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Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Kommentator

Ekkehard Knörer

Leserkommentare von Ekkehard Knörer (23) zu

Kommentare nach Datum sortiert:
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Das ganze Vokabular des Bewegungsfilmens

21.02.2010 um 18:52:18 Uhr

@JoergH: Danke für Ihren Kommentar, und zwar ganz ausdrücklich. Ich bin zwar nicht Ihrer Meinung, aber ich finde Ihre Erwiderung auf die "Shahada"-Kritik höchst angenehm im Ton und in der Bereitschaft, sich auf die Argumente des Texts einzulassen. Wollte ich erst einmal einfach so sagen.

Das Problem mit dem Film ist für mich einfach: Es ist kein guter Film. Er versucht sich an sehr schlichter Aufklärung über Muslime in Deutschland. Mich ärgert das, denn ich finde das eine Geringschätzung des Kinos als Kunst. Und das ist auch nicht einfach so ein Spleen von mir, wenn ich immer wieder sage: Kino ist Kunst und Kunst gibt es nicht ohne eine gelungene Einheit von Inhalt und Form. Ich will nicht das Kino als Volksbibel (bzw. Volkskoran) und nicht als Geschichtenförmigmachung von Dingen, die man auch in klaren Sätzen sagen kann. Kunst funktioniert nicht so, dass man einen Inhalt und Thesen und eine zu überbringende Botschaft hat und dann überlegt, wie mach ich daraus jetzt ein kleines Fernsehspiel.

Und was mich ärgert: Im Berlinale-Wettbewerb wimmelt's von Filmen, die immer nur genau das und nichts anderes tun. Die fallen damit einfach hoffnungslos und komplett hinter alle Errungenschaften des Kinos als Filmkunst zurück. Sie sind vom aktuellen Stand der Dinge Welten entfernt. Und es muss doch bei einer solchen Wettschau darum gehen, das Tollste, das Avancierteste vorzuführen; das wo man Ah und Oh sagt und ja, auch und gerade das, was viele erst einmal nicht begreifen. Das gehört doch zum Respekt vor der Kunst - damit zu rechnen, dass da jetzt ein Objekt kommt, mit dem man vorderhand erst einmal nichts anfangen kann. Das Inkommensurable (jetzt gibt es gleich wieder Schelte) ist doch ein enorm wichtiger Aspekt des Kunstwerks.

Oder, um es mit einem etwas schmerzhaften Vergleich zu sagen: Ich schick doch auch keinen Toyota Corolla in ein Formel-1-Rennen. Gewiss, das ist auch ein Auto und kommt auch über die Runden. Bei Kosslick tuckert aber ein Corolla nach dem andren vorbei. Und ab und zu sogar mit krachendem Auspuff ein Audi aus den Achtziger Jahren. Das sieht sehr seltsam aus neben den wenigen Boliden und schnittigen Flitzern wie "Shutter Island" (kein großartiger Film, aber des Wettbewerbs wär er würdig gewesen) oder "Der Räuber". Ganz abgesehen davon, dass dann implizit auch noch behauptet wird, das seien irgendwie alles gleich tolle Autos.

Total kommensurabel: Banksys 'Exit Through the Gift Shop' im Wettbewerb

21.02.2010 um 07:06:56 Uhr

@liborius: Danke, dass Sie sich zum Kommentieren herablassen mir zuliebe. Aber irgendwie finde ich das Argument nicht in Ihrem Kommentar. Helfen Sie mir doch!

Das ganze Vokabular des Bewegungsfilmens

20.02.2010 um 15:48:57 Uhr

@tpfanne: Das ist mir jetzt eigentlich zu dumm. Aber trotzdem in aller Kürze: Wo hat denn irgendwer was von Inhaltslosigkeit gesagt? Es geht doch genau darum, dass und wie Inhalt und Form sich so verschränken, dass diese Unterscheidung uninteressant wird. Und während ich zwar keinem Film einen Inhalt vorschreiben will, sehe ich doch sehr gerne kluge Formen der Auseinandersetzung mit Gegenwartsphänomenen. Dass justament auch in dieser Hinsicht "Der Räuber" der viel interessantere Film ist als die von Ihnen genannten, will Ihnen bestimmt nicht in den Kopf, weil Sie Kunst irgendwie als Ratgeberbuch zu brennenden Themen missverstehen. Das ist aber so: weil "Der Räuber" nämlich hoch spannende Fragen stellt, indem er Mensch und Gesellschaft, Bewegung, Bild, Motiv und Aktion vs. Aktivität, Subjekt vs. Tierhaftigkeit etc. in einen alles andere als eindeutigen und umso faszinierenderen Zusammenhang bringt.

Unsichtbare Kriege, sichtbare Vögel: Philip Scheffners 'Der Tag des Spatzen'

20.02.2010 um 14:29:48 Uhr

Ich glaube, Sie irren. Das ist kein Film über den Afghanistan-Krieg und will keiner sein. Der Regisseur weiß ganz sicher verdammt gut Bescheid über den Krieg und ist ebenso sicher alles andere als naiv. Ganz im Gegensatz zu Ihnen finde ich, dass der Film von Minute zu Minute besser und interessanter wird. Er funktioniert allerdings nicht als Thesenfilm, sondern als ehrliches Vexierspiel. Die Kanonen und die Spatzen sind sozusagen immerzu im selben Bild, aber man kriegt sie, wenn man es betrachtet, nie ganz zusammen. Und der Film fragt sich: Was fange ich mit dem Befund an? Er macht doch auch überhaupt nicht Stimmung gegen den Bundeswehreinsatz. Er führt vor, wie wahnsinnig empfindlich die Bundeswehr auf die Eindeutigkeit ihres Bilds in der Öffentlichkeit erpicht ist. So empfindlich, dass ihnen sogar das erkennbar "subtile" Projekt eines marginalen deutschen Autorenfilmers zu heiß ist. Sie, lieber Herr Welsch, sind doch hier derjenige, der Gewissheiten hat, über die Philipp Scheffner mit gutem Grund hinaus ist.

Das ganze Vokabular des Bewegungsfilmens

20.02.2010 um 11:47:12 Uhr

@Hagen Moll: Das mit der Kritik am Begriff "satisfaktionsfähig" verstehe ich nicht ganz; aus seinem ursprünglichen engen (Duell-)Kontext hat der sich doch schon ein ganze Weile ins Allgemeinere davongemacht. Und dass es Dinge und Menschen gibt, mit denen man sich, weil es einfach nicht lohnt, nicht mal schlagen und streiten will, naja, das scheint mir, ehrlich gesagt, evident.

Und natürlich ist das Kino Kunst, die im Kontext von Industrie und Unterhaltung steht. Aber da wo Unterhaltung eine spannende Form gewinnt, da ist sie Kunst. Bei Industrieprodukten dito. Nur so meine ich das. Interessanterweise verachtet Dieter Kosslick ja nicht nur die strengen Formen von Kunst, sondern auch die gelungenen Formen der Unterhaltung (wie anders ist zu erklären, dass er "The Kids Are Allright" und "My Name is Khan" gönnerhaft in den Wettbewerb nimmt, dann aber mit eisiger Verachtung so sinnlos außer Konkurrenz stellt?).

Das ganze Vokabular des Bewegungsfilmens

20.02.2010 um 08:12:48 Uhr

Geschätzte/r Herr oder Frau T (wie Teflon?) Pfanne. Nur ein Satz: Film ist eine Kunst und darum geht es um Form, nicht um Gesinnung, Themen und Thesen. Punkt.

Ein Monstrum, aber ein amüsantes: Oskar Roehlers 'Jud Süß - Film ohne Gewissen'

19.02.2010 um 17:54:01 Uhr

@valerie: Ich würde Ihnen soweit zustimmen, dass Geschmacklosigkeit eine zwar notwendige, aber noch keine hinreichende Voraussetzung für die filmische Darstellung des Führungspersonals des 3. Reichs ist. Leider ist Roehler dann auch nur in zwei Hinsichten annähernd geschmacklos genug. Die eine ist die mit Landgrebe a tergo. Und die andere Hinsicht ist das Darstellungskonzept für Goebbels. Wäre Bleibtreu nicht ein so bedauernswert limitierter Darsteller, hätte das klappen können mit dem Massenmordeinpeitscher als lächerlichem Clown. So wie es ist, finde ich Martina Knobens "Duracell-Hasen"-Vergleich in der SZ nur zu treffend. Und Duracell-Hase ist dann zwar immer noch besser als Ulrich Matthes im Untergang, aber nicht gut genug.

Schweigt und brütet: Rafi Pitts in 'Shekarchi'

19.02.2010 um 10:06:47 Uhr

Nun, ehrlich gesagt traue ich der Jury in diesem Jahr alles zu. Auch Herzog, den ich seiner Verrücktheit wegen sehr mag; aber als Beurteiler von Filmen ist ein dermaßen idiosynkratischer Typ vielleicht doch nicht der rechte Mann. Insofern sind die Bärenentscheidungen diesmal auch eher ohne Relevanz.

Bleibt immer trocken: Benjamin Heisenbergs 'Der Räuber'

17.02.2010 um 07:21:57 Uhr

Ich möchte außerdem, auch weil mir der Film immer stärker einleuchtet, je mehr ich darüber nachdenke, zu bedenken geben: Rettenberger ist eine Figur, die sich nicht in Räumen bewegt, sondern Räume als Medium für Bewegung begreift, bestenfalls noch als zur Überwindung aufgegebenen Raum. Wenn sein Verhältnis zum Raum gegen Ende dann notgedrungen immer konkreter wird, wird er auch zusehends unsicherer, gehetzter, hilfloser. Es ist umgekehrt auch kein Zufall, dass der Film in einem "Nicht-Ort"-haften Raum endet: auf der Autobahn. Da denkt Arslan seinen Protagonisten doch sehr viel konventioneller. Ich finde ja, dass "Im Schatten" als Berlinfilm viel toller ist denn als Genre-Präparation.

Miserabilismusporno erster Kajüte

15.02.2010 um 21:29:59 Uhr

@ReiniUrban: Sie bringen mich jetzt aber in die unangenehme Lage, Ihrem Lob für mich wenigstens in einem entscheidenden Teilpunkt widersprechen zu müssen. Lukas Moodysson gehört für mich nicht wirklich in diesen Topf: "Mammoth" jedenfalls ist die Gutherzigkeit selbst. Und das meine ich in der Tendenz positiv, wie im letzten Jahr an dieser Stelle beschrieben.

Bleibt immer trocken: Benjamin Heisenbergs 'Der Räuber'

15.02.2010 um 21:17:28 Uhr

Finde ich interessant, dass Dir "Im Schatten" da wirklich besser gefällt. Geht mir, wie vermutlich nicht anders zu erwarten, deutlich umgekehrt. Zwar finde ich "Im Schatten" fraglos perfekter, aber "Der Räuber" wagt doch mehr und probiert mehr und macht nicht nur einfach immer alles richtig. Und ich halte ihn schlicht auch für das viel spannendere Experiment: Was passiert, wenn man (ich vereinfache jetzt) einen typischen Berliner-Schule-Protagonisten zum Helden eines Genre-, ja, man nimmt den Mund nicht zu voll, wenn man sagt: Actionfilms, macht? Wie schlüssig, dass so etwas Tierartiges, nicht Trieb-, sondern Antriebshaftes dabei herauskommt wie hier. Da entstehen Spannungen, die ich bei der Genrebilderbuchhauptfigur von "Im Schatten" vermisse.

Miserabilismusporno erster Kajüte

15.02.2010 um 11:40:42 Uhr

@precious-frage (das etwas seltsame kommentarsystesm hier lässt ausgerechnet die kommentare verschwinden, wenn man antworten will): ich habe precious noch nicht gesehen, habe aber genau das mit dem miserabilismusporno von verlässlichen gewährsleuten schon so oft gelesen, dass mich nichts danach drängt, dies zu tun.

@chaqui: und wie stehen wir so zu kommentatoren, die munter drauflosunterstellen und noch zu feige sind, ihren richtigen namen drunter- oder drüberzusetzen?

Porträt eines Jugendgefängnisses: Florin Serbans 'If I Want to Whistle, I Whistle'

13.02.2010 um 19:25:48 Uhr

Ich finde auch, dass da noch zu viel Drehbuch steckt in dem Film. Aber es geht ihm doch um einen sehr präzisen Zustand, eine Situation: Silviu ist sehr klug und er ist sehr machtlos. Zwei Dinge will er: verhindern, dass es seinem Bruder ergeht, wie ihm selbst. Und das hübsche Mädchen kennenlernen. Die Konstruktion des Buchs: null Chancen, hier wie da. Diese Machtlosigkeit ist zwar melodramatisch erzeugt, aber geht doch letztlich ganz real aus der Situation hervor. Wie kann er sich ermächtigen? Was er tut, verdankt sich einem klaren Kalkül. Dass es nur bedingt aufgeht, verdankt sich, kann man vielleicht sagen, einem Mangel an Lebenserfahrung. (Nochmal wird er das nicht so anstellen.)

Etwas allgemeiner gesagt: Es geht Serban nicht nur um einen Ort (und ich bin völlig Deiner Meinung, dass er den brillant filmt), sondern auch um eine Situation. Das Familiendrama scheint mir da eher das Medium, um diese Situation in der Zuspitzung darzustellen.

Zeitgeschichte als Melodram: Karan Johars 'My Name Is Khan'

13.02.2010 um 14:40:18 Uhr

Ich habe ja damals gedacht, dass mich "You Dont Mess With the Zohan" an einen Bollywoodfilm erinnert. Der Zohn scheint mir jetzt auch der nächste Verwandte von "Khan".

Essen, Singen, Scheiden, Regen: Wang Quan'ans 'Eröffnungsfilm 'Tuan Yuan' (Wettbewerb)

12.02.2010 um 10:24:17 Uhr

Mir ja eher unbegreiflich, wie man an diesem bar jeder wirklichen Inszenierungsidee bewegungslos vor sich hin schaukelnden Filmchen was finden kann. Aber mal nur ein nicht unwichtiger Punkt: Wenn der so ausdrücklich aufgerufene Taiwan/Mainland-Rift mehr als nur beliebiges oder frivoles Pseudozitat sein soll - was um Himmels willen hat es als Allegorie dann zu bedeuten? Lange Trennungen sind eine emotional schwierige Sache und wenn der alte Lover (=Taiwan) wiederkehrt, kommt alles durcheinander? Aber alle sind im Grunde ein bisschen verletzt, aber man kauft große Krebse und lacht und weint und sing miteinander und so weiter? Ach ja, außerdem: das moderne Leben in chinesischen Großstädten ist schon irgendwie blöd, so ohne Großfamilie und in viel zu großen leeren Wohnungen. Je länger ich über den Film nachdenke, desto nicht nur langweiliger, sondern geradezu ärgerlicher kommt er mir vor.

Nö, nicht mit mir

16.10.2009 um 12:13:24 Uhr

danke für die hinweise. und ja, auch wenn man die hand da nicht unbedingt umdrehen muss: der arzt erweist sich später dann in der tat als der systematischere sadist. den superlativ ziehe ich zurück.

A Whiter Shade of Pale

03.09.2009 um 17:55:22 Uhr

Hm, so als Rundumschlag vielleicht: Mario Praz "Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik". Und sonst findet man bestimmt manches in der Sekundärliteratur zu E.T.A. Hoffmann (durchaus auch Eichendorff), von konkret nachschlagbaren Quellen bin ich im Moment leider abgeschnitten. (Sehr präzise war das von mir im Text ja auch nicht formuliert. Aber ungefähr kommt's schon hin.)

Und danke für die freundlichen Worte.

Monster mit Zopf

16.07.2009 um 16:02:15 Uhr

Da haben Sie schlicht und einfach: recht. Der Grund ist, dass ich es immer aus einer Datenbank rüberkopiere, die das nicht verzeichnet. Ich gelobe ab sofort Besserung.

Sehr interessant ist zum Beispiel Hossein Amini, der das Drehbuch zu "Killshot" geschrieben hat, auch wenn nur Teile davon übrig geblieben sind. Er hat nämlich eine erstaunliche Spannbreite, die von der Verfilmung klassischer 19. Jahrhundert-Literatur ("Wings of the Dove", "Jude") bis eben zu einem Hardboiled-Meister wie Elmore Leonard reicht.

Ausgesprochen gespannt bin ich auch auf "Drive", die Verfilmung von James Sallis' brillantem Roman, auch nach Drehbuch von Amini. Die Dreharbeiten dafür verzögern sich schon eine Weile, Hugh Jackman will produzieren und die Hauptrolle spielen. Könnte ein toller Film werden.

Die Früchte des Internets

16.07.2009 um 12:48:47 Uhr

Lieber Herr Ulmer, wir sind uns doch völlig einig. Über Lehrbuch-Verlage habe ich gar nichts geschrieben, aber dass das Open-Access-Modell für Lehrbücher gelten soll, habe ich auch noch nicht gehört. Und um Publikumsverlage, in denen zu veröffentlichen so mancher Geisteswissenschaftler vergebens träumt, ging es in meinem Posting schon gleich gar nicht.

Es geht um die Mehrzahl jener in reinen Geisteswissenschaftsverlagen (Fink kenne ich am besten) veröffentlichten Bände, die genuin der "Produktion von Wissen" gelten: da wird in jahrelanger so oder so öffentlich bezuschusster Forschung Erbrachtes monografisch vorgestellt. Sammelbände sind eine andere Geschichte und in den allermeisten Fällen eine Sinnlosigkeit sondergleichen; das ist aber ein anderes Kapitel.

Das aber ist etwas ganz anderes als Lehrbücher, die ja - da sind uns doch einig? - eher Orte der Reproduktion von Wissen sind. Aufgrund nicht zuletzt der Spezialisierung auch der Geisteswissenschaften sind damit tatsächlich oft genug kaum mehr als sehr bescheidene Leserkreise anzusprechen. Genau das ist eben hinten und vorne nicht mehr amortisierbar. Aber das ist doch genau das Argument für Open Access, hätte ich gedacht?

Die Früchte des Internets

16.07.2009 um 10:05:06 Uhr

Ich möchte nur einen Satz kurz kommentieren:

"Es könnte also sein, dass die Produktion von Wissen auf bestimmten Gebieten in kommerziellen Modellen unmöglich wird."

Die Produktion von Wissen ist in den Geisteswissenschaften, für die ich das halbwegs auch aus eigener Erfahrung überblicke, in kommerziellen Modellen längst unmöglich. Alle Wissenschaftsverlage werden in Deutschland immer schon verdeckt, aber massiv von der öffentlichen Hand subventioniert. (In den USA ist/war das anders!) Erstens durch fast durchweg den vollständigen Verzicht der AutorInnen auf Einnahmen durch Buchverkäufe. Das geht aber in der Regel nur, weil die AutorInnen von Steuergeldern bezahlte Stipendien und/oder Stellen an aus Steuergeldern bezahlten Einrichtungen wie Universitäten haben. Zweitens durch Zuzahlungen in vierstelliger, gelegentlich sogar fünfstelliger Höhe, die durch Druckkostenzuschüsse (aus Steuergeldern) oder immer öfter aus dem Geldbeutel der AutorInnen aufgebracht werden, die der Karriere wegen nicht nur forschen, sondern die Forschungsergebnisse auch noch möglichst prominent platzieren müssen. Wenn hier jemand systematisch zu etwas erpresst wird, dann sind es die WissenschaftlerInnen, die hier zuzuzbuttern verdammt sind, wollen sie nicht untergehen.

Weil aber die Zuschüsse wegbrechen, weil die Bibliotheken aus Geldmangel als primäre Abnehmer der Bücher und Zeitschriften zusehends ausfallen, ist das Modell inzwischen am Ende oder kurz davor. Wenn selbst ein hoch angesehener Wissenschaftsverlag wie Wilhelm Fink nicht mehr in der Lage ist, ohne hohe Extra-Zuschüsse seine Bücher selbst zu setzen und zu lektorieren (ja, das dürfen dann die AutorInnen selber machen), dann kann mit dem ganzen Modell etwas nicht mehr seine Richtigkeit haben.

Roland Reuß, dessen Editionsarbeit ungefähr so exzentrisch und abseitig ist, wie es seine oben zitierten Einlassungen sind, ist vor allem eines nicht: ein ernst zu nehmender Repräsentant in dieser desperaten Lage.

Die vierte Gewalt ist jetzt im Netz

02.07.2009 um 15:24:50 Uhr

@matthias ulmer:

Es gibt viele Gründe, aus denen mir die Idee eines Leistungsschutzrechts absurd vorkommt; der schlichteste aber ist: Sie ist voll und ganz netzwidrig. Und zwar nicht, weil sie den Vorstellungen irgendwelcher Radikalpiraten widerspricht - sondern der Grundidee des Netzes. Und das ist, in der Verkörperung des Links, die eines gegenseitigen Gebens und Nehmens. Im vernünftigen Rahmen. Den Rahmen gilt es, zum Nutzen aller Nutzer, durchaus auch gesetzlich im Moment eher zu erweitern als enger zu ziehen. (Mashups etc.) Nicht nur, aber auch weil das Engerziehen ganz sicher nicht funktioniert. Deshalb schneiden all jene, die ein eventuell irgendwann mal womöglich existierendes Leistungsschutzrecht wirklich umsetzen wollten, indem sie Zitate verbieten bzw. sich bezahlen lassen wollen, sich vom Netz einfach ab. Ich kann gar nicht damit anfangen zu erklären, warum eine Google-Zwangsgebühr rechtlich nie und nimmer durchsetzbar ist. Dasselbe gilt für eine allgemeine Kulturflatrate: das wird allerspätestens an Grenzziehungen scheitern. (Wer hat Anspruch, wer nicht; wie wird verteilt; warum nur Google? sollte man nicht gleich eine Link-Gebühr einführen?) Herauskommen kann bei alledem einzig Selbstmord und das wäre mir ja auch noch egal, läse ich nicht eigentlich recht gerne qualitätsjournalistische Print-Produkte (da jedenfalls, wo sie nicht im eigenen pekuniären Interesse Unfug übers Internet verbreiten).

Problematisch bzw. eher dumm finde ich Lobbyarbeit, die so durchsichtig ist, dass sie mit dem Hinweis, das sei nun wirklich nichts weiter als ein Partialinteresse sehr zurecht ganz einfach zurückgewiesen werden kann. (Darum ist das Kulturgut-Argument das Lächerlichste daran. Erstens ist der Verweis auf Herrn Burdas Produkte angesichts dessen in der Tat nicht unangebracht. Zweitens: Kulturgüter gibt's viele, Anspruch auf staatliche Förderung haben sie - mag sein: leider - alle miteinander nicht. Und wenn einer förderungswürdig ist, dann eher das von keinem dahinterstehenden Verlag mit entsprechender Marktmacht gestützte Independent-Qualitätsprodukt. Aber da bin ich, gebe ich sofort zu, befangen.)

Zum Personalausweis. Das ist eben deshalb nicht vergleichbar, weil die Identitätsfeststellung im Internet im Ernstfall nur funktionieren kann, wenn alle IP-Daten immerzu gespeichert werden und dann lange auf Vorrat gespeichert bleiben. Das macht vollständige Überwachung der Bewegung im Internet eben potenziell möglich. Und das führt wiederum zu einer ganz anders gelagerten Güterabwägung als im Identititätsfestellungs-Real-Life. Ich verstehe gut, dass man bei dieser Güterabwägung lieber auf der Seite der Freiheit landet, bei vollem Bewusstsein, was das an Nicht-Feststellbarkeiten bedeutet.

Wie problematisch längst auch die Gema ist, dazu mehr hier: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,633430,00.html. Umso verrückter wäre es, dergleichen jetzt auch noch auf anderen Gebieten einzuführen.

Ohne dieses andere Fass hier jetzt noch aufmachen zu wollen - oder dann halt doch: Google hat doch niemals den Anspruch der Rechteinhaber auf Entgeltung bei Google Books bestritten. Das Problem, auf das Google Books recht eigentlich eine Antwort gesucht hat, lautete doch: Was ist mit all den Büchern, deren Rechteinhaber nicht mehr aufzutreiben sind, obwohl die Rechte noch nicht abgelaufen sind (das ist eine riesengroße Zahl)? Die Antwort lautete: Naja, wir digitalisieren sie mal und wer noch ein Interesse daran hat, wird sich schon melden. Anders wär das nicht gegangen. Das ist sehr dreist, ging nur wegen Googles ungeheurer Marktmacht und ist in jeder Hinsicht problematisch. Ich bin aber ehrlich unentschieden als jemand, der großes Interesse daran hat, diesen abertausenden von Büchern eine virtuelle Existenz zu geben. Ich bin sehr dafür, alles zu tun, um da jetzt kein Monopol entstehen zu lassen. Und ja, ich weiß, dass Google ein Wirtschaftsunternehmen ist, dass da nicht in erster Linie zum Wohle der Menschheit gehandelt hat. Es ist nur so, dass dabei sehr wohl etwas zum Wohl der Menschheit herausspringen dürfte.

Die vierte Gewalt ist jetzt im Netz

01.07.2009 um 17:37:43 Uhr

@matthias ulmer: Lassen Sie mich gleich vorneweg sagen, damit klar ist, dass ich hier nicht auf die Entscheidung von Gerichten zu warten gedenke, bis ich eine eigene Meinung äußere: Ich halte dieses Leistungsschutzrecht für eine in jeder Hinsicht lächerliche Idee. Sie ist einzig und allein aus der Panik geboren.

Es wird ja immer deutlicher, dass mit dem Internet vor allem eine Instanz der Kulturindustrie in Lebensgefahr gerät: die Verwerter. Drum kommen sie nun alle miteinander auf völlig verrückte Sachen. Die Inhaber von Urheberrechten, die auf Verwertung dieser Rechte angewiesen sind - die Freien etwa, wie, full disclosure, auch ich einer bin, kucken Sie aber mal hier: http://frei.djv-online.de/?p=496 - sehen das Treiben der Verwerter doch längst mit Empörung, bei aller berechtigten Sorge um die eigene Erwerbszukunft. Man kann doch kaum glauben, dass man mit solchen auch noch unverschämt werdenden Angsthasen wie dem Herrn Burda in einem Boot sitzen sollte.

Allzu durchsichtig ist hier die Lobbyarbeit - die, wie jede Lobbyarbeit, hoch problematisch wird, wenn man sieht, dass bei der Agitation wirklich gar nichts anderes eine Rolle spielt als die Rettung der eigenen Pfründen. Alles andere ist hier dermaßen vorgeschoben, dass es schon nicht mehr komisch ist.

Falsch ist übrigens auch Ihr Argument mit dem Personalausweis. Keineswegs gibt es, wie von Ihnen behauptet, eine Pflicht, diesen stets bei sich zu führen. Was aber fürs Netz gefordert wird, entspräche der Pflicht, diesen nicht nur dabeizuhaben, sondern wo man geht und steht die Nummer zu notieren und zu hinterlassen. Das käme Ihnen nicht wie ein Überwachungsstaat vor? Na, danke.

In der Frage, woraus der VDZ seine Google-Gebühr denn eigentlich ableiten will - bzw. wie das geforderte Zitatverbot in irgendeiner Weise durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sein sollte -, haben Sie ja auch eher nicht das, was man jetzt ein Argument nennen würde, zu bieten. Und Ihr Highway to Hell-Vergleich: Google bringt doch gerade nicht den Text, sondern nur den Titel auf seinen Lastwagen auf und vielleicht noch ein oder zwei Zeilen.

Abgesehen davon ist der Vergleich sowieso absurd, weil Google ja diese Titel und Zeilen ausnahmslos deshalb auf seiner Seite hat, um die Leserinnen zu den Inhalten zu lenken, die im Fall der Zeitungen und Zeitschriften die Verwertungsrechteinhaber absolut freiwillig ins Netz gebracht haben (ohne die Freien etwa als Urheberrechteinhaber je im Ernst um Erlaubnis zu fragen). Und das macht Google auch noch ohne direkte Gegenleistung!

(Und ich halte, damit das klar ist, Google für eine Firma mit genialen Ideen, aber auch für einen problematischen Monopolisten mit bedenklichen Anwandlungen von Dreistigkeit.)

Der wahre Kowalski

09.03.2009 um 17:48:23 Uhr

Sorry, blöder Fehler. Danke für den Hinweis, ist im Text jetzt korrigiert.

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