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Neue kulturelle Aufklärung

Von Rüdiger Wischenbart

24.05.2011. Allen Vorurteilen zum Trotz: Die gute heimische Dichtung wird nicht von geistlosen Beststellern aus dem Ausland bedroht. Eine Analyse der literarischen Übersetzungen zeigt vielmehr: Europas junge Autoren und die urbanen Lesermilieus befördern einen regen kulturellen Austausch und lösen die Literatur aus ihrer nationalen Verankerung.

Der Präsident des deutschen PEN Johano Strasser mokierte sich zum Abschluss der diesjährigen Jahrestagung der altgedienten Autorenvereinigung im Interview mit dpa über angeblich "überforderte Leser", welche in Buchhandlungen stolperten und da " in der Ecke einen großen Stapel liegen [sehen mit ] irgendwelcher fragwürdiger amerikanischer Literatur, hastig übersetzt ins Deutsche, und greifen da zu - und vergessen, dass es so viel gute Literatur in Deutschland gibt, die nie auf so einen Stapel gerät."

Da war es also wieder, das gerade auch im Kulturmilieu beliebte Bild von der guten heimischen Dichtung, die bedroht würde durch geistlosen englischen Mist. Dumm ist bloß, dass daran nur wahr ist, dass solche Projektionen eine Vorstellungswelt spiegeln, in der das Eigene gegen das Fremde, und das Hohe gegen den Schund in Stellung gebracht werden, um die eigene vermeintliche Elite, selbst wenn sie sich arg überlebt hat, in Ansehen und Bedeutungsschwere zu erhalten. Aber es lohnt allemal, genauer hinzusehen, und die Veränderungen in den kulturellen Wertigkeiten zu überprüfen. Denn da ist viel und vielfach auch atemberaubend rascher Wandel zu sehen.

Bei der "Stapelware" - wie die gut gängigen Titel im Fachjargon der Buchhändler leicht ironisch genannt werden - ist tatsächlich nämlich viel mehr Buntheit angesagt. Für den "Diversity Report 2010", die bereits dritte Studie dieser Art über den Stellenwert belletristischer Übersetzungen, konnte ich mit einem kleinen Team knapp 200 aktuelle Titel quer durch mehr als ein Dutzend europäische Buchmärkte und Sprachen untersuchen, darunter zahlreiche Bestseller, aber auch Gewinner wichtiger Preise - für Deutschland etwa des Deutschen Buchpreises wie des Büchnerpreises.

Bei den Bestsellern (also etwa den Titeln aus den Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste der letzten drei Jahre) machen die Übersetzungen aus dem Englischen gerade einmal ein Drittel aus. Zwei Drittel indessen stammten aus anderen Sprachen. Das wussten wir bereits aus vorangegangenen Untersuchungen, wie auch dass nur ein paar weitere Sprachen im exklusiven Club der europaweiten Erfolgsliteratur gut vertreten sind: Deutsch und Französisch selbstverständlich, dazu Italienisch und Spanisch, und neuerdings natürlich auch, Krimi-bedingt, Schwedisch oder Dänisch.

Keine große Überraschung war auch, wie dicht gewoben die Netzwerke des  literarischen Austausches sind, die Europa zu einem Kontinent der Übersetzungen gemacht haben, mit einer üppigen Vielfalt bei Büchern, auch wenn es hier ein deutliches Gefälle gibt von West nach Ost. Das Interesse an den Literaturen Zentral- und Südosteuropas hat nach dem Boom der Wiederentdeckung in den 1990er Jahren messbar nachgelassen. Und Frankreich hat im vergangenen Jahrzehnt gegenüber Deutschland als wichtigstem Übersetzerland zumindest gleichgezogen. Hier haben wohl der Übersetzerstreit wie auch Selbstbeschränkungen in den Verlagen einen Tribut verlangt.

Wirklich überraschend war indessen, wie deutlich geradezu ein struktureller Generationen-Bruch bei den besonders stark übersetzten Autoren deutlich wurde: Der Typus des Großschriftstellers, der Roman um Roman und Preis um Preis sein Oeuvre und seine Reputation aufbaut und von einem Verlag - auch in Übersetzungen - durch eine lange schriftstellerische Laufbahn hindurch begleitet wird, ist wohl ein Modell, das immer mehr zu einem Relikt einer Vergangenheit der erratischen Nationalliteraturen - und der Jahrzehnte vor 1989 - geworden ist.

Dem stehen jüngere Autorengenerationen gegenüber, die mit einem einzigen Buch - oft sogar mit einem Debüt - eine bislang kaum realisierbare Reichweite erzielen können, auch über viele Übersetzungen und Sprachen hinweg, und dies gilt beileibe nicht nur für englische Mainstream-Literatur.

Die jüngere Generation der nordischen Krimi-Autoren folgt ebenso diesem Muster wie vor ein paar Jahren die Französin Muriel Barbery ("Die Eleganz des Igels"), oder - als ein neues Buch, das gleich mehrfach gänzlich unverdächtig ist, als allzu leichtfüßig abqualifiziert zu werden - "Fegefeuer" von Sofi Oksanen. Die finnische Autorin mit estnischen Wurzeln und einem literarischen Repertoire, das sich aus den Stilmitteln des zeitgenössischen Theaters nährt, hat einen Roman vorgelegt, der mehrere Frauenleben über drei Generationen und über zeithistorische wie gesellschaftliche Bruchlinien hinweg rekonstruiert. Dabei geht Oksanen stilistisch unbeirrt und kompromisslos ans Werk, so dass kaum der Verdacht der kalkulierten Bestsellerei als Makel angebracht werden kann. Und doch hat sie das eine Buch zu einem europäischen Star gemacht, und sich zudem in mehreren Sprachen in die Bestsellerränge gesetzt.

Im Vergleich der Analysen von knapp 200 Autoren für unsere Untersuchung fallen gleich mehrere Muster auf. Viele der jungen, breit und erfolgreich übersetzten Autoren haben Biografien, die sie zu Wanderern über mehrere kulturelle Grenzen hinweg werden ließen. Sie sind bestens angekommen in den künstlerischen Szenen der kulturellen Zentren des Kontinents, und sind derart in ihrem Werdegang wie in ihren Werken nahe an urbanen Leserschichten, die sich nicht mehr national-kulturell definieren lassen. Sie sind dem großen kulturellen Pathos des mittleren 20. Jahrhunderts abhanden gekommen, wie sich hier auch die alten Unterscheidungen und Abgrenzungen zwischen Hochliteratur und Unterhaltung, oder zwischen künstlerischen Sparten längst erübrigt haben. (Übrigens reicht es auch schon, um dies zu erleben, einen Tag auf der Leipziger Buchmesse zu verbringen: Gar seltsam wirkt dann der Kontrast zwischen den signifikant häufig in Schwarzweiß fotografierten ernst dreinblickenden Autorenporträts an den Wänden der Verlagsstände, und den launig-vielfältigen Lesenden, die zwischen Ständen, Lesungen und Stilen unbekümmert wechselnden Lesern.)

Der entsprechende Strukturwandel lässt sich aber auch auf Seiten der Marktakteure lokalisieren. Selbst bei den größten Erfolgsbüchern, die quer durch Europa in den letzten Jahren Furore gemacht haben - angefangen mit Stieg Larssens "Millennium" Trilogie - fällt die Rolle der konzernunabhängigen Verlage auf, wenn es gilt, für neue Talente und neue Stile das Publikum zu finden und zu entwickeln. Bei Larssen waren die entscheidenden Häuser Actes Sud in Frankreich und Quercus in Großbritannien.

Bemerkenswert ist überdies auch, dass deutsche Autoren auf diesen neu sich bahnenden Verkehrswegen für Literatur vergleichsweise selten anzutreffen sind. Daniel Kehlmann oder zuletzt Daniel Glattauer mit seinem E-Mail-Roman "Gut gegen Nordwind" gehören zu den Ausnahmen, beides Autoren mit österreichischen Wurzeln, die jeweils nicht aus dem traditionellen literarischen "Betrieb" heraus gewachsen sind.

Aber auch die Instanzen über welche Autoren und Bücher wirkungsvolle Anerkennung finden, laufen auseinander. Große Rezensionen haben ebenso an Einfluss beim Publikum eingebüßt wie so mancher der großen Preise der Nachkriegszeit, allen voran der Büchner-Preis. Sehr deutlich tritt in unseren Daten hervor, dass etwa die Shortlist zum Deutschen Buchpreis unübersehbar die Aufmerksamkeit des Publikums zu bündeln vermag, während das Prestige des Büchner-Preises sich beim Verkauf von Literatur kaum noch nachweisen lässt. Umgekehrt gibt es solide Anzeichen, wie sehr die Kommunikation zwischen Lesern - die viel belächelten Leser-Rezensionen auf Amazon ebenso wie etwa Leser-Bewertungen auf allen möglichen "Social Media"-Kanälen - den Lauf eines Buchs formt.

Dies geht gut zusammen mit einem Literatur- und Kulturbetrieb, in dem auch sonst zunehmend eine Differenzierung in die "Alten" und zahlreiche unübersichtliche Impulse des "Neuen" (bei Lesenden wie bei den Marktakteuren und den Übermittlungs- wie Kommunikationskanälen) bemerkbar wird. So ist es wohl nicht überzogen, in solchen Verlagerungen nach einem Zeitalter der 'Päpste' und anderer Gralshüter durchaus Anzeichen für eine neue kulturelle Aufklärung zu erkennen.

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