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Virtualienmarkt

Das Ökosystem Buch und Lesen

Von Rüdiger Wischenbart
13.03.2012. Urheberrecht, Ebooks, Konzentration und Identitätskrisen: Ein Rundgang durch eine verwirrte Branche vor der Buchmesse in Leipzig.
An Gesprächsstoff wird es keinen Mangel geben in den Messehallen und auf den Partys in Leipzig diese Woche, denn so viel Verwirrung und Ungewissheit rund ums Buch gab es schon lange nicht mehr.

An wen wird Weltbild nun verkauft? Und lässt sich mit Tarifverträgen und Jobgarantien die Globalisierung des Buchs an Deutschlands Grenzen aufhalten und kann man verhindern, dass internationale Investoren sich ein Sahnekuchenstück am weltweit zweitgrößten Buchmarkt sichern - mit Blick auf digitale Herausforderungen?

Wie ist das nun mit den Ebooks, kommen sie, oder in Deutschland eher doch nicht? Kindle- und Ipad-Sichtungen werden ausgetauscht werden wie Sportergebnisse. Mit wenigstens einer halben Million Ereader allein im Weihnachtsgeschäft (aber es könnten auch viel mehr gewesen sein), und einer entsprechenden Downloadwelle nach der Bescherung zeichnet sich eine Realität der Leser ab, die sich um angebliche kulturelle Ausnahmen beim deutschen Buch einfach nicht schert.

Noch konfuser ist es in Sachen Urheberrecht und Schutz von Rechten am "geistigen Eigentum". Während Tausende gegen das internationale Abkommen ACTA auf die Straße gehen, unterstützt der Börsenverein im Namen der Buchhändler und Verlage diese Vertragsvorlage als überfällige Lebensrettung der Kreativen. Aber was passiert tatsächlich, wenn der angebliche Schutz der Autoren- (und der Verlags-) Rechte mit dem Rechtsempfinden des Kulturpublikums und von immer mehr Rechtsexperten kollidiert? Und waren nicht die Verleger traditionell eine Zunft zur Verteidigung des freien Worts, und nicht nur des ordentlichen Autorenhonorars?

Drunter und drüber geht es auch im Innersten des Buchgewerbes selbst, denn Amazon, vermutlich nach Umsatz sogar die eigentliche Nummer 1 im Buchhandel in Deutschland (es gibt dazu keine Zahlen), konkurriert auf immer mehr, und immer zentraleren Feldern mit seinen Kunden. Amazon wird zum Verleger, kauft Titel ein, übersetzt Bücher ins Englische, experimentiert als Leihbibliothek (was wiederum Buchverkäufe unterlaufen könnte), und ist bei Ebooks mit seinem Kindle wohl ebenfalls weit an der Spitze, vor der deutschen Konkurrenz.

Zuwächse gibt es im Gewerbe mit Lesestoff überdies fast nur noch bei Online, und damit vor allem bei Amazon.

Wirklich seltsam aber ist, dass jede dieser innig verschränkten Debatten weitgehend isoliert geführt wird, ganz so als gäbe es tatsächlich noch den guten alten Planeten Buch und Lesen als eigene, in sich geschlossene Welt. Doch genügt es, nur ein paar Schritte zurück zu treten, um das ganze Schlamassel im weiteren Zusammenhang zu sehen.

Buch und Lesen haben längst ihren singulären Status als Spiegel geistiger Identitäten verloren und sind zu Puzzleteilen geworden, genau wie andere populäre Künste: Musik, Film, gewiss auch Mode, Lebensstile und weitere Spielplätze zur Ausstattung postmoderner Individualität und Identität. Alle am Buchgewerbe Beteiligten sehen sich mit einem radikalen Wechsel in Sachen Kultur wie Ökonomie konfrontiert, wenn nun auch das Buch aus der Ökonomie der Knappheit in eine Welt der nahezu grenzenlosen Fülle und Verfügbarkeit eintaucht.

Natürlich gab es in Deutschland seit wenigstens zwei Jahrhunderten "viele Bücher", 80 bis 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr, allein auf der Leipziger Buchmesse werden vermutlich 160.000 Titel ausgestellt, in Frankfurt sind es so um die 360 bis 400.000. Doch nunmehr stehen jedem Lesenden per Knopfdruck fast schon alle Bücher auf Klick zur Verfügung, die jemals irgendwo erschienen sind, und dies in immer mehr Formaten. Neue Konkurrenzen entstehen, traditionelle Rollen verschwimmen. Autoren können nicht nur mit selbstverlegten - zuvor von Verlagen abgelehnten - Krimis zu Bestsellerehren gelangen. Viel mehr bedeutet dies, dass all die vielen Nischen neu und zielgerichtet bespielbar sind, für alle und überall. Die Rolle der Verleger verschwimmt, wenn Leserrezensionen und die auch traditionelle Flüsterpropaganda per Facebook und Twitter verstärkt alle herkömmlichen Bewertungen und Medienkommunikationen rund um Buch und Lesen überlagern.

Die Frage ist dabei nicht, ob ein neues Element ein altes ablöst, obwohl auch dies schon erhebliche Gemengelagen ins Rutschen bringt, hier und jetzt.

"The airport novel is dead", proklamierte der irische Verleger und aktuelle Präsident des europäischen Verlegerverbandes, Fergal Tobin, vor versammelten Vertretern der Europäischen Union vorige Woche mit Blick auf Ebooks, die den raschen Lesehunger wohl ziemlich rasch einfacher stillen würden als der Wälzer in der Aktenmappe (die zudem dünner wird, wenn sie nur noch ein Ipad enthält).

Die Frage ist, was im komplexen Ökosystem Buch und Lesen passiert, wenn an entscheidenden Nahtstellen 15 oder 20 Prozent sich verlagern - etwa bei den gebundenen Büchern, zu denen die Mehrzahl der Bestseller zählt, die wiederum mit gut zwei Drittel des Branchenumsatzes dessen breites Fundament darstellen. Was passiert, wenn hier das Preisgefüge der Verlage erschüttert wird, weil die Vielleser aufs Ebook umsteigen?

Oder was passiert, wenn Thalia (und bald wohl auch deren Konkurrenten), wie es sehr wahrscheinlich ist, Filialen schließt, und bestehende Flächen mehr und mehr und immer prominenter mit Spiel- und Papiersachen bestückt, und gedruckte Bücher darüber an Sichtbarkeit in unseren Städten einbüßen?

Was geschieht, wenn die Buchbranche, die sich als tragende Säule von Kultur und Gesellschaft darstellt, über ihren Glaubenskrieg gegen illegale Kopien - welche das Buch wirtschaftlich vermutlich viel weniger schädigen, als dies lauthals medial verkündet wird - massiv an Glaubwürdigkeit einbüßt?

Und vor allem, wie sieht der so gerne als Kulturheimat zelebrierte Planet Buch und Lesen aus, wenn seine einzelnen Kontinente zunehmend auseinanderdriften? Denn dies ist längst Realität.

Schon bei der letzten großen Buchpreisbindungsschlacht um die Mitte der 1990er Jahre argumentierte der damalige EU-Wettbewerbskommissar und passionierte Leser, Karel van Miert:  Er sehe ein, dass literarische Titel, oder besondere Sachbücher geeigneter Schutzmaßnahmen wie etwa durch den festen Ladenpreis benötigen. Aber warum gelte dies auch für Gartenbücher, wo es Dutzende nahezu austauschbare Ausgaben zum Gartenjahr, zum Rosenschnitt oder gegen Obstkrankheiten gebe.

Für viele solcher Titel ist der klassische Buchhandel heute längst nur noch ein Vertriebskanal unter vielen. "Harry Potter" öffnete weiland Tankstellen für den Buchvertrieb. Heute wird jede gut organisierte Gärtnerei auf ihrer Website via Amazon oder Libri.de entsprechende Fibeln bewerben und mit ein paar Prozent am Umsatz profitieren. Carel Half, der Weltbild zu jener Erfolgsmarke gemacht hat, deren Weichenstellungen nun zur Strategieentscheidung für die gesamte Buchbranche werden, hat vor zwei Jahren trocken konstatiert, es gebe um 40 Prozent zu viel Flächen im deutschen Buchhandel. In der Schweiz ist der Konsens rund ums Buch schon soweit erodiert, dass eine Wiedereinführung der Buchpreisbindung am vergangenen Wochenende bei den Stimmbürgern keine Chance mehr hatte.

Die größte Gefahr droht den traditionellen Akteuren in Verlagen und Buchhandlungen nicht von Piraten, nicht von einzelnen massigen Konkurrenten wie Amazon, sondern von falschen Feldzügen gegen vermeintliche Gegner.

Gerade die Leipziger Messe hat im letzten Jahrzehnt ihre starke Rolle gefunden als ein riesiges Fest für die Leser. Diese sind, das lässt sich selbst an einem kurzen Messerundgang eindrücklich erleben, sehr unterschiedlich in Alter und Bildungshintergrund, bei Leseinteressen und in den vielfarbigen Identitäten, die all die Lesenden gerade über ihre Lektüre so gerne vorführen. Diese Lesenden sind auch der Kitt, der diesen Planeten zusammenhält, jedoch flexibel genug ist, immer neue Anordnungen und Äußerungen zu erlauben, und natürlich in einem offenen Universum den regen Austausch zu weiteren Planeten wie Musik, Film oder Lebensstil pflegt.

Vielleicht ist es deshalb auch gar nicht weiter erstaunlich, dass manch innovative Funken und ganze Feuerwerke in den vergangenen Jahren weniger von den Flaggschiffen der deutschen Buchkultur eingeführt wurden, als von Verlagen, die man in deren Schmuddelecken wähnte (Bastei Lübbe, aber auch der zur kanadischen Harlequin gehörende Liebesromanspezialist Cora, sowie natürlich die gesamte Manga- und Graphic-Novel-Kultur), von einer Buchhandelskette, die seit Jahren mit ihren eigenwilligen Eigentümern aus anderthalb Dutzend katholischen Diözesen zu hadern hatte (Weltbild), oder aus manchen Startups aus den Bruchzonen zwischen Kultur und Digitalien (willkürlich herausgegriffen: Txtr, Bookwire oder die Riesenmaschine).

Es ist vermutlich weiterhin sinnvoll, Buch und Lesen als Einheit zu betrachten - aber nicht als eine Festung, die mit Hilfe martialischer Metaphern von Bedrohung oder Untergang zu verteidigen wäre, sondern als ein nach vielen Seiten offenes Ökosystem. Das hilft dann auch, die vielen Beteiligten wie auch die einander durchaus zum Wohl und zur Stabilisierung des Gesamten dienlichen Widersprüche innerhalb dieses Systems hervorzuheben, statt zu glauben, alles breche zusammen, nur weil es - zugegeben: massive - Änderungen gibt.

Rüdiger Wischenbart
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