Bücherschau der Woche

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Literaturbeilagen

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Mord und Ratschlag

Deprimierende Strickjacken

Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer

07.03.2005. Auch in Island wird gemordet, in den Island-Krimis von Stella Blomkvist und Arnaldur Indridason trifft es gern gehässige Literaturkritikerinnen oder ehemalige Kinderstars.

"Heute Nacht will ich einen Orgasmus haben. Ganz klar." So redet Stella Blomkvist, Ich-Erzählerin und pseudonyme Autorin des isländischen Kriminalromans "Das ideale Verbrechen". Auch wenn es um andere Themen geht, zum Beispiel um eine "geschickte Köchin", bevorzugt die Anwältin den kurzen, oft subjektlosen Satz: "Es macht ihr unglaublichen Spaß, Gerichte aus ihrer Heimat zuzubereiten. Lächelt uns oft zu. Erklärt uns das Gericht: Adobo. Verwendet köstliches Schweinefleisch. Würzt mit zwei Zwiebelsorten, Zitronensaft, Sojasoße und anderen Leckereien." Dieser Stil soll zeigen: Stella sagt zupackend, was zu sagen ist, alles andere lässt sie weg. Für ihre Mandanten legt sie sich furchtlos mit Polizisten und Dunkelmännern an; für sie selbst fällt ab, was in anderen Krimis männlichen Detektiven vorbehalten bleibt: Lust (mit zarten Frauen und hengsthaften Männern), Whisky, ein mythostauglicher Mercedes. Stella, so die Botschaft des Stummelstils, ist frech und widerständig.

In "Das ideale Verbrechen" hat sie es mit zwei Fällen zu tun. Der erste: Vor laufender Kamera stirbt, viel zu jung für einen Herztod, die Fernsehmoderatorin Steinunn. Ihre Assistentin Asta, später Stellas Klientin, wird verdächtigt, ihr Gift ins Wasserglas getan zu haben. Aber war das Glas überhaupt für Steinunn bestimmt? Deren Studiogast war nämlich die Literaturkritikerin Hallgerdur. Die hat ungefähr so viele Feinde, wie sie Bücher verrissen hat, und zum Gatten einen hämischen Taugenichts.

Der zweite Fall dreht sich um die junge Philippina Corazon. Ein Isländer lockt sie als Au-pair-Mädchen ins Land, dort wird sie festgehalten und von einem mächtigen kriminellen Unternehmer und dessen Freunden vergewaltigt. Das gilt es zu beweisen, doch der Ermittlungseifer der Polizei hält sich in Grenzen. In diesem Teil ist der Roman schwarzweiß: Böse Männer sind gewalttätig, gute Männer schwach oder lächerlich; sensibel, verletzlich, fürsorglich sind die Frauen.

Je länger man liest, desto mehr empfindet man Stellas Widerstandsstil als Schwindel. Denn nicht wörtlich, aber in der Quintessenz ihrer kurzsätzigen Brandreden behauptet die Anwältin solche Sachen: Reiche Menschen sollten nicht über dem Gesetz stehen. Frauen sollten genauso wirr herumvögeln dürfen wie Männer. Vergewaltigungen sind schlecht. Feige Polizisten auch. Ein autobiografisches Buch sollte man als Kritiker nicht so besprechen, dass die labile Verfasserin an Selbstmord denkt. Mit alledem hat Stella so offensichtlich Recht, dass fast niemand ihr widersprechen wird. Im rebellischen Gestus sagt sie das Selbstverständliche, das mag Lesern gefallen, die sich ihrerseits für Selbstverständliches als Rebell fühlen möchten. In Deutschland erschien der erste Stella-Blomkvist-Roman im März 2003, im August dieses Jahres kommt der fünfte. Die Bücher sind für einen schnellen Erfolg auf dem internationalen Markt geschrieben. Das ist nicht verboten, aber muss man es sich so einfach machen?

Dass sich nämlich auch Romane gut verkaufen können, aus denen nicht alle Ambivalenzen ausgeblendet sind, zeigen die Bücher von Arnaldur Indridason. "Engelsstimme", erinnert vordergründig in einigem an "Das ideale Verbrechen". In der Tiefe nicht.

Gemeinsamkeiten: Auch "Engelsstimme" spielt überwiegend in Reykjavik und zum kleineren Teil auf dem Land. Die Polizistin Elinborg und ihre Kollegen Erlendur und Sigurdur Oli arbeiten an zwei Fällen gleichzeitig. Der eine: In einem vorweihnachtlich ausgebuchten Hotel wird der Portier erstochen. Er war 48 Jahre alt, schwul und hat seit vielen Jahren an seinem Arbeitsplatz gewohnt, in einer winzigen Kammer. Der andere: Ein Schuljunge sagt nicht, wer ihn zusammengeschlagen hat. Elinborg versteift sich darauf, dass es sein Vater war. Wie Stella Blomkvists Buch wird "Engelsstimme" - abgesehen von eingeschobenen Rückblicken und kleinen sonstigen Ausnahmen - aus einer einzigen Perspektive erzählt, der von Erlendur, wenn auch nicht in Ich-Form. Wie "Das ideale Verbrechen" liest es sich leicht - der 1961 geborene Indridason ist als Journalist auf Verständlichkeit gebimst.

Während sich aber in Stella Blomkvists Buch jeder Verdacht schnell bestätigt, muss Erlendur tiefer graben. Er findet heraus, dass der Portier, Gudlaugur Egilsson, ein Kinderstar war, bevor, gleich am Anfang seines größten Konzerts, seine Engelsstimme dem Stimmbruch zum Opfer fiel. Damit verbunden ist ein Familiendrama: Egilssons Vater, seine Schwester und er selbst haben sich gegenseitig zerstört. Zuletzt hat Egilsson vor allem Unglückliche und Seltsame angezogen, zum Beispiel einen drogensüchtigen Strichjungen, dessen Schwester im Hotel arbeitet. Noch ein drittes Geschwisterpaar spielt eine Rolle: Kommissar Erlendur fühlt sich schuldig, weil er, schon als Kind, seinen Bruder überlebt hat. Vielleicht hat er deshalb die falsche Frau geheiratet, ihr nach der Scheidung die Kinder überlassen und sich niemandem mehr verbunden.

So wie mit den Geschwistern und der Vaterschaft ist es in Indridasons Roman auch sonst: Alles, was für eine Person wichtig ist, treibt noch mindestens eine andere um. In Thema und Variationen ist der Roman vielschichtig. Die drei Polizisten etwa stehen für drei Lebensformen: Elinborg ist Großfamilienfrau, Erlendur ein einsamer Single in einer deprimierenden Strickjacke, Sigurdur Oli und seine Frau haben ungewollt noch keine Kinder. Indridason ist kein Schwarzweißzeichner, sein Roman handelt von Widersprüchen. Elinborg muss einsehen, dass ein arroganter Unternehmer ein guter Vater sein kann. Vorher, im Verhör, hat sie ihn gedemütigt und getreten. Jemand anderes tötet aus hilfloser Liebe. Und Erlendur kümmert sich wieder um seine Tochter. Wird er auch seinen Sohn wiedersehen?


Stella Blomkvist: "Das ideale Verbrechen". Roman. Aus dem Isländischen von Elena Teuffer. btb, München 2004, 223 Seiten, Taschenbuch, 8,50 Euro (Bestellen)

Arnaldur Indridason: "Engelsstimme". Island-Krimi. Aus dem Isländischen von Coletta Bürling. Edition Lübbe, Bergisch Gladbach 2004, 379 Seiten, gebunden, 18 Euro (Bestellen)

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Archiv: Mord und Ratschlag

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