Bücherschau der Woche

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Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Magazinrundschau

Kumulative Komplexität

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.

20.08.2013. In der Huffington Post erklärt Gilles Kepel, welchen gravierenden Fehler Mohammed Mursi gemacht hat. Eurozine bewundert die Respektlosigkeit Witold Gombrowiczs in seinen intimen Tagebüchern. Elet es Irodalom besucht das "andere" Ungarn. Fast Company probiert den neuen Lebensmittelservice von Amazon aus. In La Repubblica erzählt der Animationsfilmer Hayao Miyazaki vom Zweiten Weltkrieg. In El Pais Semanal singt Javier Cercas ein Loblied auf Deutschland. The Atlantic untersucht Vor- und Nachteile des Drohnenkriegs. In der NYT schildert die Dokumentarfilmerin Laura Poitras ihre Erfahrungen mit den Geheimdiensten.

Huffington Post (Frankreich) , 18.08.2013

Bild zum ArtikelDer gescheiterte und abgesetzte ägyptische Präsident Mohammed Mursi hat nicht begriffen, dass er nicht ausschließlich von Religiösen, sondern auch von säkularen Kräften gewählt worden war, die "seinen Bart der Uniform der Militärs" vorgezogen hatten, schreibt der bekannte Islamwissenschaftler Gilles Kepel in einer Analyse der jüngsten Ereignisse: "Mursi wollte dieser zusammengewürfelten Dimension seiner Wahl keine Rechnung tragen und hat denen, die ihn aus Hass auf das Militär gewählt hatten, das Gefühl gegeben, die Bruderschaft, in der er nur ein kleines Rädchen ist - und zwar das "Sicherheitsrädchen", wie man ihn in Ägypten während des Wahlkampfs spöttisch taufte -, wolle den Staat unterwandern und an sich reißen. Dadurch haben Mursi und die Muslimbrüder die Säkularen gegen sich aufgebracht und die Unzufriedenheit von halb Ägypten heraufbeschworen, wobei man bis heute nicht wissen kann, ob dies die Mehrheit ist oder nicht. Aber auf jeden Fall haben sie, indem sie am 30. Juni auf die Straße gingen, gezeigt, dass das Land von jetzt an gespalten ist."

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The New Republic (USA) , 16.08.2013

Graeme Wood hat mit dem salafistischen Fernsehmoderator Hesham El Ashry in Kairo telefoniert, der von den Attacken des Militärs erzählt und Amerikaner, Israelis und Kopten für das Blutbad verantwortlich macht. "Die Ägypter geben Amerika die Schuld an dem allen', sagt El Ashry, der Jahre in New York lebte, wo er als Maßschneider für Klienten wie Paul Newman arbeitete. 'für Obama ist dies kein Putsch, Amerika sagt [General] Sisi, was er tun soll. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.' El Ashry hat in der Vergangenheit erklärt, Gewalt sei keine Lösung. Aber jetzt, sagt er, werden die ägyptischen Islamisten Amerika zur Verantwortung ziehen. 'Wir hatten politische Parteien, wir haben die Gewalt aufgegeben. Aber wir wissen ganz genau, dass Amerika sich nicht für Demokratie interessiert. Es wird Terrorismus gegen Amerika geben, und wenn Ägypter einen Amerikaner sehen, werden sie ihn töten."

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Eurozine (Österreich) , 19.08.2013

Bild zum ArtikelDas pure Leben ohne jede literarische Veredelung hat Pawel Majewski in den intimen Tagebüchern von Witold Gombrowicz gefunden, die gerade unter dem Titel "Kronos" in Polen erschienen sind. Ob die Notate einen Text ergeben, vermag Majewski in Kultura Liberalna (von Eurozine ins Englische übersetzt) nicht genau zu sagen, aber dass sie der Nachwelt überlassen werden sollten, das schon: "'Kronos' nimmt das Klima der derzeitigen Ära vorweg, in dem nichts verborgen bleibt: Jeder redet mit jedem über alles, doch niemand hört zu. Als würde Gombrowicz nur vor sich hin murmeln, wenn er über die Unwägbarkeiten des Lebens schreibt und sich zugleich den Schanker kratzt, oder im Café Hegel liest und den Jungen auf der Straße draußen nachguckt. Er bringt all die Dinge ans Tageslicht, die sonst den Biografen mit voyeuristischer Neigung überlassen bleiben. Im zwanzigsten Jahrhundert waren die Franzosen die Meister in diesem Spiel, aber niemand spielte es mit solcher Respektlosigkeit. Gombrowicz erledigte seine Hausarbeiten wagemutiger als sie."

Dazu gibt es auch ein Interview mit dem Herausgeber der Tagebücher, Jerzy Jarzebski.

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Wired (USA) , 13.08.2013

Bild zum ArtikelCliff Kuan blickt in die Science-Fiction-Welt von morgen, in der all unsere Gadgets und Devices wunderbar miteinander verschaltet sind und fröhlich miteinander plaudern. Darin besteht, so verrät ihm Bill Buxton, ein Forscher von Microsoft, "die nächste Herausforderung für das Erlebnisdesign. ... Diese Konzentration auf die Gesamtheit unserer Geräte steht in Kontrast zu unserer heutigen Erfahrung. Die Zahl der Gadgets und Funktionen nimmt zu, ohne dass viele Gedanken darauf verwendet werden, wie sie zusammenpassen (...) Auch wenn die einzelnen Geräte einfacher geworden sind, steigt ihre kumulative Komplexität. Die Lösung dafür, meint Buxton, liegt darin, 'sich nicht mehr auf die individuellen Objekte wie auf Inseln zu konzentrieren'. Sein Vorschlag für eine simple Bemessungsgrundlage, ob ein Gadget überhaupt existieren soll: Jedes neue Gerät sollte die Komplexität des Systems verringern und den Wert von allen anderen in diesem Ökosystem erhöhen." Sollte Microsoft am Ende tatsächlich offenen Standards das Wort reden? Schwer zu glauben.

Außerdem: Steven Levy sieht zu, wie Google mit Breitbandinternet-Ballons den Luftraum als Internetprovider erschließen will. Carl Zimmer erzählt die Geschichte von Aufstieg und Niedergang der Gentherapie. Clive Thompson plädiert für eine neue Soundkultur im Internet: "Man stelle sich eine Wikipedia für Klang vor - ein weltweiter Versuch, Klänge aus der Alltagswelt zu sammeln und aufzunehmen. Sammelt man nur genügend an, könnten wir faszinierende neue Wege entdecken, die Welt zu verstehen."

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Elet es Irodalom (Ungarn) , 16.08.2013

Bild zum ArtikelDer junge Filmemacher, Dénes Nagy ( u.a. "Lágy eső - Sanfter Regen", dieses Jahr im Kurzfilmwettbewerb von Cannes) begleitet in seinem neuen Dokumentarfilm "Másik Magyarország - Das andere Ungarn", den bildenden Künstler Imre Bukta in seine Heimatregion. Lóránt Stőhr hat sich den Film angesehen und schreibt: "'Das andere Ungarn', so lautete auch der Titel der letzten Ausstellung von Imre Bukta in der Budapester Kunsthalle. Aus welcher Perspektive ist das hier gemeinte Ungarn anders? Vom Zentrum, von Budapest und den Städten her betrachtet, die mehr oder weniger die westliche Modernisierungstrends annahmen. Das Andere ist hier der Doppelgänger, das zurückgebliebene Ländliche. Imre Bukta ist in seiner vertrauten Umgebung ein Insider, so malt er authentisch das 'andere Ungarn'. Dénes Nagy könnte leicht den Fehler machen, sich als Katastrophentourist über das Elend in ländlichen Gegenden zu empören. Doch seine Empathie mit seinen Gesprächspartnern und seinem Hauptprotagonisten verhindern dies glücklicherweise."

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Fast Company (USA) , 05.08.2013

Bild zum ArtikelJ.J. McCorvey hat dem in einigen US-Städten bereits testweise ausgerollten AmazonFresh auf den Zahn gefühlt und sich - zur vollsten Zufriedenheit - Bananen und Äpfel aufs Hotelzimmer liefern lassen. Mit dem Angebot hat Jeff Bezos weit mehr im Blick als bloß den Gemüsemarkt, schreibt McCorvey, nachdem sie zuvor Amazons komplexes Warenauslieferungssystem genau untersucht hatte: "Tatsächlich handelt es sich um ein "trojanisches Pferd (...). 'Ursprünglich war vorgesehen, dass dies mit dem Rollout der neuen Lieferung am selben Tag einhergehen würde', erklärt Tom Furphy, der von 2007 bis 2009 für Fresh zuständig war. Dies zu bewerkstelligen stellt eine enorme logistische und wirtschaftliche Herausforderung dar. Man nennt es das Problem der letzten Meile. Zwar kann man von den Warenlagern aus ohne weiteres vollgepackte LKW auf die Reise schicken, doch ein einzelnes Päckchen durch ein ganzes Viertel zu manövrieren, um es schließlich an der Tür des Kunden abzuliefern, ist nicht ganz so einfach. Das Frachtvolumen und die Lieferfrequenz müssen die Kosten für Treibstoff und Arbeitszeit überwiegen, sonst wird diese letzte Meile ziemlich teuer. ... Vom Ausbau der Frischwarenlieferung erhofft sich Amazon, Kunden, die sonst nur einmal im Monat etwas bestellen, dazu zu bewegen, wöchentlich - oder vielleicht sogar dreimal die Woche - eine Bestellung aufzugeben. Dies wiederum würde das nötige Bestellvolumen ergeben, um die Investition in eine solche Infrastruktur attraktiv zu machen." Außerdem erfährt man, dass Amazon sich auch in den kommenden Jahren mit dem Argument, Arbeitsplätze zu schaffen, darum drückt, volle Steuern abzutreten.

Weiteres: Adam Bluestein erzählt, wie change.org zur Plattform für enttäuschte Kunden wurde: auch Amazon steht - hier in Deutschland und hier in Großbritannien - in der Kritik.

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La Repubblica (Italien) , 19.08.2013

Bild zum ArtikelHayao Miyazaki, der Gott des Animationsfilms, legt im Wettbewerb von Venedig sein neuestes Werk vor: "Kaze Tachinu - Der Wind frischt auf", 126 Minuten lang. Mario Serenellini interviewt den Meister, auch über das Unbehagen, das der Film hervorruft, denn  "Kaze Tachinu" porträtiert offenbar ohne allzu große Distanzierung einen jungen japanischen Luftfahrtingieur im Zweiten Weltkrieg. Miyazaki kritisiert im Interview zwar die revanchistischen Äußerungen der aktuellen japanischen Regierung, aber sehr direkt geht er auf Vorwürfe gegen seinen Film nicht ein: "Ich habe immer Märchen gezeichnet. Wie alle Märchen beruht auch dieses auf dem Gedächtnis und der Geschichte eines Landes und auf dem, was ich selbst erlebt habe. Es ist auch meine Geschichte. Mein Vater war Luftfahrtingenieur, Besitzer der Miyazaki Airplane-Fabrik, die im Zweiten Weltkrieg unter anderem die vom Filmhelden Jiro Horikoshi designten Flugzeuge hergestellt hat, auch die zu traurigem Ruhm gekommenen Mitsubishi A6M Zero der Kamikaze-Flieger." Auf der Website der Repubblica ist ein vierminütiger Trailer des Films zu sehen.

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The Economist (UK) , 17.08.2013

Bild zum ArtikelMursis gesammelten Verfehlungen zum Trotz: Der Economist ist entsetzt angesichts der jüngsten Ereignisse in Ägypten, für die man in London allein die Militärs verantwortlich macht: "Nicht nur war der Staatsstreich falsch, er war auch ein taktischer Fehler. Die Muslimbrüder hätten wahrscheinlich jede kommende Wahl locker verloren - und hätten sie die Wahl verweigert, wäre die Bevölkerung dagegen vorgegangen.  ... Der größte Fehler der Generäle besteht jedoch darin, die triftigste Erkenntnis des Arabischen Frühlings missachtet zu haben: Dass gewöhnliche Leute sich nach Würde sehnen. Sie verabscheuen es, von eitlen Amtsträgern herumgestoßen und von korrupten Autokraten regiert zu werden. Sie sind gegen einen Polizeistaat. Stattdessen wollen sie ein besseres Leben, gute Jobs und ein paar basale Freiheiten. Selbst wenn sich Ägyptens Islamisten auf dem Rückzug befinden, bringen sie es noch immer auf 30 Prozent der Bevölkerung. Die Generäle können diese nicht zurückhalten ohne dabei die Freiheiten Millionen anderer Ägypter zu beschneiden. Freiheiten, nach denen sie hungern - und von denen sie, wie kurz auch immer, seit Mubaraks Sturz naschen konnten." Mehr und ausführlicher dazu auch an dieser Stelle.

Gute Nachrichten für die Kulturindustrie: Die schlechten Zeiten sind vorbei, das Internet ist dein neuer, bester Freund! So zumindest könnte ein Fazit nach dieser euphorischen Bestandsaufnahme lauten, derzufolge der Siegeszug des mobilen Netzes aus den einst gerügten "digitalen Pennys", für die man "analoge Dollars" eingetauscht habe, doch einen mittlerweile sehr ansehnlichen Haufen mache, Geschäftssinn und -modell vorausgesetzt. An anderer Stelle wird dies genauer ausgeführt: "Das Web fügt sich zusehends einem der ältesten Drehbücher der Medienwelt: Eine neue Technologie kommt in die Stadt, die Mogule versuchen, sie zu zerstören, doch sie überlebt und wird Bestandteil der Zukunft dieser Stadt. Hollywood verabscheute den Videorekorder (und verglich ihn mit einem Serienkiller), die Fernsehsender hassten Kabelfernsehen, die Musiknotenverlage fürchteten den Phonographen und Sokrates äußerte Bedenken bezüglich der Schrift, die ihm offenbar nicht interaktiv genug war. Und doch geschieht fast immer dasselbe: Die alten Medien überleben (...), die neuen Medien vergrößern den Markt."

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El Pais Semanal (Spanien) , 18.08.2013

Bild zum ArtikelJavier Cercas zählt auf, "worüber ich dieses Jahr gerne alles geschrieben hätte. Zum Beispiel hätte ich, weil derzeit alle über Deutschland wettern, gerne ein Lob Deutschlands angestimmt. Aus einem einfachen Grund: Niemand kann die Europäische Union heutzutage besser anführen als Deutschland, weil niemand in Europa näher daran ist, mit dem Nationalismus Schluss zu machen, als die Deutschen: Ende des 18. Jahrhunderts haben sie den Nationalismus erfunden und um die Mitte des 20, Jahrhunderts haben sie ihn zu seinem ekstatischen Höhepunkt geführt: 50 Millionen Tote. Weshalb sich in Deutschland jedem, der halbwegs lesen und schreiben kann, bei dem Wort Nationalismus automatisch die Nackenhaare aufstellen; weshalb mitten in Berlin ein Denkmal für die sowjetischen Soldaten steht, die die Stadt 1945 unter blutigen Opfern einnahmen; und weshalb es gegenwärtig der größte Wunsch der besten Deutschen ist, in Europa aufzugehen."

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The Atlantic (USA) , 01.09.2013

Bild zum ArtikelMark Bowden untersucht in einer Riesenrecherche die Vor- und Nachteile des Drohnenkriegs - juristisch, politisch, militärisch und moralisch. Und auch wenn er zugibt, dass Attacken durch Drohnen dem Gegner keine Chance lassen sich zu ergeben, und generell so unfair sind wie Davids Steinschleuder, hält er sie im Vergleich zu Atomwaffen für einen echten Fortschritt. Aber: "Kein amerikanischer Präsident wird jemals einen politischen Preis dafür zahlen, dass er die nationale Sicherheit über die internationale Meinung gestellt hat, doch der einzige richtige Weg weiterzumachen, ist, im Nachhinein die Entscheidungen offenzulegen, wie Ziele ausgesucht werden und was beim Angriff herausgekommen ist. Auf lange Sicht kommt es mehr darauf an, dem Gesetz treu zu bleiben als einen weiteren Schurken eliminiert zu haben. Mehr Umsicht und Transparenz sind nicht nur moralisch und juristisch essentiell, sie sind auch in unserem eigenen Interesse, denn die Angriff selbst nähren ein Antidrohnen-Narrativ und führen zu der Art kleiner willkürlicher Terror-Attacken, die zu bin Ladens abscheulichem Erbe gehören." (Deutlich kritischer hat den Drohnenkrieg kürzlich Stephen Holmes in der London Review of Books gesehen, sein Artikel liest sich ebenfalls spannender als jeder Krimi).

Außerdem: Graeme Wood besucht einen amerikanischen Soldaten, der nach Nordkorea desertiert war, dort vierzig Jahre lang lebte, und jetzt in Japan Cracker verkauft. James Fallows lässt sich von Charles Simonyi erklären, wie man die generelle Langsamkeit von Software verbessern kann. James Parker erzählt die Geschichte des britischen Privatschülers John Mellor, der später als Clash-Sänger Joe Strummer berühmt werden sollte.

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Guernica (USA) , 15.08.2013

Bild zum ArtikelDas britische Politikmagazin dokumentiert ein von Mishal Husain moderiertes Podiumsgespräch, in dem es um Meinungsfreiheit und Zensur in Sri Lanka, Indien, China, Burma und England ging. Teilnehmer waren die ehemaligen BBC-Korrespondentin und Buchautorin Frances Harrison ("Still Counting the Dead: Survivors of Sri Lanka's Hidden War"), der Direktor des Londoner Institute für Human Rights and Business Salil Tripathi ("Offence: The Hindu Case. Manifestos for the 21st Century"), Julia Farrington, Mitarbeiterin der Zeitschrift Index on Censorship, sowie der ehemalige Politikredakteur des Standard, John Kampfner, der heute Google in Sachen freier Meinungsäußerung berät. Kampfner hält Zensur und Probleme mit Meinungsfreiheit für ein universelles Problem, es gebe kein einziges Land auf der Welt, wo es keine diesbezüglichen Konflikte gebe. "Und häufig sind die Schlimmsten, was das Schaffen von Präzedenzfällen und das Verteilen von Feigenblättern an wirklich üble Regimes angeht, westliche Regierungen. Im Januar arbeitete ich an einer Reihe von Gesetzen und Novellen, die das Internet-Recht betreffen. Und die sind in vielerlei Hinsicht wirklich schrecklich und gefährlich. Immer wenn sich internationale Organisationen oder andere Regierungen beschweren, kann ein Land wie Russland den Spieß einfach umdrehen und sagen: Ihr macht doch das Gleiche, ob es nun um Überwachung, Datenspeicherung oder sonst was geht. Jedes Land, vor allem ein altes, etabliertes mit einem demokratischen Hintergrund, leitet Gesetze oder Maßnahmen in die Wege. Wie es zum Beispiel der britische Premierminister bei den Unruhen in London aus Frust und Verzweiflung sagte: Wenn wir die Handynetze und Internetprovider abschalteten, würden wir die Sache in den Griff kriegen. Andererseits war das ein Geschenk des Himmels. Die iranische Regierung, stelle ich mir vor, hat sich umgedreht und gesagt: Wir schicken euch gern ein paar Menschenrechtsberater, die euch bei eurer Klemme und euren Problemen helfen."

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HVG (Ungarn) , 07.08.2013

Bild zum ArtikelSeit einem Jahr ist der Choreograf, Tänzer, bildende Künstler und Fotograf, József Nagy Direktor des Budapester Zentrums für zeitgenössische unabhängige Kunst, "Trafó". Nagy, der 30 Jahre in Frankreich lebte, leitet gleichzeitig in Orléans das Internationale Zentrum für Choreographie. Über seine Erfahrungen in Ungarn sagt er im Interview mit Rita Szentgyörgyi: "Ich, mit meinen französischen Erfahrungen, war hier vollkommen naiv. In Frankreich wurde ich nie mit politischen Glaubensbekenntnissen konfrontiert. Regierungen kamen und gingen, doch ich wurde nie zur Parteinahme gezwungen. In Ungarn musste ich gleich am Anfang feststellen, dass alle Bereiche zu sehr von der Politik durchtränkt sind. (…) Die jetzige Kulturpolitik ist nicht wirklich offen und die Problematik wird missverstanden. Unabhängig bedeutet nicht, dass man rebelliert, sondern dass man mit einer eigenen Konzeption, nicht in einem gegebenen System arbeiten möchte."

Ungarn driftet immer mehr weg von der Europäischen Union, stellt der Dichter Ákos Szilágyi fest. Antimodern, antiwestlich, national - das ist die neue Richtung. "Seit Neustem bedeutet ist dies das System der populistischen 'Kabinenrevolution': eine russische Führerdemokratie, kombiniert mit einem nach fernöstlichem Muster funktionierenden, oligarchistischen, korporatistische, Kasernenkapitalismus und einem nach islamistischem Vorbild zusammengestellten christlichen Fundamentalismus. So wird Politik zu einer Religion, der Politiker zu einem Propheten und Priester."

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The New York Times (USA) , 18.08.2013

Bild zum ArtikelGestern kursierte eine Geschichte, die allen Journalisten zu denken geben sollte. Der Partner des NSA-Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald wurde neun Stunden lang am Flughafen Heathrow festgehalten, seine Computer und Telefone wurden konfisziert. Dies ist genau die Politik, die die amerikanischen Geheimdienste offanbar seit Jahren gegenüber jenen führen, deren Berichte ihnen nicht passen. In einem packenden Porträt über Laura Poitras, jene Dokumentarfilmerin, die mit Glenn Greenwald zusammenarbeitet und die zuerst von Edward Snowden kontaktiert wurde, erzählt Peter Maass auch, wie sie schon seit Jahren, lange vor den Snowden-Enthüllungen systematisch an Flughäfen festgehalten wird. Hintergrund ist ein früherer Dokumentarfilm über den Irakkrieg. "Einmal, erzählt Poitras, haben sie ihr Computer und Handy abgenommen und wochenlang behalten. Man sagte ihr, dass ihre Weigerung auf Fragen zu antworten, selbst schon ein verdächtiger Akt sei. Die Verhöre fanden in internationalen Zonen von Flughäfen statt, wo nach Ansicht der Regierung die verfassungsmäßigen Rechte nicht gelten, weshalb ihr die Anwesenheit eines Rechtsanwalts nicht erlaubt wurde."

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Archiv: Magazinrundschau

Ein Puzzle im Dunkeln

19.04.2014. The Nation beschreibt, wie Künstler sich immer eifriger in Historiker verwandeln. Michel Houellebecq entpuppt sich in Le Point als Größenwahnsinniger. In Osteuropa erzählt Jörg Baberowski, wie der Zar Russland im Ersten Weltkrieg in einen unkontrollierbaren Gewaltraum verwandelte. Die NYRB blickt ins trostlos korrupte Uganda. In Telerama hofft Maïssa Bey in Algerien noch auf einen Wandel. Die NYT hört den Motherless Child Blues. Mehr lesen

Alles sündig Freudvolle

11.04.2014. In der London Review of Books erklärt Seymour Hersh, warum die türkische Regierung für den Giftgaseinsatz in Syrien verantwortlich sein könnte. Nautilus beleuchtet die Geschichte und Zukunft des künstlichen Lichts. In Eurozine erklärt Karl Ove Knausgård, wie er schreibt und welche Bedeutung sein Lektor hat. Le Monde untersucht die Dynamik des Völkermords. Der New Yorker liest vegetarische Kochbücher. Mehr lesen

Allegorien der Liebe

04.04.2014. Die NYT entdeckt die französische Küche neu. Die LRB besucht Veronese. Eurozine dokumentiert die Gender-Diskussion in Polen. Der Merkur erzählt die Geschichte des weißen südafrikanischen Antiapartheidkämpfers Edward Vincent Swart. La vie des idées beobachtet die Rückkehr des biologischen Rassekonzepts. Vanity Fair bringt eine Reportage über die größte Privatarmee der Welt, die G4S. Mehr lesen

Poesie und Transzendenz

28.03.2014. Die Huffington Post begutachtet den Wahlerfolg des Front National in Frankreich. Im Guardian erklärt Chimamanda Ngozi Adichie den Unterschied zwischen westlichem und afrikanischem Sexismus. In Eurozine denkt Kenan Malik über sakrale Kunst nach. Die NYRB begibt sich auf Containerschifffahrt. Das TLS walkt eine Toga. Und der New Yorker fragt, was eigentlich bei der Belagerung von Waco 1993 schief ging. Mehr lesen

Als Denker befreit

21.03.2014. Walter Benjamin lebt - jedenfalls in Frankreich und den USA, melden Le Monde und der Chronicle. Der New Yorker präpariert die zersetzende Wirkung des Dekonstruktivismus am Beispiel Paul de Mans heraus. Im SZ Magazin singt der Videokünstler Matthew Barney ein Loblied auf den Widerstand. Elet es Irodalom hat ein Problem mit dem von der jüdischen Gemeinde Ungarns geplanten Haus des Zusammenlebens. Krieg ist kein Würzmittel für Mittelstandsgeschichten, knurrt The New Republic Lorrie Moore an. Mehr lesen

Das Land der sauberen Hände

14.03.2014. Mario Vargas Llosa erklärt in El País die Wut der Protestler in Venezuela. Der New Yorker rollt nach 40 Jahren den Mord an Kitty Genovese wieder auf. New Yorks Hipster werden von Darwin eingeholt, meldet Slate.fr: Anpassung ist die neue Abhebung. Marcel Ophüls erzählt in Les Inrocks, weshalb Spielfilme befriedigender sind als Dokumentationen. Und Men's Journal berichtet von Chinas boomendem Elfenbeinmarkt. Mehr lesen

Zurück in die Petrischale

07.03.2014. Elet es Irodalom muss hören, wie im ungarischen Radio die Demonstranten in Kiew als "Heckenschützen" und "Terroristen" beschrieben werden. Im Merkur empfiehlt András Bruck den ungarischen Liberalen etwas weniger Kultiviertheit. In der New York Review of Books stellt Timothy Snyder klar, dass Janukowitschs Oligarchen das reaktionäre Regime bildeten, vor dem die russische Propaganda so gern warnt. Slate begutachtet Vampire als Rockstars. In artechock geißelt Rüdiger Suchsland am Beispiel der Beltracchi-Doku das auf den Hund gekommene Selbst­ver­s­tändnis deutscher Kritiker. Mehr lesen

Anonymer, göttlicher Unbekannter

28.02.2014. In The Intercept erklärt Glenn Greenwald, wie die NSA gezielt den Ruf von Kritikern zerstört. La vie des idees betrachtet einen Fotoband über den stalinistischen Terror. The New Republic fühlt sich unwohler vor den Bildern der Futuristen. In Eurozine empfiehlt David Runciman eine Koordinierung der nationalen Wahlen in Europa. In der Boston Review erzählt der Journalist Uki Goñi, wie er mit einem Nonnenmörder die Nacht durchtanzte. Mehr lesen

Die Leute wollen Brot, Würde und Freiheit

21.02.2014. Keine Region hat unter Hitler und Stalin so schwer gelitten wie die Ukraine, erläutert Timothy Snyder in Télérama. Mac McClelland berichtet im Magazin der NYTimes aus einem türkischen Lager für syrische Flüchtlinge. In Guernica erklärt Masha Gessen, warum sie aus Russland ausgewandert ist. Nepszabadsag informiert über die Kontroverse über das ungarische Holocaust-Gedenkjahr. Und Chapati Mystery präsentiert pakistanischen Rap. Mehr lesen

Braten und Schnaps

14.02.2014. Bei edge.org schlägt Kevin Kelly Transparenz für alle vor, auch für die NSA. Die NYT schildert die letzten Tage Philip Seymour Hoffmans. Bei Eurozine beschreibt Volodymyr Yermolenko das Paradox im Herzen der ukrainischen Rebellion. Der New Statesman besucht eine Ausstellung über die Arbeiter-Spartakiade. Mediapart sucht 50 Millionen Euro von Gaddafi und findet sie bei Sarkozy. In Aeon philosophiert Aaron Ben-Zeev über die romantische Liebe. Mehr lesen

Ein zweiter Martini

07.02.2014. Berlinalebedingt kommt die Magschau ein bisschen später als sonst - pardon! In der LRB schildert die Historikerin Barbara Taylor die Zeitlosigkeit der Verzweiflung in psychiatrischen Krankenhäusern. In Nepszabadsag erklärt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, warum er die metaphorische Geografie von "Westen" und "Osten" ablehnt. in Eurozine begibt sich Stephan Ruß-Mohl auf die Suche nach der europäischen Öffentlichkeit, findet sie aber nicht. Die New Republic zerreißt Benjamin Britten, aber nicht ganz. Und Atlantic zieht am Männerbart. Mehr lesen

So etwas wie ein Wunderkind

31.01.2014. Washingtonian sucht den Mörder von Daniel Pearl. n+1 hört boeremusiek. Im Merkur macht Horst Meier kurzen Prozess mit dem Verfassungsschutz. In Vice erzählt Moe Tucker, wie sie das Trommeln lernte. Der Guardian schildert den Krieg Putins gegen die Moderne. Das New York Magazine trifft Chen Guangbiao, möglicherweise eines Tages Besitzer der New York Times. In Eurozine beharrt Jason Wilson darauf: Es gibt nicht für jedes Problem eine Lösung. Mehr lesen

Englishness ist eine Praxis

27.01.2014. In Elet es Irodalom protestieren 26 Historiker gegen ein geplantes Mahnmal, das an die deutsche Besatzung 1944 erinnern soll. Die LRB beobachtet anerkennend, wie sich die französischen Provinzstädte von Paris emanzipieren. Eurogamer erzählt, wie die Briten mit Monopoly den Zweiten Weltkrieg gewannen. Spiked überlegt, wann Pop das Zeitliche segnete. In der Paris Review erlebt David Cronenberg mit siebzig eine Verwandlung, wie sie Gregor Samsa auch nicht schlimmer widerfuhr. The New Republic lässt kein gutes Haar an Edward Snowden, Glenn Greenwald und Julian Assange. Mehr lesen

Die Scheuklappen der Historiker

14.01.2014. Bloomberg Businessweek erforscht die Welt der Bitcoins. Nationalismus ist Provinzialisierung, ruft Félix de Azúa in El Pais Semanal den katalanischen Politikern zu. Medium verliert sich in den eleganten Zeitlupenvideos Adam Magyars. Buchpreisbindung ist elitär, behauptet in Le Point der Schriftsteller Gaspard Koenig. Gentlemen's Quarterly sucht einen offenen Drogentunnel. In Guernica löst Ari Shavit den Nahostkonflikt in Minischritten. Und Vice erlebt eine Wiederauferstehung als Diamant. Mehr lesen

Der Geist kann tun und sein

07.01.2014. Medium liefert einen kleinen Einblick in die Folgen der Kameraüberwachung in Britannien. In französischen Magazinen kommentieren Pascale Bruckner und Bernard-Henri Levy das geplante Auftrittsverbot für den antisemitischen Komiker Dieudonné. Im Merkur denkt Ernst-Wilhelm Händler über Simmel und die Finanzmärkte nach. Das Boston Magazine untersucht die unrühmliche Rolle des MIT beim Tod von Aaron Swartz. In Commentary schreibt David Gelernter der Kognitionswissenschaft "Das Hirn ist kein Computer" ins Stammbuch. Cabinet feiert den Erfinder des Pfannkuchen-Make-ups, Max Factor. Mehr lesen

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