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Sentimentales Nachspiel

Das fromme Heucheln der Sieger - Deutschland-Schweden 2:0

Die Kolumne zur Fußball-WM 2006. Von Georg Klein

25.06.2006. Folge 4: Das fromme Heucheln der Sieger.

"Jetzt tun mir die Gelben aber leid!", seufzte ein kleines Mädchen laut. Es war dieselbe, die kurz vor dem Spiel nach sichtlich langem Zögern als letzte zu Spiegel und Schminkstiften gegriffen hatte, um sich wie die anderen Kinder schwarz-rot-goldene Streifen auf die Wangen zu malen. Nun hat der kahlköpfige schwedische Mittelstürmer den Elfmeter in die Ränge der Müncher Arena gejagt und mit diesem nervösen Fehlschuß Kindern wie Erwachsenen verraten, daß seine tapfere Mannschaft nicht nur mit dem deutschen Team, sondern auch mit der schicksalshaften Vorahnung einer unumgänglichen Niederlage zu kämpfen hatte.

Die mit den Schweden fühlende Grundschülerin saß eine Bank hinter mir. Wir sahen das Achtelfinalspiel im gut verdunkelten Vorbau des hiesigen Fußball-Vereinsheims, das nicht mehr als eine bescheidene Holzbaracke ist. Auf den beiden Spielfeldern, die davor liegen, habe ich in den letzten Jahren viele verdiente und auch einige unverdiente Siege miterlebt - dazu Niederlagen, die mich nie kalt ließen, weil stets auch einer unserer beiden Söhne als Geschlagener vom Feld trottete.

Hätte es auch gegen Schweden anders kommen können?

Vor dem Spiel durfte gewettet werden. Der Erlös ging an den Verein. Und obwohl alle, die mitmachten, ausnahmslos auf einen deutschen Sieg setzten, waren 'Drei zu Eins' und 'Zwei zu Null' die höchsten Ergebnisse, die man sich vorherzusagen traute. Ostfriesen sind vorsichtig.

Ich aber war noch vorsichtiger als meine Nachbarn. Ich wettete lieber gar nicht. Nicht aus Angst, ein paar Euro zu verlieren, sondern aus einer tief abergläubischen Sorge: Falls das anstehende Spiel wirklich auf des Messers Schneide balancieren sollte, falls zuletzt alles daran hing, ob ein Elfmeter gegeben oder verweigert wurde, ob ein allerletzter Freistoß gelang oder fehlging, wollte ich nicht am möglichen Unglück der Unseren Schuld sein.

Eigentlich glaube ich immer noch an diese fatale Möglichkeit. Denn wenn gestern so offensichtlich viel an einem unsichtbaren Härchen auf der Glatze eines schwedischen Stürmers hing, hätte da nicht ausgerechnet meine eitel ausgesprochene Siegesgewißheit, mein leichtfertig hingesagtes 'Eins zu Null', das Faß des Favoriten auf dem Olymp des Schicksalsmächte zum Überlaufen bringen können?

Jetzt, wo es ins Viertelfinale geht, will ich an dieser Stelle, gleich dem braven ostfriesischen Mädchen, mein Mitgefühl mit den geschlagenen Schweden beteuern. Auch dem Ausscheiden der Mexikaner gilt mein herzliches Bedauern. Dies ist schon heute, am Sonntag nach den dramatischen Spielen, nicht mehr ganz ehrlich, eigentlich schon ein wenig gelogen.

Aber wer weiß, wozu es noch gut ist.

Die Götter, auch der ominöse Fußballgott, sehen es seit jeher mit Wohlgefallen, wenn sich die Erfolgreichen aus Angst vor den höheren Mächten in solch frommes Heucheln flüchten.

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