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Mord und Ratschlag

10 Ave Maria, 20 Vaterunser

Von Thekla Dannenberg

13.06.2013. In Patricia Melos bösem Roman "Leichendieb" gelingt es einem kriminellen Charakter grandios, immer nur anderen Menschen das Leben zu versauen. Der Journalist Klester Cavalcanti erzählt in seiner Reportage "Der Pistoleiro" von einem brasilianischen Auftragsmörder, der 492 Menschen tötete und trotzdem hofft, in den Himmel zu kommen.

Bild zum ArtikelBrasilien wirft als Gastland der Frankfurter Buchmesse seine Schatten voraus, und man kann nur hoffen, dass der Auftritt des aufsteigenden Boom-Landes insgesamt so ergiebig wird, wie es die ersten Kostproben verheißen. Patricia Melos "Leichendieb" hat zumindest in den Bestenlisten eingeschlagen wie eine Lieferung Kokain. Ihr Krimi ist tatsächlich ein ausgefuchstes Ding von einem Roman: Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der schon weit unten gelandet ist und immer noch eine Stufe tiefer sinkt. Und weil Melo diese Geschichte gänzlich aus der Perspektive ihres namenlosen Ich-Erzählers schreibt, sind wir diesem Menschen und seiner verqueren Wahrnehmung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Der Typ, das merkt man schnell, ist ein so verkrachter wie unangenehmer Geschäftsmann, der in São Paulo erst mit dem Verkauf von Fitnessgeräten, dann als Obermotz in einem Callcenter gescheitert ist. Zwar kann er andere Menschen genauso gut manipulieren wie Zahlen, aber sich selbst hat er nicht sonderlich unter Kontrolle: Seine Libido, seine Aggressionen und sein mieser Charakter haben ihm immer wieder Ärger eingehandelt, und deshalb sitzt er jetzt in der Provinzstadt Corumba an der Grenze zu Bolivien fest. Es ist heiß und feucht, die Luft schwirrt vor Sex, aber niemand hat Platz, keiner hat Geld, nicht einmal die korrupten Polizisten, überall liegen die Nerven blank. Doch eines Tages, beim Fischen auf verbotenem Terrain, sieht er seine Chance auf das große Geld gekommen: Vor seinen Augen stürzt ein Kleinflugzeug in den Rio Paraguay, der Pilot, Sohn aus bestem Hause mit einem Kilo Kokain im Rucksack, ist sofort tot. Unser Mann schnappt sich das Paket und überlässt die Leiche den Piranhas.

Selbstverständlich zeigt sich sehr schnell, dass Geschäfte mit der bolivianischen Drogenmafia eine Nummer zu groß für ihn sind. Aber anders als die meisten Menschen, die den Ausstieg nicht rechtzeitig schaffen, versaut er sich nicht selbst das Leben - sondern anderen: Seinem Cousin, dem er die Frau ausspannt, seinem Indio-Nachbarn Moacir, der mit Fahrradwerkstatt, fünf Kindern und einer untreuen Frau heillos überfordert ist, und sogar seiner Freundin, die bei der Polizei arbeitet und nicht merkt, wie übel ihr dort von allen Seiten mitgespielt wird.

Dass er sich selbst das Leben nicht verdirbt, liegt vor allem daran, dass er sich mit seinem Bescheidwisser-Gequatsche um jede Verantwortung und jede Einsicht herumredet: "Wenn ich schon kein guter Mensch bin, dachte ich, dann bin ich zumindest kein völlig schlechter. Ich bin ein ganz normaler Mensch." Und wenn er mal die Nerven verliert, liegt es an der Hitze, dem Geschrei der Kinder oder an São Paulo - "die Anti-Stadt, die Gegenstadt", die ihn in sein Gegen-Ich verwandelt hat. "Ich bin nicht pervers. Bin kein Vergewaltiger, Alkoholiker. Psychopath. Entführer. Dieb." Nein, er klaut Leichen und treibt damit andere Leute in den Wahnsinn.

Es ist einfach grandios, wie Melo in die Welt dieses kranken Typen hineinführt, ohne klaustrophobe Beklemmung auszulösen. Vielleicht liegt es daran, dass sie ihm durchaus einige scharfsinnige Beobachtungen auf das Brasilien von heute zubilligt. Zu einer Höchstform an erzählerischer Durchtriebenheit läuft sie dann aber auf, wenn der Typ und seine Freundin schließlich eine Leiche frisieren und dies mit dem Lieblingszitat aller großen Moralisten erklären: "Es reicht nicht, dass Cäsars Frau ehrlich ist, sie muss auch ehrlich aussehen."

Patricia Melo: Leichendieb. Roman. Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita. Tropen Verlag, Stuttgart 2013, 202 Seiten, 18,95 Euro (Bestellen)


***


Bild zum ArtikelJúlio Santana ist ein liebevoller Ehemann, zärtlicher Vater und ein gläubiger Christ. Und weil er große Angst davor hat, in die Hölle zu kommen, betet er jedes Mal 10 Ave Maria und 20 Vaterunser, wenn er wieder einen Menschen umgebracht hat. Allerdings gönnt er sich auch eine Cola, denn er ist verrückt nach dem Zeug, seit er als Siebzehnjähriger sein Leben als Auftragsmörder begonnen hat. In 35 Jahren hat er insgesamt 492 Menschen ermordet, darunter 59 Frauen und 4 Minderjährige. Es sind seine Augen, in die wir auf dem Buchcover sehen.

Der "Pistoleiro" ist kein makabrer Scherz und kein Roman, sondern eine wahre Geschichte, die der brasilianische Journalist Klester Cavalcanti sieben Jahre lang recherchiert hat. Er hat unzählige Gespräche mit Santana selbst und den Angehörigen seiner Opfer geführt, er hat Verhörprotokolle studiert, Gerichtsakten gewälzt und alle genannten Fälle überprüft. Man muss davon ausgehen, dass die Fakten in diesem Buch stimmen, doch kann man sich nicht vorstellen, wie eine solche Geschichte möglich sein soll. Es ist eine Geschichte, die in die dunkelsten Winkel Brasiliens führt: seine Militärdiktatur, seine kurrpote Polizei und eine Gesellschaft, die ihre Probleme gern schnell aus dem Weg räumt.

Sie beginnt in den siebziger Jahren im amazonischen Regenwald, wo der für seine Schießkünste bekannte Fischersohn Júlio Santana von seinem Onkel Cicero in das schmutzige Geschäft hineingezogen wird. Sein erstes Opfer ist ein Fischer aus dem Dorf, der ein Mädchen vergewaltigt haben soll. Da der Junge offenbar genug Kaltblütigkeit an den Tag gelegt hat und kaum Widerspruchsgeist zeigt, bringt ihn der Onkel zu einem Trupp Paramilitärs, die am Rio Araguaia Jagd auf Rebellen machen. Sein zweites Opfer wird der Guerillero Jose Genoino Neto, den er nur verwunden durfte, denn die Militärs wollten aus dem kommunistischen Rebellen noch Informationen herausfoltern. Zehn Jahre später wird Genoino Parlamentsabgeordneter der Partei der Werktätigen. Auch der Mord an Maria Lúcia Petit geht auf sein Konto, sie wird bis 2009 die einzige der rund hundert getöteten Rebellen sein, deren Leiche identifiziert werden konnte. Außerdem bringen ihm die Militärs auch das Foltern bei.

Von da an mordet Santana Schlag auf Schlag. Für Politiker tötet er Rivalen, für Großgrundbesitzer aufsässige Landarbeiter und für Minenbesitzer Goldschürfer, die sich einen Krümel in die eigene Tasche gesteckt haben. Er tötet Gewerkschafter, säumige Schuldner und untreue Ehefrauen. Seine Auftraggeber mögen politische oder private Motive haben, Santana hat nur eines: Geld. Von seinem Onkel, der ihm über Jahrzehnte die Aufträge vermitteln wird, lernt er die Grundregeln des Geschäfts: "Du wirst diesen Kerl umbringen, nur weil er dem anderen eine Ohrfeige verpasst hat?', fragte Julio. 'Nein, Julão, ich bringe ihn um, weil man mich dafür bezahlt." Und die fünf Verbote, die als "Ehrenkodex" unter Pistoleiros kursieren: Das Opfer nicht ausrauben. Keine Schwangeren töten. Keine anderen Pistoleiros. Niemanden im Schlaf. Und nicht auf Kommission.

Hinter diesem Buch steckt eine unglaubliche Recherche. Leider erzählt Cavalcanti besonders am Anfang in einem etwas naiven Duktus, dem mitunter auch etwas Gefühliges anhaftet. Ob der Fischerjunge wirklich so unschuldig und unbedarft war, als er noch bei seiner lieben Familie am Rio Tocantins lebte? Wollte er tatsächlich nur folgsam sein? Oder war er nicht versessen auf das Geld und das soldatische Leben als toller Schütze? Und leider bleibt er auch komplett auf seinen gruseligen Protagonisten fokussiert, so dass man sich selbst die historischen Zusammenhänge ebenso wie die gesellschaftliche Relevanz erschließen muss.

Doch glücklicherweise geht Cavalcanti umso mehr auf Distanz zu Santana, je professioneller der wird. Denn dabei fördert er immer wieder Unglaubliches zutage. Wie etwa Santanas Lebensversicherung, ein Heft, in dem er über seine Verbrechen sorgsam Buch geführt hat: 487 Morde sind darin aufgelistet. Er kann genau sagen, wen er wann und wo in wessen Auftrag ermordet hat. Zum Beispiel Nativo da Natividade, den Vorsitzenden der Gewerkschaft der Landarbeiter, in Carmo do Rio Verde, "Auftraggeber: Bürgermeister Roberto Pacoal …  Bezahlung: 2 Millionen Cruzeiros."

Bis heute ist Júlio Santana straflos ausgegangen, obwohl die Polizei über seine Taten Bescheid weiß und immer schon wusste. Nur einmal hat er im Gefängnis gesessen. Er hatte im Auftrag des Ehemanns eine Frau umgebracht, die zuvor aus Wut über ihren untreuen Mann das eigene Baby getötet hatte. Weil Santana dem Polizeioffizier sein Motorrad vermachte, wurde er nach zwei Tagen laufen gelassen. Noch eine Regel, die Santana von seinem Onkel gelernt hat und an der auch Cavalcantis Buch nichts ändert: "Hier legt sich die Polizei nicht mit Pistoleiros an."

Klester Cavalcanti: Der Pistoleiro. Die wahre Geschichte eines Auftragsmörders. Aus dem Protugiesischen von Wanda Jakob und Michael Kegler. Transit Verlag, Berlin 2013, 165 Seiten, 19,80 Euro (Bestellen).

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Archiv: Mord und Ratschlag

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