Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Magazinrundschau

Keine Haare auf dem Bauch

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.

23.10.2012. National Geographic bewundert den Mut muslimischer Rebellenmädchen. Wittgenstein war ein ziemlicher Chauvi, erinnert sich Freeman Dyson in der NYRB. HVG möchte kein Talent mehr in Ungarn vergeudet sehen und plädiert für eine Frauenquote. Die LRB stellt beim Internet-Dating fest, dass ihr Körper mehr zählt als ihr Geist. Rue89 verlangt die Abschaffung der Subventionen für die Papierpresse. Das New York Magazine meldet ein Comeback der alten Männer - in der Literatur, der Wirtschaft und dem Pizza backen. In Clarin wünscht sich Howard Rheingold etwas mehr Geschichtsbewusstsein bei Netzkritikern. Die NYT reist nach Afghanistan und lernt die Baluchis kennen.

The New York Review of Books (USA) , 08.11.2012

Bild zum ArtikelAls Porträt-Galerie der wichtigsten modernen Philosophen empfiehlt der Physiker Freeman Dyson das Buch "Why Does the World Exist" von Jim Holt. Dyson berichtet sehr beeindruckt von den versammelten Materialisten und Idealisten, vor allem aber erinnert er sich an seine eigenen Begegnungen mit Wittgenstein in Cambridge 1946, bei denen seine Bewunderung einen vorübergehenden Dämpfer erfuhr: "Am Ende meiner Zeit in Cambridge brachte ich schließlich den Mut auf, ihn anzusprechen. Ich sagte ihm, wie gern ich seinen 'Tractatus' gelesen hätte, und wollte wissen, ob er noch immer der gleichen Ansicht sei wie vor 28 Jahren. Er schwieg eine Zeit lang und fragt dann: 'Von welcher Zeitung kommen Sie?' Ich erklärte ihm, dass ich Student, kein Journalist sei, aber er beantwortete meine Frage nie. Wittgensteins Reaktion war demütigend, aber seine Reaktion auf Frauen, die versuchten, seine Vorlesungen zu besuchen, war noch schlimmer. Wenn eine Frau im Hörsaal erschien, stand er solange schweigend da, bis sie den Saal verlassen hatte. Ich beschloss, dass er ein Scharlatan war, der sich unerhört benahm, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich hasste ihn für seine Grobheit."

"Dunkelheit legt sich über die arabische Welt": Das Autoren-Duo Hussein Agha and Robert Malley blickt ernüchtert auf die zunehmend unübersichtliche Lage im Nahen Osten, die bereits zu den unheiligsten Allianzen geführt hat (Irak und Iran auf der Seite Assads, Saudis mit Säkularisten und Salafisten gegen die Muslimbrüder). Ihr Ausblick: "Die Islamisten werden einen Handel vorschlagen: Im Austausch für ökonomische Hilfe und politische Unterstützung werden sie nicht bedrohen, was sie für die elementaren Interessen des Westens halten: regionale Stabilität, Israel, den Kampf gegen den Terror, Energielieferung. Keine Gefahr für die westliche Sicherheit. Kein Handelskrieg. Der Showdown mit dem jüdischen Staat kann warten. Der Fokus wird auf der langsamen, stetigen Gestaltung der islamischen Gesellschaften liegen. Amerika und Europa mögen ihre Bedenken über die innere Umgestaltung äußern, sogar Unmut. Aber sie werden drüber hinwegkommen."

In einem Dossier zu den nicht mehr fernen Präsidentschaftswahlen schätzen suchkundige Autoren wie Elizabeth Drew und Michael Tomasky (hier), Ronald Dworkin (hier), Kwame Anthony Appiah (hier), Steven Weinberg und Jeffrey Sachs (hier) die Lage ein.

nach oben

HVG (Ungarn) , 13.10.2012

Bild zum ArtikelOb eine gesetzlich verbindliche Frauenquote eingeführt werden soll, wird in den europäischen Ländern unterschiedlich bewertet. Ihre Gegner befürchten vor allem, dass sie zu einem dysfunktionalen System führen könnte, in dem nicht die Fähigkeiten, sondern das Geschlecht des Bewerbers entscheidet. Die ungarische Soziologin Beáta Nagy plädiert dennoch für die Quote: "Trotzdem benötigen wir eine Quote, weil ohne sie das Wissen und Talent der Frauen kontinuierlich vergeudet wird. Ein von Männern geführtes System, in dem die Frauen in den Hintergrund gedrängt werden und somit weder die Gleichberechtigung noch die Anerkennung der Leistungen zur Geltung kommt, ist unwürdig. Währenddessen gibt es unter den hochqualifizierten potenziellen Anwärtern auf einen Posten viel mehr Frauen als Männer. So ist neben dem Ideal der Leistungsorientierung die Effizienz der andere zentrale Aspekt: Man muss auch jenes Wissen und jene Annäherungsweise nutzen, über die die Frauen verfügen - wird die Gesellschaft allein von Männern geführt, bleibt das Wissen, die Erfahrungen und Sichtweisen einer Hälfte dieser Gesellschaft außen vor."

nach oben

London Review of Books (UK) , 25.10.2012

Bild zum ArtikelIn den Tagebuchnotizen schildert Emily Witt ihre Erfahrungen mit einer Online-Dating-Börse, deren Dienste sie nicht aus Feldforschungsgründen, sondern aus reiner Not heraus in Anspruch nahm. Was sie dabei über sich selbst gelernt hat, ist alles andere als tröstlich: "Internet-Dating zerstörte meine Auffassung von mir selbst als jemanden, den ich sowohl kenne als auch mit Worten beschreiben kann. Es hatte einen ähnlich schädigenden Effekt auf meine Auffassung, dass andere Menschen sich selbst zu kennen und zu beschreiben in der Lage sind. Auch im Bereich der Psychologie hinterließ es mich irritiert. ... Internet-Dating machte mich auf die Tatsache aufmerksam, dass unsere Auffassungen von menschlichen Errungenschaften und Verhalten, das sich durch die aufgehäuften Texte in hunderten von Internet-Dating-Profilen ausdrückt, im wesentlichen alle gleich, damit langweilig und keine gute Art sind, andere Leute auf sich aufmerksam zu machen. Wie ich ebenfalls lernte, ist der Körper keine zweitrangige Angelegenheit. Der Verstand enthält nur wenige Wahrheiten, die der Körper nicht verrät."

Außerdem: Thomas Jones muss sich nach der Sichtung der aus dem Vatikan geleakten Dokumente ernsthaft fragen, ob der Klerus überhaupt noch zum Beten kommt: Es "entsteht der überwältigende Eindruck, dass der Vatikan regelrecht brodelt vor Vorschwörungen, Splittergruppen-Klüngel, Flügelkämpfen, Eigennutz-Denke, Bestechlichkeit und niederträchtigem Verrat." Thomas Powers porträtiert Jack Kerouac, über den dessen zeitweilige Freundin Joyce Johnson gerade eine Biografie veröffentlicht hat: Deren "wichtigste Entscheidung ist es, vor dem großen Unglück aufzuhören, um damit all die Schreibblockaden und Saufgelage und gescheiterten Beziehungen und Gesundheitsprobleme und die mitleiderregende Abhängigkeit von seiner Mutter den anderen Biografen zu überlassen." Jonathan Meades rauft sich die Haare über die gerade eingeweihte Bomber-Command-Gedenkstätte im Hyde Park. David Runciman liest das Occupy-Handbuch und Karl Miller schreibt einen persönlichen Nachruf auf Eric Hobsbawm.

nach oben

Anzeige

Twitterfeed der Verlage

Rue89 (Frankreich) , 19.10.2012

Bild zum ArtikelAuch in den französischen Medien wird im Moment heiß über Internetthemen debattiert. Da ist einerseits die Steuer, die man Google dafür auferlegen will, dass es auf Presseartikel verlinkt - eine Initiative, die ausdrücklich von der deutschen Idee eines Leistungsschutzrechts inspiriert ist (hier ein Artikel in Le Monde zum Thema). Und andererseits tobt eine Art Klassenkampf zwischen alten und neuen Medien um Staatsknete, ohne die in Frankreich kaum ein Wirtschaftszweig auskommt, schon gar nicht die Presse. Laurent Mauriac stellt in einem der neuen Medien, dem Blog rue89, ein "Manifest zur Neukonzeption des Pressesektors" vor, das vom Syndicat de la presse indépendante d'information en ligne, einem Verband der Online-Medien formuliert wurde. Und da wird erstmal die Abschaffung der Subventionen für die Papierpresse verlangt: Denn "entweder dienen diese Subventionen als permanenter Tropf, der es notleidenden Publikationen erlaubt mehr schlecht als recht zu überleben, ohne sich publizistisch und kommerziell zu erneuern. Oder sie sind ein warmer Regen, den man sich als Opportunist gerne abzweigt."

nach oben

The New Statesman (UK) , 22.10.2012

Bild zum ArtikelDer New Statesman hat bekanntlich Ai Weiwei gebeten, eine Ausgabe für ihn zu betreuen. Am besten gefällt uns seine Aktion "A little bird told me". Ai hat die Chinesen per Twitter gefragt, wie sie die Zukunft ihres Landes sehen. Die meisten der zitierten Antworten sind so pessimistisch wie die von Zhang Hali (@zhhl93): "Auf die chinesische Demokratie zu warten ist wie pinkeln zu müssen, während das eigene Haus brennt. Und es bleibt einem nichts übrig als auf einen Regenguss zu warten." Aber es gibt auch optimistische Statements wie das von Xiangfeng Ziyou Chui (@sun22382001) : "Kein Chinese hätte die Geburt von Twitter voraussagen können. Twitter und Weibo sind Gottesgeschenke für das chinesische Volk und werden die Aufklärung im Land vorantreiben. China wird dem Rest der Welt ebenbürtig und nicht mehr abseits stehen. Auch wenn der Weg steinig sein wird und viele Menschen schon aus China geflohen sind, werde ich bis zu meinem Tod bleiben."

Die Pakistanerin Mukhtar Mai, die 2002 entgegen aller Traditionen, die Männer angezeigt hatte, die sie vergewaltigt hatten, und die jetzt eine Mädchenschule führt, sieht im Interview trotz des Attentats von Taliban auf die 14jährige Schüleraktivistin Malala Yousafzai "große Hoffnung. Die Zukunft ist heller. Frauen haben eine Stimme. Sie nutzen sie, um in der Öffentlichkeit ihre Rechte einzufordern. Sogar ein Kind wie Malala hat die Courage, sich zu wehren. Es gibt Gefahren, aber gegenüber der Notwendigkeit etwas zu erreichen, sich auszudrücken, ist die Bedrohung klein. Wir müssen vorwärts gehen."

Außerdem: Sophie Elmhirst bringt uns in einem lesenswerten Porträt auf den neuesten Stand über Ai Weiwei, der selbst ein Editorial beisteuert. Online findet sich auf den Seiten des New Statesman überdies ein langes Porträt über die doppelte Booker-Prize-Trägerin Hilary Mantel.

nach oben

National Geographic (USA) , 23.10.2012

Bild zum ArtikelObwohl Kindsbräute kaum Hilfe bekommen, schaffen es einige, sich selbst zu helfen, schreibt Cynthia Gorney in einer bedrückenden Reportage aus dem Jahr 2011, die National Geographic jetzt - mit eindrucksvollen Fotos - online gestellt hat. Zum Beispiel die Jemenitin Nujood Ali, die mit zehn Jahren allein zu einem Gericht ging und die Scheidung von ihrem angeheirateten Vergewaltiger forderte: "Die Theorie des sozialen Wandels hat ein schickes Label für Persönlichkeiten wie Nujood Ali: Positive Abweichler. Das sind die Einzelnen innerhalb einer Gemeinschaft, die sich durch eine persönliche Kombination aus Umständen und Mut der Tradition widersetzen können und statt dessen etwas neues, vielleicht sogar radikales versuchen können. In der internationalen Kampagne gegen Kinderehen gibt es diese positiven Abweichler jetzt gelegentlich auch unter Müttern, Vätern, Großmüttern, Lehrern und so weiter, aber am tapfersten sind die Rebellenmädchen selbst, jede ihrer Aktionen löst neue Rebellionen aus. Im Jemen traf ich die 12jährige Reem, die ihre Scheidung wenige Monate nach Nujoods Alis erwirkte. Sie überzeugte einen feindlichen Richter, der behauptete, eine so junge Frau sei noch nicht reif genug, eine Entscheidung über Scheidung zu treffen. In Indien traf ich die 13jährige Sunil, die mit 11 Jahren ihren Eltern schwor, sie werde den ihr zugedachten Bräutigam ablehnen, wenn er ankomme. Wenn sie versuchten, sie zu zwingen, erklärte sie, würde sie sie bei der Polizei anzeigen und den Kopf ihres Vaters zerschmettern. 'Sie kam Hilfe suchend zu uns', erzählte mir ein bewundernder Nachbar. 'Sie sagte: Ich zertrümmere seinen Kopf mit einem Stein.'"

nach oben

Elet es Irodalom (Ungarn) , 19.10.2012

Bild zum ArtikelDer ungarische Dirigent und Musikdirektor des Berliner Konzerthauses am Gendarmenmarkt Iván Fischer ist auch als Komponist international bekannt. Zu seinen Stücken zählen Kompositionen zu jiddischsprachigen Texten, darunter die Deutsch-Jiddische Kantate, in der u.a. Gedichte von Goethe, Rilke und Abraham Sutzkever verarbeitet werden und Fischer jener "Liebesbeziehung" ein Denkmal setzt, die die gebildeteren jüdischen Familien in Osteuropa mit der deutschen Kultur verband - auch nach dem Holocaust. Diese jiddischsprachigen Stücke, die bislang in sechs Ländern gespielt wurden, dürfen nach dem Willen von Iván Fischer in Ungarn nicht aufgeführt werden. Im Interview mit László J. Gy?ri erklärt er dieses Verbot damit, dass die Denkweise in Ungarn dafür noch nicht reif genug sei. Diese Einsicht habe ihm das Leben im westlichen Ausland vermittelt: "Ungarn wird von außen ganz anders gesehen als von innen. Das Land wird aus dem Ausland mit Zuneigung und Besorgnis beobachtet. Die Besorgnis gilt vor allem der Frage, wie Ungarn wettbewerbsfähig sein wird, ob und wie das Land seinen Mann stehen und Dinge produzieren kann, die in den Regalen des großen Supermarkts der Welt einen Platz finden. In Ungarn ist das unwesentlich, wichtiger ist die Frage, 'wer mit wem und mit wem nicht'. Im Ausland beispielsweise interessiert man sich dafür, wer unter den ungarischen Wissenschaftlern an internationalen wissenschaftlichen Foren was publiziert - während man sich in Ungarn dafür interessiert, wer was über den anderen sagt. ... Manchmal habe ich das Gefühl, zwischen zwei Planeten zu pendeln."

nach oben

New York Magazine (USA) , 21.10.2012

Bild zum ArtikelEin sehr schönes Porträt schreibt Boris Kachka für das New York Magazine über Tom Wolfe, über dessen weiße Anzüge er sich anders als andere nicht lustig macht: Diese Anzüge, so Kachka, ermöglichen es Wolfe, überall als Fremdling aufzutreten, auch in besseren Kreisen, die sich mehr als alle anderen über Wolfes Stil mokieren. Mit seinem neuen Roman "Back to Blood" (Auszug) knüpft Wolfe an alte Erfolge an: "Lange bevor er Fiktion schrieb, erzählte er mal einem Interviewer, versuchte er sich Städte vorzustellen, indem er sich Stadtpläne anguckte und sie nach Bevölkerungsklassen sortierte. Miami mit seinem Little Havana und seinem Little Haiti, seinen jüdischen Rentnerburgen, den South Beach Penthouses, russischen Stripclubs und afroamerikanischen Ghettos war ein gefundenes Fressen. 'Back to Blood' ist Fiktion als Neukombination von Realität."

Außerdem im NY Mag: Ein Porträt Bob Benmosches, der den Versicherungskonzern AIG vor der großen Krise verlassen hatte und nun zurückberufen wurde, um den Laden, dem die amerikansiche Regierung mit weit über hundert Milliarden Dollar ausgeholfen hatte, zu sanieren. Und noch ein Porträt des 81-jährigen New Yorker Pizzabäcker Patsy Grimaldi, der ebenfalls ein Comeback feiert.

nach oben

Clarin (Argentinien) , 12.10.2012

Bild zum ArtikelAndrés Hax unterhält sich - bestens - mit dem amerikanischen Soziologen und Netztheoretiker Howard Rheingold: "Schwierig scheint mir, dass die zeitgenössischen Netzkritiker offenbar nicht begreifen, dass die Technikkritik selbst ihre Geschichte hat. Und trotzdem: Man sollte den Kritikern Aufmerksamkeit schenken. Dass die Leute dir ihrerseits so viel Aufmerksamkeit schenken, dass sie dich kritisieren, ist großartig. Die schlechten Seiten der Technik werden so auch immer deutlicher sichtbar. Je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir allerdings auch, dass die Menschen und ihre Werkzeuge sich ebenfalls entwickelt haben. Wir sind Menschen,weil wir Kommunikationswerkzeuge benutzen, um neue Arten zu organisieren, die Dinge zu erledigen. Das bedeutet Kultur. Und ich glaube, wir fangen gerade erst an, unsere Rolle bei der Gestaltung unserer Umwelt wie auch unserer selbst zu begreifen."

nach oben

The New Yorker (USA) , 29.10.2012

Bild zum ArtikelAdam Gopnik beschäftigt sich in einem längeren Essay mit zwei neuen Publikationen zur Geografiegeschichte, die derzeit eine Renaissance erlebe: Robert D. Kaplans eher vorausschauende Studie "The Revenge of Geography" (Random House) und das eher retrospektive Werk "Why Geography Matters: More Than Ever" (Oxford) von Harm de Blij. Interessant sind Kaplans Überlegungen zum Irak-Krieg, den er inzwischen als "Katastrophe" bezeichnet, auch weil man die Lage und Beschaffenheit des Landes nicht beachtet habe. "'Gebirge und die Menschen, die aus ihnen hervorgegangen sind, sind die erste Ordnung der Realität', schreibt Kaplan heute. Im Irak war es die Wüste, die uns zur Strecke gegbracht hat ... Er empfiehlt inzwischen einen geostrategischen Realismus, der Geschichte durch Geografie ersetzt. Denn selbst wenn Russland diesen Warmwasser-Hafen bekäme, den es angeblich will, würde sich nicht viel ändern: Es wäre immer noch flach und kalt dort und deprimierend, ein Russe zu sein. Unsere Sehnsüchte als Nation wurzeln ebenso wie unsere privaten Sehnsüchte in den unveränderlichen Besonderheiten unseres jeweiligen Geländes. Der Mogul, der davon träumt, ein Supermodel zu heiraten, ist selten zufrieden, sobald er es getan hat; er ist genau der Typus, der seine Frau höchstwahrscheinlich betrügt und sich eine andere sucht."

Weiteres: Nach einer ausführlichen Bilanzierung von Barack Obamas erster Amtszeit kommen die Herausgeber des New Yorker zu einem klaren Votum: "Die Wiederwahl von Barack Obama ist von größter Dringlichkeit." Anthony Lane sah im Kino die Science-Fiction-Verfilmung "Cloud Atlas" von Tom Tykwer und Andy Wachowski und die Komödie "Cheyenne - This Must Be The Place" von Paolo Sorrentino mit Sean Penn.

nach oben

MicroMega (Italien) , 18.10.2012

Bild zum ArtikelUmberto Eco erzählt in einem rhetorisch starken kleinen Artikel die Geschichte der Korrumpierung Mailands, das sich einst hochmütig von Rom abwandte und heute ebenso in Geschäfte mit der Mafia verstrickt ist wie der Süden: "Und so wurden wir, Skandal nach Skandal, mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Mailand zur Schwester Roms geworden war und Männer ins politische Spiel einführte, denen es allein um die persönliche Bereicherung ging. Auch jetzt noch dachten viele, dass Mailand nicht Palermo sei, eine Stadt der Unehrlichen zwar, aber doch nicht der Mafiosi. Aber nun ist uns die Rechnung auf den Tisch geflattert: Die mailändische Politik ist nicht nur mit der 'Ndrangheta verbandelt, sondern es stellt sich heraus, dass nicht die Politik die 'Ndrangheta benutzt, sondern die 'Ndrangheta die Politik, dass die Politik die Befehle ihrer Schergen annimmt, dass sie sich ihren Drohungen beugt. Sie glaubten, es den Römern nachzumachen und die Mafia für sich zu nutzen, aber ihnen fehlten die List der Römer und die Haare auf dem Bauch. Mailand, das keine Befehle vom räuberischen Rom annehmen wollte und die Süditaliener verachtete, folgt dem Abschaum des tiefen Südens aufs Wort."

Außerdem in Micromega: Pierfranco Pellizzetti erzählt in einem längeren Essay, wie die italienische Linke postmodern wurde.

nach oben

The New York Times (USA) , 21.10.2012

Bild zum ArtikelViele Afghanen mögen ja die Amerikaner nicht ausstehen können, aber die Iraner mögen sie auch nicht. Luke Mogelson reiste für das Magazine in den Südwesten Afghanistans, in die Provinz Nimruz, die an den Iran grenzt. Dort versucht er in einer ebenso mutigen wie - angesichts der verwickelten Verhältnisse - fast rührenden Reportage herauszubekommen, worauf die Feindschaft basiert. Es geht um Drogen, Wasser und Menschenschmuggel. Letzteren versucht der Iran seit einiger Zeit zu unterbinden. Doch da sind die Baluchis vor: "Vor einigen Jahren erklärte der Iran die Provinz an der Grenze zu Nimruz zur No-go-Area für Ausländer. Kurz darauf begann er eine 15 Fuß hohe Mauer zu errichten, die jetzt die Hälfte der 147 Meilen langen Grenze zu Nimruz entlang verläuft. Die iranische Grenzpolizei - in bemannten Wachtürme, alle in Sichtweite des jeweils nächsten - soll sich auch verändert haben. Es gibt immer mehr Berichte über Afghanen, die von den Beamten erschossen wurden, die sie vor nicht allzu langer Zeit noch freundlich durchwinkten. Die meisten dieser Geschichten können zwar nicht verifiziert werden, aber sie verstärken doch das Gefühl, dass die alte Straße zu einem neuen Leben jetzt versperrt ist. Heute müssen Migranten, die nach Nimruz kommen, zehn Stunden südlich nach Pakistan reisen und dort in den Iran wechseln. Die Reise steht auf drei Schmugglerbeinen: Afghanische Baluchis führen einen ein Stück des Wegs, pakistanische Baluchis führen einen ein Stück weiter, iranische Baluchis beenden den Job."

Dan Barry porträtiert in einer Serie Elyria, eine Kleinstadt mit 55.000 Einwohnern in Ohio, die den Niedergang der amerikanischen Mitte veranschaulicht. Die Fabrikjobs sind weg ebenso wie die dazugehörigen Managementjobs. Billige Dienstleistung bleibt. Barry stellt einige Einwohner vor und immer wenn man denkt, großartig, aber das wird jetzt doch etwas zu capramäßig reizend, kommt eine unbehagliche Geschichte etwa über den verwirrten schwarzen ex-Footballspieler Ike, der trotz seiner sportlichen Erfolge nie eine Chance bekam, aber dafür einen Baseballschläger auf den Kopf. Und man erinnert sich daran, warum Donna, die nette Besitzerin des Diners, die Highschool verlassen hat: "Donna zog ganz klar die Küche der Elyria High School vor, die sie zu groß fand - eine andere Ausdrucksweise für 'zu integriert'. Sie hatte den größten Teil ihres jungen Lebens in der weißen Blase des Bay Village geführt, 15 Kilometer nordöstlich, und nun war sie plötzlich in der City High School, die einen gesunden Anteil an schwarzen Studenten aufwies. Das ungewohnte schüchterte sie ein, so verließ sie die Schule. Sie wurde schwanger und heiratete mit 16. Auf den Hochzeitsfotos sehen sie und ihr Mann wie verkleidet aus." Die Serie hat fünf Teile: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und ist absolut filmtauglich.

nach oben

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Magazinrundschau

Alles sündig Freudvolle

11.04.2014. In der London Review of Books erklärt Seymour Hersh, warum die türkische Regierung für den Giftgaseinsatz in Syrien verantwortlich sein könnte. Nautilus beleuchtet die Geschichte und Zukunft des künstlichen Lichts. In Eurozine erklärt Karl Ove Knausgård, wie er schreibt und welche Bedeutung sein Lektor hat. Le Monde untersucht die Dynamik des Völkermords. Der New Yorker liest vegetarische Kochbücher. Mehr lesen

Allegorien der Liebe

04.04.2014. Die NYT entdeckt die französische Küche neu. Die LRB besucht Veronese. Eurozine dokumentiert die Gender-Diskussion in Polen. Der Merkur erzählt die Geschichte des weißen südafrikanischen Antiapartheidkämpfers Edward Vincent Swart. La vie des idées beobachtet die Rückkehr des biologischen Rassekonzepts. Vanity Fair bringt eine Reportage über die größte Privatarmee der Welt, die G4S. Mehr lesen

Poesie und Transzendenz

28.03.2014. Die Huffington Post begutachtet den Wahlerfolg des Front National in Frankreich. Im Guardian erklärt Chimamanda Ngozi Adichie den Unterschied zwischen westlichem und afrikanischem Sexismus. In Eurozine denkt Kenan Malik über sakrale Kunst nach. Die NYRB begibt sich auf Containerschifffahrt. Das TLS walkt eine Toga. Und der New Yorker fragt, was eigentlich bei der Belagerung von Waco 1993 schief ging. Mehr lesen

Als Denker befreit

21.03.2014. Walter Benjamin lebt - jedenfalls in Frankreich und den USA, melden Le Monde und der Chronicle. Der New Yorker präpariert die zersetzende Wirkung des Dekonstruktivismus am Beispiel Paul de Mans heraus. Im SZ Magazin singt der Videokünstler Matthew Barney ein Loblied auf den Widerstand. Elet es Irodalom hat ein Problem mit dem von der jüdischen Gemeinde Ungarns geplanten Haus des Zusammenlebens. Krieg ist kein Würzmittel für Mittelstandsgeschichten, knurrt The New Republic Lorrie Moore an. Mehr lesen

Das Land der sauberen Hände

14.03.2014. Mario Vargas Llosa erklärt in El País die Wut der Protestler in Venezuela. Der New Yorker rollt nach 40 Jahren den Mord an Kitty Genovese wieder auf. New Yorks Hipster werden von Darwin eingeholt, meldet Slate.fr: Anpassung ist die neue Abhebung. Marcel Ophüls erzählt in Les Inrocks, weshalb Spielfilme befriedigender sind als Dokumentationen. Und Men's Journal berichtet von Chinas boomendem Elfenbeinmarkt. Mehr lesen

Zurück in die Petrischale

07.03.2014. Elet es Irodalom muss hören, wie im ungarischen Radio die Demonstranten in Kiew als "Heckenschützen" und "Terroristen" beschrieben werden. Im Merkur empfiehlt András Bruck den ungarischen Liberalen etwas weniger Kultiviertheit. In der New York Review of Books stellt Timothy Snyder klar, dass Janukowitschs Oligarchen das reaktionäre Regime bildeten, vor dem die russische Propaganda so gern warnt. Slate begutachtet Vampire als Rockstars. In artechock geißelt Rüdiger Suchsland am Beispiel der Beltracchi-Doku das auf den Hund gekommene Selbst­ver­s­tändnis deutscher Kritiker. Mehr lesen

Anonymer, göttlicher Unbekannter

28.02.2014. In The Intercept erklärt Glenn Greenwald, wie die NSA gezielt den Ruf von Kritikern zerstört. La vie des idees betrachtet einen Fotoband über den stalinistischen Terror. The New Republic fühlt sich unwohler vor den Bildern der Futuristen. In Eurozine empfiehlt David Runciman eine Koordinierung der nationalen Wahlen in Europa. In der Boston Review erzählt der Journalist Uki Goñi, wie er mit einem Nonnenmörder die Nacht durchtanzte. Mehr lesen

Die Leute wollen Brot, Würde und Freiheit

21.02.2014. Keine Region hat unter Hitler und Stalin so schwer gelitten wie die Ukraine, erläutert Timothy Snyder in Télérama. Mac McClelland berichtet im Magazin der NYTimes aus einem türkischen Lager für syrische Flüchtlinge. In Guernica erklärt Masha Gessen, warum sie aus Russland ausgewandert ist. Nepszabadsag informiert über die Kontroverse über das ungarische Holocaust-Gedenkjahr. Und Chapati Mystery präsentiert pakistanischen Rap. Mehr lesen

Braten und Schnaps

14.02.2014. Bei edge.org schlägt Kevin Kelly Transparenz für alle vor, auch für die NSA. Die NYT schildert die letzten Tage Philip Seymour Hoffmans. Bei Eurozine beschreibt Volodymyr Yermolenko das Paradox im Herzen der ukrainischen Rebellion. Der New Statesman besucht eine Ausstellung über die Arbeiter-Spartakiade. Mediapart sucht 50 Millionen Euro von Gaddafi und findet sie bei Sarkozy. In Aeon philosophiert Aaron Ben-Zeev über die romantische Liebe. Mehr lesen

Ein zweiter Martini

07.02.2014. Berlinalebedingt kommt die Magschau ein bisschen später als sonst - pardon! In der LRB schildert die Historikerin Barbara Taylor die Zeitlosigkeit der Verzweiflung in psychiatrischen Krankenhäusern. In Nepszabadsag erklärt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, warum er die metaphorische Geografie von "Westen" und "Osten" ablehnt. in Eurozine begibt sich Stephan Ruß-Mohl auf die Suche nach der europäischen Öffentlichkeit, findet sie aber nicht. Die New Republic zerreißt Benjamin Britten, aber nicht ganz. Und Atlantic zieht am Männerbart. Mehr lesen

So etwas wie ein Wunderkind

31.01.2014. Washingtonian sucht den Mörder von Daniel Pearl. n+1 hört boeremusiek. Im Merkur macht Horst Meier kurzen Prozess mit dem Verfassungsschutz. In Vice erzählt Moe Tucker, wie sie das Trommeln lernte. Der Guardian schildert den Krieg Putins gegen die Moderne. Das New York Magazine trifft Chen Guangbiao, möglicherweise eines Tages Besitzer der New York Times. In Eurozine beharrt Jason Wilson darauf: Es gibt nicht für jedes Problem eine Lösung. Mehr lesen

Englishness ist eine Praxis

27.01.2014. In Elet es Irodalom protestieren 26 Historiker gegen ein geplantes Mahnmal, das an die deutsche Besatzung 1944 erinnern soll. Die LRB beobachtet anerkennend, wie sich die französischen Provinzstädte von Paris emanzipieren. Eurogamer erzählt, wie die Briten mit Monopoly den Zweiten Weltkrieg gewannen. Spiked überlegt, wann Pop das Zeitliche segnete. In der Paris Review erlebt David Cronenberg mit siebzig eine Verwandlung, wie sie Gregor Samsa auch nicht schlimmer widerfuhr. The New Republic lässt kein gutes Haar an Edward Snowden, Glenn Greenwald und Julian Assange. Mehr lesen

Die Scheuklappen der Historiker

14.01.2014. Bloomberg Businessweek erforscht die Welt der Bitcoins. Nationalismus ist Provinzialisierung, ruft Félix de Azúa in El Pais Semanal den katalanischen Politikern zu. Medium verliert sich in den eleganten Zeitlupenvideos Adam Magyars. Buchpreisbindung ist elitär, behauptet in Le Point der Schriftsteller Gaspard Koenig. Gentlemen's Quarterly sucht einen offenen Drogentunnel. In Guernica löst Ari Shavit den Nahostkonflikt in Minischritten. Und Vice erlebt eine Wiederauferstehung als Diamant. Mehr lesen

Der Geist kann tun und sein

07.01.2014. Medium liefert einen kleinen Einblick in die Folgen der Kameraüberwachung in Britannien. In französischen Magazinen kommentieren Pascale Bruckner und Bernard-Henri Levy das geplante Auftrittsverbot für den antisemitischen Komiker Dieudonné. Im Merkur denkt Ernst-Wilhelm Händler über Simmel und die Finanzmärkte nach. Das Boston Magazine untersucht die unrühmliche Rolle des MIT beim Tod von Aaron Swartz. In Commentary schreibt David Gelernter der Kognitionswissenschaft "Das Hirn ist kein Computer" ins Stammbuch. Cabinet feiert den Erfinder des Pfannkuchen-Make-ups, Max Factor. Mehr lesen

Es gibt nur Innen

16.12.2013. Der ukrainische Schriftsteller Mykola Rjabtschuk erklärt, warum derzeit nur die kriminelle Kaste von Europa profitiert. The New Republic liest ein Buch über die Dänen als rettende "Ausnahme". Al Ahram empfiehlt eine Re-Lektüre des Reformers Muhammad Abduh. Brooklyn Rail deutet die Zeichen in Katastrophenfilmen. Im Guardian fegt SF-Autor Brian Aldiss ein paar Spinnweben zur Seite. Das Wallstreet Journal erzählt die Geschichte der Lobotomie in den USA. Die New York Times zeigt Google eine lange Nase und navigiert mit OpenStreetMap. Mehr lesen

Gesamtes Archiv Magazinrundschau