9punkt - Die Debattenrundschau

Wir befinden uns klar in Belgien

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.02.2015. In der Welt erzählt der Kulturwissenschaftler Dennis Meyhoff Brink, wie er den Anschlag in Kopenhagen überlebte und wie er seine Angst bekämpft. Die taz schildert die Depression der türkischen Kulturszene vor den Parlamentswahlen. Le Monde erforscht, wie das Frauenbild in 25 Jahren Photoshop retuschiert wurde. Die SZ berichtet über Homophobie in Afrika. Der Guardian verlangt, dass die amerikanische Regierung fünfzig Jahre nach dem Tod von Malcolm X Akten freigibt.

Europa

Der Kulturwissenschaftler Dennis Meyhoff Brink hat den Anschlag in Kopenhagen überlebt. Er beschreibt in der Welt , wie er sich in dem Kopenhagener Kulturzentrum zu Boden warf und wie ihn die Angst seitdem nicht loslässt. Trost sucht er genau in der Kunst, die die Islamisten zum Schweigen bringen wollen: " Religion war von jeher verbunden mit Angst, und das Christentum ist nicht denkbar ohne die Vorstellungen von der Hölle, dem Teufel, den Dämonen, dem Jüngsten Gericht und so weiter. In den Jahrhunderten vor der Aufklärungszeit wurde diese Angst durch die sogenannte Dämonenlehre verstärkt. Die christliche Dämonologie stellte zahlreiche Menschen unter Verdacht, mit dem Teufel unter einer Decke zu stecken, und forderte, diese Hexen und Zauberer müssten auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Diese Furcht einflößenden religiösen Vorstellungen zogen nun die Satiriker der Aufklärung ins Lächerliche."

Weiteres zum Thema: In einem FAZ -Interview erklärt die französische Kulturministerin Fleur Pellerin , dass man der Jugend in den Banlieues nun mit einer besseren Bildungs- und Kulturpolitik beikommen will.

Hans-Christoph Buch vergleicht in der FAZ am Sonntag die unmögliche Lage der Ukraine mit dem im Bürgerkrieg vom Westen allein gelassenen Spanien: "Der Versuch von Angela Merkel und François Hollande, Schlimmeres zu verhindern, verdient Anerkennung und Respekt, nicht aber das vom Aggressor diktierte Abkommen, das einer Kapitulation gleichkommt und einseitig auf Kosten der Ukraine geht. Die soll auf den Donbass, die Industrieregion im Osten des Landes, verzichten und gleichzeitig deren Bewohner alimentieren , einschließlich der Separatisten, die sich das Gebiet unter den Nagel gerissen haben. Im selben Atemzug soll die Regierung in Kiew die Korruption bekämpfen und Reformen umsetzen..."
Archiv: Europa

Kulturpolitik

Für die NZZ besucht Marc Zitzmann Mons , die diesjährige Europäische Kulturhauptstadt und versichert, dass das wallonische Städtchen nur vordergründig trist wirke: "Wir wechseln zwischen der Gotik der gewaltigen Stiftskirche Sainte-Waudru mit ihren 29 Kapellen, dem Barock des nicht minder imposanten Bergfrieds und dem 19. Jahrhundert zahlreicher Spitäler , Schlachthäuser , Kasematten , "Wassermaschinen" und anderer Industriebauten hin und her. Und wir befinden uns klar in Belgien, stechen die Fassaden der Wohnhäuser doch nicht nur durch ihre Heterogenität, ihre bewusst unterschiedlichen Fenstergrößen, Etagenhöhen usw. hervor, sondern oft auch durch ihre kräftigen Farben. So leuchten zwischen dem Kalkweiß, Aschgrau und Rostbraun der vorherrschenden unverputzten Ziegelwände immer wieder blassrosafarbene, fuchsienrote , safrangelbe oder kobaltblaue Anstriche auf.

Politik

In der taz beobachtet Ingo Arend die Stimmungslage in Istanbul vor den Parlamentswahlen: "Wer dieser Tage Künstler und Intellektuelle befragt, dem schlägt tiefe Depression entgegen. "Wir leben in parallelen Welten", versucht Kubilay Ozmen die komplizierte Psychologie der türkischen Kulturintelligenzia zu erklären. Im letzten Jahr konnte der Istanbuler Künstler noch mit der Ausstellung "Never again" durch sein Land touren, die Beispiele staatlicher Entschuldigungsgesten demonstrierte: von derjenigen Konrad Adenauers 1951 gegenüber den Juden bis zur Abbitte des serbischen Präsidenten Tomislav Nikolic 2013 für das Massaker von Srebrenica. Trotzdem ist Ozmen "sehr pessimistisch"."
Anzeige
Archiv: Politik

Überwachung

Constanze Kurz resümiert in ihrer Maschninenraum-Kolumne in der FAZ die vielen aktuellen Meldungen zu Überwachung von Handys (per geknackter SIM-Cards ) und Unternehmenscomputern. "Wie solche gezielten Einbrüche in Unternehmen noch mit der vorgeblichen Überwachung von Terroristen zu rechtfertigen sein soll, begründen nicht mal mehr diejenigen, die ansonsten noch immer die Privilegien der Geheimdienste verteidigt haben, sie aktuell hierzulande gar noch ausbauen wollen."
Archiv: Überwachung

Geschichte

Im Guardian übt der Historiker Garrett Felber scharfe Kritik an den amerikanischen Behörden, die auch 50 Jahre nach der Ermordung von Malcolm X trotz des Freedom of Information Acts die Ermittlungsakten nicht freigeben und eine erneute Untersuchung des noch immer nicht ganz geklärten Falls unmöglich machen: "In denying the requests, the department"s legal bureau cited a number of Public Officers Laws, claiming that the files would endanger the safety of officers and constitute unwarranted invasions of privacy."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Malcolm X

Gesellschaft

25 Jahre Photoshop . Die Software hat das Frauenbild verändert, findet Gabriel Coutagne in Le Monde heraus, der mit einem Mitarbeiter einer Bildbearbitungsagentur spricht (der bezeichnenderweise anonym bleiben will): "Die Retuschen betreffen in ihrer großen Mehrheit den weiblichen Körper . "80 bis 90 Prozent der Bilder, die wir bearbeiten, zeigen Frauen." Und die Fotos von Männern? Hier ist der Eingriff wesentlich sanfter: "Bei Männern wünschen die Kunden eine härtere Darstellung.""

Als Sittenkrieg beschreibt Tobias Zick in der SZ die Homophobie, den einige afrikanische Despoten den Schwulen und Lesben im Land erklärt haben. Dabei sei nicht Homosexualität "unafrikanisch" oder "imperialistisch", sondern ihre Verachtung: " Höhlenmalereien der San im heutigen Simbabwe etwa zeigen Männer im rituellen Geschlechtsakt miteinander. In der Sprache der Shangaan, die vor allem im heutigen Mosambik und in Südafrika leben, gibt es das Wort "inkotshane", das auf Deutsch so viel wie "männliche Ehefrauen" bedeutet. Andernorts ist bis heute die Eheschließung zwischen Frauen gang und gäbe. Und von verschiedenen Völkern in unterschiedlichen Teilen des riesigen Kontinents sind gleichgeschlechtliche sexuelle Rituale bekannt, die dazu dienen sollen, magische Kräfte zu bündeln, böse Geister abzuwehren, eine reiche Ernte zu sichern."
Archiv: Gesellschaft

Medien

Michael Hanfeld beneidet SZ und taz nicht, die sich mit Sebastian Heiser einen unangenehmen " Floh im Pelz " eingefangen haben. Heiser hat Anfang voriger Woche publik gemacht, wie die Anzeigenbeilagen der SZ funktionieren, nun wird ihm vorgeworfen, seine taz -Kollegen ausspioniert zu haben. In einem Online-Text spottete Hanfeld am Samstag milde über " den Spion , der sie siebte ".

In der taz meldet Kai von Appen mit Berufung auf interne Papiere, dass die Hamburger Morgenpost jetzt ihre " Schlechtleister in Redaktion, Administration und Verkauf" loswerden will und durch "bessere Berufseinsteiger mit einem niedrigeren Gehalt" ersetzen möchte.

Jaon Abbruzzese berichtet in Mashable , dass es bei First Look Media , dem Medienkonglomerat des Ebay-Gründers Pierre Omidyar , offenbar nicht so idyllisch zugeht. Mit Ken Silverstein hat ein weiterer investigativer Journalist die Holding, die etwa Glenn Greenwalds The Intercept herausbringt, verlassen. Er begründet das in einem Facebook- Post , wo er dem Management von First Look Media Vorwürfe macht.
Archiv: Medien