Bücherschau der Woche

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Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Magazinrundschau

Kreuzung aus Igel und Schnecke

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.

12.05.2009. Der Nouvel Obs bringt ein Interview mit Imre Kertesz über das Überleben nach dem Überleben. Die New York Review of Books feiert die reiche und kluge Madame de Stael. Tygodnik Powszechny freut sich über die erste Stasiuk-Verfilmung. Im Guardian fragt sich Elaine Showalter, warum amerikanische Autorinnen notorisch unterschätzt werden. Le Point porträtiert Dieudonne, der seinen Antisemitismus zur Kunst erklärt. Rue 89 fragt: Sind Internetsperren links? Im New Republic liest sich John Banville durch die Briefe Samuel Becketts.

The New York Review of Books (USA) , 28.05.2009

Bild zum ArtikelMadame de Stael ist gerade wieder ausgesprochen in Mode. Mit gutem Grund, meint Richard Holmes, der eine ganze Reihe neuer Bücher über sie bespricht und erst einmal das Phänomen vor Augen stellt: "Sie war die einzige Tochter eines Schweizer Bankiers, eine der reichsten und klügsten jungen Frauen ihrer Generation in Europa. Sie schrieb unter vielem anderen einen berühmten Roman - Corinne, oder Italien (1807) - der eine neue Heldin für ihre Zeit erfand, sich besser verkaufte als die Werke Walter Scotts und seitdem stets im Druck blieb. Sie hat Dutzende Menschen vor der Guillotine gerettet. Sie hat die Pariser Hutmode auf den Kopf gestellt, mit ihren verblüffenden vielfarbigen Turbanen. Sie tat Jane Austen verächtlich ab als 'vulgär'. Sie ignorierte Napoleon bei einem Empfang... Und sie redete bei einer Soiree in Mayfair den Dichter Coleridge einmal in Grund und Boden. Für all diese Dinge sollte sie allein schon in Erinnerung bleiben."

Besprochen werden unter anderem drei Bücher - über Warren Buffett, von Malcom Gladwell und von Geoff Colvin -, die jedes auf seine Weise nach den Zusammenhängen von Talent, Glück und Erfolg fragen sowie neue Bücher zur Gründungsgeschichte des Staats Israel, vom Neuen Historiker Benny Morris und von Gudrun Krämer.

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Le Nouvel Observateur (Frankreich) , 08.05.2009

Bild zum ArtikelIn einem Gespräch aus Anlass des Erscheinens seines Essaybandes "Die exilierte Sprache" in Frankreich ("L'Holocaust comme culture', Actes Sud) erklärt Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz, warum er das Trauma der Konzentrationslager besser ertragen habe als Schrifsteller wie Romain Gary, Jean Amery oder Primo Levi: Weil er danach in einem kommunistischen System gelebt habe. Dieses Paradox erklärt er so: "Als Kind kannte ich nichts anderes als ein totalitäres Regime. Als ich nach Ungarn zurückkehrte, war es deshalb nicht so schwierig für mich zu verstehen, was sich da abspielte. Ich habe gesehen, wie man Menschen zu einem Teilchen in einem Räderwerk verwandelte. Die Anzeichen waren die gleichen. Ich habe 1956 den Aufstand von Budapest miterlebt. In diesen Situationen will niemand nachdenken, man will einfach leben. Alles war Lüge, die ganze Welt war eine Lüge. Doch die meiste Zeit hat man in dieser Absurdität den Verstand bewahrt. Ich hatte das Gefühl, dass meine Identität deformiert war, dass ich meine Normalität verloren hatte. Aber ich habe nie eine Erklärung dafür gefunden. Ich habe mich gefragt, ob meine 'Anomalie' zur Normalität geworden war. Oder ich ein anderer."

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Tygodnik Powszechny (Polen) , 11.05.2009

Bild zum ArtikelMan mag es kaum glauben, aber mit "Wino Truskawkowe" (Erdbeerwein) hat Regisseur Dariusz Jablonski die erste Verfilmung (hier der Trailer) eines Buches von Andrzej Stasiuk ("Galizische Geschichten") vorgelegt. Michal Walkiewicz ist erleichtert - auf weit verbreiterte Stereotype einer idyllischen Provinz, die den Versuchungen der Großen Welt Stand hält, wurde verzichtet. "Jablonski ist es gelungen, die Atmosphäre der galizischen Provinz einzufangen, und sie gleichzeitig in einen entwirklichten Raum zu versetzen. Er hatte auch keine Angst, mit Stasiuk in Dialog zu treten - ihn etwas zu zähmen, zu erhellen, etwas von der tragikomischen Konvention des tschechischen Kinos einzubringen".

Außerdem: Elzbieta Sawicka ist begeistert von der Baseler Ausstellung "Vincent van Gogh zwischen Erde und Himmel. Die Landschaften". Und Jakub Puchalski erinnert an das Händel-Jahr, das in Polen erst spät gefeiert wird, und weiß noch, dass seine ersten Händel-Platten aus der DDR stammten.

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Twitterfeed der Verlage

The Guardian (UK) , 09.05.2009

Bild zum ArtikelDie feministische Literaturwissenschaftlerin Elaine Showalter fragt sich, warum amerikanische Romanautorinnen notorisch unterschätzt werden, warum immer nur Männern wie John Updike oder Philip Roth "der große amerikanische Roman" zugetraut wird. Im Gegenzug porträtiert sie dann acht große lebende US-Autorinnen, von Joyce Carol Oates über Marilynne Robinson bis Annie Proulx. Hier aber einige Gründe für mangelnde Wertschätzung: "Ernstzunehmende Frauen neigen kaum dazu, sich selbst zu feiern, wie es Walt Whitman tat (der anonym eine ekstatische Rezension seiner 'Leaves of Grass'veröffentlichte); Frauen werden viel strenger beurteilt, wenn sie Werbung für sich machen; sie gelten dann schnell als selbstverliebt und aufmerksamkeitssüchtig. Also kennt die Öffentlichkeit ihre Namen nicht. Sie heiraten keine Models, Schauspieler oder Filmstars; sie tauchen in den 'schönste Frauen'-Listen bei People nicht auf; sie bewerben sich nicht um politische Ämter; sie erstechen ihre Ehemänner nicht und prügeln sich nicht in der Öffentlichkeit; und sie posieren nicht mit abgesägten Schrotflinten vor ihren Autos."

Angelique Chrisafis hat Isabelle Huppert getroffen, die Jury-Präsidentin des diesjährigen Cannes-Wettbewerbs. Sie gibt sich entschieden der Filmkunst und nicht dem Glamour zugewandt: "'Vielleicht sollten wir einmal der Jury die Information vorenthalten, wer die Filme, die sie sieht, gemacht hat. Zehn Tage lang die Augen und Ohren verschließen.' Für Huppert geht es in Cannes um die große Überraschung, das unbekannte Meisterwerk. 'Etwas, das man nicht erwartet hat... Diese Neugier und Offenheit, um nichts anderes geht es für mich in Cannes. Es ist ein Festival, das das Kino als Kino feiert.'"

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Observator Cultural (Rumänien) , 10.05.2009

Das Übersetzungsprojekt des Cultural Observator ist diesmal Filip Florian gewidmet. Auf Deutsch ist im letzten Jahr sein Roman "Kleine Finger" veröffentlicht und sehr gut besprochen worden. Der Haupttext ist ein Auszug aus Florians Roman "Die Tage des Königs". Erzählt wird die Geschichte eines Berliner Zahnarztes, der im Jahr 1866 nach Bukarest reist, dort ein in zahnärztliches Kabinett gründet und sich mit dem Fürsten Carol I. befreundet.

Hier der Anfang: "Im Juni, wenn die Sommersonnenwende naht, zieht die Morgendämmerung früher herauf als sonst. An diesem Mittwoch jedoch zeigte sich keine aufgehende Sonne. Die mit Koffern, Taschen und Kisten beladene Kutsche setzte sich mit einem Ruck in Bewegung, eines der Pferde (eine hochbeinige graue Stute) schnaubte und warf den Kopf herum, als wollte es in die Zügel beißen, das andere (ein Fuchs mit einer Narbe am Hals) reckte die Brust, und aus einem abgedeckten Weidenkorb maunzte Kater Siegfried kläglich. Der Zahnarzt verlor die grünen Fensterläden und die schwere Tür der Herberge, den Wasserbottich im Hof und die Margeritenstauden am Tor aus den Augen, dafür sah er eine getirgerte Katze flink über die Spitzen der Zäune laufen, wobei sie die fehlenden Latten mit traumwandlerischer Sicherheit übersprang, hartnäckig darauf bedacht, mit den Pferden Schritt zu halten. Sie dünkte ihm durchaus ansehnlich, mitsamt dem dicken Bauch."

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London Review of Books (UK) , 14.05.2009

Bild zum Artikel Der Schriftsteller Colm Toibin liest den Briefwechsel zwischen der Dichterin Elizabeth Bishop und dem Dichter Robert Lowell, der ein Zeugnis ihrer engen Freundschaft ist, und stellt fest: "Die Briefe zeigen, dass Lowell eine Kreuzung aus einem Fuchs und einem Welpen war. Er kannte viele kleine Dinge und war oft voller Hoffnung für seine Gedichte, seine Theaterstücke, seine Freunde, seine Ehefrauen und seine Kinder. Er trieb sich sehr viel herum, körperlich und geistig. Bishop dagegen war eine Kreuzung aus Igel und Schnecke. Sie kannte ein großes Ding, oder wollte es kennen; sie hinterließ silberne und schwer lesbare Spuren."

Andrew O'Hagan denkt über Susan Boyle (hier) und verwandte YouTube-Phänomene nach: "Ihr Erfolg ist nicht schwer zu verstehen: Wir lieben die Idee, dass Talent im Verborgenen blüht, und es gehört zu unseren am tiefsten verwurzelten Phantasien, dass die Bescheidensten unter uns, die Unschuldigsten, die, die am wenigsten hermachen, die Fähigkeit haben, die Welt in Erstaunen zu versetzen. Diese Vorstellung ist das sentimentale Geheimnis des ganzen Showbusiness."

Weitere Artikel: Gareth Peirce, die als Rechtsanwältin des islamistischen und des IRA-Terrors Angeklagte verteidigt hat, schreibt über Folter und die gefährliche Staatsgeheimnisskrämerei Großbritanniens. Jenny Turner bespricht Ratgeber-Bücher, die erklären, wie man aus finanziell schlechten Zeiten das beste macht. Michael Wood hat im Kino den schwedischen Adoleszenz-Vampir-Film "So finster die Nacht" (Webseite) gesehen.

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Le point (Frankreich) , 07.05.2009

Bild zum ArtikelDer postkoloniale Komiker Dieudonne hat Frankreich Ende letzten Jahres in eine gewisse Aufregung versetzt, weil er in einer seiner Shows den Holocaust-Leugner Robert Faurisson mit einem Preis für political incorrectness auszeichnete (die Aufregung war allerdings längst nicht so groß wie später beim holocaustleugenden Bischof Williamson). Nun legt Dieudonne nach und verspricht, mit einer "antizionistischen" Liste (mehr hier) bei den Europawahlen anzutreten. In Le Point erscheint ein Porträt des Stand Up-Comedian: "Er beruft sich auf ein 'Marketing des Skandals', über das er gern theoretisiert und das er mit Strategien der zeitgenössischen Kunst vergleicht... Er sieht sich als eine Art Maurizio Cattelan des Lachens und beruft sich auf die provokanten und umstrittenen Installationen des Künstlers (eine Hitlerstatue als betendes Kind, ein Elefant in Ku Klux Klan-Verkleidung). So soll man auch seine Idee verstehen, Jean-Marie Le Pen zum Paten seines Letztgeborenen zu machen."

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The Times Literary Supplement (UK) , 08.05.2009

Ein weiteres Buch aus dem Nachlass von J.R.R. Tolkien ist in Großbritannien erschienen, nämlich sein Versuch, eine empfindliche Lücke der Nibelungen-Sage mit eigenen Gedichten zu stopfen. Wie wird das bei der Tolkien-Leserschaft ankommen, fragt Tom Shippey, der zuvor im Detail erläutert hat, was Tolkiens Konjekturen für das Epos bedeuten. "Viele werden Schwierigkeiten haben mit den Archaismen, schließlich sind die Gedichte siebzig Jahre alt, geschrieben noch dazu von einem Mann, der früheren Zeiten näher stand als seiner Gegenwart. Wer durchhält, wird viel über die Dichtung der Edda und die großen Legenden des Nordens lernen, und einiges von der 'dämonischen Energie', die sie ausstrahlen spüren. Dies ist die unerwartetste von Tolkiens vielen postumen Veröffentlichungen...; die Gedichte halten den Vergleich mit ihren Edda-Vorbildern aus - und immerhin gibt es wenig Poesie ihresgleichen."

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Polityka (Polen) , 08.05.2009

Adam Krzeminski nimmt politische Mythen aufs Korn - deutsche, englische, französische und natürlich polnische. "Während die kommunistischen Staaten ihre Legitimation in historischen Mythen suchten, taten dies die westlichen Staaten  (u.a. Frankreich und die Bundesrepublik) durch einen fast vollständigen Bruch mit der Vergangenheit. De Gaulles Frankreich strich die Niederlage von 1940 und die Kollaboration der Vichy-Regierung aus dem Gedächtnis, Deutschland dagegen seine klassischen nationalen Mythen. Der Mythos der bis zur Selbstvernichtung treuen Nibelungen war durch Stalingrad diskreditiert worden. Die siegreiche Schlacht der Germanen gegen die Römer im Teutoburger Wald wurde nun durch Adenauers Händedruck mit de Gaulle überdeckt. Und den Mythos von Kaiser Barbarossa, der aus seinem Schlaf erwachen und Deutschlands Feinde besiegen wird, setzte die Gründung der EWG und der NATO außer Kraft."

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Das Magazin (Schweiz) , 12.05.2009

Bild zum ArtikelStimmen die Prognosen über den Anstieg des Meeresspiegels auch nur annähernd, werden die Malediven zum Ende des Jahrhunderts überflutet sein. Guido Mingels hat den eleganten jungen Präsidenten Mohamed Nasheed besucht, der lange als Oppositioneller im Gefängnis saß. Will er seinem Volk wirklich ein neues Land kaufen? "Es gebe bereits Kontakte mit Sri Lanka, Australien, Indien. 'Auch die Israeli haben in Palästina Land gekauft', sagte Nasheed. Er beabsichtige, Teile der Tourismus-Einnahmen in einem Fonds anzulegen, der bis in ein paar Jahrzehnten, wenn die Flut kommt, groß genug sein soll zum Erwerb einer trockenen Heimat."

Außerdem: ein Interview mit dem Hirnforscher Gerhard Roth über die Veranlagung zum Glück und zum Unglück.

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The Economist (UK) , 09.05.2009

Bild zum ArtikelEine durchaus ungewöhnliche Person würdigt der Economist in dieser Woche mit einem ausführlichen Nachruf: den österreichisch-amerikanischen Geisterjäger Hans Holzer. "Geister, erklärte er, sind etwas ganz Natürliches. Sie sind einfach menschliche Wesen, die nicht gemerkt haben, dass sie gestorben sind. Sie haben ihre körperliche Hülle abgelegt, aber ihre inneren Empfindungssinne bleiben erhalten; mit ihnen gehen sie um wie zuvor. Sie sind entweder in emotionalem Aufruhr, gefangen zwischen den Welten des 'Hier' und des 'Dort' und werfen mit Vasen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Oder sie sind friedliche 'Zurückbleiber', die so sanft gestorben sind, dass sie nie die Mühe auf sich nehmen, den Ort zu verlassen, den sie kennen. Das erklärt zum Beispiele, sagte Hans Holzer, wie eine trauernde Familie am Mittag Tante Minnie begräbt und sie nachmittags um drei wieder in ihrem Stuhl sitzend vorfinden kann."

Besprochen werden unter anderem Horatio Clares Sachbuch "Eine einzige Schwalbe" (Verlagsseite), das der Reise des titelgebenden Vogels von Südafrika nach Südwales folgt und Jay Taylors Biografie "Der Generalissimo" (Verlagsseite), die für eine freundlichere historische Einschätzung des chinesischen Diktators Chiang Kai-Shek plädiert.

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Rue89 (Frankreich) , 06.05.2009

Ist es "links", Downloadern den Computer wegzunehmen und sie den Internetanschluss weiterbezahlen zu lassen? Die sozialistische Partei in Frankreich meint "nein" und stimmt darum gegen die entsprechende loi Hadopi von Sarkozy. Letzte Woche haben sich aber "linke" Künstler zu Wort gemeldet, um Sarkozy zu unterstützen, darunter Michel Piccoli und Juliette Greco. Sie schreiben in einem offenen Brief an die Sozialisten in Le Monde: "Sie verkörperten einst den Widerstand gegen die Deregulierung, gegen das Gesetz des Dschungels, das die kulturelle Vielfalt zerstört. Nun sind Sie, durch eine seltsame Ironie der Geschichte, zu Advokaten eines entfesselten Kapitalismus geworden, der sich im Moment der Digitalisierung gegen die Rechte der Künstler stellt. Vergesssen Sie nicht: Das Urheberrecht ist ein Menschenrecht. Die Chefs der neuen Multis mögen Jeans und T-Shirts tragen, das ändert nichts an ihrer Gier." Darauf entgegnet der Komponist Pierre Sauveageot in Rue89: "Links sein bedeutet, die Debatte über den Hunger nach Kultur und ihre Finanzierung auf ein europäisches Level zu heben. Links sein bedeutet, eine kulturelle Vielfalt zu entwickeln, die auf öffentlicher Finanzierung und ... der Teilhabe am Internet beruht. Links sein bedeutet zu wollen, dass die Rechte renommierter Autoren aufstrebende Künstler finanzieren."

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The Nation (USA) , 25.05.2009

Bild zum ArtikelDer Urbanist Mike Davis hat in Mexiko seinen Freund Marcos Ramirez (Künstlername ERRE) getroffen, der ihm erzählt, wie Mexiko die Schweinegrippe zunächst als Witz wahrnahm - bis folgendes eintrat: "Plötzlich starb der berühmte Archäologe Felipe Solis. Er war Direktor des Nationalen Anthropologischen Museums und hatte noch eine Woche vorher Barack Obama durch die aztekischen Sammlungen geführt. Es kursierten Gerüchte, dass er an Schweinegrippe gestorben sei (was später dementiert wurde). Das setzte die ganze Szenerie unter Strom. Die Leute wussten nicht mehr, was sie denken sollten. Es war wie in Camus' Roman 'Die Pest'. Enge Freunde trauten sich nicht mehr, sich mit Wangenkuss zu begrüßen."

Der New Yorker Journalismusprofessor Eric Alterman greift in seiner Kolumne recht heftig den Washingtoner Alphajournalisten David Broder an, der angesichts der Folter in Guantanamo und anderswo einerseits zugab, dass Amerika einige seiner dunkelsten Jahre erlebt habe und andererseits alle Recherchen zum Thema ablehnt, weil sich in ihnen nur eine 'unwürdige Rachsucht' manifestieren würde.

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Elet es Irodalom (Ungarn) , 30.04.2009

Immer wieder wird in Ungarn über die Integration der Roma debattiert – bislang ohne nennenswerte Ergebnisse. Den Grund dafür sieht der Ethnologe Peter Niedermüller – neben der weit verbreiteten Romafeindlichkeit – darin, dass diese Integration meistens als "Einbahnstraße" aufgefasst wird - als müssten sich ausschließlich die Roma um eine Aufnahme in die Gesellschaft bemühen. Für Niedermüller aber ist in dieser Frage auch die Mehrheitsgesellschaft gefragt: "Solange wir nicht erkennen, dass die Integration der Roma nicht ausschließlich an die Bildung und die Beschäftigung der Roma geknüpft werden kann, solange wir nicht verstehen, dass Integration auch mit stetiger, sozialer Fürsorge, mit der Aktivierung der Gesellschaft, mit einer sich auf alle Bereiche des Lebens erstreckenden Desegregation, mit interkultureller Bildung und mit der Schaffung eines gesellschaftlichen Konsenses gegen Hass und Vorurteile verbunden ist, werden wir keinen Schritt vorankommen."

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The New Republic (USA) , 20.05.2009

Bild zum ArtikelEs war nicht ohne, diese Ausgabe mit ausgewählten Briefen Samuel Becketts zusammenzustellen, erzählt John Banville. Denn nach Becketts Wunsch sollte sie nur Briefe beinhalten sollten, die sich auf seine Arbeit beziehen - was im Leser Banville einige Frustration auslöst. Doch sklavisch haben sich die Herausgeber offenbar auch nicht an Becketts Anweisungen gehalten. So zitiert Banville aus einem Brief, den Beckett nach dem Tod seines Vaters 1933 an Thomas McGreevy schrieb: "Er war sechzig, aber wieviel jünger schien und war er. Er witzelte und fluchte über die Ärzte, solange er atmen konnte. Er lag im Bett ... und schwor feierlich, dass er keinen Handschlag mehr arbeiten würde, wenn es ihm besser geht. Er würde auf den höchsten Punkt der [Halbinsel] Howth fahren, sich in den Farn legen und furzen. Seine letzten Worte waren 'kämpfen kämpfen kämpfen' und 'Was für ein Morgen'. All die kleinen Dinge kommen zurück - memoire de l'escalier. Ich kann nicht über ihn schreiben".

Außerdem: Istvan Deak würdigt in seiner Besprechung von Philipp Freiherr von Boeselagers Erinnerungen die Männer des 20. Juli, hätte aber auch einige Fragen an den Autor. Adam Kirsch macht in einer Besprechung einer englischen Anthologie klassischer chinesischer Gedichte auf faszinierende Art deutlich, warum Nichtkenntnis manchmal genauso gut sein kann wie Kenntnis des Hintergrunds.

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Archiv: Magazinrundschau

Ein Puzzle im Dunkeln

19.04.2014. The Nation beschreibt, wie Künstler sich immer eifriger in Historiker verwandeln. Michel Houellebecq entpuppt sich in Le Point als Größenwahnsinniger. In Osteuropa erzählt Jörg Baberowski, wie der Zar Russland im Ersten Weltkrieg in einen unkontrollierbaren Gewaltraum verwandelte. Die NYRB blickt ins trostlos korrupte Uganda. In Telerama hofft Maïssa Bey in Algerien noch auf einen Wandel. Die NYT hört den Motherless Child Blues. Mehr lesen

Alles sündig Freudvolle

11.04.2014. In der London Review of Books erklärt Seymour Hersh, warum die türkische Regierung für den Giftgaseinsatz in Syrien verantwortlich sein könnte. Nautilus beleuchtet die Geschichte und Zukunft des künstlichen Lichts. In Eurozine erklärt Karl Ove Knausgård, wie er schreibt und welche Bedeutung sein Lektor hat. Le Monde untersucht die Dynamik des Völkermords. Der New Yorker liest vegetarische Kochbücher. Mehr lesen

Allegorien der Liebe

04.04.2014. Die NYT entdeckt die französische Küche neu. Die LRB besucht Veronese. Eurozine dokumentiert die Gender-Diskussion in Polen. Der Merkur erzählt die Geschichte des weißen südafrikanischen Antiapartheidkämpfers Edward Vincent Swart. La vie des idées beobachtet die Rückkehr des biologischen Rassekonzepts. Vanity Fair bringt eine Reportage über die größte Privatarmee der Welt, die G4S. Mehr lesen

Poesie und Transzendenz

28.03.2014. Die Huffington Post begutachtet den Wahlerfolg des Front National in Frankreich. Im Guardian erklärt Chimamanda Ngozi Adichie den Unterschied zwischen westlichem und afrikanischem Sexismus. In Eurozine denkt Kenan Malik über sakrale Kunst nach. Die NYRB begibt sich auf Containerschifffahrt. Das TLS walkt eine Toga. Und der New Yorker fragt, was eigentlich bei der Belagerung von Waco 1993 schief ging. Mehr lesen

Als Denker befreit

21.03.2014. Walter Benjamin lebt - jedenfalls in Frankreich und den USA, melden Le Monde und der Chronicle. Der New Yorker präpariert die zersetzende Wirkung des Dekonstruktivismus am Beispiel Paul de Mans heraus. Im SZ Magazin singt der Videokünstler Matthew Barney ein Loblied auf den Widerstand. Elet es Irodalom hat ein Problem mit dem von der jüdischen Gemeinde Ungarns geplanten Haus des Zusammenlebens. Krieg ist kein Würzmittel für Mittelstandsgeschichten, knurrt The New Republic Lorrie Moore an. Mehr lesen

Das Land der sauberen Hände

14.03.2014. Mario Vargas Llosa erklärt in El País die Wut der Protestler in Venezuela. Der New Yorker rollt nach 40 Jahren den Mord an Kitty Genovese wieder auf. New Yorks Hipster werden von Darwin eingeholt, meldet Slate.fr: Anpassung ist die neue Abhebung. Marcel Ophüls erzählt in Les Inrocks, weshalb Spielfilme befriedigender sind als Dokumentationen. Und Men's Journal berichtet von Chinas boomendem Elfenbeinmarkt. Mehr lesen

Zurück in die Petrischale

07.03.2014. Elet es Irodalom muss hören, wie im ungarischen Radio die Demonstranten in Kiew als "Heckenschützen" und "Terroristen" beschrieben werden. Im Merkur empfiehlt András Bruck den ungarischen Liberalen etwas weniger Kultiviertheit. In der New York Review of Books stellt Timothy Snyder klar, dass Janukowitschs Oligarchen das reaktionäre Regime bildeten, vor dem die russische Propaganda so gern warnt. Slate begutachtet Vampire als Rockstars. In artechock geißelt Rüdiger Suchsland am Beispiel der Beltracchi-Doku das auf den Hund gekommene Selbst­ver­s­tändnis deutscher Kritiker. Mehr lesen

Anonymer, göttlicher Unbekannter

28.02.2014. In The Intercept erklärt Glenn Greenwald, wie die NSA gezielt den Ruf von Kritikern zerstört. La vie des idees betrachtet einen Fotoband über den stalinistischen Terror. The New Republic fühlt sich unwohler vor den Bildern der Futuristen. In Eurozine empfiehlt David Runciman eine Koordinierung der nationalen Wahlen in Europa. In der Boston Review erzählt der Journalist Uki Goñi, wie er mit einem Nonnenmörder die Nacht durchtanzte. Mehr lesen

Die Leute wollen Brot, Würde und Freiheit

21.02.2014. Keine Region hat unter Hitler und Stalin so schwer gelitten wie die Ukraine, erläutert Timothy Snyder in Télérama. Mac McClelland berichtet im Magazin der NYTimes aus einem türkischen Lager für syrische Flüchtlinge. In Guernica erklärt Masha Gessen, warum sie aus Russland ausgewandert ist. Nepszabadsag informiert über die Kontroverse über das ungarische Holocaust-Gedenkjahr. Und Chapati Mystery präsentiert pakistanischen Rap. Mehr lesen

Braten und Schnaps

14.02.2014. Bei edge.org schlägt Kevin Kelly Transparenz für alle vor, auch für die NSA. Die NYT schildert die letzten Tage Philip Seymour Hoffmans. Bei Eurozine beschreibt Volodymyr Yermolenko das Paradox im Herzen der ukrainischen Rebellion. Der New Statesman besucht eine Ausstellung über die Arbeiter-Spartakiade. Mediapart sucht 50 Millionen Euro von Gaddafi und findet sie bei Sarkozy. In Aeon philosophiert Aaron Ben-Zeev über die romantische Liebe. Mehr lesen

Ein zweiter Martini

07.02.2014. Berlinalebedingt kommt die Magschau ein bisschen später als sonst - pardon! In der LRB schildert die Historikerin Barbara Taylor die Zeitlosigkeit der Verzweiflung in psychiatrischen Krankenhäusern. In Nepszabadsag erklärt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás, warum er die metaphorische Geografie von "Westen" und "Osten" ablehnt. in Eurozine begibt sich Stephan Ruß-Mohl auf die Suche nach der europäischen Öffentlichkeit, findet sie aber nicht. Die New Republic zerreißt Benjamin Britten, aber nicht ganz. Und Atlantic zieht am Männerbart. Mehr lesen

So etwas wie ein Wunderkind

31.01.2014. Washingtonian sucht den Mörder von Daniel Pearl. n+1 hört boeremusiek. Im Merkur macht Horst Meier kurzen Prozess mit dem Verfassungsschutz. In Vice erzählt Moe Tucker, wie sie das Trommeln lernte. Der Guardian schildert den Krieg Putins gegen die Moderne. Das New York Magazine trifft Chen Guangbiao, möglicherweise eines Tages Besitzer der New York Times. In Eurozine beharrt Jason Wilson darauf: Es gibt nicht für jedes Problem eine Lösung. Mehr lesen

Englishness ist eine Praxis

27.01.2014. In Elet es Irodalom protestieren 26 Historiker gegen ein geplantes Mahnmal, das an die deutsche Besatzung 1944 erinnern soll. Die LRB beobachtet anerkennend, wie sich die französischen Provinzstädte von Paris emanzipieren. Eurogamer erzählt, wie die Briten mit Monopoly den Zweiten Weltkrieg gewannen. Spiked überlegt, wann Pop das Zeitliche segnete. In der Paris Review erlebt David Cronenberg mit siebzig eine Verwandlung, wie sie Gregor Samsa auch nicht schlimmer widerfuhr. The New Republic lässt kein gutes Haar an Edward Snowden, Glenn Greenwald und Julian Assange. Mehr lesen

Die Scheuklappen der Historiker

14.01.2014. Bloomberg Businessweek erforscht die Welt der Bitcoins. Nationalismus ist Provinzialisierung, ruft Félix de Azúa in El Pais Semanal den katalanischen Politikern zu. Medium verliert sich in den eleganten Zeitlupenvideos Adam Magyars. Buchpreisbindung ist elitär, behauptet in Le Point der Schriftsteller Gaspard Koenig. Gentlemen's Quarterly sucht einen offenen Drogentunnel. In Guernica löst Ari Shavit den Nahostkonflikt in Minischritten. Und Vice erlebt eine Wiederauferstehung als Diamant. Mehr lesen

Der Geist kann tun und sein

07.01.2014. Medium liefert einen kleinen Einblick in die Folgen der Kameraüberwachung in Britannien. In französischen Magazinen kommentieren Pascale Bruckner und Bernard-Henri Levy das geplante Auftrittsverbot für den antisemitischen Komiker Dieudonné. Im Merkur denkt Ernst-Wilhelm Händler über Simmel und die Finanzmärkte nach. Das Boston Magazine untersucht die unrühmliche Rolle des MIT beim Tod von Aaron Swartz. In Commentary schreibt David Gelernter der Kognitionswissenschaft "Das Hirn ist kein Computer" ins Stammbuch. Cabinet feiert den Erfinder des Pfannkuchen-Make-ups, Max Factor. Mehr lesen

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