aus der Diaspora; von solchen, die eine Rückgabe wollen, und solchen, die sie nicht wollen; von Kunstförderern, Lehrenden, Künstlern." Manch einer wird hoffen, dass diese Gespräche sehr lange dauern.

Savoy verweist übrigens auf einen offenen Brief einiger postkolonialer Organisationen an Angela Merkel in dieser Sache.

Ideen

Begriffe wie "faktengestützt", "gefährdet", "wissenschaftlich erwiesen" oder auch "Fötus" sollen auf Geheiß der Trump-Regierung nun in allen Finanzierungsanträgen der staatlichen amerikanischen Gesundheitsbehörde verboten werden. In der SZ nennt der Geologe und Evolutionsbiologe Jared Diamond unter anderem den großen Einfluss religiöser Fundamentalisten als Erklärung für die Wissenschaftsskepsis: "Das Glaubenssystem der Mormonen und anderer fundamentalistischer Religionen steht natürlich im Konflikt mit einer auf Tatsachen beruhenden wissenschaftlichen Weltsicht. Dennoch haben diese Religionen viele Anhänger, und deren politischer Einfluss ist viel höher als ihre Zahl, weil sie sehr motiviert, gut organisiert und engagiert sind. Fundamentalistische Religionen stellen daher eine weitere starke Strömung gegen Wissenschaft und Rationalität und gegen die Evolutionslehre im Besonderen dar."

"Nudging" oder auch "libertärer Paternalismus" ist nichts anderes als politische Propaganda und subtile Manipulation des Bürgers, meint in der NZZ der Philosoph Martin Rhonheimer: "Statt zu informieren - auch über die Folgen nichtrationalen Verhaltens - und Bürgern dabei zu helfen, selbstverantwortete Entscheidungen zu treffen, schubst der libertär-paternalistische Staat seine Bürger in die richtige Richtung. Er will nicht nur ein helfender, sondern auch ein besonders effizienter Staat sein. Individuelle Fehlentscheidungen sind deshalb durch staatliche Maßnahmen auf ein Minimum zu reduzieren."

Die Nase voll von Bevormundungen hat auch Bill Wirtz vom Consumer Choice Center in der Welt. Schluss mit Sündensteuern für Alkohol, Zucker, Zigaretten oder kohlensäurehaltigen Getränken wie etwa in Irland und Frankreich, fordert er.

Die FAZ druckt die Rede ab, die Ranga Yogeshwar vor der Berliner Leibniz-Gemeinschaft hielt. "Sind Maschinen oder Algorithmen, die zwar in der Bilanz häufig richtigliegen, akzeptabel, wenn wir Menschen ihre Wirkungsweise weder genau verstehen noch kausal erklären können?", fragt Yogeshwar und befürchtet eine Gegenaufklärung: "Wenn wir Maschinenentscheidungen, die wir nicht mehr nachvollziehen, zur neuen Basis erklären, dann öffnen wir die Tür in ein Zeitalter digitaler Orakel und willkürlicher Entscheidungen. Demokratie braucht eine Rechenschaftspflicht, und die muss auch für unsere Werkzeuge gelten."
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Politik

Edith Kresta schildert in der taz den traurigen Hintergrund der gegenwärtigen Jugend- und Armutsproteste in Tunesien: "Tunesien ist der letzte demokratische Hoffnungsträger des Arabischen Frühlings. Doch misst man den Erfolg des Modells Tunesien an der Lebenssituation der tunesischen Jugend, fällt die Bilanz mager aus. Kein Land hat im Verhältnis zur Einwohnerzahl so viele junge Leute bei den Terrormilizen des Islamischen Staates. Und 40 Prozent der Jugendlichen würden gerne ihr Land verlassen. "
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Stichwörter: Tunesien

Europa

Sonderrechte für Migranten, etwa ein "Grundrecht", das Alter nicht mit medizinischen Mitteln feststellen lassen zu müssen, gefährden unsere Gesetzesnormen und sind nichts anderes als "Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen", meint Dirk Schümer in der Welt: "Warum nur tolerieren weite Teile unserer politischen Eliten bis hinauf in die höchste Gerichtsbarkeit Rechtsnormen, die unserer Grundordnung zuwiderlaufen? Wieso darf ein afghanischer Migrant, was keinem einheimischen Jugendlichen gestattet ist?"
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Medien

(Via turi2) Ulrich Wilhelm, der neue ARD-Vorsitzende sucht den Burgfrieden mit den Zeitungen. In einer Pressekonferenz, die Daniel Bouhs in seinem Blog transkribiert schlägt er vor: "Eine Zukunftsidee...  ist in der Tat auch die Frage, ob wir nicht zu einer gemeinsamen Plattform kommen könnten für die Inhalte der unterschiedlichsten Qualitätsanbieter, weil wir im Moment auch ganz stark dem unterliegen, was von den US-Giganten Facebook, Google und so weiter. kommt."

Janosch Delcker stellt bei politico.eu den Tagesspiegel-Journalisten Jost Müller-Neuhof vor, der vor Gericht gegen Angela Merkels Politik der journalistischen Hintergrundgespräche klagt und Transparenz verlangt: "Als ausgebildeter Jurist sagt Müller-Neuhof, dass 'Kanzlerin Merkel nicht einfach eine Politikerin' ist. Sie gehört zur Führungsspitze des Bundeskanzleramts, eine Behörde, deren Treffen offen gelegt werden müssten. 'Wenn sie ein Hintergrundgespräch führt, tut sie das in dieser offiziellen Funktion und kann daraus kein Geheimnis machen', sagt er zu Politico. 'Man kann nicht sagen, dass sie in gewissen Situationen informell agiert, nur weil es einem passt.'" Anders sieht das im Gespräch mit Delcker die Dlf-Journalistin Birgit Wentzien, die "ein Hintergrundgespräch nicht als Hinterzimmer-Deal" sieht.

Richard Gutjahr, Journalist beim Bayerischen Rundfunk, der zufällig beim  Attentat in Nizza und später beim Attentat im Münchener Olympia-Einkaufszentrum dabei war und berichtete und seitdem von Verschwörungstheoretikern im Netz verfolgt wird, erzählt auf seinem Blog, wie sich diese Hetze im Netz für ihn und seine Familie ausnimmt: "Seit 18 Monaten werden wir nun schon von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Antisemiten im Netz attackiert, verleumdet und bedroht. Kaum eine Woche, in der nicht irgendwo ein neues Hoax-Video über uns die Runde macht. Auch wenn die Intensität der Angriffe immer wieder abklingt, mit jedem neuen Terroranschlag, ob in Berlin oder zuletzt in Barcelona, geht der Zirkus von vorne los. An die 800 Verschwörungsvideos über meine Familie und mich kursieren allein auf YouTube."
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