Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Magazinrundschau

Keine Haare auf dem Bauch

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.

23.10.2012. National Geographic bewundert den Mut muslimischer Rebellenmädchen. Wittgenstein war ein ziemlicher Chauvi, erinnert sich Freeman Dyson in der NYRB. HVG möchte kein Talent mehr in Ungarn vergeudet sehen und plädiert für eine Frauenquote. Die LRB stellt beim Internet-Dating fest, dass ihr Körper mehr zählt als ihr Geist. Rue89 verlangt die Abschaffung der Subventionen für die Papierpresse. Das New York Magazine meldet ein Comeback der alten Männer - in der Literatur, der Wirtschaft und dem Pizza backen. In Clarin wünscht sich Howard Rheingold etwas mehr Geschichtsbewusstsein bei Netzkritikern. Die NYT reist nach Afghanistan und lernt die Baluchis kennen.

New York Review of Books (USA), 08.11.2012

Als Porträt-Galerie der wichtigsten modernen Philosophen empfiehlt der Physiker Freeman Dyson das Buch "Why Does the World Exist" von Jim Holt. Dyson berichtet sehr beeindruckt von den versammelten Materialisten und Idealisten, vor allem aber erinnert er sich an seine eigenen Begegnungen mit Wittgenstein in Cambridge 1946, bei denen seine Bewunderung einen vorübergehenden Dämpfer erfuhr: "Am Ende meiner Zeit in Cambridge brachte ich schließlich den Mut auf, ihn anzusprechen. Ich sagte ihm, wie gern ich seinen 'Tractatus' gelesen hätte, und wollte wissen, ob er noch immer der gleichen Ansicht sei wie vor 28 Jahren. Er schwieg eine Zeit lang und fragt dann: 'Von welcher Zeitung kommen Sie?' Ich erklärte ihm, dass ich Student, kein Journalist sei, aber er beantwortete meine Frage nie. Wittgensteins Reaktion war demütigend, aber seine Reaktion auf Frauen, die versuchten, seine Vorlesungen zu besuchen, war noch schlimmer. Wenn eine Frau im Hörsaal erschien, stand er solange schweigend da, bis sie den Saal verlassen hatte. Ich beschloss, dass er ein Scharlatan war, der sich unerhört benahm, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich hasste ihn für seine Grobheit."

"Dunkelheit legt sich über die arabische Welt": Das Autoren-Duo Hussein Agha and Robert Malley blickt ernüchtert auf die zunehmend unübersichtliche Lage im Nahen Osten, die bereits zu den unheiligsten Allianzen geführt hat (Irak und Iran auf der Seite Assads, Saudis mit Säkularisten und Salafisten gegen die Muslimbrüder). Ihr Ausblick: "Die Islamisten werden einen Handel vorschlagen: Im Austausch für ökonomische Hilfe und politische Unterstützung werden sie nicht bedrohen, was sie für die elementaren Interessen des Westens halten: regionale Stabilität, Israel, den Kampf gegen den Terror, Energielieferung. Keine Gefahr für die westliche Sicherheit. Kein Handelskrieg. Der Showdown mit dem jüdischen Staat kann warten. Der Fokus wird auf der langsamen, stetigen Gestaltung der islamischen Gesellschaften liegen. Amerika und Europa mögen ihre Bedenken über die innere Umgestaltung äußern, sogar Unmut. Aber sie werden drüber hinwegkommen."

In einem Dossier zu den nicht mehr fernen Präsidentschaftswahlen schätzen suchkundige Autoren wie Elizabeth Drew und Michael Tomasky (hier), Ronald Dworkin (hier), Kwame Anthony Appiah (hier), Steven Weinberg und Jeffrey Sachs (hier) die Lage ein.

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HVG (Ungarn), 13.10.2012

Ob eine gesetzlich verbindliche Frauenquote eingeführt werden soll, wird in den europäischen Ländern unterschiedlich bewertet. Ihre Gegner befürchten vor allem, dass sie zu einem dysfunktionalen System führen könnte, in dem nicht die Fähigkeiten, sondern das Geschlecht des Bewerbers entscheidet. Die ungarische Soziologin Beáta Nagy plädiert dennoch für die Quote: "Trotzdem benötigen wir eine Quote, weil ohne sie das Wissen und Talent der Frauen kontinuierlich vergeudet wird. Ein von Männern geführtes System, in dem die Frauen in den Hintergrund gedrängt werden und somit weder die Gleichberechtigung noch die Anerkennung der Leistungen zur Geltung kommt, ist unwürdig. Währenddessen gibt es unter den hochqualifizierten potenziellen Anwärtern auf einen Posten viel mehr Frauen als Männer. So ist neben dem Ideal der Leistungsorientierung die Effizienz der andere zentrale Aspekt: Man muss auch jenes Wissen und jene Annäherungsweise nutzen, über die die Frauen verfügen - wird die Gesellschaft allein von Männern geführt, bleibt das Wissen, die Erfahrungen und Sichtweisen einer Hälfte dieser Gesellschaft außen vor."

Archiv: HVG

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London Review of Books (UK), 25.10.2012

In den Tagebuchnotizen schildert Emily Witt ihre Erfahrungen mit einer Online-Dating-Börse, deren Dienste sie nicht aus Feldforschungsgründen, sondern aus reiner Not heraus in Anspruch nahm. Was sie dabei über sich selbst gelernt hat, ist alles andere als tröstlich: "Internet-Dating zerstörte meine Auffassung von mir selbst als jemanden, den ich sowohl kenne als auch mit Worten beschreiben kann. Es hatte einen ähnlich schädigenden Effekt auf meine Auffassung, dass andere Menschen sich selbst zu kennen und zu beschreiben in der Lage sind. Auch im Bereich der Psychologie hinterließ es mich irritiert. ... Internet-Dating machte mich auf die Tatsache aufmerksam, dass unsere Auffassungen von menschlichen Errungenschaften und Verhalten, das sich durch die aufgehäuften Texte in hunderten von Internet-Dating-Profilen ausdrückt, im wesentlichen alle gleich, damit langweilig und keine gute Art sind, andere Leute auf sich aufmerksam zu machen. Wie ich ebenfalls lernte, ist der Körper keine zweitrangige Angelegenheit. Der Verstand enthält nur wenige Wahrheiten, die der Körper nicht verrät."

Außerdem: Thomas Jones muss sich nach der Sichtung der aus dem Vatikan geleakten Dokumente ernsthaft fragen, ob der Klerus überhaupt noch zum Beten kommt: Es "entsteht der überwältigende Eindruck, dass der Vatikan regelrecht brodelt vor Vorschwörungen, Splittergruppen-Klüngel, Flügelkämpfen, Eigennutz-Denke, Bestechlichkeit und niederträchtigem Verrat." Thomas Powers porträtiert Jack Kerouac, über den dessen zeitweilige Freundin Joyce Johnson gerade eine Biografie veröffentlicht hat: Deren "wichtigste Entscheidung ist es, vor dem großen Unglück aufzuhören, um damit all die Schreibblockaden und Saufgelage und gescheiterten Beziehungen und Gesundheitsprobleme und die mitleiderregende Abhängigkeit von seiner Mutter den anderen Biografen zu überlassen." Jonathan Meades rauft sich die Haare über die gerade eingeweihte Bomber-Command-Gedenkstätte im Hyde Park. David Runciman liest das Occupy-Handbuch und Karl Miller schreibt einen persönlichen Nachruf auf Eric Hobsbawm.

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Twitterfeed der Verlage

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Rue89 (Frankreich), 19.10.2012

Auch in den französischen Medien wird im Moment heiß über Internetthemen debattiert. Da ist einerseits die Steuer, die man Google dafür auferlegen will, dass es auf Presseartikel verlinkt - eine Initiative, die ausdrücklich von der deutschen Idee eines Leistungsschutzrechts inspiriert ist (hier ein Artikel in Le Monde zum Thema). Und andererseits tobt eine Art Klassenkampf zwischen alten und neuen Medien um Staatsknete, ohne die in Frankreich kaum ein Wirtschaftszweig auskommt, schon gar nicht die Presse. Laurent Mauriac stellt in einem der neuen Medien, dem Blog rue89, ein "Manifest zur Neukonzeption des Pressesektors" vor, das vom Syndicat de la presse indépendante d'information en ligne, einem Verband der Online-Medien formuliert wurde. Und da wird erstmal die Abschaffung der Subventionen für die Papierpresse verlangt: Denn "entweder dienen diese Subventionen als permanenter Tropf, der es notleidenden Publikationen erlaubt mehr schlecht als recht zu überleben, ohne sich publizistisch und kommerziell zu erneuern. Oder sie sind ein warmer Regen, den man sich als Opportunist gerne abzweigt."

Archiv: Rue89

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New Statesman (UK), 22.10.2012

Der New Statesman hat bekanntlich Ai Weiwei gebeten, eine Ausgabe für ihn zu betreuen. Am besten gefällt uns seine Aktion "A little bird told me". Ai hat die Chinesen per Twitter gefragt, wie sie die Zukunft ihres Landes sehen. Die meisten der zitierten Antworten sind so pessimistisch wie die von Zhang Hali (@zhhl93): "Auf die chinesische Demokratie zu warten ist wie pinkeln zu müssen, während das eigene Haus brennt. Und es bleibt einem nichts übrig als auf einen Regenguss zu warten." Aber es gibt auch optimistische Statements wie das von Xiangfeng Ziyou Chui (@sun22382001) : "Kein Chinese hätte die Geburt von Twitter voraussagen können. Twitter und Weibo sind Gottesgeschenke für das chinesische Volk und werden die Aufklärung im Land vorantreiben. China wird dem Rest der Welt ebenbürtig und nicht mehr abseits stehen. Auch wenn der Weg steinig sein wird und viele Menschen schon aus China geflohen sind, werde ich bis zu meinem Tod bleiben."

Die Pakistanerin Mukhtar Mai, die 2002 entgegen aller Traditionen, die Männer angezeigt hatte, die sie vergewaltigt hatten, und die jetzt eine Mädchenschule führt, sieht im Interview trotz des Attentats von Taliban auf die 14jährige Schüleraktivistin Malala Yousafzai "große Hoffnung. Die Zukunft ist heller. Frauen haben eine Stimme. Sie nutzen sie, um in der Öffentlichkeit ihre Rechte einzufordern. Sogar ein Kind wie Malala hat die Courage, sich zu wehren. Es gibt Gefahren, aber gegenüber der Notwendigkeit etwas zu erreichen, sich auszudrücken, ist die Bedrohung klein. Wir müssen vorwärts gehen."

Außerdem: Sophie Elmhirst bringt uns in einem lesenswerten Porträt auf den neuesten Stand über Ai Weiwei, der selbst ein Editorial beisteuert. Online findet sich auf den Seiten des New Statesman überdies ein langes Porträt über die doppelte Booker-Prize-Trägerin Hilary Mantel.

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National Geographic (USA), 23.10.2012

Obwohl Kindsbräute kaum Hilfe bekommen, schaffen es einige, sich selbst zu helfen, schreibt Cynthia Gorney in einer bedrückenden Reportage aus dem Jahr 2011, die National Geographic jetzt - mit eindrucksvollen Fotos - online gestellt hat. Zum Beispiel die Jemenitin Nujood Ali, die mit zehn Jahren allein zu einem Gericht ging und die Scheidung von ihrem angeheirateten Vergewaltiger forderte: "Die Theorie des sozialen Wandels hat ein schickes Label für Persönlichkeiten wie Nujood Ali: Positive Abweichler. Das sind die Einzelnen innerhalb einer Gemeinschaft, die sich durch eine persönliche Kombination aus Umständen und Mut der Tradition widersetzen können und statt dessen etwas neues, vielleicht sogar radikales versuchen können. In der internationalen Kampagne gegen Kinderehen gibt es diese positiven Abweichler jetzt gelegentlich auch unter Müttern, Vätern, Großmüttern, Lehrern und so weiter, aber am tapfersten sind die Rebellenmädchen selbst, jede ihrer Aktionen löst neue Rebellionen aus. Im Jemen traf ich die 12jährige Reem, die ihre Scheidung wenige Monate nach Nujoods Alis erwirkte. Sie überzeugte einen feindlichen Richter, der behauptete, eine so junge Frau sei noch nicht reif genug, eine Entscheidung über Scheidung zu treffen. In Indien traf ich die 13jährige Sunil, die mit 11 Jahren ihren Eltern schwor, sie werde den ihr zugedachten Bräutigam ablehnen, wenn er ankomme. Wenn sie versuchten, sie zu zwingen, erklärte sie, würde sie sie bei der Polizei anzeigen und den Kopf ihres Vaters zerschmettern. 'Sie kam Hilfe suchend zu uns', erzählte mir ein bewundernder Nachbar. 'Sie sagte: Ich zertrümmere seinen Kopf mit einem Stein.'"

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Elet es Irodalom (Ungarn), 19.10.2012

Der ungarische Dirigent und Musikdirektor des Berliner Konzerthauses am Gendarmenmarkt Iván Fischer ist auch als Komponist international bekannt. Zu seinen Stücken zählen Kompositionen zu jiddischsprachigen Texten, darunter die Deutsch-Jiddische Kantate, in der u.a. Gedichte von Goethe, Rilke und Abraham Sutzkever verarbeitet werden und Fischer jener "Liebesbeziehung" ein Denkmal setzt, die die gebildeteren jüdischen Familien in Osteuropa mit der deutschen Kultur verband - auch nach dem Holocaust. Diese jiddischsprachigen Stücke, die bislang in sechs Ländern gespielt wurden, dürfen nach dem Willen von Iván Fischer in Ungarn nicht aufgeführt werden. Im Interview mit László J. Gy?ri erklärt er dieses Verbot damit, dass die Denkweise in Ungarn dafür noch nicht reif genug sei. Diese Einsicht habe ihm das Leben im westlichen Ausland vermittelt: "Ungarn wird von außen ganz anders gesehen als von innen. Das Land wird aus dem Ausland mit Zuneigung und Besorgnis beobachtet. Die Besorgnis gilt vor allem der Frage, wie Ungarn wettbewerbsfähig sein wird, ob und wie das Land seinen Mann stehen und Dinge produzieren kann, die in den Regalen des großen Supermarkts der Welt einen Platz finden. In Ungarn ist das unwesentlich, wichtiger ist die Frage, 'wer mit wem und mit wem nicht'. Im Ausland beispielsweise interessiert man sich dafür, wer unter den ungarischen Wissenschaftlern an internationalen wissenschaftlichen Foren was publiziert - während man sich in Ungarn dafür interessiert, wer was über den anderen sagt. ... Manchmal habe ich das Gefühl, zwischen zwei Planeten zu pendeln."

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New York Magazine (USA), 21.10.2012

Ein sehr schönes Porträt schreibt Boris Kachka für das New York Magazine über Tom Wolfe, über dessen weiße Anzüge er sich anders als andere nicht lustig macht: Diese Anzüge, so Kachka, ermöglichen es Wolfe, überall als Fremdling aufzutreten, auch in besseren Kreisen, die sich mehr als alle anderen über Wolfes Stil mokieren. Mit seinem neuen Roman "Back to Blood" (Auszug) knüpft Wolfe an alte Erfolge an: "Lange bevor er Fiktion schrieb, erzählte er mal einem Interviewer, versuchte er sich Städte vorzustellen, indem er sich Stadtpläne anguckte und sie nach Bevölkerungsklassen sortierte. Miami mit seinem Little Havana und seinem Little Haiti, seinen jüdischen Rentnerburgen, den South Beach Penthouses, russischen Stripclubs und afroamerikanischen Ghettos war ein gefundenes Fressen. 'Back to Blood' ist Fiktion als Neukombination von Realität."

Außerdem im NY Mag: Ein Porträt Bob Benmosches, der den Versicherungskonzern AIG vor der großen Krise verlassen hatte und nun zurückberufen wurde, um den Laden, dem die amerikansiche Regierung mit weit über hundert Milliarden Dollar ausgeholfen hatte, zu sanieren. Und noch ein Porträt des 81-jährigen New Yorker Pizzabäcker Patsy Grimaldi, der ebenfalls ein Comeback feiert.

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Clarin (Argentinien), 12.10.2012

Andrés Hax unterhält sich - bestens - mit dem amerikanischen Soziologen und Netztheoretiker Howard Rheingold: "Schwierig scheint mir, dass die zeitgenössischen Netzkritiker offenbar nicht begreifen, dass die Technikkritik selbst ihre Geschichte hat. Und trotzdem: Man sollte den Kritikern Aufmerksamkeit schenken. Dass die Leute dir ihrerseits so viel Aufmerksamkeit schenken, dass sie dich kritisieren, ist großartig. Die schlechten Seiten der Technik werden so auch immer deutlicher sichtbar. Je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir allerdings auch, dass die Menschen und ihre Werkzeuge sich ebenfalls entwickelt haben. Wir sind Menschen,weil wir Kommunikationswerkzeuge benutzen, um neue Arten zu organisieren, die Dinge zu erledigen. Das bedeutet Kultur. Und ich glaube, wir fangen gerade erst an, unsere Rolle bei der Gestaltung unserer Umwelt wie auch unserer selbst zu begreifen."

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New Yorker (USA), 29.10.2012

Adam Gopnik beschäftigt sich in einem längeren Essay mit zwei neuen Publikationen zur Geografiegeschichte, die derzeit eine Renaissance erlebe: Robert D. Kaplans eher vorausschauende Studie "The Revenge of Geography" (Random House) und das eher retrospektive Werk "Why Geography Matters: More Than Ever" (Oxford) von Harm de Blij. Interessant sind Kaplans Überlegungen zum Irak-Krieg, den er inzwischen als "Katastrophe" bezeichnet, auch weil man die Lage und Beschaffenheit des Landes nicht beachtet habe. "'Gebirge und die Menschen, die aus ihnen hervorgegangen sind, sind die erste Ordnung der Realität', schreibt Kaplan heute. Im Irak war es die Wüste, die uns zur Strecke gegbracht hat ... Er empfiehlt inzwischen einen geostrategischen Realismus, der Geschichte durch Geografie ersetzt. Denn selbst wenn Russland diesen Warmwasser-Hafen bekäme, den es angeblich will, würde sich nicht viel ändern: Es wäre immer noch flach und kalt dort und deprimierend, ein Russe zu sein. Unsere Sehnsüchte als Nation wurzeln ebenso wie unsere privaten Sehnsüchte in den unveränderlichen Besonderheiten unseres jeweiligen Geländes. Der Mogul, der davon träumt, ein Supermodel zu heiraten, ist selten zufrieden, sobald er es getan hat; er ist genau der Typus, der seine Frau höchstwahrscheinlich betrügt und sich eine andere sucht."

Weiteres: Nach einer ausführlichen Bilanzierung von Barack Obamas erster Amtszeit kommen die Herausgeber des New Yorker zu einem klaren Votum: "Die Wiederwahl von Barack Obama ist von größter Dringlichkeit." Anthony Lane sah im Kino die Science-Fiction-Verfilmung "Cloud Atlas" von Tom Tykwer und Andy Wachowski und die Komödie "Cheyenne - This Must Be The Place" von Paolo Sorrentino mit Sean Penn.

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MicroMega (Italien), 18.10.2012

Umberto Eco erzählt in einem rhetorisch starken kleinen Artikel die Geschichte der Korrumpierung Mailands, das sich einst hochmütig von Rom abwandte und heute ebenso in Geschäfte mit der Mafia verstrickt ist wie der Süden: "Und so wurden wir, Skandal nach Skandal, mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Mailand zur Schwester Roms geworden war und Männer ins politische Spiel einführte, denen es allein um die persönliche Bereicherung ging. Auch jetzt noch dachten viele, dass Mailand nicht Palermo sei, eine Stadt der Unehrlichen zwar, aber doch nicht der Mafiosi. Aber nun ist uns die Rechnung auf den Tisch geflattert: Die mailändische Politik ist nicht nur mit der 'Ndrangheta verbandelt, sondern es stellt sich heraus, dass nicht die Politik die 'Ndrangheta benutzt, sondern die 'Ndrangheta die Politik, dass die Politik die Befehle ihrer Schergen annimmt, dass sie sich ihren Drohungen beugt. Sie glaubten, es den Römern nachzumachen und die Mafia für sich zu nutzen, aber ihnen fehlten die List der Römer und die Haare auf dem Bauch. Mailand, das keine Befehle vom räuberischen Rom annehmen wollte und die Süditaliener verachtete, folgt dem Abschaum des tiefen Südens aufs Wort."

Außerdem in Micromega: Pierfranco Pellizzetti erzählt in einem längeren Essay, wie die italienische Linke postmodern wurde.

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New York Times (USA), 21.10.2012

Viele Afghanen mögen ja die Amerikaner nicht ausstehen können, aber die Iraner mögen sie auch nicht. Luke Mogelson reiste für das Magazine in den Südwesten Afghanistans, in die Provinz Nimruz, die an den Iran grenzt. Dort versucht er in einer ebenso mutigen wie - angesichts der verwickelten Verhältnisse - fast rührenden Reportage herauszubekommen, worauf die Feindschaft basiert. Es geht um Drogen, Wasser und Menschenschmuggel. Letzteren versucht der Iran seit einiger Zeit zu unterbinden. Doch da sind die Baluchis vor: "Vor einigen Jahren erklärte der Iran die Provinz an der Grenze zu Nimruz zur No-go-Area für Ausländer. Kurz darauf begann er eine 15 Fuß hohe Mauer zu errichten, die jetzt die Hälfte der 147 Meilen langen Grenze zu Nimruz entlang verläuft. Die iranische Grenzpolizei - in bemannten Wachtürme, alle in Sichtweite des jeweils nächsten - soll sich auch verändert haben. Es gibt immer mehr Berichte über Afghanen, die von den Beamten erschossen wurden, die sie vor nicht allzu langer Zeit noch freundlich durchwinkten. Die meisten dieser Geschichten können zwar nicht verifiziert werden, aber sie verstärken doch das Gefühl, dass die alte Straße zu einem neuen Leben jetzt versperrt ist. Heute müssen Migranten, die nach Nimruz kommen, zehn Stunden südlich nach Pakistan reisen und dort in den Iran wechseln. Die Reise steht auf drei Schmugglerbeinen: Afghanische Baluchis führen einen ein Stück des Wegs, pakistanische Baluchis führen einen ein Stück weiter, iranische Baluchis beenden den Job."

Dan Barry porträtiert in einer Serie Elyria, eine Kleinstadt mit 55.000 Einwohnern in Ohio, die den Niedergang der amerikanischen Mitte veranschaulicht. Die Fabrikjobs sind weg ebenso wie die dazugehörigen Managementjobs. Billige Dienstleistung bleibt. Barry stellt einige Einwohner vor und immer wenn man denkt, großartig, aber das wird jetzt doch etwas zu capramäßig reizend, kommt eine unbehagliche Geschichte etwa über den verwirrten schwarzen ex-Footballspieler Ike, der trotz seiner sportlichen Erfolge nie eine Chance bekam, aber dafür einen Baseballschläger auf den Kopf. Und man erinnert sich daran, warum Donna, die nette Besitzerin des Diners, die Highschool verlassen hat: "Donna zog ganz klar die Küche der Elyria High School vor, die sie zu groß fand - eine andere Ausdrucksweise für 'zu integriert'. Sie hatte den größten Teil ihres jungen Lebens in der weißen Blase des Bay Village geführt, 15 Kilometer nordöstlich, und nun war sie plötzlich in der City High School, die einen gesunden Anteil an schwarzen Studenten aufwies. Das ungewohnte schüchterte sie ein, so verließ sie die Schule. Sie wurde schwanger und heiratete mit 16. Auf den Hochzeitsfotos sehen sie und ihr Mann wie verkleidet aus." Die Serie hat fünf Teile: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und ist absolut filmtauglich.

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Archiv: Magazinrundschau

Allein die Schrift!

02.09.2014. Bloomberg Businessweek macht sich jung und guckt AwesomenessTV. Der Merkur staunt über die Textlastigkeit der Suhrkamp-Kultur. Das Chicago Magazine erinnert daran, wer zuerst Handys wollte: die Polizei. The Verge schildert den Titanenkampf zwischen Uber und Lyft. In HVG denkt Péter Esterházy über Kleinkariertheit nach. Die Poetry Foundation bewundert den "Emperor of Ice-Cream". Mehr lesen

Kompass des Bösen

26.08.2014. Im Spectator gibt der Historiker Tom Holland einen Einblick in die religiösen Vielfalt Mesopotamiens, die die Isis gerade zerstört. Vanity Fair erzählt die Geschichte der Madame Claude. Dawn stellt ein Buch über den muslimischen Zionismus in Pakistan vor. Kathrin Passig denkt in Funkkorrespondenz über die Nützlichkeit irrationaler Argumente nach. Die Public Domain Review erzählt, wie das Lachgas den Schriftstellern und Wissenschaftlern die Sprache verschlug. Das TLS liest eine neue Brecht-Biografie. Mehr lesen

Düster, aber gesund

19.08.2014. In Wired erklärt Edward Snowden, wie die besten Absichten direkt in die Hölle führen. Nepszabadsag fragt: Soll Imre Kertesz den selben Orden annehmen wie Göring? In Film Comment  will Alexander Sokurow dem Kino mit Literatur aus den Kinderschuhen helfen. Soziale Mobilität gibt es nicht, verkündet der Soziologe Jules Naudet in Les inrockuptibles. The Dissolve freut sich auf den Pepys aus Hollywood. Mehr lesen

Ein weiterer Pfannkuchen

12.08.2014. The Nation porträtiert Alessandro Spina, Chronist des Untergangs des italo-arabisch-ottomanischen Universums. Die London Review wird von einem Stalker verfolgt. Al Ahram fragt: Was wollen die Palästinenser? Im New York Magazine schildert Werner Herzog seine einzige Drogenerfahrung mit Marmelade von Popol Vuh. Bloomberg Businessweek erzählt, wie Tony Blair versuchte, Gaddafis Geld zu verwalten.
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Der Wille zur Jacht

04.08.2014. Telerama und der New Yorker suchen den Aufstieg über den krummen Pfad. Elet es Irodalom und das San Francisco Magazine freuen sich über die Demokratisierung der Kritik durch das Internet. Harper's Magazine beantwortet die Frage, ob James Joyce Syphilis hatte. MicroMega porträtiert den linken uruguayischen Staatspräsidenten Pepe Mujica als Franziskaner. Medium begleitet Obdachlose zu Tests für die Pharmaindustrie. Pitchfork feiert die Renaissance des Vinyl. Mehr lesen

Der Leser, den ich liebe

29.07.2014. The New Republic jagt einen Sturm namens William T. Vollmann. In der New York Review of Books lernt Jonathan Freedland von Ari Shavit, was linker Zionismus ist. Die London Review of Books porträtiert einen doppelt impotenten Alain Robbe-Grillet. Hairpin porträtiert eine Giftmörderin des 17. Jahrhunderts, die Marquise de Brinvilliers. Pacific Standard fragt: Was ist Ihre DNA wert? Der New Yorker sucht das weibliche Hirn bei Radikalfeministinnen und Trans-Frauen. Mehr lesen

Tutanchamun und der Teacher

22.07.2014. Wenn der Westen sich mit Palästina beschäftigt, beschäftigt er sich meist mit sich selbst, lernt The Nation. Der  spanische Schriftsteller Jorge Carrión besucht für El Pais Semanal die Welthauptstadt der Sekten. Der Guardian sammelt Stimmen schottische Autoren zum Referendum. The Humanist bewundert die neuen Formen Teju Coles. Die Huffington Post analysiert die wahre Identität der Techno-und Elektro-Szene in Paris. Wired verschickt seine Post demnächst nur noch mit Dark Mail. Mehr lesen

So viel Schönheit

15.07.2014. Der Globe and Mail stellt Larry, den Hummer vor. Der Pacific Standard porträtiert die "Organ-Detektivin" Nancy Scheper-Hughes. Fördert Truvada, die "morning-after"-Pille gegen HIV, heißen Sex unter Homosexuellen, fragt das New York Magazine. Die LRB hat wenig Hoffnung für den Irak, etwas mehr für in Brooklyn lebende Literaten. Der argentinische Autor Martín Caparrós besichtigt für El Pais Semanal den größten Tresorraum der Welt für die Superreichen. Selbst Thomas Piketty betrachtet die Ungleichheit durch die Brille des Westens, murrt Le monde diplomatique. Und die NYT betrachtet den Ebookmarkt according to Amazon. Mehr lesen

Spieler ohne Trainer

08.07.2014. Film Comment analysiert den Poliziotteschi, den italienischen Polizeithriller der 60er und 70er Jahre. In Repubblica wartet Roberto Saviano auf den Moment, an dem die Ndrangheta wieder zur Messe geht. Im Guardian feiert Zadie Smith die  eiskalte Präzision J. G. Ballards. Im New Yorker erinnert Héctor Tobar daran, wie vor vier Jahren  über 33 chilenischen Bergleuten die Erde einstürzte.  In Eurozine meint Thomas Piketty: Mehr Wettbewerb ist auch nicht die Lösung. Und die NYT ist froh, kein SEEBÖWE zu sein. Mehr lesen

Noch etwas Allzuwörtliches

01.07.2014. Osteuropa begutachtet die neue russische Kampfpropaganda. In Open Democracy erklärt Nadja Tolokonnikowa rechten und linken Anhängern Putins: Menschenrechte sollten nicht nur im Westen gelten. Der Merkur bittet, zwischen digitaler Literatur und Netzliteratur zu unterscheiden. Eurozine untersucht Film als Metapher. Die NYRB erklärt, warum die Stärkung von Konsumentenrechten eine Stärkung Amazons zur Folge hat. Atlantic denkt über Afghanistan nach Karzai nach. Und Tablet porträtiert BHL als homme d'honneur. Mehr lesen

Kritikimmuner Springteufel

24.06.2014. Der Hollywood Reporter porträtiert den schwedischen Regisseur Malik Bendjelloul, der vor wenigen Wochen Selbstmord beging. Der New Yorker zertrümmert die Diskontinuitätstheorie. Im Guardian erklärt Will Self den Verwandtschaftsgrad von neolithisch und neoliberal. In Valleywag erklärt Lawrence Lessig, warum Silicon Valley im Moment ein guter Bündnispartner ist. Der Rolling Stone bestaunt den Nipster. Wired sagt Servus zur Netzneutralität. Und die NYT fragt: Thirtysomethings, wollt ihr ewig bei euren Eltern leben? Mehr lesen

Das Gehirn in Technicolor

17.06.2014. La vie des idees fragt: Hat Musik eine Farbe? Ohne Gott keine universalen Werte, bescheinigt John Gray im New Statesman Kenan Malik. Tin House besucht den Special-Effects-Künstler Tom Savini. Die LRB feiert Polke, die NYRB feiert El Greco, der Howler feiert den Torwart. Der Guardian setzt den großen Säuferinnen der Literaturgeschichte ein Denkmal. Immerhin kann man es mit Drogen auch mit 90 Jahren noch zum Millionär bringen, erzählt die New York Times. Mehr lesen

Hack es durch

11.06.2014. William T. Vollmann feiert den irakischen Autor Hassan Blasim in Bookforum als Meister des außerordentlichen Grauens. In der Paris Review denkt Karl Ove Knausgaard beim Anblick eines Genicks an Mord. Den Guardian gruselt die Umsetzung sarrazinscher Eugenik in China. Eurozine beklagt den Verfall der brasilianischen Architektur. La vie des idees spielt um einen Job bei L'Oreal. Mehr lesen

Niemals peinlich

06.06.2014. Die NYRB überlegt, wer alles Schuld ist am wachsenden Terrorismus in Afghanistan. Im New Statesman erinnert John Gray an Maos Freunde in der akademischen Welt. Der New Yorker porträtiert den englischen Schriftsteller Edward St. Aubyn. Rue89 widmet sich den neuen Porn Studies. In der LARB beschuldigt Muhammad Idrees Ahmad Seymour Hersh, im Falle Syriens profaschistischer Propaganda aufgesessen zu sein. In Eurozine erklärt Peter Sloterdijk, warum es in Deutschland keine digitale Kompetenz gibt. Mehr lesen

Atonale Geschichtsschreibung

30.05.2014. Der New Yorker begibt sich unter die israelischen Expats in Berlin. Rue 89 denkt über Open Source in der Medizin nach. Bloomberg Businessweek hört "Stairway to Heaven" von Randy California. Der spanischsprachige Buchmarkt gehört den Deutschen, meldet die Revista Anfibia. Elet es Irodalom sucht nach der Zwölftontechnik der Geschichtsschreibung. Die New York Times sorgt sich um unseren von Hackern bedrohten Vagusnerv. Im Guardian erklärt der Juraprof Eben Moglen: Der Kampf gegen Massenüberwachung ist so legitim wie der Kampf gegen die Sklaverei. Mehr lesen

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