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Wer ist hier extremes Geflügel?

Von Rüdiger Wischenbart

08.04.2011. Der arabische Booker-Preis für Raja Alem wäre mehr als schnöselige Meldungen mit dummen Überschriften wert.

Warum muss das deutschsprachige Feuilleton mitunter so schnöselhaft dämlich sein? In der gestrigen FAZ gibt es eine - inklusive Überschrift - gerade einmal 30 Zeilen kurze Meldung über die Vergabe des arabischen Booker Preises an einen Autor aus Marokko, Mohammed Achaari, und eine Autorin aus Saudi-Arabien, Raja Alem.

Das Preisgeld für die beiden Sieger beträgt insgesamt 50.000 Dollar. Hinzu kommen noch jeweils 10.000 Dollar für vier weitere Autoren der Short List. Das ist nicht nur ordentlich Geld für die glücklichen Gewinner. Der Preis wird unter der Ägide der britischen Booker Stiftung vergeben, die mit dem Man Booker Award jenen Preis stiftet, der neben dem Nobel Jahr für Jahr den international mit Abstand wirkungsvollsten Hinweis auf ein literarisches Werk setzt, das danach auch tatsächlich bei sehr vielen Lesenden und in zahlreichen Übersetzungen ein weltweites Echo und Publikum gewinnt. Der Man Booker ist deshalb auch das Modell für die Schaffung des Deutschen Buch Preises gewesen, der ebenfalls gut funktioniert, doch noch etliche Jahre an Aufbauarbeit brauchen wird, bis er auch über die deutschen Grenzen hinaus vergleichbare Anerkennung finden kann.  

Seit ein paar Jahren werden zusätzlich zum englischsprachigen Man Booker auch noch ein Booker Asia und ein arabischer Booker verliehen, und beide haben das Zeug, der Globalisierung von Büchern, Autoren und Lesenden endlich angemessenen Respekt zu zollen und Aufmerksamkeit auf wichtige Autoren außerhalb unseres gewohnten Gesichtskreises zu richten - und das geschieht, auf der Basis solider Qualität und Erfahrung, mit gutem Erfolg.

Die Feier für den Arab Booker 2011 fand in den Vereinigten Emiraten in einem hoch qualifizierten Rahmen zum Auftakt der Abu Dhabi Book Fair statt, an deren Profilierung zur wichtigsten Schnittstelle zwischen arabischen und europäischen wie amerikanischen Verlagen die Frankfurter Buchmesse seit einigen Jahren wichtige Mithilfe leistet.

Die Spannung bei der Zeremonie, vor der niemand Bescheid wusste über die Preisträger, war hoch. Die Benennung der Auserwählten war fast so aufregend wie bei den Oscars. Der Verleger des kleinen Verlagshauses aus Marokko, das beide gekrönten Bücher verlegt hatte, riss vor Überraschung und Freude die Arme hoch, als hätte er in der Champions' League ein Entscheidungstor geschossen. Normalerweise wird nur ein neues Buch ausgewählt. Der diesmaligen Doppelkür aber wurde reihum applaudiert. Es spricht viel dafür, dass beide Autoren - Achaari wie Alem - nun nicht nur in zahlreiche Sprachen übersetzt werden, sondern jenes breite Lesepublikum finden, das ihrem literarischen wie auch gesellschaftlichen zukommt.
Die Preisverleihung fand am 14. März statt, vor dreieinhalb Wochen. Die kleine Notiz in der FAZ, die mit keiner Silbe auf die Bedeutung des Preises einging, war überschrieben mit der Zeile: "Extremes Geflügel".

Nach mehrmaligem Lesen ahnte ich den Zusammenhang: Das eine Preisbuch heißt in wörtlicher Übersetzung "Der Bogen und der Schmetterling", das andere "Die Taube und die Halskette".

Die saudische Preisträgerin Raja Alem ("Die Taube und die Halskette") ist nicht nur die erste weibliche Trägerin des Arab Booker. Sie ist eine große - auch schon mehrfach übersetzte - Autorin, geboren in Mekka, der Stadt, von der alle ihre Bücher handeln. Doch Raja Alems Mekka ist nicht primär der muslimische Pilgerort, sondern eine 1.5 Millionen Stadt, in der die nicht mehr zu kittenden Modernisierungsbrüche  und weltlichen Zusammenstöße jene - in der Diktion der FAZ - "Arabellion" hervorbrechen lassen, die uns alle zur Zeit so heftig bewegen.

In vielen Gesprächen mit Kollegen und Freunden aus unterschiedlichen arabischen Ländern in Abu Dhabi zum Zeitpunkt sowohl der Preisverleihung und der Buchmesse vor drei Wochen ging es immer wieder genau darum: Bei diesem atemberaubenden Aufbruch fehlen zwei Elemente, die bislang alle Wahrnehmungen in der arabischen Welt wie auch international verstellt haben: Es ging erstmals nicht um den Islam, und nicht um Israel. Sondern um die korrupten Regime, den Modernisierungsverlust, und die Suche nach Auswegen mit Zukunftsperspektive.

Genau davon erzählen die Bücher von Raja Alem, und sie selbst steht, wie wenige sonst, für jene urbanen Milieus in Saudi Arabien, insbesondere in den spannenden Städten Mekka und Jeddah, die hier das Wort ergreifen.

Das fiel nun, drei Wochen verspätet und schnöselig glossiert, in der FAZ unter die Meldungsüberschrift "Extremes Geflügel". Qualitätsjournalismus sieht wohl anders aus.

Rüdiger Wischenbart

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