Bücherschau der Woche
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Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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Von Lesern empfohlene Bücher

Petur Gunnarsson: punkt punkt komma strich

Moti Kfir, Ram Oren: Sylvia Rafael

Ewige Werte
- Post aus der Antarktis
- Fallende Blätter: die Lage des Feuilletons heute
- Domenico Scarlatti
- Olaf Sundermeyer und der Perlentaucher: Richtigstellungen
- Die Perlentaucher-Affäre und das System Schirrmacher
- Der sogenannte neue Übersetzerstreit
- Die Zeitungen und die Freien
- Neu und Nach: ein Übersetzerstreit
- Anna Politkowskaja
- Politkowskaja
- Wikipedia und der Google Juice
- Andre Müller interviewt Arno Breker
- Canfora, Stalin, Le Goff
- 100 wichtige Intellektuelle aus der Provinz
- Adam Michnik
- Seyran Ates: Antwort auf Jutta Limbach
- An die französischen Neinsager
- Der 8. Mai war keine Befreiung
- Thomas Kling
- Let's Talk European!
- Der biedere Untergang
- Marie-Luise Scherer
- Das Ende der Berliner Seiten
- Gustav Seibt über Götz Aly
- Litchfield, Rechnitz, Thyssen-Bornemisza
- Das Kempowski-Dossier
- Nichts ohne Netz: Zeitungen online
- Grass und die SS: ein Linkdossier
- Die Öffentlich-Rechtlichen und das Netz
- Rupert Murdoch hat so Recht
- Und eine Antwort auf Mathias Döpfner
- Google Fraktur
- Die Galle der Gallier
- Post aus der Walachei
Heute in den Feuilletons
Notschrei eines blutjungen Originalgenies
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2010. Das Wall Street Journal attackiert das "German Cultural Appeasement". Das Chinese Law Prof Blog bringt Liu Xiaobos Rede vor dem Gericht, das ihn zu elf Jahren verurteilte: eine Weigerung zu hassen. Die FR bejubelt das Comeback des Gil Scott-Heron. Die FAZ bringt: Hegemann - Hermeneutik und Kritik. Die NZZ bilanziert die Auswirkungen des Erdbebens auf die Kulturlandschaft Haitis. Und die Welt fragt: Was machen Niall Ferguson und Ayaan Hirsi Ali denn da? Schmusen die?
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Die Welt, 09.02.2010
Da war ja was los beim Literaturfestival im indischen Jaipur! Erst erklärte der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, England sei eine Terroristen ausbrütende "Jauchegrube" (mehr gleich in unserer Magazinrundschau). Und dann machten dort öffentlich schmusend Ayaan Hirsi Ali und Niall Ferguson ihr Verhältnis öffentlich, meldet Thomas Kielinger. "Die offene Demonstration intimer Nähe zwischen zwei Zelebritäten im globalen Salon entging den Welt-Medien bis zum vergangenen Wochenende, als endlich die britische Zeitung Daily Mail enthüllen ('The history man and fatwa girl') konnte: Niall Ferguson wird sich nach 17 Jahren Ehe scheiden lassen, für Hirsi Ali, die Neue in seinem Leben. Ein sprechendes Foto aus Jaipur, plötzlich aufgetaucht, lässt an der Geschichte keinen Zweifel. Ohnehin macht der in Schottland geborene Historiker keinen Hehl aus seiner neuen Liaison. Schon im vergangenen Sommer will er sie seiner Frau Susan Douglas, 52, gestanden haben."
Helene Hegemann wird von Cosima Lutz gnadenlos als Vertreterin ihrer Generation ausgequetscht, antwortet aber brav. Zu den Plagiatsvorwürfen sagt sie: "Ich selbst empfinde es nicht als geklaut, weil ich ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe und von vornherein immer damit hausieren gegangen bin, dass eben überhaupt nichts von mir ist. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation."
Der ägyptische Journalistenverband hat drei Journalisten verurteilt, weil sie "Kontakte zu Israelis hatten oder nach Israel reisten", berichtet Birgit Svensson. "Nach einer heftigen Debatte im Hauptquartier des Journalistenverbandes im Zentrum von Kairo wurde der stellvertretende Chefredakteur der Wochenzeitung Oktober Magazin mit einer dreimonatigen Schreibsperre bestraft. Zwei weitere Journalisten erhielten Verwarnungen. Hussein Serage war mit einem Kollegen für eine Reportage nach Israel gereist und kam demnach in Kontakt mit den Einwohnern. Hala Moustafa, Chefredakteurin des Monatsmagazins Demokratie, empfing den israelischen Botschafter in Kairo zu einem Interview in ihrem Büro."
Weiteres: Sophia Seiderer erzählt, dass die für die Weltausstellung in Schanghai geplante deutsch-chinesische Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking ausfällt, weil das Hamburger Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner mit dem Neubau des Nationalmuseums nicht rechtzeitig fertig wurde. Schinkels Bauakademie Unter den Linden wird mangels großzügigem Investor nicht nachgebaut werden, meldet Eckhard Fuhr. Besprochen wird eine Ausstellung über den Jesuiten und China-Reisenden Matteo Ricci.
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Weitere Medien, 09.02.2010
Die deutsche Islamdebatte wird jetzt auch in amerikanischen Medien aufgegriffen. Unter dem Titel "German Cultural Appeasement" attackiert Benjamin Weinthal im Wall Street Journal scharf das kritikophobe Feuilleton. Neben FAZ-Autoren wie Patrick Bahners und Lorenz Jäger wird auch Thomas Steinfeld aus der SZ angesprochen: "Mr Steinfeld from the SZ went as far as to pooh pooh the recent murder attempt against Danish cartoonist Kurt Westergaard by a 28-year-old Somali with links to the Islamist al-Shabab militia as another bogus excuse to pounce on Islam: 'All we need is for something to happen, a failed attack, for example, like the one at the beginning of the month, and the debate will start all over again, with the same arguments-no, what's being offered there are not arguments, but slogans.' It is as if the Somali's radical Islamic ideology, which animated his plan to murder Mr. Westergaard, was non-existent."
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Frankfurter Rundschau, 09.02.2010
Thomas Winkler bejubelt das Comeback des Gil Scott-Heron, "Godfather des Souls" und "schwarzer Bob Dylan", der nach Jahren im Knast und an der Crackpfeife ein neues Album herausgebracht hat: "Es sind nicht mehr Nachrichten von der vordersten Front des Kampfes gegen den Rassismus, den Scott-Heron einst kämpfte, aber doch, wie es an einer Stelle des Albums heißt, ebenso maßgebliche Zwischenmeldungen aus 'the ruins of another black man's life'. Die Musik dazu erinnert nur selten an den pumpenden Soulfunk, über dem Scott-Heron früher seine Tiraden auszuspucken pflegte. Es finden sich Restbestände von Gospel und Blues, aber vor allem aber düstere Samples, Keyboardschlieren, verschleppte Beats, die auch von einem angesagten Elektronik-Produzenten wie Burial stammen könnten."
Peter Michalzik schreibt nur leicht zerknirscht über die ans Licht gekommene Unoriginalität von Helene Hegemanns Roman "Axolotl": "Auch für die Kritik, wir geben es gerne zu, liegt etwas Peinliches in dem Vorgang. Wer ehrlich ist, wird das Gefühl, jemandem auf den Leim gegangen zu sein, nicht verleugnen wollen. Der Fall erinnert daran, dass Helene Hegemanns wesentliche Leistung vielleicht darin besteht, eine Erfahrung von der Sub- in die Hochkultur (schau an, die beiden gibt's ja doch noch!) transponiert zu haben. Deswegen haben wir Kulturzirkel davon überhaupt Notiz genommen. Auch das bedeutet: Das Buch bleibt das gleiche, aber wir schauen es jetzt mit anderen Augen an."
Besprochen werden Stephan Kimmigs Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" in München, eine Aufführung von Verdis "I Masnadieri" und Bücher, darunter Martin Walsers Novelle "Mein Jenseits" (über die Arno Widmann recht überschwänglich schreibt) sowie eine weiterer Teil der Autobiografie J.M. Coetzees, der heute siebzig Jahre alt wird (siehe auch unsrere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Aus den Blogs, 09.02.2010
Donald C. Clarke, Professor an der George Washington University Law School, präsentiert auf dem Chinese Law Prof Blog Liu Xiaobos Rede vor dem Gericht, das ihn zu elf Jahren Haft verurteilte. Er erklärt darin, warum er sich weigert, seine Gegner zu hassen - weil nur der Abschied von einer Mentalität des Hasses sein Land zur Reform führen kann: "Externally abandoning 'anti-imperialism and anti-revisionism', and internally abandoning 'class struggle' may be called the basic premise of the continuance of China's reform and opening to this day. The market orientation of the economy; the cultural trend toward diversity; and the gradual change of order to the rule of law, all benefited from the dilution of this mentality."
Auch Clarke sagt in seiner Einleitung zu Lius Text zwei bemerkenswerte Sätze: "It is not, in general, the prisoners who talk about the need to respect Chinese cultural values; it is their jailers (who also claim the right to define them). The prisoners almost invariably speak in the language of universal values."
Google scheint gmail zu einer sozialen Plattform ausbauen zu wollen. Um 10 Uhr Silicon-Valley-Zeit gibt es eine Pressekonferenz. "Facebook might be the new Gmail, but now Gmail is the new Facebook, bitches", kommentiert Matt Buchanan in Gizmodo. Aufgebracht hat die Meldung das Wall Street Journal.
Der Autor SurfGuard verteidigt in seinem Blog The Boy in the Bubble den Gebrauch von Pseudonymen im Netz gegen Internetpessimisten wie Jaron Lanier: "Das Pseudonym 'SurfGuard' ermöglicht es mir, meine private und meine berufliche Sphäre auch im Web getrennt zu halten. Ich halte es für eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dieses Bedürfnis, das Menschen immer schon hatten, auch im Web abzubilden. Wenn es zukünftig ein besseres Konzept geben sollte als die Wahl eines Pseudonyms, dann bin ich möglicherweise dabei."
Die Bundesregierung rückt von dem ursprünglich geplanten Kinderpornosperrengesetz ab, meldet Markus Beckedahl in Netzpolitik: "Das ist schön und gut. 'Löschen statt Sperren' hatten wir immer gefordert... Aber es bleiben Fragen offen: Wird mit der Umformulierung des Gesetzes zukünftig nachhaltig verhindert, dass weitere Sperrfantasien wieder auferstehen? Und was ist mit der angeschafften Sperrinfrastruktur bei den Providern? Werden wir hier eine konsequente Abrüstung erleben oder bleibt die durch die Sperrverträge installierte Zensurinfrastruktur erhalten, die derzeit innerhalb von Minuten/Stunden angeschaltet werden kann?"
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Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2010
Von den katastrophalen Auswirkungen des Erdbebens in Haiti auf die Kulturinstitutionen berichtet Emmilie Prophete, die Chefin der haitianischen Direction Nationale du Livre. Sämtliche Instituitionen, Archive und Kunstgegenstände liegen in Trümmern, Plünderungen erschweren den Wideraufbau: "Das Zentrum der Hauptstadt, wo sich die meiste Administration befand, ist zerstört. Nur die Nationalbibliothek wurde einigermaßen geschont, sie könnte an sich wieder fürs Publikum geöffnet werden, doch liegt sie in einem Ruinenfeld: Wie soll sie da funktionieren, inmitten von Kadavergeruch und wachsender Seuchengefahr?"
Joachim Güntner vergleicht den Plagiatsvorwurf, der Helene Hegemann mit ihrem Debüt "Axolotl" gemacht wird, mit demjenigen gegenüber Uwe Tellkamps "Turm" und resümiert: "Die Autorin weiß genau, wie man dem Affen Zucker füttert, wenn sie anfügt: 'Originalität gibt's sowieso nicht, nur Echtheit. Und mir ist es völlig egal, woher Leute die Elemente ihrer ganzen Versuchsanordnungen nehmen, die Hauptsache ist, wohin sie sie tragen.' Eklektizismus ist fruchtbar, das lernt man an der Volksbühne, und zum Remixen gibt die Internetgemeinde ihren Segen. Mit der These, dass wir immer schon in Zitaten reden, wenn wir den Mund aufmachen, operiert die ganze postmoderne Intertextualitäts-Theorie. Nur dass deren Vordenker im Rauschen der Texte auch den Autor untergehen sahen. So viel Selbstdemontage hat Hegemanns Ego nicht zu bieten. Ihr Lieblingswort bleibt 'ich'."
Weitere Artikel: Der italienische Regisseur Antonio Latella, der in Neapel das kleines Nuovo Teatro Nuovo übernommen hat, macht mit einem sechsstündigen Marathon zum Thema "Krankheit und Literatur" Furore, berichtet Renate Klett. Angela Schader gratuliert dem Schriftsteller J. M. Coetzee zum Siebzigsten.
Besprochen werden die Aufführung von Alban Bergs "Lulu" im Genfer Grand Theatre, Arno Geigers neuer Roman "Alles über Sally" und Ulrike Kolbs Roman "Yoram" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Die Tageszeitung, 09.02.2010
Eva-Christina Meier und Andreas Fanizadeh unterhalten sich mit dem Journalisten Horacio Verbitsky über linke Politik in Argentinien. Nina Apin berichtet von der Affäre um Helene Hegemanns Remix-Künsten, die sich in einem weit entfernten Literaturbetrieb abzuspielen scheint. Isabelle Reicher war auf dem Filmfestival von Rotterdam. Der Grüne Aram Lintzel macht sich Gedanken über den Größenwahn der Linkspartei. Besprochen wird Amir Hassan Cheheltans Roman "Teheran Revolutionsstraße".
Isolde Charim hält auf der Meinungsseite nichts von einem Burka-Verbot, vor allem weil sie nichts von der Burka hält: "Die Burka ist Symbol für das Fremde, das man guten Gewissens ablehnen darf. Jeder. Auch Sie. Auch ich."
Und Tom.
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Süddeutsche Zeitung, 09.02.2010
Zusammen mit dem berühmtesten Autor der Stadt, Douglas Coupland ("Generation X") besucht Jörg Häntzschel die Stadt "in der obersten linken Ecke der westlichen Welt" Vancouver, wo demnächst die Winterspiele stattfinden: "Wovon Vancouver heute wirklich lebt, das kann auch Coupland nicht erklären: 'Handel, Einwanderung, Immobilien - Schlupflöcher. Wir produzieren nichts.' Dass es der Stadt dennoch bestens geht, und dass man hier kaum etwas spürte vom jüngsten Crash, das liegt vor allem an den Chinesen und an dem vielen Geld, das sie in die Stadt schwemmen."
Weitere Artikel: Willi Winkler kompiliert die Recherchen des Blogs Gefühlskonserve zu Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill", der in Passagen abgeschrieben ist, und spottet über die "Feuilletonfriseure" der anderen Zeitungen, die für ihre Elogen des Romans auch nicht recherchiert hatten, aber früher dran waren als die SZ, und geißelt mit einer Formel Brechts die "Laxheit in Fragen geistigen Eigentums" in dieser verwahrlosten Internetgeneration. Abgedruckt wird Daniel Birnbaums Laudatio auf den Soziologen und Philosophen Bruno Latour zum Erhalt des Kulturpreises der Münchner Universitätsgesellschaft. Till Briegleb resümiert Debatten um die Kosten der kommenden Elbphilharmonie. China-Korrespondent Henrik Bork berichtet von einem dringlichen Brief des chinesischen Autors Liao Yiwu an Angela Merkel, mit dem er eine Ausreisegenehmigung für die litcologne erwirken möchte.
Besprochen werden eine Bernd-und-Hilla-Becher-Ausstellung in Bottrop, Karin Henkels "Alkestis"-Inszenierung in Zürich und Bücher, darunter J.M. Coetzees autobiografischer Roman "Sommer des Lebens".
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2010
Nachdem jetzt alle wissen, dass Helene Hegemann für ihren Roman "Axolotl Roadkill" fleißig geremixt, d.h. originell abgeschrieben hat, müssen die schnellbegeisterten Feuilletons nachsitzen. Andreas Kilb hat die ruchbar gewordene Inspirationsquelle, Airens Roman "Strobo", historisch-kritisch vergleichend gelesen und findet Hegemanns Werk erstens durchaus besser und zweitens gibt er nicht zuletzt den Feuilletons schuld am Fehlen des Quellenverzeichnisses: "Das Einzige, was die kluge Dichterin Hegemann versäumt hat, ist der Nachweis der Quellen, aus denen ihre Selbsterfahrungsprosa strömt... Natürlich hätte sich Helene Hegemanns Roman nicht halb so gut am Markt und in den Feuilletons plazieren können, wenn er nur als Talentprobe einer formbewussten, literarisch versierten Debütantin aufgetreten wäre. Nein, dieses Buch musste der Notschrei eines blutjungen Originalgenies sein, ein poetisches Protokoll aus den wildesten Ecken des Hauptstadtlebens."
Weitere Artikel: Im ausführlichen Gespräch erläutert der Dirigent Christian Thielemann nicht nur seine Pläne für Dresden, sondern warnt auch davor, Musik zu machen, die ebenso austauschbar sei wie Nicole Kidmans Botox-Gesicht. In der Glosse macht Lorenz Jäger darauf aufmerksam, dass ein scharfmacherischer Artikel, in dem Daniel Pipes Barack Obama aufforderte, den Iran zu bombardieren, aus dem Online-Angebot der Welt wieder gelöscht wurde, und zwar ausdrücklich, weil er "redaktionell nicht vertretbar" sei. (Im Google Cache findet er sich derzeit noch.) Aus der Schweiz vermeldet Jürg Altwegg zwar nach dem angekündigten Steuersünder-CD-Ankauf eine Hochkonjunktur von Deutschland-Beschimpfungen (gern mit NS-Bezug), hält das aber für ein vorübergehendes Phänomen. Paul Ingendaay berichtet, dass ein Kolumnist ("eine seriöse Quelle") der spanischen Zeitung El mundo kolportiert, dass der im Exil in Miami lebende kubanische Autor Norberto Fuentes in einem noch nicht erschienenen Memoirenbuch kolportiert, dass der kubanische Geheimdienst Gabriel Garcia Marquez beim Sex in einer von seinem Freund Fidel Castro zur Verfügung gestellten Villa gefilmt haben soll.
Swantje Karich meldet in einer knappen Notiz, dass sich iranische Schriftsteller und Literaturkritiker in einer Petition für ihren seit September inhaftierten, keineswegs im Widerstand aktiven Kollegen Khalil Dormanki einsetzen. Auf der Medienseite erklärt Friederike Haupt, wie es kommt, dass Facebook unheimliche Kenntnisse sogar über Nicht-Mitglieder besitzt. Außerdem gratuliert der Autor und Verleger Michael Krüger seinem Freund Hubert Burda zum Siebzigsten.
Besprochen werden ein Konzert von Lou Barlow in Köln, Krzysztof Warlikowskis Pariser Inszenierung von "Endstation Sehnsucht" (bzw. "Un Tramway") mit Isabelle Huppert, Stephan Kimmigs Inszenierung von "Kabale und Liebe" in Berlin, ein Ballettabend mit Choreografien von Forsythe, Kylian, Cranko und Scholz in Stuttgart, und Bücher, darunter J.M. Coetzes jüngstes Stück romanhafter Autobiografie "Sommer des Lebens" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Archiv: Heute in den Feuilletons
Für Ohrfeigen geboren
11.02.2012. In der FAZ erklärt Michail Schischkin, warum Gogol der verzweifeltste aller russischen Schriftsteller war. In der NZZ erklärt Jennifer Eagan das Konzept ihres Romans über die Aushöhlung der Musikindustrie. Der eigentliche Stukturwandel der Öffentlichkeit findet jetzt erst statt, meint Volker Gerhardt in der Welt. In der taz erklärt Bazon Brock, warum man als Humanist gegen den Tod sein muss. In der FR beklagt Timothy Snyder das politsche links-rechts-Schema in der Wahrnehmung des Holocaust. Mehr lesen
Kritisch gemeinte Radetzkymarsch-Paraphrase
10.02.2012. Die Chinesen können Demokratie doch: Taiwan beweist es, konstatiert die NZZ. Die taz erklärt, was Cumbia ist. Der Economist staunt über die haarigen Mausklicker, die Acta verhindern. Rue89 zeigt den Like-Button mal anders. Die SZ fürchtet um die Privatsphäre. FAZ und Welt bewundern die Intimität des Blicks in in Benoit Jacqouts Berlinale-Eröffnungsfilm "Lebwohl meine Königin". Mehr lesen
Wegfall von Arbeit
09.02.2012. Heute beginnt die Berlinale. In der FAZ zeigen drei deutsche Regisseure auf Leerstellen, aus denen Erzählung werden sollen. Die FR freut sich auf tolle Anti-Kulakenfilme in der Berlinale-Retro. Der Freitag warnt vor dem geplanten Research Works Act in Amerika, der den Zugang zu Wissenschaft erschweren könnte. In der NZZ schreibt Georg Klein über Frost. Die Zeit staunt über Peter Nadas: den Autor, der auf 1700 Seiten dieses verdammte europäische Ich erledigt. Alle gratulieren dem großen Gerhard Richter zum Achtzigsten. Mehr lesen
Was für ein dramatisch schöner Jüngling Sie waren
08.02.2012. In der NZZ erklärt der nigerianische Dichter Obi Nwakanma die Strategie der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. In der Welt mahnt Wolf Lepenies: Die EU sollte nicht nur den Euro in Griechenland, sondern auch die Demokratie in Ungarn retten. Die taz erklärt, warum Peter Eisenmans "Ciudad de la Cultura" in Santiago de Compostela nicht gebaut wird. Die SZ ist froh, dass sich die chinesische Sprache so schlecht für Zensur eignet. Mehr lesen
Archiv: Heute in den Feuilletons
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Archiv: Heute in den Feuilletons
Der Graf von Sandwich war in Gefahr
07.02.2012. "It's over, Facebook", ächzt Readwriteweb und wirbt für eine immer breitere Bewegung von Facebook-Abtrünnigen. David Cameron könnte als der britische Politiker in die Geschichte eingehen, unter dem Schottland von Großbritannien und England von der EU abfielen, meint Timothy Garton Ash im Guardian. Die NZZ zitiert eine Meldung aus ihrem Archiv vom 24. Brachmonat 1780, die später auch in einem Dickens-Roman verarbeitet wurde. Und in der FR warnt Götz Aly vor jenen, die Rinks mit Gut und Lechts mit Böse verwechseln. Mehr lesen
2000PutIN, 2012PutOUT
06.02.2012. Die FAZ erzählt, warum Georg Baselitz so schlecht auf Berlin zu sprechen ist. Die FR gelangt nach längerem Nachdenken zur Verneinung eines Tweets von Erika Steinbach. Die NZZ ist begeistert über ein kammermusikalisches "Rheingold" in München. Die Zeit ist sehr aktiv in der Berichterstattung über Acta: Das Abkommen, auf dem die Hoffnungen der Verwerterindustrien beruhen, soll demnächst ratifiziert werden - aber Polen steigt aus. In den Blogs wird unterdes nicht mehr nur über das "geistige", sondern auch über das physische Eigentum diskutiert. Mehr lesen
Die ganze Welt inventarisieren
04.02.2012. In der NZZ sucht Graham Swift das Bleeding Heart von Dickens' London. In der FR sucht Mike Daisey, das Herz der Apple-Fetischisten. Die Welt rät von Elternratgeber ab. Der Tagesspiegel entlarvt die perfiden Techniken der neuen Machthaber im Büro: Sie poltern nicht, sie piepsen und blinken. Die FAZ stimmt auf die Berlinale ein und stellt fest: Jeder Stummfilm hat mehr Klang als 3D-Filme Tiefe. Mehr lesen
Hunde und Katzen, Liebe und Tod
03.02.2012. Alain de Botton hat ein Rad neu erfunden, das sich niemals richtig drehte, meint John Gray im Guardian zu Bottons Idee eines atheistischen Tempels. In der Welt verabschiedet Martin Andree den "Digital Dream" von einer Demokatisierung der Welt durch das Netz. Alle Zeitungen trauern um Wislawa Szymborska. Man darf sie zwar einen "Mozart der Poesie" nennen, aber nicht ohne ihr auch die "Wut eines Beethoven" zu bescheinigen, sagt die NZZ. Mehr lesen
Einschlusslöcher am Gebäudesockel
02.02.2012. Die Welt fragt: Gibt es in Deutschland eine Architektur jenseits der Restauration? Telepolis schildert die Risiken von Amazons Kindle: Wer seine Informationsfreiheit nutzt, droht seine Ebooks zu verlieren. Die Zeit stellt in ihrem Dossier fest: Frauen sind die Verliererinnen des arabischen Frühlings. Die FR konstatiert: Helmut Dietls "Zettl" ist ersoffen im guten Willen jener Politik, über die er sich mokieren will. Im Freitag empfiehlt Occupy-Vordenker Mark Greif ziellosen Zorn. Die Jungle World beerdigt den von Greifs Zeitschrift n+1 aufgespießten Hipster. Mehr lesen
So sehr ich Warhol schätze
01.02.2012. Die FAZ ist ganz einverstanden mit der Polemik des CDU-Abgeordneten Ansgar Heveling gegen die "vermeintliche Web-Avantgarde". Im Handelsblatt antwortet Frank Rieger vom Chaos Computer Club auf Hevelings Artikel. Die FAZ bringt auch ein Porträt des N+1-Herausgebers und Gesellschaftskritikers Mark Greif, der Hipster hasst. Die Münchner schlagen über Helmut Dietls Berlin die Hände über dem Kopf zusammen. Die FR greift eine sehr polemische Debatte um Robert Services vielgelobte Trotzki-Biografie auf. Mehr lesen
Also, Bürger, auf zur Wacht!
31.01.2012. Große Aufregung im Netz über eine Polemik des CDU-Politikers Ansgar Heveling im Handelsblatt, der das "geistige Eigentum" mit Rekurs auf die Französische Revolution verteidigt. Carta veröffentlicht einen "ergreifenden" Brief des ZDF-Hierarchen Elmar Theveßen an seine Kollegen. Eines der Probleme des ZDF: die Gehaltserhöhungen. Kenan Malik kommentiert am Beispiel Rushdie die erstaunliche Ängstlichkeit der Öffentlichkeit in der Frage der Meinungsfreiheit. In der taz meint Axel Honneth: Keiner simmelt den Weber wie Bourdieu. Die FAZ stört sich am zentralperspektivischen Aufbau der Ausstellung "Roads of Arabia" in Berlin. Mehr lesen
Weil es dem Franz so gefallen hat
30.01.2012. Jonathan Franzen erklärt im Telegraph, warum Kapitalisten gedruckte Bücher hassen. Die NZZ besucht Kafkas Nichte Vera Saudkova in Prag. Die Bloggerin Ulrike Langer staunt über ein Handbuch zum Journalismus, das als Standardwerk gilt und Ressentiments gegen das Netz verbreitet. Die FAZ ist sich uneins über den Kapitalismus. Die Welt stellt das Leipziger Architekten-Team Karo vor, das sich mit dem Leerstand in Ostdeutschland auseinandersetzt. In der taz porträtiert Gabriele Goettle die Historikerin Hannah Ahlheim. Mehr lesen
Das korrekte Verfahren für Anarchisten
28.01.2012. In der Welt findet der italienische Künstler Francesco Vezzoli seine Schau total explosiv. In der taz besteht Reyhan Sahin darauf, dass sie zugleich Professorin und Lady Bitch Ray sein kann. Die FAZ träumt vom Anarchismus, die SZ beobachtet, wie er totdiskutiert wird. Im Tagesspiegel meint Uwe Timm: Was dem Deutschen früher sein Militarismus war, ist ihm heute die Ökonomie. Alle sind beeindruckt von Marcel Reich-Ranickis Rede im Bundestag. Mehr lesen
Und die Emotionen suchen blind
27.01.2012. "Wir schaffen es nicht, uns von uns selbst zu befreien", seufzt Michail Schischkin in der NZZ. Die FR hat herausgefunden: Man kann noch billiger produzieren, als wo Apple produziert. Die taz hat herausgefunden: Julian Assange arbeitet in Moskau mit einem Kreml-treuen Sender zusammen. Die SZ sieht Lana del Rey als "erzkonservative Männerfantasie". Ach was, sie inszeniert sich selbst, widerspricht die Welt. Und: Carta ist wieder da! Mehr lesen
Ein irrer Cut
26.01.2012. Die Welt und alle anderen würdigen Theo Angelopoulos, der bei einem Unfall ums Leben kam. Im Freitag annoncieren die neuen Macher des Merkur, dass sie demnächst ein Blog eröffnen. Gegen das Internet kann man sowieso nichts mehr machen, konstatiert die Zeit. Die Jungle World will die Hoffnung auf den arabischen Frühling noch nicht aufgeben. Henryk Broder mokiert sich in der Weltwoche über eine aktuelle Antisemitismusstudie. Und die FAZ würdigt, was in Retro überlebt. Mehr lesen





