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Bücherschau der Woche

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Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Magazinrundschau

War er in Vietnam? Hat er Krebs?

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.

11.09.2012. Im TLS denkt Gabriel Josipovici darüber nach, warum man Kafka so leicht missversteht. In Nepszabadsag ermuntert Ákos Szilágyi die ungarische Zivilgesellschaft mit AugustinusAl Ahram setzt sich der Kunst zuliebe den Ratten aus. In der NYRB fordert George Soros: Deutsche raus aus dem Euro. Slate.fr stellt klar: das Netz ist nicht Vichy. Sozialstaat gibt's bald nur noch in Asien, meint der Economist. Der New Statesman lernt die vegasmäßige Definition von unfair. In der NYT bewundert Zadie Smith, wie Jay-Z die Welt schwarz malt.

Times Literary Supplement (UK), 07.09.2012

Zu schnell, zu ungeduldig sind die meisten Autoren, wenn sie Kafka interpretieren, meint der Autor und Literaturprofessor Gabriel Josipovici in einem sehr kritischen Artikel zu einer Reihe von Neuerscheinungen zum Werk Kafkas. Wie man vorgehen sollte, veranschaulicht ihm Ute Dengers in ihrem Essay über Kafkas Skizze "Zerstreutes Hinausschaun": "Sie zeigt, wie vorsichtig und mit welch feinem Gehör Kafka Sprache benutzte. Das Stück erzählt von einem 'wir', einem 'man', das zum Fenster geht und hinausschaut, während die Sonne nach einem grauen Tag untergeht, sieht, wie sie das Gesicht eines kleinen Mädchens erhellt, 'das so geht und sich umschaut', dann sieht man den Schatten eines Mannes auf ihr, der sie überholt. 'Dann ist der Mann schon vorübergegangen und das Gesicht des Kindes ist ganz hell', endet der Text. Der Mann, schlägt Degner vor, 'verkörpert den linearen Leser, der den Text rasch überfliegt; das Mädchen folgt einem ruhigeren Lesemodell' - lässt den Geist wandern, so wie wir den unseren über der Geschichte schweben lassen, Spiegelungen und Übereinstimmungen bemerken und keine schnellen Schlüsse ziehen."

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Nepszabadsag (Ungarn), 02.09.2012

Als "politische Asketen" hat der ungarische Soziologe Lajos Leopold vor über 100 Jahren jene Menschen bezeichnet, die sich - aus Feigheit, Bequemlichkeit oder moralischen Gründen - von der "dreckigen" Politik fernhalten. Der Dichter und Literaturwissenschaftler Ákos Szilágyi hält das - ausgerechnet in der heutigen Zeit zunehmender Politikverdrossenheit - für den falschen Weg. Denn gerade wenn die Politik am tiefsten sinkt, meint er, ist die Zivilgesellschaft, sind Gewerkschaften und andere Bürgerinitiativen gefordert. Doch gerade sie scheinen heute zu schweigen:  "Entweder haben sie sich im Prozess der Wende nicht herausbilden können oder sie sind gerade im Begriff, vor der Politik zu fliehen. Anstatt durchzuhalten, weichen sie zurück. Die politische Askese ist also nicht so sehr eine vornehme Distanz zur dreckigen Politik, als vielmehr eine Flucht vor dem gemeinsamen Auftrag: Ein sich Drücken vor dem Kampf um die ungarische Demokratie. Dabei können wir die gemeinsame Sache nicht aufgeben, ohne dabei uns selbst, unsere Selbstachtung und unser bisheriges Leben aufzugeben. Augustinus liegt richtig, wenn er behauptet, dass jede Flucht ein Werk des Teufels ist. Wer im Kampf ermüdet und seinen Mut verliert, gibt dieser Versuchung nach: Er lässt den Teufel herein. In unserem Fall ist dieser Teufel der Teufel der Macht: Die Tyrannei."

In einem Nebenzweig der obigen Debatte hatte der Historiker Gábor Gyáni die Meinung geäußert, dass die "Aufnahme" des Holocausts in den Kreis der Traumata der ungarischen Nation, in dem jetzt das so genannte Trianon-Syndrom das vorherrschende Trauma ist und alles andere überlagert, noch lange auf sich warten lassen wird (mehr dazu hier). Ignác Romsics ist in dieser Frage optimistischer: "Ich halte die zeitgemäße Erneuerung des auf tragische Weise unterbrochenen und anschließend entgleisten liberalen und integrativen Modells der Nationbildung ganz und gar nicht für hoffnungslos. Deren detaillierte Konzipierung und Durchführung ist die Aufgabe der ungarischen geistigen Elite. Wenn die intellektuellen Meinungsmacher in der Lage wären, einen wohl durchdachten und historisch nuancierten Sprachgebrauch auszuarbeiten, der die Traumata bewusst beim Namen nennt und diese miteinander in einen interpretatorischen Zusammenhang stellt und der ... nicht die Elemente betonen würde, die uns voneinander trennen, sondern jene, die uns miteinander verbinden - dies wäre ein Beispiel, das mit der Zeit den überwiegenden Teil der Gesellschaft überzeugen könnte. In der so durchdachten und gestalteten nationalen Erinnerung könnte jede historische Unbill, Niederlage und Schuld den Platz erhalten, der ihr gebührt. Sowohl Trianon als auch der Holocaust."

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Prospect (UK), 03.08.2012

Nach den Skandalen bei der Stimmenauszählung in Florida im Jahr 2000, könnte der Bundesstaat auch bei dieser Präsidentenwahl wieder wahlentscheidend sein oder gar Schlagzeilen machen, fürchtet Diane Roberts. Hintergrund ist ein von Republikanern verschärftes Wahlgesetz, das die im Zuge der Erfahrungen aus dem Jahr 2000 eingeführten Liberalisierungen weitgehend zurückgenommen hat. "Sobald das Gesetz im Mai [2011] in Kraft getreten war, ging die Zahl der neuen Wahlregistrierungen stark zurück. Obwohl die Einwohnerzahl Floridas in den vergangenen vier Jahren gestiegen ist, ist die Zahl der Leute, die sich für eine Wahlkarte eingetragen haben, ohne die sie ihre Stimme nicht abgeben können, um 81.000 gesunken. Diverse Rechtsgruppen legten Klage ein. Ein verärgert klingender Richter, der einen Großteil des Gesetzes für ungültig erklärte, kommentierte: 'Wenn es das Ziel ist, die Leute von dem für die Wahlregistrierung nötigen Amtsweg abzuhalten und es damit neuen Wählern zu erschweren, sich zu registrieren, so scheint hierfür ein erfolgreicher Weg gefunden. Ansonsten gibt es wenig Grund für solche Auflagen.' Unglücklicherweise erlaubt es jener Teil des Gesetzes, den der Richter nicht annulliert hat, dem Staat, eine frühe Stimmabgabe auszuschließen. Zuvor war es möglich, seine Stimme schon zwei Wochen vor dem Wahltag beim Gericht zu hinterlegen. Diese Periode wurde nun auf acht Tage beschränkt."

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Al Ahram Weekly (Ägypten), 06.09.2012

Eins steht fest: an der miserablen Situation der ägyptischen Theater hat die Revolution bisher nichts geändert, notiert eine wütende Nehad Selaiha nach dem Besuch des Stücks "Madad Ya Shikanara!", einer Koproduktion des Jugendstaatstheaters mit dem Al-Samer Kulturpalast Ensemble: "Obwohl die Show gut war, die Wahl des Veranstaltungsorts, wenn man ihn so nennen kann, war schmerzhaft ironisch. Hier waren zwei große, Theater spielende Staatsorganisationen, die ihre Kräfte für eine wertvolle Initiative bündelten, und der einzige Raum, den sie dafür finden konnten, war dieses felsige, rattenverseuchte, ummauerte Stück Ödland. Das allein spricht Bände über den schrecklichen Theaterraummangel in Ägypten und die jahrzehntelange kriminelle Vernachlässigung der Infrastruktur für Theater."

Außerdem: Mai Samih besucht einen Workshop für creative writing der britischen Autorin Linda Cleary in Kairo.  Der Islamist ist immer zu 100 Prozent überzeugt, dass er Recht hat, meint der Jurist und politische Berater Tarek Heggy. Schon deshalb könne man mit ihm keinen modernen Staat aufbauen. Und Gamil Matar erklärt Ägyptens Präsident Mursi, der gerade heftig den Iran kritisiert hatte, am Beispiel der Amerikaner, warum man besser nicht Außenpolitik mit Religion vermischt.

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New York Review of Books (USA), 27.09.2012

Deutschlands Euro-Politik, meint George Soros, führt im günstigsten Fall nur zu Depression, politischen Konflikten und sozialen Spannungen, im schlechteren Fall zum Zerfall der Europäischen Union: "Je später dies passiert, umso schlimmer werden letztendlich die Folgen. Dies ist so eine bedrückende Aussicht, dass es an der Zeit Alternativen in Betracht zu ziehen, die noch vor kurzen undenkbar gewesen wären. Meiner Einschätzung nach wäre es das beste, Deutschland dazu zu bringen, sich zu entscheiden: ein wohlmeinenderer Hegemon zu werden, also eine führende Nation, oder den Euro verlassen. Mit anderen Worten: Deutschland muss führen oder gehen."

In die blödeste Biologismus-Falle getappt sieht Zoe Heller Naomi Wolf mit ihrer Vagina-Biografie, in der sie nicht nur die direkte Verbindung von Vagina und Gehirn offenlegt, sondern auch unser Leben in der Savanne bemüht, um die kosmische Bedeutung der Vagina zu erklären - und des vaginalen Orgasmus: "Eine glückliche heterosexuelle Vagina braucht, um das Offensichtliche auszusprechen, einen zeugungskräftigen Mann."

Außerdem: Joyce Carol Oates lobt Zadie Smith' neuen London-Roman "NW" als "düsteres und nuanciertes Portät einer multiethnischen Kultur in den letzten Zügen vor dem kollektiven Nervenzusammenbruch". Und Sue Halpern entnimmt einer Reihe von Neuerscheinungen, dass Kriminelle und Mafiosi längst die Hackerszene gekapert haben.

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Elet es Irodalom (Ungarn), 07.09.2012

Kürzlich hat Ungarn den im Jahre 2006 wegen Mordes an einem Armenier zu lebenslanger Haft verurteilten Aserbaidschaner Ramil Safarow an seine Heimat ausgeliefert und damit einen handfesten internationalen Skandal ausgelöst. Denn Safarow wurde, anders als von der ungarischen Seite angenommen, nach seiner Ankunft in Baku begnadigt und als Held gefeiert - Armenien ist schockiert. Der Auslieferung vorausgegangen war ein Gipfeltreffen zwischen Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán und dem aserbaidschanischen Staatschef Ilham Alijew, der den Kauf ungarischer Staatsanleihen durch den staatlichen Erdölfonds Aserbaidschans im Wert von bis zu drei Milliarden Euro in Aussicht gestellt hatte. Für den Journalist János Széky zeigen diese Verhandlungen, dass der ungarischen Führung inzwischen jedes Mittel recht ist, die Schulden des Landes zu finanzieren, ohne den Bedingungen westlicher Geldgebern wie EU und IWF nachkommen zu müssen. "Wie konnte die ungarische politische Kaste innerhalb von 23 Jahren so tief sinken?" fragt sich Széky und gibt dem Nationalismus die Schuld: "Viktor Orbán hat nicht nur keine Ahnung von den beiden wichtigsten Themen der Regierungsarbeit, nämlich von der Wirtschaft und der Außenpolitik - vielmehr ist alles, was im modernen Zeitalter und unter demokratischen Umständen zur Aufsicht dieser beiden Bereiche notwendig ist, seinem Wesen völlig fremd: Dass er nämlich mit den Interessen und Überzeugungen anderer, unabhängiger wirtschaftlicher Akteure oder Länder rechnen sollte. Überhaupt, dass er rechnen sollte! Der Nationalismus macht dies überflüssig, denn in seinen Augen existieren allein unsere Interessen, nur diese werden verletzt (und zwar konstant, was für eine Ungerechtigkeit!), nur diese müssen durchgesetzt werden, und wenn es nicht gelingt, ist die Welt dran schuld. Orban ... führt das Land in eine wirtschaftliche Katastrophe und in eine demütigende internationale Isolation. Der heutige ungarische Nationalismus ist äußerst unpatriotisch."

Stichwörter: Armenien

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London Review of Books (UK), 13.09.2012

In einem nur online veröffentlichten, sehr wütenden Text schreibt sich Eliot Weinberger seine ganze Abscheu vor Mitt Romney von der Seele: "Sein Wahlkampfnarrativ (...) sollte simpel sein: 'Die Wirtschaft ist ein einziges Durcheinander, es braucht einen erfolgreichen Geschäftsmann, um aufzuräumen!' Dass die Demokraten sich irgendwann dafür interessieren würden, wie genau er zu seinen 250 Millionen Dollar gekommen ist, schien ihm nie einzufallen. Die Amerikaner bewundern Mega-Kapitalisten, die tatsächlich etwas zustande bringen - man denke an die Kanonisierung des Heiligen Steve Jobs trotz aller umstrittener Fabriken in Asien - doch Mitt, wie häufiger herausgestellt wurde, ist bloß Gordon Gecko [aus Oliver Stones "Wall Street"], ein Meister des Universums der fremdfinanzierten Übernahmen. Gewöhnliche Sterbliche haben ihre liebe Not zu verstehen, wie das funktioniert, doch sie können die Ergebnisse sehen: Die geschlossenen Fabriken, zehntausende Arbeitslose, das Protzen mit dem Wohlstand, die berühmte Fotografie von Mitt und den Bain-Kapitalisten, die sich für das Posieren 20-Dollarscheine in Mund und Ohren gestopft haben. Niemand, noch nicht einmal die Experten, können sich sein byzantinisches System zur Steuervermeidung erklären."

Weiteres: Rosemary Hill besucht die renovierte William Morris Gallery in Walthamstow. James Meek rauft sich gehörig die Haare über die von der Thatcher-Regierung auf den Weg gebrachte Privatisierung der britischen Stromnetze, die sich nun in der Hand von deutschen und französischen Konzernen befinden. Jeremy Harding macht sich Sorgen um Francois Hollande. Marina Warner ist sehr fasziniert von thailändischen Tempelstatuen, die die Leiden in der Hölle darstellen. Peter Pomerantsev schreibt Tagebuch in der russischen Community New Yorks. Und Colm Tóibín liest Mario Vargas Llosas Roman "Der Traum des Kelten".

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Slate.fr (Frankreich), 06.09.2012

Titiou Lecoq sammelt die größten Sottisen französischer Politiker, Journalisten und Respektspersonen gegen das Internet (Alain Finkielkraut: "das Internet ist ein Abfalleimer der Information") und nimmt sie dann auseinander. Dafür bestätigt sich ihr das "Godwin-Gesetz", wonach in jeder Diskussion, je länger sie dauert, der Nazivergleich kommen wird. "Sie gehen von der falschen Annahme aus, dass die Anonymität im Netz total sei und kommen von dort aus auf die Idee, dass das Netz mit dem Vichy-Regime zu vergleichen sei. Dieser Vergleich ist besonders abstoßend: Die Denunziationsbriefe unter Pétain konnten einen ins KZ bringen. Nein, Patrick Sébastien, Philippe Val und Luc Ferry, Sie werden nicht in Auschwitz landen, weil irgendwer im Netz Sie als großes Arschloch bezeichnet hat. Und man wird Bloggern, die unter Pseudo schreiben nun auch nicht gleich die Haare scheren."

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New York Magazine (USA), 09.09.2012

Lane Brown spricht mit einigen Schauspielern aus Mad Men, die irgendwann erfahren mussten, dass sie in der Serie abgesetzt werden. Aber das Leben ist voller Überraschungen. Paul Kinsey etwa, der in den ersten Staffeln durch eine Liebesgeschichte mit einer schwarzen Frau auffällt, kommt nach einigen Staffeln wieder. Frage: "Paul, Sie kommen als Hare Krishna wieder. Haben die Ihnen das wenigsten erzählt, bervor Sie an den Drehort kamen?" Kinsey: "Naja, ein bisschen wusste ich, weil mir die Proudzenten gesagt hatte, dass ich meine Haare abrasieren soll. Aber dann waren sie doch wieder vage. Ich fragte mich: 'War er in Vietnam? Hat er Krebs?'" Frage: "Bis zu welchem Grade herrscht Geheimhaltung?" Kinsey: "Schon was von der CIA gehört? Die sind Waisenknaben dagegen."

Stichwörter: Krebs

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Magyar Narancs (Ungarn), 23.08.2012

Unlängst hat András Gerö seinem Historikerkollegen  Ignác Romsics vorgeworfen (mehr dazu hier auf Ungarisch), seine Beschreibungen der historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Ungarn ließen eine antisemitische Lesart zu. (Dabei geht es um den Umgang mit der Tatsache, dass etwa zwei Drittel der Kommissare der ungarischen Räterepublik von 1919 jüdischer Herkunft waren, weshalb der Kommunismus von vielen Ungarn bis heute als eine "jüdische Sache" und der darauf folgende Antisemitismus der Horthy-Ära als "nachvollziehbare Folge" betrachtet werden; nach eben diesem Muster wird die Tätigkeit vieler Holocaust-Überlebender in der kommunistischen Regierung nach 1945 als "jüdische Rache" angesehen.) Im Gespräch mit Magyar Narancs frläutert Gerö seine Kritik: "Antisemitismus kann ... auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen funktionieren: er hat eine derbere, offen judenfeindliche und auch eine verfeinerte, ästhetisierende Erscheinungsform. Romsics bedient sich von Zeit zu Zeit einer gemäßigten, elaborierteren Form der Darstellung. Der intellektuelle Rahmen, in den er die (nach welchen Kriterien auch immer definierten) Juden stellt, führt früher oder später zu antisemitischen Interpretationen. Um bei dem Beispiel der Räterepublik zu bleiben: Wenn er in einem geschichtlich destruktiven Prozess allein bei den Juden auf die Herkunft hinweist, dann fällt aufgrund dieser Erzählweise die gesamte Schuld auf sie zurück. (..,) Die Geschichtswissenschaft ist sich bis heute nicht bewusst, dass die Erforschung der Geschichte nur zu 50 Prozent aus Quellen besteht. Um mindestens 50 Prozent geht es dabei auch um Sprache. (...) Wenn wir an den Punkt gelangen, dass es zu einer offen diskutierten Frage wird, wann zum Beispiel die jüdische Herkunft relevant ist und wann nicht, dann haben wir bereits einen riesigen Schritt nach vorn getan."

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Economist (UK), 08.09.2012

Die Geschwindigkeit, mit der in Asien derzeit Sozialstaatstrukturen entstehen, lässt den Economist geradezu ins Schwindeln geraten: "Betrachtet man die Renteneinführung im Deutschland der 1880er Jahre als Beginn und Großbritanniens Begründung des Nationalen Gesundheitsdiensts im Jahr 1948 als Gipfel der Entwicklung, dauerte die Entwicklung der europäischen Sozialstaaten über ein halbes Jahrhundert. Einige asiatische Länder werden dafür eine Dekade benötigen. Wenn sie es falsch angehen, insbesondere durch unleistbare Versprechungen, könnten sie damit die dynamischste Wirtschaft der Welt ruinieren. Doch wenn sie leistbare Sicherheitsnetze schaffen, verbessern sie damit nicht nur das Leben ihrer eigenen Bürger, sondern könnten selbst eine Vorbildfunktion einnehmen. In einer Zeit, in der die Regierungen der reichen Welt dabei versagen, ihre Staaten neu zu gestalten, um mit einer alternden Bevölkerung und klaffenden Budgetdefiziten umzugehen, könnte dies ein weiterer Bereich sein, in dem Asien dem Westen zuvorkommt." Siehe dazu ausführlicher auch diesen Artikel.

Außerdem wird eine Studie vorgestellt, die mittels Infrarot-Technologie den Einfluss von Dirigenten auf die Leistungen eines Orchesters ermittelt hat. In Großbritannien wappnet man sich mit Stimmungsmache gegen ausländische Studenten für den kommenden Wahlkampf, erfährt man hier.

Stichwörter: Wahlkampf

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Atlantic (USA), 06.09.2012

Mächtig beeindruckt berichtet Alexis C. Madrigal von einem Besuch bei Google Maps, wo inzwischen innerhalb von zwei Wochen mehr Daten organisiert werden als Google im ganzen Jahr 2006 zur Verfügung hatte - und das schließt nicht aus, dass Kreuzungen nach Nutzerbeschwerden von Hand neu gezeichnet werden. Madrigal sieht in diesen Daten womöglich den größten Vorteil Googles gegenüber dem größten Konzern der Welt - Apple: "Nicht nur um ihrer selbst willen, sondern weil Ortungsdaten alles, was Google tut, wertvoller machen. Oder, wie mein Freund und Science-Fiction-Autor Robin Sloane es mir sagte: 'Ich bleibe dabei, dass dies Google Kerngeschäft ist. In 50 Jahren wird Google die self-driving car company sein, ermöglicht durch die tiefe Detailkenntnis in den Karten. Und, ach ja, eine Suchmaschine wird es auch noch irgendwo haben."

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New Statesman (UK), 10.09.2012

Der britische Autor David Flusfeder spielt professionelles Poker in Las Vegas. Er erzählt von seinen Erfahrungen und zeichnet nebenbei ein etwas anderes Bild der Stadt, die GQ letzte Woche "500.000 Dollar die Nacht"-Partystadt beschrieben hatte: "Vor fünf Jahren war Las Vegas die am schnellsten wachsende Stadt der Vereinigten Staaten, mit einer Arbeitslosenquote von 4,7 Prozent. Heute liegt die Arbeitslosenquote bei über 12 Prozent. Die Kriminalitätsrate ist hoch und steigt weiter. In diesem Jahr rechnet man mit 130 Totschlagsdelikten und 16.500 Gewalttaten - das ist zweieinhalb mal so hoch wie der nationale Durchschnitt. Die größte anti-Kriminalitätsinitiative der Polizei, die ich im Juli dort gesehen habe, war das harte Durchgreifen gegen Hausierer, die ohne Lizenz Flaschen mit Trinkwasser verkaufen. Sie gehören zum normalen Straßenbild wie die mexikanischen Familien, die Anzeigenzettel für erotische Dienste auf dem Las Vegas Boulevard verteilen und die Touristen, die in der Wüstenhitze über den Strip latschen, sind dankbar. Aber, wie das Las Vegas Review-Journal über eine Familie berichtete, die von Sicherheitskräften des Planet Hollywood verwarnt worden war, 'Delores Smith, 20, erkennt, dass es unfair ist gegenüber den überteuerten lizensierten Geschäften, wenn sie und ihre Cousins Wasser für einen Dollar verkaufen'. Das ist ein interessanter und sehr vegasmäßiger Gebrauch des Wortes 'unfair'."

Rachel Halliburton porträtiert den syrischen Cartoonisten Ali Ferzat, den Schergen Assads letztes Jahr brutal verprügelt und beide Hände gebrochen haben. Heute lebt Assad vorwiegend in Kuwait, Halliburton traf ihn anlässlich einer Ausstellung in London, wo er ihr erzählte, warum seine Karikaturen seit dem Aufstand keine Typen, sondern Individuen darstellen. Assad zum Beispiel: "Einige Monate, bevor der Aufstand anfing, fühlte ich, dass die Dinge sich schneller bewegten. Ich musste diese Veränderung festhalten, ohne lange nach einer Symbolik dafür suchen zu können. Aber ich wollte mich auch von der Angst freimachen, ihn persönlich zu porträtieren. Nicht zuletzt, weil die Revolution genau jetzt Karikaturen brauchte, die die Leute bei den Protesten tragen konnten, die sie auf der Straße hochhalten konnten. Ich habe immer wieder Demonstranten in ganz Syrien gesehen, die meine Karikaturen tragen. Und ich bin stolz darauf."

Und: Laurie Penny ("The vagina can monologue, but it takes a cunt to throw a brick through a window.") und Helen Lewis ("mystic woo woo to the froo froo") nehmen Naomi Wolfs "Vagina"-Biografie auseinander.

Stichwörter: David Flusfeder, Wasser

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New York Times (USA), 06.09.2012

Zadie Smith trifft sich für's T-Magazine der NYT mit Jaz-Z auf ein Sandwich und versucht, die erstaunliche Entwicklung des aus eher kleinen Verhältnissen stammenden Rappers zu einem der erfolgreichsten Musikunternehmer unserer Zeit zu ergründen. Bei allem aufdringlich zur Schau gestellten Reichtum hat er doch seine Herkunft aus unterprivilegierten Verhältnissen nicht vergessen, meint sie, im Gegenteil: das Großtun ist seine Art, diese Verhältnisse umzudrehen: "Auf [dem zusammen mit Kanye West aufgenommenen Album] 'Watch the Throne' feiern zwei Männer ihren Ausbruch aus dem Kreislauf der Negierung. Es malt die Welt schwarz: schwarze Bar Mitzwas, schwarze Autos, Gemälde von schwarzen Mädchen im MoMA, alles schwarz. Als ob es möglich wäre, mit einem einzigen Album Jahrtausende von negativer Konnotierung rückgängig zu machen. Schwarz nicht länger als Schatten oder Kehrseite oder Gegenteil einer Sache, sondern als die Sache selbst." (Hier ein Auftritt der beiden bei Victoria's Secret Fashion Show 2011.)

Stichwörter: Zadie Smith

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Archiv: Magazinrundschau

Raum für ein paar härtere Fragen

20.10.2014. Nicht das Virus, sondern das katastrophale Gesundheitswesen in Liberia ist schuld an Ebola, schreibt Harvard-Experte Paul Farmer in der LRB. Micromega verortet Papst Franziskus zwischen Sein und Schein. Vice betreibt die Archäologie des Northern Soul. In Quietus verlangt Teju Cole mehr Gehör für Nigeria. Télérama schüttet die Gräben zwischen den Generationen zu. Wenn Hector Abad mit nur einer einzigen Website auf eine einsame Insel surfen dürfte, dann wäre das die Wikipedia, erklärt er in El Espectador. Mehr lesen

Wie mit weißer Tinte geschrieben

14.10.2014. Drei amerikanische Medien sehen schwarz in Afrika: Die Newsweek überprüft George Clooneys Engagement für den Südsudan. Der New Yorker schildert die von Frankreich gerade so gestoppte Selbstzerfleischung der Zentralafrikanischen Republik. In der New Republic bezweifelt Martha Nussbaum den Sinn westlichen Engagements. Ungarische Magazine beschreiben, wie Intellektuelle sich vom Regime glattschleifen lassen. Im New Statesman unterhält sich Grayson Perry mit Martin Amis. Télérama widmet sich der krisenhaften Beziehung von Truffaut und Godard. Mehr lesen

Sex ist Komödie

07.10.2014. Der New Yorker begleitet die Müllmänner von Kairo. Nepszabadsag fragt, warum die EU einen Mann zum Bildungskommissar ernennen will, der in Ungarn die Medien kastriert hat. In Perfil erzählt Martin Kohan, warum die Vergangenheit nichts Unverrückbares ist. In Slate.fr erklärt Luc Dardenne, warum seine Filme mehr Intuition als Moral haben. Das New York Magazine lässt Drohnen fliegen. Der Mars ist die Grenze, ruft Elon Musk in Aeon. Mehr lesen

Silber unter das Blau

30.09.2014. Vice erzählt, wie die internationale Frauenbrigade Al-Khansa-Brigade des IS die Frauen im syrischen Raqqa inspiziert. Der New Yorker schildert, wie geschickt die Kurden für einen eigenen Staat kämpfen. Außerdem bewundert er die Schattierungen von Blau des Malers Chris Ofili auf Trinidad. Fortune stellt die ENIAC-Frauen vor, die das Programmieren erfanden. Bloomberg erzählt, warum die USA längst ein Mittel gegen Ebola haben könnten. Linkiesta staunt, wie gut die chinesische mit der italienischen Mafia kann. Die BBC porträtiert den erfolgreichen griechischen Bankräuber und Volkshelden Vassilis Paleokostas. Mehr lesen

Aurale Zwischenposition

23.09.2014. Vanity Fair erklärt, warum gerade die schnelle Hilfe die Verbreitung des Ebola-Virus begünstigt hat. La vie des idees schildert die ungleiche Behandlung von Muslimen und Juden in Frankreich. Medium begleitet freiwillige Rettungshelfer durch Aleppo. Der Guardian versinkt in der Korruption Timbuktus. IndieWire analysiert den komplexen Signifikanten in Steven Soderberghs Mini-Serie "The Knick". Die Financial Times fragt sich, ob Firmen-PR der neue Journalismus ist. Die New York Times weiß, wann Politiker zu Promis wurden. Mehr lesen

Dieser Ahhhhhhh-Moment

16.09.2014. In El Pais Semanal erklärt Javier Cercas, warum Katalonien nicht Schottland ist. Im Guardian lehnt Howard Jacobson den totalen Sieg im Diskurs ab. Mehr erhabene Kunst fordert in Nepszabadsag der neue Direktor der Budapester Kunsthalle. Der New Statesman porträtiert den Bürger als Kriegsberichterstatter. The Atlantic besucht einen afghanischen Jungen, der ein Mädchen ist. Die Hudson Review trauert mit Berlioz um Hamlet. Der New Yorker sucht Wonder Women. Mehr lesen

Maoistische Synthese der Oppositionen

11.09.2014. Diese Woche war die Magazinrundschau so riesig, dass wir sie geteilt haben. Heute also der zweite Teil mit einem sehr lesenswerten Artikel von Assaf Sharon in der NYRB über die verfehlte Politik Netanjahus. Bookforum stellt eine Geschichte Gazas vor. Im Guardian gerät AL Kennedy über einen goldenen Ferrari ins Grübeln. In Eurozine beschreibt der Soziologe Boris Dubin die Machtlosigkeit der russischen Gesellschaft. Und das New York Magazine stellt die CEO Martine Rothblatt vor, die ihre Ehefrau als Computer hat nachbauen lassen. Mehr lesen

Zentrum und Peripherie

09.09.2014. Die London Review besucht die Ostukraine und stellt fest: alles Übel begann auf der Krim. Im Mittelweg 36 streitet Reinhard Merkel das ab: die Krim hat die Seperation doch gewählt. Die Blätter machen die Lösegeldzahlungen der EU verantwortlich für den Gewaltmarkt im Nahen Osten. Das Schreibheft erinnert an den Lyriker Uwe Greßmann. Pitchfork und Telerama trauern den analogen Zeiten nach. Und der New Yorker fragt, warum ein Arbeiter bei McDonalds so wenig verdient, dass er auf staatliche Essensmarken angewiesen ist. Mehr lesen

Allein die Schrift!

02.09.2014. Bloomberg Businessweek macht sich jung und guckt AwesomenessTV. Der Merkur staunt über die Textlastigkeit der Suhrkamp-Kultur. Das Chicago Magazine erinnert daran, wer zuerst Handys wollte: die Polizei. The Verge schildert den Titanenkampf zwischen Uber und Lyft. In HVG denkt Péter Esterházy über Kleinkariertheit nach. Die Poetry Foundation bewundert den "Emperor of Ice-Cream". Mehr lesen

Kompass des Bösen

26.08.2014. Im Spectator gibt der Historiker Tom Holland einen Einblick in die religiösen Vielfalt Mesopotamiens, die die Isis gerade zerstört. Vanity Fair erzählt die Geschichte der Madame Claude. Dawn stellt ein Buch über den muslimischen Zionismus in Pakistan vor. Kathrin Passig denkt in Funkkorrespondenz über die Nützlichkeit irrationaler Argumente nach. Die Public Domain Review erzählt, wie das Lachgas den Schriftstellern und Wissenschaftlern die Sprache verschlug. Das TLS liest eine neue Brecht-Biografie. Mehr lesen

Düster, aber gesund

19.08.2014. In Wired erklärt Edward Snowden, wie die besten Absichten direkt in die Hölle führen. Nepszabadsag fragt: Soll Imre Kertesz den selben Orden annehmen wie Göring? In Film Comment  will Alexander Sokurow dem Kino mit Literatur aus den Kinderschuhen helfen. Soziale Mobilität gibt es nicht, verkündet der Soziologe Jules Naudet in Les inrockuptibles. The Dissolve freut sich auf den Pepys aus Hollywood. Mehr lesen

Ein weiterer Pfannkuchen

12.08.2014. The Nation porträtiert Alessandro Spina, Chronist des Untergangs des italo-arabisch-ottomanischen Universums. Die London Review wird von einem Stalker verfolgt. Al Ahram fragt: Was wollen die Palästinenser? Im New York Magazine schildert Werner Herzog seine einzige Drogenerfahrung mit Marmelade von Popol Vuh. Bloomberg Businessweek erzählt, wie Tony Blair versuchte, Gaddafis Geld zu verwalten.
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Der Wille zur Jacht

04.08.2014. Telerama und der New Yorker suchen den Aufstieg über den krummen Pfad. Elet es Irodalom und das San Francisco Magazine freuen sich über die Demokratisierung der Kritik durch das Internet. Harper's Magazine beantwortet die Frage, ob James Joyce Syphilis hatte. MicroMega porträtiert den linken uruguayischen Staatspräsidenten Pepe Mujica als Franziskaner. Medium begleitet Obdachlose zu Tests für die Pharmaindustrie. Pitchfork feiert die Renaissance des Vinyl. Mehr lesen

Der Leser, den ich liebe

29.07.2014. The New Republic jagt einen Sturm namens William T. Vollmann. In der New York Review of Books lernt Jonathan Freedland von Ari Shavit, was linker Zionismus ist. Die London Review of Books porträtiert einen doppelt impotenten Alain Robbe-Grillet. Hairpin porträtiert eine Giftmörderin des 17. Jahrhunderts, die Marquise de Brinvilliers. Pacific Standard fragt: Was ist Ihre DNA wert? Der New Yorker sucht das weibliche Hirn bei Radikalfeministinnen und Trans-Frauen. Mehr lesen

Tutanchamun und der Teacher

22.07.2014. Wenn der Westen sich mit Palästina beschäftigt, beschäftigt er sich meist mit sich selbst, lernt The Nation. Der  spanische Schriftsteller Jorge Carrión besucht für El Pais Semanal die Welthauptstadt der Sekten. Der Guardian sammelt Stimmen schottische Autoren zum Referendum. The Humanist bewundert die neuen Formen Teju Coles. Die Huffington Post analysiert die wahre Identität der Techno-und Elektro-Szene in Paris. Wired verschickt seine Post demnächst nur noch mit Dark Mail. Mehr lesen

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