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Magazinrundschau
Dieser Mangel an Befremden
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
01.12.2009. In Eurozine plädiert der slowenische Dichter Ales Debeljak für die Vermischung der Kulturen. Umberto Eco sekundiert in Le Monde. The Nation porträtiert den salvadorianischen Autor Horacio Castellanos Moya, der wiederum in Babelia erklärt, warum es 200 Jahre nach der Unabhängigkeit einer Reihe von lateinamerikanischen Staaten nichts zu feiern gibt. Polityka legt die Polen auf die Couch. La vie des idees liest ein Buch über die Resistance und die Juden. Amerikaner lesen mehr als Europäer, kontert der Historiker Peter Baldwin im Merkur. Und in der The New York Review of Books macht Robert Darnton zwei kühne Vorschläge für ein neues Book Settlement.
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Eurozine (Österreich), 30.11.2009
Ebnet die Globalisierung alle Unterschiede zwischen den Kulturen ein? Oder soll man einen Schnitt machen und alles ablehnen, was aus dem Westen kommt? Unsinn, meint (bei Eurozine auf Englisch) der slowenische Dichter und Kulturwissenschaftler Ales Debeljak. "Statt sich einer Ideologie zu verschreiben, die die Welt durch die 'harte' Linse des Konflikts zwischen 'dem Westen und dem Rest der Welt' betrachtet, sollten wir versuchen, die Welt durch die 'weiche' Linse einer 'westernistischen' Zivilisation zu betrachten. Eine Analogie zwischen der hellenistischen und westernistischen Zivilisation ist hilfreich. [...] Die hellenistische Zivilisation Alexanders des Großen entsprang dem klassischen griechischen Erbe, aber räumlich erstreckte sie sich +ber die ganze damals bekannte Welt, bis nach Ägypten und Indien, Tadschikistan und Afghanistan. ... Eine spezielle Verschmelzung von kulturellen Traditionen des Nahen Ostens und der indo-iranischen Welt auf der einen Seite und der antiken griechischen Tradition auf der anderen Seite führte zu Formen eines kollektiven Lebens, in dem klassische griechische Ideen nur das Rückgrat der Gesellschaft bildeten und nicht ihren ganzen sozialen Körper. Alexander der Große expandierte systematisch die Grenzen seines multinationalen Reiches wie auch das Bewusstsein seiner multikulturellen Untertanen. Er ermutigte 'gemischte Ehen' zwischen griechischen Kolonisten und Einheimischen mit demselben Eifer wie er das Verschmelzen griechischer und lokaler Ideen und Technologien förderte."
Außerdem: Welche Bedeutung hat Spinoza heute noch? Das diskutieren - zusammengebracht vom slowakischen Magazin Kritika & Kontext - Gabor Boros, Herman De Dijn, Moira Gatens, Syliane Malinowski-Charles, Warren Montag, Teodor Münz und Steven B. Smith.
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The Nation (USA), 14.12.2009
Natasha Wimmer porträtiert den salvadorianischen Autor Horacio Castellanos Moya, einen Freund Roberto Bolanos, der seine eigene Art hat, mit der grausamen Realität in Lateinamerika umzugehen. "Der Bürgerkrieg, der 1992 endete, formte Castellanos Moyas Leben und sein Schreiben, aber er scheint niemals seine Fantasie erobert zu haben. Obwohl die meisten seiner Romane (es sind jetzt neun) um den Krieg und seine Folgen kreisen - nie assimiliert oder romantisiert Castellanos Moya die Kultur der Gewalt, nie verliert er sein geschärftes Bewusstsein für ihre Absonderlichkeit. Als Schriftsteller reagiert er zugleich hochsensibel und unsentimental darauf. In dem brillant lustigen und beunruhigenden Roman 'Senselessness', der auch der erste seiner Romane war, der ins Englische übersetzt wurde, ist der Erzähler ein Schriftsteller, der einen Job als Redakteur für einen 1100-seitigen Menschenrechtsbericht über ein Massaker an Indianern während des Krieges in einem namenlosen lateinamerikanischen Land angenommen hat. Er ist gefangen von der seltsamen Schönheit der Sprache, mit der die Opfer die Gewalt ihrer Angreifer beschreiben. Die Sätze, die er abschreibt, fließen ein in seine banale Beschreibung von Amtspolitik und fehlgeschlagenen Verführungen, bis langsam der Horror, den die Indianer beschreiben, in sein Bewusstsein dringt und einen milden Fall von Ängstlichkeit in rasende Paranoia verwandeln."
Weiteres: In New York, Madrid und Rom fingen die Taxifahrer jedesmal an zu jubeln, wenn Jose Manuel Prieto auf die Frage, aus welchem Land er komme, "Kuba" antwortete. Prieto, verstört von dieser Reaktion, antwortet ihnen mit einem Essay: "Travels by Taxi: Reflections on Cuba" (auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen). Verleger und Parlament sollen endlich aufhören, dem Internet die Schuld am Niedergang der Zeitungen zu geben (den haben die Zeitungen nämlich selbst verschuldet) und endlich über geeignete Fördermittel nachdenken, die den Journalismus wieder revitalisieren kann, meinen John Nichols und Robert W. McChesney. Besprochen werden Christopher Caldwells Buch "Reflections on the Revolution in Europe: Immigration, Islam, and the West" (Leseprobe) und eine englische Ausgabe der Gedichte von Rilke.
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Le Monde (Frankreich), 28.11.2009
Im Zeitalter des Internets ist dem Kunstfreund nichts mehr fremd, schreibt Umberto Eco. Die Folgen sind bedenklich: "Unser Geschmack wird durch die Tatsache geprägt, dass es kaum mehr möglich ist, Befremden (oder Unverständnis) angesichts des Unbekannten zu empfinden. In der Welt von morgen wird das Unbekannte, wenn überhaupt, jenseits der Sterne liegen. Wird dieser Mangel an Befremden (oder Ekel) zu größerem Einverständnis zwischen den Kulturen führen oder zu Identitätsverlust? Es ist kaum möglich, dieser Herausforderung auszuweichen: Besser ist es darum, den Austausch zu intensivieren und Vermischungen zuzulassen. In der Botanik fördert das Kreuzen der Arten die Kultur. Warum nicht in der Kunstwelt?"
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Elet es Irodalom (Ungarn), 20.11.2009
Während die Debatte um das Welt-Interview mit Imre Kertesz in Ungarn durch zu einem riesigen Konvolut angeschwollen ist, vermisst der Schriftsteller Laszlo Darvasi eine "elementare Einsicht" in dieser Diskussion: "Natürlich muss ein mit dem Nobelpreis gekrönte Schriftsteller damit rechnen, dass seine Äußerungen zahlreiche Interpretationen, Kommentare und Fußnoten generieren. Doch ist das eine normale Reaktion? Ist es denn normal, dass solche Äußerungen die emotionale Reaktion der 'gesamten Gemeinschaft' hervorrufen? Ist es denn normal, dass die Worte eines Nobelpreisträgers die gesamte Schriftstellergesellschaft, ja sogar die gesamte Gesellschaft, Lehrer, Schaffner, Angler und Parkplatzwärter betreffen, nur, weil ein Nobelpreisträger ein 'repräsentatives Gebilde' ist und das Land und darin wir selbst durch den Blick eines Nobelpreisträgers als bedeutender erscheinen? Im Ernst? […] Das Wesentliche von Kertesz' Verhalten ist doch, den repräsentativen Erwartungen nicht zu entsprechen. Und er entspricht ihnen auch jetzt nicht. Geht es nicht vielmehr darum, Kertesz trotz seiner Worte als freien, für sich selbst verantwortlichen Schriftsteller zu betrachten und ihm jene, auf normalisierten Verhältnissen basierende schriftstellerische Existenz zuzugestehen, die sonst jeder Künstler für sich in Anspruch nehmen kann? Ihn also nicht als unverrückbaren Fixpunkt, sondern als lebendige, mit uns lebende und folglich problematische Erscheinung zu betrachten?"
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Babelia (Spanien), 28.11.2009
Zum bevorstehenden zweihundertsten Jubiläum der Unabhängigkeit einer Vielzahl lateinamerikanischer Nationen schreiben in Babelia eine Reihe sehr lesenwerter lateinamerikanischer Autoren. Der salvadorianische Schriftsteller Horacio Castellanos Moya (den The Nation diese Woche porträtiert) zitiert in seinem Beitrag einen mexikanischen Schuhputzer, dem er zunächst nicht recht glauben will: "Hierzulande ist alle hundert Jahre der Teufel los: 1810 wegen der Unabhängigkeit, 1910 wegen der Revolution, und 2010 wird es wieder so sein - niemand kann das aufhalten. So steht es im Himmel geschrieben." Bis er sich abschließend konsterniert fragt, ob der Mann nicht recht hat: "Steht uns nicht ein neuer Zyklus infernalischer Gewalt bevor (wie sie in Mexiko bereits in vollem Gange ist), kaum verhüllter Gewaltherrschaft (wie in Honduras, Venezuela, Nicaragua) und Kriegen zwischen Nachbarländern (was sich derzeit zwischen Caracas und Bogota bzw. Lima und Santiago abspielt, kommt einem doch nur zu bekannt vor)? Jedenfalls: Was gibt es eigentlich zu feiern? Abgesehen von der einen oder anderen künstlerischen Leistung leiden wir unter dem Kater von zweihundert Jahren Enttäuschung, während unsere Regierungen uns weiterhin mit Trugbildern von Wohlstand und Entwicklung ködern wie einst die spanischen Konquistadoren mit ihren Glasperlen und ihrem falschen Schmuck."
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Polityka (Polen), 27.11.2009
Joanna Podgorska diagnostiziert (hier auf Deutsch) bei den Polen ein angeknackstes Selbstbewusstsein: Ein absolut positives Selbstbild geht einher mit dem tiefen Misstrauen gegenüber dem anderen: "In einer Untersuchung von 2007 von Piotr Radkiewicz und Krystyna Skarzynska erklären beinahe 70 Prozent der Polen, sie seien mit ihrem Leben zufrieden, und 90 Prozent sind der Meinung, man müsse wachsam sein, weil man betrogen werden könne, 84 Prozent sind überzeugt davon, dass es in unserer Gesellschaft viele Menschen gibt, die jemanden grundlos angreifen würden, aus purer Gemeinheit. Über 60 Prozent bejahen die These, dass es von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen gibt, die Respekt verdienen, und immer mehr solche, die nicht ein Fünkchen Moral haben und eine Bedrohung für andere Menschen darstellen. Es sieht danach aus, dass wir uns in der Hölle wohl fühlen. Woher diese Schizophrenie?"
Mariusz Czubaj versucht zu erklären, warum nordeuropäische Krimiautoren immer beliebter werden: "Der skandinavische Krimi stellt die Frage nach unserer kulturellen Identität, nach dem Modell des Staates und seiner Pflichten gegenüber den Einwanderern sowie nach der Zunahme der Gewalt im Alltag. Damit ist diese Gattung eine Form der Debatte über die Gesellschaft und eine wichtige, wenn auch fabularisierte, Stimme in der Diskussion über die heutige Welt".
Außerdem: Der Schriftsteller Erwin Kruk erinnert sich an Masuren und erzählt von seinem (erfolglosen) Versuch, das Elternhaus wieder zu bekommen. Janusz Wroblewski bespricht begeistert Wojciech Smarzowskis Film "Dom zly" (Böses Haus), ein Thriller, der im kommunistischen Polen Ende der 70er-Jahre spielt: "Aus einer betrunken-surrealistisch-naturalistischen Situation, von den Schauspielern wunderbar dargestellt, entsteht ein glasklares Bild der Paranoia der Volksrepublik. Ein perfektes Gegenmittel für nostalgische Sehnsucht nach den sozialistischen Zeiten." Und nachzulesen und nachzuschauen sind die Eindrücke von Antonio Armanos und Massimo Bregas Reise entlang der Spuren des Eisernen Vorhangs.
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Le Nouvel Observateur (Frankreich), 26.11.2009
Recht misstrauisch äußert sich der Geistesgeschichtler Michel Winock über die von Nicolas Sarkozy persönlich lancierte und von seinem Integrationsminister Eric Besson administrierte Debatte über die "nationale Identität" in Frankreich: "Eine ziemlich verdächtige Debatte. Geht es darum, die 'Identität' zu definieren, damit sie als Vorbild für die frisch nach Frankreich eingewanderten Ausländer dient, oder soll sie gerade vor ihnen schützen? Nationale Identität lässt sich nicht dekretieren. Wenn der Staat sich hier einmischt, dann doch wohl um normative Schlüsse zu ziehen, um eine Art Quintessenz des Franzosentums zu definieren, die es dann erlaubt, die guten von den schlechten Franzosenj zu unterscheiden, oder?"
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The Economist (Großbritannien), 27.11.2009
Der Boom des Kunstmarkts ist fürs erste gestoppt, aber von einer Krise kann kaum die Rede sein. Dies jedenfalls die Ergebnisse einer großen Studie, die der Economist ausführlich vorstellt: "Der von Capgemini und Merrill Lynch vorgestellte Welt-Reichtums-Report, untersucht die Ausgaben-Gewohnheiten der Reichen auf der ganzen Welt. Kunst erscheint darin als einer der Luxusgegenstände, die die Reichen gern kaufen. Im Jahr 2007 gab es laut Report mehr als 10 Millionen Menschen mit investierbaren Vermögen von mehr als 1 Million Dollar. Im letzten Jahr ist diese Zahl auf 8,6 Millionen gefallen und viele Reiche haben weniger für 'Investitionen in Leidenschaften' ausgegeben - Yachten, Jets, Autos, Schmuck etc. Der Anteil der Kunst an allen Luxusausgaben ist aber gestiegen, weil die Investoren sie als Gut schätzen, das seinen Wert auch in längerer Frist nicht verliert."
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L'Espresso (Italien), 26.11.2009
Umberto Eco hat es ja nicht so mit der Kirche, aber seinen Moses sollte man schon von seinem Matthäus unterscheiden sollen, meint er. Ansonsten hat man im Museum nicht viel Freude. "Drei Viertel der westlichen Kunst sind überhaupt nicht zu verstehen wenn man nicht weiß um was im Alten und im Neuen Testament gegangen ist und in den Geschichten der Heiligen. Wer ist die Frau mit den Augen auf einem Teller, kommt sie direkt aus der Nacht der lebenden Toten? Und der Ritter, der einen Mantel entzwei schneidet, fährt der eine Anti-Armani-Kampagne? In vielen kulturellen Situationen lernen die Schüler und Schülerinnen alles über den Tod des Hektor, aber nichts über den Tod des Heiligen Sebastian, alles vielleicht über Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia und nichts über die Hochzeit zu Kana? In einigen Ländern gibt es eine starke Tradition der Biblellektüre, und die Kinder wissen alles über das Goldene Kalb, aber nichts über den Wolf des Franziskus von Assisi." Gut, dass es das Internet gibt, wo man schnell nachschlagen kann.
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La vie des idees (Frankreich), 23.11.2009
Jean-Marc Dreyfus bespricht ein Buch der Historikerin Renee Poznanski, das auf 800 Seiten, offenbar sehr differenziert, ein großes Tabu der französischen Geschichte aufgreift: "Propagandes et persecutions - La Resistance et le 'probleme juif', 1940-1944". Die Resistance, so stellt sich hier heraus, reagierte auf die Judenverfolgung der Nazis ähnlich wie die Öffentlichkeiten der alliierten Länder - abwiegelnd, desinteressiert und opportunistisch. Das gilt auch für die Medien der Resistance: "Von Ausnahmen abgesehen zeigte sich die Untergrundpresse sehr diskret über das Schicksal der Juden, während das von Vichy erlassene 'premier statut' die französischen Behörden schon dazu verpflichtete, für alle ihre Beamten Ariernachweise zu erbringen. Zwar ließ die kommunistische Presse die Juden in den Opferlisten figurieren, und auch die jüdische Widerstandpresse der Kommunisten prangerte die Verfolgungen der Juden früh an, wobei nicht selten in antikapitalistischer Rhetorik jüdische Bankiers angegriffen wurden, aber selbst die radikalsten antijüdischen Maßnahmen wurden allenfalls in Kurzmeldungen abgehandelt." Erst mit dem Holocaust ab 1942, so Dreyfus, geriet das Thema in ein breiteres Bewusstsein, ohne je als zentral wahrgenommen zu werden - und auch nach dem Krieg wurde es noch lange heruntergespielt.
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Merkur (Deutschland), 01.12.2009
So europäisch wie Schweden sind die USA vielleicht nicht, aber mit Großbritannien, Italien oder Frankreich können sie durchaus mithalten, meint der Historiker Peter Baldwin und räumt mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen auf - und zwar in Hinsicht auf Sozialausgaben, Kriminalität, Religion oder der Bildung: "Simone de Beauvoir war überzeugt dass die Amerikaner, da sie nicht denken, nicht zu lesen brauchten. Denken ist schwer zu quantifizieren, lesen weniger. Und die Amerikaner, so stellt sich heraus, lesen tatsächlich. Der Prozentsatz analphabetischer Amerikaner entspricht dem europäischen Durchschnitt. Es gibt in den USA mehr Zeitungen pro Kopf der Bevölkerung als irgendwo in Europa mit Ausnahme der skandinavischen Länder, der Schweiz und Luxemburgs. Die lange Tradition finanziell gut ausgestatteter öffentlicher Bibliotheken in den Vereinigten Staaten hat dazu geführt, dass der durchschnittliche amerikanische Leser besser mit Büchern versorgt ist als die Leser in Deutschland, England, Frankreich, Holland, Österreich und allen Mittelmeerstaaten. Sie machen auch häufiger Gebrauch von Bibliotheken als die meisten Europäer."
Weitere Artikel: In einer kleinen Geschichte der Technologiekritik fällt Kathrin Passig auf, dass sich die Argumente gegen Handy, Internet oder Twitter nicht von denen gegen Straßenbeleuchtung, Telefon oder Tonfilm unterscheiden. Der Philosoph Volker Gerhardt erklärt die Politik als geradezu unabwendbare Tragödie, zumindest im Platonschen Sinne. Der Politikwissenschaftler Heinz Theisen erklärt ausgerechnet am Beispiel Israel die Integration verschiedener Kulturen für gescheitert und plädiert dafür, es generell bei einer Koexistenz zu belassen. Und Thomas Speckmann analysiert Russlands und Chinas Strategien, ihre Einflussphären auszuweiten.
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The New Statesman (Großbritannien), 30.11.2009
Amerikas bester Reporter Seymour Hersh spricht im Interview über die Tücken des investigativen Journalismus', zum Beispiel über die Frage, ob ungenannte Quellen - oder was man dann später im Text "a higher-level former senior intelligence official" nennt - nicht ziemlich gefährlich sind. "Ich hasse das. Um mit dieser Anomalie, dieser Schande vor mir zurechtzukommen, begrüße ich es, wenn Leute mich verklagen. Ich war in viele Prozesse verwickelt. Ich begrüße das, weil es ein geeigneter Maßstab ist. Ich glaube ich bin sieben mal verklagt worden. Wir waren einmal vor Gericht und der entscheidende Punkt war, dass der Richter meine Quellen genannt haben wollte. Ich war schon drauf und dran zu sagen, dass wir die Klage anerkennen und uns wegen Verleumdung verurteilen lassen. Der Richter war vor einigen Jahrzehnten in Chicago von Reagan ernannt worden, und dieser Reagan-Mann entschied, dass ich meine Quelle nicht nennen muss. Wir gingen zum Richter und gaben ihm einen Bericht über sechs Leute und beschrieben sie, und der Richter akzeptierte, dass sie real waren - dass ich seriös war und Quellen hatte. Aber wenn er das nicht getan hätte, hätte ich den Fall verloren geben müssen."
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Nepszabadsag (Ungarn), 28.11.2009
Die Demokratien in Europa verlieren mehr und mehr das Vertrauen des Volkes. Einen Grund dafür sieht der Journalist Robert Friss im europäischen Modell des Nationalstaates, der nun ausgedient habe, denn immer mehr Bürger behandelten seine Vertreter mit Verachtung: "Das gemeinsame Europa, so es nicht gänzlich in den Hintergrund gedrängt werden will, müsste mit der spaltenden Romantik der Nationalstaaten abrechnen. Und zwar, indem es im ersten Schritt das europäische Bewusstsein stärkt und auf die Allmacht des unterdrückenden Nationalstaats verzichtet; indem es abwägt: wie die Freiheit und die garantierte Lebensqualität der nicht nationalen, sondern europäischen Bürger mit der starken gemeinsamen Macht in ein empfindliches Gleichgewicht gebracht werden kann und dann über die Zuständigkeiten der gemeinsamen, der mitgliedstaatlichen und der regionalen Ebenen entscheidet. Ein Vorbild gibt es nicht: Europa muss seine eigene, neue und effiziente politische Struktur schaffen, die die freie Bewegung des Kapitals ermöglicht, aber auch kontrolliert."
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Outlook India (Indien), 07.12.2009
Namrata Joshi beschreibt das große Interesse der arabischen Welt an indischen Terror-Filmen - Kabir Khans "New York", Jai Tanks "Madholal Keep Walking" und Dr Bijus "Raman, Travelogue of Invasion" - die beim Filmfestival in Cairo gezeigt wurden. Die Sache hat noch einen Nebeneffekt: Die Filme wurden fleißig raubkopiert. Regisseur Kabir Khan trägt es gelassen. "Trotz Einnahmen von 1,5 Millionen Dollar an der Kinokasse, schätzt man, dass 'New York' etwa eine Million Dollar wegen Piraterie im Nahen Osten verloren hat. Aber der Erfolg des Films könnte dem indischen Kino neue Märkte öffnen. 'Wir haben Eingang zu Märkten gefunden, wo unsere Filme sonst nicht in den Kinos laufen', sagt Kabir. Karan Johars kommender Film 'My Name is Khan', der weltweit von Fox vertrieben wird, soll nächstes Jahr auch in Kairo laufen. Und dann werden SRK, Aamir und Salman zu Power Khans."
Außerdem: Yashodhara Dalmia empfiehlt eine Ausstellung der "Suite Vollard", hundert Kupferstichen von Pablo Picasso, die im Instituto Cervantes in Delhi gezeigt werden.
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The New York Review of Books (USA), 17.12.2009
Robert Darnton, Historiker und Leiter der Harvard Universitätsbibliothek, dröselt die Argumente um das Google Book Settlement auseinander und skizziert dann zwei kühne Vorschläge, wie der Streit gelöst werden könnte: Die radikalste Lösung wäre es, Googles digitale Datenbank per Gesetz in eine von der öffentlichen Hand finanzierte digitale Bibliothek umzuwandeln. "Wenn staatliche Intervention als zu schwerer Eingriff in das amerikanische Recht gilt, könnte noch eine minimale Lösung für den privaten Sektor gedacht werden. Das Parlament müsste mit Gesetzen einschreiten, um die Digitalisierung von verwaisten Werken vor Prozessen zu schützen, aber es müsste keine finanzielle Unterstützung bewilligen. Diese könnte statt dessen von einer Koalition aus Stiftungen kommen. Die Digitalisierung, der open-access-Vertrieb und die Bereitstellung verwaister Werke könnte durch nonprofit-Organisationen erfolgen wie das Internet Archiv, das als digitale Bibliothek von Texten, Bildern und archivierten Webseiten entstanden ist. Um Konflikte mit dem kommerziellen Markt zu vermeiden, würde diese Datenbank nur Bücher aufnehmen, auf denen kein Copyright mehr liegt, und verwaiste Werke. Ihre Zeitspanne würde sich ausweiten, während Copyrights erlöschen, und sie könnte opt-in-Möglichkeiten für Rechteinhaber von Büchern vorsehen, auf denen zwar noch ein Copyright liegt, die aber nicht mehr lieferbar sind."
Außerdem: Der britische Religionswissenschaftler Malise Ruthven setzt sich ausführlich und detailliert mit Christopher Caldwells "Reflections on the Revolution in Europe: Immigration, Islam, and the West" (Leseprobe) auseinander. Ian Buruma liest Tagebücher aus dem besetzten Frankreich. Tony Judt fragt, wie tot ist die Sozialdemokratie. Die Autorin Cathleen Shine bespricht Gail Collins' Buch "When Everything Changed: The Amazing Journey of American Women from 1960 to the Present". Und John Richardson schreibt über Francis Bacon, dem im letzten Jahr eine große Retrospektive in der Tate Britain gewidmet war, die jetzt auch in New York gezeigt wurde.
Archiv: Magazinrundschau
Morbid-intimes Sentiment
07.02.2012. Der Economist und Himal schildern die unerfreuliche Lage Homsexueller in islamischen Ländern. Wired porträtiert die Pariser Untergrundbewegung Urban eXperiment. Dem Guardian läuft in Wien ein Proustscher Schauer über den Rücken. Caffe Europa betrachtet die verführerische Unordnung in Japan. In Russland können Linke, Rechte und sogar Liberale Nationalisten sein, notiert Nicu Popescu in Open Democracy. Sony untergräbt die langsame Liberalisierung der indischen Zensur, fürchtet Outlook India. Die NYRB fühlt mit kleinen mutlosen Italienern. Mehr lesen
Pakt des Nicht-Lesens
31.01.2012. In der französischen Huffington Post erklärt die Philosophin Catherine Clement, warum der Griot Youssou N'Dour kaum Chancen hat, Präsident des Senegal zu werden. Womit haben wir Pitchfork verdient, fragt N+1. Businessweek porträtiert den Albtraum amerikanischer Verleger, Amazons Larry Kirshbaum. Peter Sloterdijk (in Le Monde) und Umberto Eco (im Espresso) denken über das Vergessen nach. Al Ahram begutachtet die Depression der jungen Revolutionäre in Ägypten. Das New York Magazine findet die neuen Dekabristen auch nicht gerade in Hochstimmung vor. Das TLS flüchtet zu den Kaminfeuern des britischen Landadels. Mehr lesen
So roch die Welt der Männer
24.01.2012. Wie schnell man sogar als Ingenieur arbeitslos werden kann, lernt die NYT. Eh alles nur bezahlte Bourgeoisie, schnaubt Slavoj Zizek in der London Review. Il Sole weint über einen lachenden Vincenzo Consolo. In Newsweek warnt Simon Schama die Amerikaner vor der kulturellen Nekrophilie der Briten. In Babelia ruft Javier Goma Lanzon: Lobt mich! Outlook India ärgert sich über die Feigheit indischer Politiker vor religiösen Fanatikern. GQ erzählt von einem gruseligen Fall von Webcam-Hijacking. In der NYRB sucht Simon Leys mit Liu Xiaobo die Wurzeln des heutigen Zynismus. Quo vadis, Hungaria, fragt Osteuropa. Mehr lesen
Ständige Verwirrung
17.01.2012. Im Guardian blicken arabische Autoren nach vorn. The Atlantic betrachtet eine Jammergestalt im Chanelkostüm. In Nepszabadsag erkennt der Dramatiker György Spiro im heutigen Ungarn das Frankreich des 19. Jahrhunderts. In Open Democracy wünschen sich Boris Akunin und Alexej Nawalnyj, Russland hätte die gleiche Anziehungskraft wie Amerika - oder China. Businessweek findet Microsofts Steve Ballmer nicht so irrelevant wie Steve Jobs. The Awl verkündet das grünste Ding in Sachen Bestattung. Mehr lesen
Archiv: Magazinrundschau
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Archiv: Magazinrundschau
Hm, das ist komisch
10.01.2012. Werden Bücher bald eine Art Wiki von Autor und Übersetzer, fragt Il Sole 24 Ore. Rue 89 berichtet aus dem Tangokrieg in Buenos Aires. Wie wurde Luther populär? Mit Hilfe sozialer Netzwerke, weiß der Economist. In Guernica spricht die koreanische Dichterin Kim Hyesoon mit der Stimme des Außenseiters. Die Boston Review denkt mit Michael Nielsen über wissenschaftliche Evidenz nach. In Vanity Fair lässt Christopher Hitchens ein, zwei Dostojewskis fallen. Der New Yorker schildert den Einstieg Youtubes ins TV-Geschäft. Mehr lesen
Das Ohr des Präsidenten
03.01.2012. Es ist ja doch was dran an diesem französischen Philosophen mit der üppigen Haarmähne, staunen New York Magazine und TLS. Die Revista Piaui porträtiert einen irakischen Geologen, der die Norweger vor ihrer Ölindustrie beschützt hat. Die New York Review of Books stellt nach Lektüre der Briefe von Georgia O'Keefe und Alfred Stieglitz fest: schlechte Behandlung macht die Frau zum Charakter. Al Ahram veröffentlicht das Manifest eines ehrenwerten Bürgers. Slate.fr meldet: Auf kanadischen Webseiten kann man jetzt legal und kostenlos Celine runterladen. Wired begutachtet das United Artists des Internets. Mehr lesen
Blicken Sie ins Dunkel
20.12.2011. In der Lettre erklärt Peter Nadas, an welcher Station die Ungarn auf ihrem langen Marsch in die Demokratie gerade angekommen sind. Im New Statesman rühmt Slavoj Zizek die Mordmaschine Coriolanus. Im Guardian staunt Julian Barnes über den Unterschied zwischen Essay und Essai. In Elet es Irodalom erkennt Adam Michnik keinen Unterschied zwischen lechts und rinks mehr. Nonfiction.fr fordert eine Liberalisierung der Migration. Prospect skizziert die Zukunft der Literatur: Sie ist kurz, aber ernst. Mehr lesen
Die Treppe für Texte
13.12.2011. Alles hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert, nur in den Künsten herrscht Stillstand, meint Vanity Fair. Manchmal ändern sich die Dinge auch im Untergrund, meint die NYT mit Blick auf das Alphabet N'Ko. In der LRB meldet Jenny Turner den Tod der Schwesterlichkeit. Guernica stellt das Festival LagosPhoto vor. Der Kindle ist ein Buch, freut sich Martin Caparros in Letras Libres. In The Nation setzt sich Jorge Volpi mit dem Liberalismus Enrique Krauzes auseinandern. In Le monde diplomatique feiert Tim Parks die mobilisierende Kraft des Wuchers. Mehr lesen
Diese glühbirnenköpfige Kreatur
06.12.2011. Wired porträtiert den neuen Steve Jobs: Jeff Bezos. Telerama empfiehlt eine neue Lektüre von Frantz Fanon. Die Columbia Journalism Review verteidigt den institutionellen Journalismus. In MicroMega geißelt Roberto Saviano die Omerta in Norditalien. Für Salon.eu.sk blickt Viktor Jerofejew in den Kreml-Himmel. In der NYRB setzt Daniel Kahnemann ganz klar auf System Zwei. Im Guardian erzählt der Kinderbuchautor Shaun Tan, was Australier mit Finnen gemeinsam haben. Und in Guernica erklärt Occupy-Erfinder Kalle Lassn, warum er heute eher die Zionisten als die Juden der Kriegstreiberei bezichtigen würde. Mehr lesen
Lesen, aber nicht berühren
29.11.2011. Marokkaner sind genauso freiheitshungrig wie Tunesier, erklärt der Aktivist Hisham Almiraat in open Democracy. Aber ihre Eliten sind feige, fürchtet der marokkanische Journalist Driss Ksikes in Le Monde. Im Merkur verabschieden sich Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel. Die LRB reist nach Griechenland. El Pais Semanal unterhält sich mit dem Sohn des letzten spanischen Scharfrichters. Der New Yorker bescheinigt der Fantasyliteratur einen Sinn für Verlust. Mehr lesen
Ein veritabler Brocken
22.11.2011. Die Columbia Journalism Review erzählt am Beispiel der Zeitung San Jose Mercury News, wie man kämpfen und trotzdem verlieren kann. Capital New York erzählt, wie die Huffington Post zum journalistischen Schwergewicht werden will. Prospect überlegt, wie man Computerspiele für den Film fruchtbar machen kann. Elet es Irodalom warnt vor der Vertreibung des sozialistischen Fußballs aus der ungarischen Geschichte. Der Berlusconismus funktioniert auch ohne Berlusconi, fürchtet MicroMega. Vorsicht vor pakistanischen Kleintransportern, warnt The Atlantic. Mehr lesen
Aber man vibriert
15.11.2011. Den Buchhandlungen geht es gut, meldet Bloomsberg Businessweek, solange sie klein sind. Telerama stellt französische Pioniere des Internetjournalismus vor. Im New Yorker geht Jane Kramer ihr Essen sammeln. In El Espectador denkt Hector Abad positiv, John Gray in The New Republic negativ. In Eurozine beruhigt Charles Taylor einen polnischen Linkskatholiken: der Klassenkampf ist ausgetragen. In der Boston Review möchte Lawrence Lessig, dass die Amateure regieren. Im Walrus Magazine sucht Toni Jokinen mit Richard Strauss den Italiener in sich. Mehr lesen
Das Kulturerbe der Muppets
08.11.2011. Eltern können sich ändern, sogar, wenn sie irisch-katholisch sind, erzählt Anne Enright in der Montreal Gazette. Im Iran redet man, um zu schweigen, erklärt Amir Hassan Cheheltan in Guernica. Das TLS liest, wie sich Samuel Beckett gegen James Joyce behauptete. 1000 Belgier schaffen mehr als eine Regierung, behauptet das Manifest des G1000. "Das System gefällt uns nicht!" ruft Magyar Narancs. Mehr lesen
Die Früchte der Revolution
01.11.2011. Der New Yorker reist nach Libyen. Ohne Universalismus gibt es keine Menschenrechte, erklärt Caroline Fourest in Le Monde. Der Grüne ist klassenlos, behauptet der Merkur. Il Sole 24 Ore findet nur noch Italiener, aber kein Italien mehr. Die New York Times erklärt am Beispiel von Pauline Kael, wann es für Kritiker Zeit ist aufzuhören. Mehr lesen
Warum nicht alles?
25.10.2011. In Ägypten ist die Opposition mit dem Beifahrersitz zufrieden, erzählt The Daily Beast. Al Ahram plädiert dafür, dass die Kopten nicht so für sich bleiben. Haaretz interviewt Salman Rushdie. Fast Company kündigt den Großen Krieg 2012 an. In Babelia erklärt der Philosoph Jose Luis Pardo, wie wir ganz leicht aus der Finanzkrise herauskommen. Die NYT besucht Haruki Murakami. Mehr lesen








