Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Magazinrundschau

Zu viel Reverenz

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.

16.10.2012. Der Verleger Colin Robinson schlägt 9,5 Thesen gegen Amazon an die Guardian-Wand. Gawker und Reddit streiten über das Recht auf Anonymität im Internet. In Outlook India erzählt Regisseur Karan Johar, welcher Schauspieler ihn ohnmächtig werden ließ. Der New Yorker rät ab vom Zugfahren in China. Armut gab's in Indien auch unter einer sozialistischen Regierung, erinnert sich Martha Nussbaum im TLS. Eurozine stellt die zwei armenischen Minderheiten in Ungarn vor. Elet es Irodalom feiert Peter Nadas. Rue 89 widmet sich dem Urheberschafts-Betrug.

Guardian (UK), 13.10.2012

Der Weg ins Himmelreich führt nicht über die Ablasszahlung an die Kirchenfürsten, das wusste schon Luther, meint der New Yorker Verleger Colin Robinson und schlägt seine eigenen Thesen gegen Amazon an die Wand: "Amazon hat den Verlagen eine Garrotte angelegt, es nutzt seine Marktmacht, um immer größere Rabatte von Verlagen zu verlangen, die im Gegenzug Preisnachlässe gewähren, um sich mehr Kunden zu sichern. Das ist nur möglich, weil der Behemoth ein direktes Verhältnis zu den Lesern hat. Um diesen Würgegriff aufzubrechen, müssen Verlage anfangen, direkt zu verkaufen. Die langfristigen Vorteile eines eigenen Kundenstamms, um zum vollen Preis zu verkaufen und die zusätzlichen Einnahmen ins Marketing zu leiten, werden die anfänglichen Unannehmlichkeiten wettmachen, die beim Umgehen des weltgrößten Buchhändlers auftreten können."

Jarvis Cocker ist ein so großer Beatles-Fan wie jeder, aber nachdem er ein Buch mit John Lennons gesammelten Einkaufslisten und Post-it-Zetteln gelesen hat, reicht es ihm. Diese ewige Rückschau noch auf die letzten Fitzel einer glorreichen Vergangenheit ist nicht hilfreich, meint er. "Warum war br**pop zum Scheitern verdammt? Viele Faktoren spielten eine Rolle, aber eine war sicherlich: zu viel Information. Zu viel Reverenz. Dieselben Klamotten tragen und dieselben Drogen nehmen, macht aus uns keine Beatles. Es macht uns fett und krank."

Außerdem huldigt Anne Enright der irischen Autorin Edna O'Brien, deren freizügigen Romane in den sechziger Jahren in Irland verboten wurden. Vorgestellt wird die Shortlist des Man-Booker-Preises.

nach oben

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.10.2012

Der ungarische Schriftsteller (und Fotograf) Péter Nádas ist am letzten Sonntag 70 Jahre alt geworden. Élet és irodalom hat (entsprechend der Zahl der von Nádas veröffentlichten Bücher) 27 Weggefährten gebeten, Texte in einer Länge von 70 Wörtern an und über den Autor zu schreiben. Der Essayist László F. Földényi würdigt Nádas mit den Worten: "Auf wen er seinen Blick richtet, der gerät unter eine Art Glasglocke. Aber auch das Chaos entfesselt er in ihm. So geht es zumindest mir mit ihm, bereits seit drei Jahrzehnten. Als würde sich das Leben um ihn herum kontinuierlich zu einem Roman formieren, zu dessen Figur auch ich geworden bin. Auch deshalb habe ich die 'Parallelgeschichten' regelrecht verschlungen; ich konnte nicht feststellen, wo die Grenze zwischen dem Leben und der Literatur verlief. Er vermint die Grundfesten der Existenz. Gleichzeitig wünscht er eine Ordnung um sich herum. Doch diese Ordnung vertieft sich, wenn man ihn liest, zu einem Abgrund."

Und der Dichter Gábor Schein schreibt: "'Die Abstufungen von Schwarz und Weiß enthüllen die aufgrund der Farben abhanden kommenden Verbindungen. Die Gegenstände harren, von ihren Farben losgelöst, auf eine Ausbreitung, eine Form', notierte ich einst bei der Betrachtung von Péter Nádas' Bildern. Wenn von ihnen die Rede ist, muss man über das Licht sprechen. Über das unerreichbare, von peripheren Punkten einbrechende Licht. Über die schauderhafte Grausamkeit, mit der er die Körper durchleuchtet, und über die Sätze, die das Licht absorbieren. Darüber, was Nádas anders kann als alle anderen, die bislang über den Menschen sprachen."

nach oben

Gawker (USA), 12.10.2012

In einer ausführlichen Reportage schildert Adrian Chen, wie es ihm gelungen ist, mit dem Reddit-User Violentacrez einen der umtriebigsten Trolle zu demaskieren, der für seine schäbigen und abstoßenden, aber nicht illegalen Aktionen berüchtigt ist. So hat er beispielsweise heimlich Frauen in der Öffentlichkeit fotografiert und Nahaufnahmen ihrer Brüste oder Hintern ins Netz gestellt. Bereits im Vorfeld hatte das communitybasierte Portal Reddit mit einer Gawker-Sperre auf den sich abzeichnenden Coup reagiert (mehr dazu hier), um damit seinen unbedingten "Free Speech"-Codex zu bekräftigen, den auch Violentacrez für sich beansprucht. Chen schreibt: "Ein Troll nutzt soziale Dynamiken ähnlich aus wie ein Computerhacker Sicherheitslöcher - und Violentacrez nutzte zur selben Zeit gleichermaßen die mächtige Empörungsmaschinerie und die Werte der freien Meinungsäußerung von Reddits Schwarmintelligenz aus. Es war dieses bis zum gewissen Grad mehrfach wiederholte Muster, das Violentacrez zu einem unwahrscheinlichen Helden von vielen der weißen, männlichen Geeks machte, die Reddit im Kern ausmachen. Violentacrez war für sie ein Verteidiger im Kampf gegen bevormundende Schullehrerinnen".

Beachtenswert sind in diesem Zusammenhang im übrigen auch die Kommentare unter dem Artikel, in denen unter anderem die Frage verhandelt wird, ob die Entanonymisierung einer Person, die Spannerfotos (creepshots) veröffentlicht, im Sinne dieser Kampagne eine legitime Form der Gegenwehr oder eine Grenzüberschreitung mit weitreichenden existenziellen Konsequenzen darstellt (so hat Violentacrez unter seinem Klarnamen bereits verlauten lassen, dass er mittlerweile seinen Job verloren hat. Das hat auch bei Gawker zu einer neuen Debatte geführt).

Anzeige

Twitterfeed der Verlage

nach oben

Buzzfeed (USA), 13.10.2012

Reddit-Mitbegründer Alexis Ohanian, der maßgeblich am Fehlschlag von SOPA (Stop Online Piracy Act) und PIPA (PROTECT IP Act) beteiligt war, engagiert sich weiter politisch für ein freies Internet. Die Seite ist mit ihren 42 Millionen unique visitors im Monat so groß, dass kürzlich sogar Barack Obama eine Stunde lang Fragen von Reddit-Usern beanwortete. Andererseits ist auf Reddit auch das bösartige Verhalten eines Violentacrez erlaubt, solange es nicht gegen das Gesetz verstößt. "Diese Philosophie wird allerdings immer schwieriger aufrecht zu erhalten sein, je prominenter die Seite bei einem breiten Pulikum wird", schreibt John Herrman in einem Porträt Ohanians. "Die Behauptung, dass /r/spacedicks, ein Forum voller unverschämter, beleidigender Kommentare und beschrifteter Fotos von Pornografie und Tiersex auf einer neutralen Plattform koexistieren könne mit einer nur wenige Klicks entfernten Frage-und-Antwort-Sitzung mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, ist logisch - aber nur in der strikt philosophischen Bedeutung des Wortes. Für jemanden, der noch nie von Reddit gehört hat, klingt das völlig unglaubhaft. Man kann sich leicht vorstellen, wie politische Gegner daraus ihre Vorteile ziehen."

Stichwörter: Barack Obama

nach oben

Rue89 (Frankreich), 14.10.2012

Alle schreiben über die Piraterie von Daten und Produkten, aber sein Gegenstück, der Urheberschafts-Betrug, wird fast nie thematisiert, wundert sich Pierre-Carl Langlais. Bei dieser Form des Betrugs behauptet man ein Urheberrecht an einem eigentlich frei zugänglichen Inhalt. Selbst angesehene Instititionen wie die französische Nationalbibliothek bedienten sich dieser fragwürdigen Praxis, was jedoch meist folgenlos bleibe. Besonders arg treibt es die Vereinigung der französischen Nationalmuseen: "Diese Institution versucht nicht nur, die Verbreitung zu beschränken, sondern tatsächlich das Urheberrecht zu privatisieren. So trägt eine Reproduktion der 'Mona Lisa' [auf der Website des Louvre] den Hinweis '© RMN-Grand Palais (Musee du Louvre) Michel Urtado', womit auf das Urheberrecht des Fotografen verwiesen wird. Sofern es sich jedoch um eine simple Wiedergabe ohne jegliches ästhetisches Zutun handelt, hat dieser Anspruch keinerlei Bedeutung - und wurde übrigens von der französischen Rechtssprechung auch immer bestritten."

nach oben

New Yorker (USA), 22.10.2012

Evan Osnos sieht in seinem Brief aus China das schwere Zugunglück, bei dem im Juli 2011 vierzig Menschen starben, als Symbol für die Schattenseite des chinesischen Booms, der sich in sagenhaftem Tempo vollzieht - und, weil politisch gewollt, vollziehen muss. "Skandale, welcher Art auch immer, sind zum Backbeat von Chinas Aufschwung geworden." Beim Bau von Bahnstrecken, fand Osnos heraus, sei nicht nur Bestechung, sondern auch kriminelle Energie am Werk: "Im November 2011 fand man einen ehemaligen Koch ohne jegliche Ingenieurserfahrung, der eine Hochgeschwindigkeitseisenbahnbrücke bauen sollte. Er setzte ungelernte Arbeiter ein, die Kies statt Zement ins Fundament kippten. In Bahnkreisen war diese Praxis immerhin verbreitet genug, um einen eigenen Begriff zu verdienen: touliang huanzhu - Träger klauen, um Pfeiler einzusetzen."

Weitere Artikel: David Sedaris denkt darüber nach, was ein Geschenk über den Schenkenden aussagt. James Wood widmet sich dem englischen Messbuch Book of Common Prayer von 1556, dessen Sprachkraft sich seinem Autor, dem Erzbischof von Canterbury Thomas Cranmer, verdankt, und in der englischen Literatur und Alltagskultur ihren Widerhall findet. Emily Nussbaum stellt die Sitcom "Parks and Recreation" vor.

Stichwörter: Sitcom, James Wood

nach oben

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 12.10.2012

Die argentinische Autorin María Sonia Cristoff erzählt in einem Brief aus Buenos Aires, wie sich ein Abendessen mit Freunden in einen Runden Tisch verwandelte über die Kasserolle als lexikalischen Begriff und die Cacerolazos als Protestwerkzeug in der jüngeren argentinischen Geschichte: "Heute muss ich wieder an dieses Essen und diese Diskussion vor ein paar Wochen denken, denn Mitte September hat es tatsächlich zum ersten Mal seit Jahren wieder einen richtig großen Cacerolazo in Argentinien gegeben; für den 8. November ist schon der nächste geplant. Die Diskussion am Esstisch ist offensichtlich in den öffentlichen Raum zurückgekehrt."

Kathrin Röggla denkt über die Vielflieger nach, die links und rechts von ihr im Flugzeug sitzen: "Einer ist unterwegs, um kleinen NGOs in Kirgisien die Welt zu erklären, die Schulbuchwelten zum Beispiel, die Grundschulwelten, die sie organisieren wollen top down und die sich doch kaum von den afghanischen Grundschulwelten unterscheiden werden, strukturell, oder? 'Parachuting for two days' - mit dem Fallschirm in die Stadt und wieder aus ihr raus, und schon steht die Schulbuchwelt. Oder, auf dem Platz daneben, die Tante mit ihren Grenzkontrollchips für Kambodscha. Damit die Locals einfacher zu ihren vietnamesischen Märkten können, oder war es umgekehrt? Die Locals, die uns begegnen und merkwürdig langsam geworden sind, während wir immer schneller werden."

Stichwörter: Kathrin Röggla

nach oben

Times Literary Supplement (UK), 12.10.2012

Anlässlich zweier Mumbai-Reportagen denkt die Philosophin Martha Nussbaum darüber nach, wie sich sinnvoll über Armut schreiben lässt. Katherine Boos "Behind the Beautiful Forevers" ("Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben") und Siddhartha Debbs "The Beautiful and the Damned" findet Nussbaum ausgesprochen kraftvoll erzählt. Sie vermisst jedoch bei beiden eine historische und ökonomische Analyse, um die entfachten Emotionen in "konstruktives politisches Handeln" zu kanalisieren: "Vielleicht ist am fatalsten, dass Boos Erzählung keinen Sinn für Geschichte hat und uns daher nicht einmal zu fragen erlaubt, was von diesem Elend Folge eines liberalisierten Marktes ist und was schon seit langer Zeit da ist. Man muss nur Rohinton Mistrys Roman 'Das Gleichgewicht der Welt' lesen, der in der Hochphase sozialistischer Planwirtschaft spielt, um herauszufinden, dass die meisten der von Boo ausgemachten Nöte - allgegenwärtige Korruption, die Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber den Slumbewohnern, das regelmäßige Niederreißen der Slum, das enorme Scheitern der Bildungspolitik - schon vor fünfunddreißig Jahren unter dem Sozialismus in Mumbais Slums vorherrschten, wobei unter Indira Gandhis diktatorischer Herrschaft noch einige Schrecken dazu kamen, wie etwa die Zwangssterilisation der Armen."

Stichwörter: Martha Nussbaum

nach oben

Magyar Narancs (Ungarn), 20.09.2012

Nachdem die ungarische Regierung von Viktor Orbán zuerst die Wahlkreise umgekrempelt und dann das Wahlsystem geändert hat, um ihre Chancen zu einer Wiederwahl zu verbessern, wurde kürzlich auch ein neues Wahldurchführungsgesetz auf den Weg gebracht, das die Wahlberechtigung an eine vorherige Registrierung knüpft. Damit wird jedem, der sich nicht registriert, sein demokratisches Grundrecht auf eine Partizipation für vier Jahre entzogen. Die Registrierung selbst wird außerdem durch allerlei bürokratische Hindernisse erschwert. Die liberale Wochenzeitung  Magyar Narancs hofft, dass diese bodenlose Unverschämtheit auch bisher Gleichgültige im In- und Ausland wachrütteln wird: "Dass eine Partei bzw. deren Führer mitten in der Legislaturperiode die Spielregeln der Wahlen eigenmächtig, entscheidend und ausschließlich gemäß den Interessen seiner Partei ändert, müsste allein schon Grund genug dafür sein, dass ein sich als Demokrat bezeichnender Bürger seine Stimme nie wieder für diese abgibt. Für eine vorherige Registration gibt es keinen, aber wirklich keinen Grund - außer, die ungarischen Wähler nach gesellschaftlichem Status und politischer Einstellung auszusortieren."

nach oben

Outlook India (Indien), 22.10.2012

Zum 70., beziehungsweise 80. Geburtstag würdigt Bollywood-Regisseur Karan Johar die beiden zentralen Größen Amitabh Bachchan und Yash Chopra, die Johar seit seinen eigenen Kindheitstagen kennt, mit einem sehr persönlichen Text, in dem man viel über den fast gottgleichen Status erfahren kann, den große Bollywood-Stars in Indien genießen: "Ich war ein Nervenbündel, als ich Onkel Amit für meinen zweiten Film, 'Sometimes Happy, Sometimes Sad', vor der Kamera hatte. Ich wurde ohnmächtig am Set, ich musste mich ganz auf meine Choreografin Farah Khan verlassen. Es war schwierig, mich mit der Tatsache zu arrangieren, dass ich Herrn Bachchan Anweisungen gab. Die Leute denken, dass man sich an die Stars gewöhnt, wenn man in der Industrie tätig ist. Dass es keine große Sache ist, wenn man erstmal drin ist. Jedoch, das Gegenteil ist der Fall: die Sache ist eine umso größere. Da man die Mechanismen kennt, ist man sich der Position des Stars und dessen, was ihn zum Phänomen macht, noch um einiges deutlicher bewusst. Für mich war es eine außerkörperliche Erfahrung, zu Onkel Amit 'Action' und 'Cut' zu rufen." Kein Wunder, Bachchan war und ist schließlich der "Don":


nach oben

Telerama (Frankreich), 13.10.2012

Valerie Lehoux berichtet über die nicht immer redlichen Praktiken, mit denen Radiomacher, die nicht nur durch Videokanäle wie YouTube unter Druck geraten sind, ihre Playlists zusammenstellen. Demnach muss man sich vom Mythos, dieser Berufszweig entscheide nach Hören und Qualität, endgültig verabschieden. So gibt es neben den diversen Druckmitteln, mit denen die Plattenindustrie darüber mitentscheidet, was gespielt wird oder nicht, "noch eine weitere Form, die einen mit den Zähnen knirschen lässt: die Co-Ausnutzung. Das Prinzip ist überall das gleiche: Ein Radiosender beschließt, über seine Playlist und rabattierte Werbung einen Sänger zu unterstützen; im Gegenzug erhält er dafür Prozente am Plattenverkauf, häufig mit einem garantierten Minimum. Das heißt: Je öfter ein Sender einen Titel spielt, desto mehr verhilft er ihm zum Verkauf und desto größer sind seine Chancen, Geld zu machen."

Stichwörter: Geld

nach oben

Economist (UK), 13.10.2012

Weder die Indifferenz der Romney-Rechten gegenüber sozialen Missständen, noch die Steuererhöhungen der Obama-Linken für Wohlhabende und Reiche sind dafür geeignet, in Krisenzeiten auf globaler Ebene ökonomisches Wachstum bei gleichzeitiger Eindämmung von Wohlstandsscheren zu erzielen, stellt der Economist fest. Sein Lösungsvorschlag als Synthese beider politischen Lager: "True Progressivism" nach dem Vorbild der wirtschaftlichen Blütezeit der USA kurz vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: "Die Priorität sollte in einem Roosevelt'schen Angriff auf Monopole und Kapitalinteressen liegen, ob es sich dabei nun um staatseigene Unternehmen in China oder um große Banken an der Wall Street handelt. ... Dann sollten die öffentlichen Mittel gezielt für die Armen und Jungen aufgebracht werden. ... Größter Reformbedarf herrscht dabei in den Wohlfahrtsstaaten der reichen Welt. Angesichts deren alternden Gesellschaften können die Regierungen nicht darauf hoffen, für die Alten weniger ausgeben zu müssen, doch sie können die Geschwindigkeit dieser Kostensteigerung drücken - etwa, indem sie das Renteneintrittsalter dramatisch höher ansetzen oder indem sie die Absicherung bedürfnisorientierter gestalten. ... Und zuletzt: Steuerreformen, die nicht die Reichen bestrafen, sondern Geld effizienter und fortschrittlicher einholen."

Unterfüttert wird das Plädoyer durch diesen ausführlichen Hintergrundartikel. Hier erfährt man, dass der "True Progressivism" derzeit am ehesten in den Ökonomien der Schwellenländer reift, wohingegen in den USA noch viel Arbeit zu leisten ist (wobei Obama hier nur minimal besser dasteht als Romney). Ein weiterer Artikel blickt unterdessen in die Geschichte der politischen Manöver zur Moderation gesellschaftlicher Missstände.

Stichwörter: Geld

nach oben

New Statesman (UK), 15.10.2012

Auch Experimente haben ihre Grenzen, konstatiert Comic-Ikone Chris Ware, der im Interview mit Alex Hern über seine "Building Stories" spricht. Ein Teil von ihnen erschien zuerst als Tablet-App (mehr hier) für Dave Eggers Magazin McSweeney's: "Ich fand die Vorstellung richtig aufregend, Zeichnungen in etwas Tastbares zu verwandeln und die Vorteile dieser neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen. Ich schrieb darüber, wie physische Berührung in einer Beziehung von Zuneigung in Aggression übergehen kann. Zugleich hatte (und habe) ich große Bedenken gegenüber der Idee, den Comic in ein Medium zu übertragen, das ganze Filme genauso leicht abspielt wie einzelne Bilder... Ich fühle mich nicht wohl dabei, Geld für etwas Immaterielles zu verlangen, und auch wenn ich den Strip extra so entwarf, dass man ihn berühren und manipulieren konnte wie die Figuren, von denen er erzählt, ziehe ich grundsätzlich das Solide vor, Papier, die unplugged Version, die man auch noch in fünf Jahren lesen kann, was ich bei der E-Pub-Version bezweifeln würde."

Stichwörter: Dave Eggers, Geld

nach oben

Eurozine (Österreich), 10.10.2012

Es gibt zwei verschiedene armenische Minderheiten in Ungarn, lernen wir aus einem Artikel von Kinga Kali in den Acta Ethnographica Hungarica (auf Englisch in Eurozine), die sogenannten Ungarn-Armenier und die sogenannten Ostarmenier. Erstere kamen schon um 1700 nach Ungarn und Transsylvanien (heute Rumänien). Sie assimilierten sich und sprechen heute Ungarisch. Die anderen kamen erst nach dem türkischen Genozid um 1915. Administrativ sind beide Minderheiten zu einer Gruppe zusammengefasst, sie können sich allerdings gegenseitig nicht riechen: "Die Ungarn-Armenier unterhalten engere Beziehungen zu den Ungarn-Armeniern aus Transsylvanien als mit Armeniern aus der Türkei, Armenien oder gar Berg-Karabach, Syrien oder Libanon, die in der selben Stadt leben mögen aber erst nach dem Genozid ankamen und noch Armenisch sprechen."

Stichwörter: Armenien

nach oben

Vanity Fair (USA), 01.11.2012

Bei einem Ausflug mit seinem älteren Bruder geht der zehnjährige Saroo Munshi Khan in einem indischen Zug verloren. Saroo, der weder den Namen seines Heimatdorfes noch seinen eigenen Nachnamen weiß, landet in einem Kinderheim in Kalkutta und wird schließlich von einem Ehepaar aus Tasmanien adoptiert. David Kushner erzählt die bewegende Geschichte, wie sich Saroo zwanzig Jahre später mit Hilfe von Google Earth daran macht, seine Familie wiederzufinden: "Ihm wurde klar, dass er seine Suche systematisieren musste. Wenn er am frühen Abend im Zug eingeschlafen und am nächsten Morgen in Kalkutta angekommen war, müssen wohl etwa 12 Stunden vergangen sein. Wenn er wüsste, wie schnell der Zug gefahren ist, könnte er die ungefähre Strecke ausrechnen. Aus dem auf diese Weise entstandenen Ring ließen sich wiederum Gegenden ausschließen, in denen nicht Hindi gesprochen wurde, oder in denen kaltes Klima herrschte."

Außerdem: Joshua Hammer berichtet ausführlich über die Kunstfälscher Wolfgang und Helene Beltracchi. Ebenfalls online ist ein Auszug aus Mark Bowdens Buch über das Attentat auf Osama bin Laden.

nach oben

Drucken | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Magazinrundschau

Dieser Ahhhhhhh-Moment

16.09.2014. In El Pais Semanal erklärt Javier Cercas, warum Katalonien nicht Schottland ist. Im Guardian lehnt Howard Jacobson den totalen Sieg im Diskurs ab. Mehr erhabene Kunst fordert in Nepszabadsag der neue Direktor der Budapester Kunsthalle. Der New Statesman porträtiert den Bürger als Kriegsberichterstatter. The Atlantic besucht einen afghanischen Jungen, der ein Mädchen ist. Die Hudson Review trauert mit Berlioz um Hamlet. Der New Yorker sucht Wonder Women. Mehr lesen

Maoistische Synthese der Oppositionen

11.09.2014. Diese Woche war die Magazinrundschau so riesig, dass wir sie geteilt haben. Heute also der zweite Teil mit einem sehr lesenswerten Artikel von Assaf Sharon in der NYRB über die verfehlte Politik Netanjahus. Bookforum stellt eine Geschichte Gazas vor. Im Guardian gerät AL Kennedy über einen goldenen Ferrari ins Grübeln. In Eurozine beschreibt der Soziologe Boris Dubin die Machtlosigkeit der russischen Gesellschaft. Und das New York Magazine stellt die CEO Martine Rothblatt vor, die ihre Ehefrau als Computer hat nachbauen lassen. Mehr lesen

Zentrum und Peripherie

09.09.2014. Die London Review besucht die Ostukraine und stellt fest: alles Übel begann auf der Krim. Im Mittelweg 36 streitet Reinhard Merkel das ab: die Krim hat die Seperation doch gewählt. Die Blätter machen die Lösegeldzahlungen der EU verantwortlich für den Gewaltmarkt im Nahen Osten. Das Schreibheft erinnert an den Lyriker Uwe Greßmann. Pitchfork und Telerama trauern den analogen Zeiten nach. Und der New Yorker fragt, warum ein Arbeiter bei McDonalds so wenig verdient, dass er auf staatliche Essensmarken angewiesen ist. Mehr lesen

Allein die Schrift!

02.09.2014. Bloomberg Businessweek macht sich jung und guckt AwesomenessTV. Der Merkur staunt über die Textlastigkeit der Suhrkamp-Kultur. Das Chicago Magazine erinnert daran, wer zuerst Handys wollte: die Polizei. The Verge schildert den Titanenkampf zwischen Uber und Lyft. In HVG denkt Péter Esterházy über Kleinkariertheit nach. Die Poetry Foundation bewundert den "Emperor of Ice-Cream". Mehr lesen

Kompass des Bösen

26.08.2014. Im Spectator gibt der Historiker Tom Holland einen Einblick in die religiösen Vielfalt Mesopotamiens, die die Isis gerade zerstört. Vanity Fair erzählt die Geschichte der Madame Claude. Dawn stellt ein Buch über den muslimischen Zionismus in Pakistan vor. Kathrin Passig denkt in Funkkorrespondenz über die Nützlichkeit irrationaler Argumente nach. Die Public Domain Review erzählt, wie das Lachgas den Schriftstellern und Wissenschaftlern die Sprache verschlug. Das TLS liest eine neue Brecht-Biografie. Mehr lesen

Düster, aber gesund

19.08.2014. In Wired erklärt Edward Snowden, wie die besten Absichten direkt in die Hölle führen. Nepszabadsag fragt: Soll Imre Kertesz den selben Orden annehmen wie Göring? In Film Comment  will Alexander Sokurow dem Kino mit Literatur aus den Kinderschuhen helfen. Soziale Mobilität gibt es nicht, verkündet der Soziologe Jules Naudet in Les inrockuptibles. The Dissolve freut sich auf den Pepys aus Hollywood. Mehr lesen

Ein weiterer Pfannkuchen

12.08.2014. The Nation porträtiert Alessandro Spina, Chronist des Untergangs des italo-arabisch-ottomanischen Universums. Die London Review wird von einem Stalker verfolgt. Al Ahram fragt: Was wollen die Palästinenser? Im New York Magazine schildert Werner Herzog seine einzige Drogenerfahrung mit Marmelade von Popol Vuh. Bloomberg Businessweek erzählt, wie Tony Blair versuchte, Gaddafis Geld zu verwalten.
Mehr lesen

Der Wille zur Jacht

04.08.2014. Telerama und der New Yorker suchen den Aufstieg über den krummen Pfad. Elet es Irodalom und das San Francisco Magazine freuen sich über die Demokratisierung der Kritik durch das Internet. Harper's Magazine beantwortet die Frage, ob James Joyce Syphilis hatte. MicroMega porträtiert den linken uruguayischen Staatspräsidenten Pepe Mujica als Franziskaner. Medium begleitet Obdachlose zu Tests für die Pharmaindustrie. Pitchfork feiert die Renaissance des Vinyl. Mehr lesen

Der Leser, den ich liebe

29.07.2014. The New Republic jagt einen Sturm namens William T. Vollmann. In der New York Review of Books lernt Jonathan Freedland von Ari Shavit, was linker Zionismus ist. Die London Review of Books porträtiert einen doppelt impotenten Alain Robbe-Grillet. Hairpin porträtiert eine Giftmörderin des 17. Jahrhunderts, die Marquise de Brinvilliers. Pacific Standard fragt: Was ist Ihre DNA wert? Der New Yorker sucht das weibliche Hirn bei Radikalfeministinnen und Trans-Frauen. Mehr lesen

Tutanchamun und der Teacher

22.07.2014. Wenn der Westen sich mit Palästina beschäftigt, beschäftigt er sich meist mit sich selbst, lernt The Nation. Der  spanische Schriftsteller Jorge Carrión besucht für El Pais Semanal die Welthauptstadt der Sekten. Der Guardian sammelt Stimmen schottische Autoren zum Referendum. The Humanist bewundert die neuen Formen Teju Coles. Die Huffington Post analysiert die wahre Identität der Techno-und Elektro-Szene in Paris. Wired verschickt seine Post demnächst nur noch mit Dark Mail. Mehr lesen

So viel Schönheit

15.07.2014. Der Globe and Mail stellt Larry, den Hummer vor. Der Pacific Standard porträtiert die "Organ-Detektivin" Nancy Scheper-Hughes. Fördert Truvada, die "morning-after"-Pille gegen HIV, heißen Sex unter Homosexuellen, fragt das New York Magazine. Die LRB hat wenig Hoffnung für den Irak, etwas mehr für in Brooklyn lebende Literaten. Der argentinische Autor Martín Caparrós besichtigt für El Pais Semanal den größten Tresorraum der Welt für die Superreichen. Selbst Thomas Piketty betrachtet die Ungleichheit durch die Brille des Westens, murrt Le monde diplomatique. Und die NYT betrachtet den Ebookmarkt according to Amazon. Mehr lesen

Spieler ohne Trainer

08.07.2014. Film Comment analysiert den Poliziotteschi, den italienischen Polizeithriller der 60er und 70er Jahre. In Repubblica wartet Roberto Saviano auf den Moment, an dem die Ndrangheta wieder zur Messe geht. Im Guardian feiert Zadie Smith die  eiskalte Präzision J. G. Ballards. Im New Yorker erinnert Héctor Tobar daran, wie vor vier Jahren  über 33 chilenischen Bergleuten die Erde einstürzte.  In Eurozine meint Thomas Piketty: Mehr Wettbewerb ist auch nicht die Lösung. Und die NYT ist froh, kein SEEBÖWE zu sein. Mehr lesen

Noch etwas Allzuwörtliches

01.07.2014. Osteuropa begutachtet die neue russische Kampfpropaganda. In Open Democracy erklärt Nadja Tolokonnikowa rechten und linken Anhängern Putins: Menschenrechte sollten nicht nur im Westen gelten. Der Merkur bittet, zwischen digitaler Literatur und Netzliteratur zu unterscheiden. Eurozine untersucht Film als Metapher. Die NYRB erklärt, warum die Stärkung von Konsumentenrechten eine Stärkung Amazons zur Folge hat. Atlantic denkt über Afghanistan nach Karzai nach. Und Tablet porträtiert BHL als homme d'honneur. Mehr lesen

Kritikimmuner Springteufel

24.06.2014. Der Hollywood Reporter porträtiert den schwedischen Regisseur Malik Bendjelloul, der vor wenigen Wochen Selbstmord beging. Der New Yorker zertrümmert die Diskontinuitätstheorie. Im Guardian erklärt Will Self den Verwandtschaftsgrad von neolithisch und neoliberal. In Valleywag erklärt Lawrence Lessig, warum Silicon Valley im Moment ein guter Bündnispartner ist. Der Rolling Stone bestaunt den Nipster. Wired sagt Servus zur Netzneutralität. Und die NYT fragt: Thirtysomethings, wollt ihr ewig bei euren Eltern leben? Mehr lesen

Das Gehirn in Technicolor

17.06.2014. La vie des idees fragt: Hat Musik eine Farbe? Ohne Gott keine universalen Werte, bescheinigt John Gray im New Statesman Kenan Malik. Tin House besucht den Special-Effects-Künstler Tom Savini. Die LRB feiert Polke, die NYRB feiert El Greco, der Howler feiert den Torwart. Der Guardian setzt den großen Säuferinnen der Literaturgeschichte ein Denkmal. Immerhin kann man es mit Drogen auch mit 90 Jahren noch zum Millionär bringen, erzählt die New York Times. Mehr lesen

Gesamtes Archiv Magazinrundschau