Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Patricia B. McConnell: Das andere Ende der Leine

Michael Stolleis: Sozialistische Gesetzlichkeit

Ewige Werte
- Post aus der Antarktis
- Fallende Blätter: die Lage des Feuilletons heute
- Domenico Scarlatti
- Olaf Sundermeyer und der Perlentaucher: Richtigstellungen
- Die Perlentaucher-Affäre und das System Schirrmacher
- Der sogenannte neue Übersetzerstreit
- Die Zeitungen und die Freien
- Neu und Nach: ein Übersetzerstreit
- Anna Politkowskaja
- Politkowskaja
- Wikipedia und der Google Juice
- Andre Müller interviewt Arno Breker
- Canfora, Stalin, Le Goff
- 100 wichtige Intellektuelle aus der Provinz
- Adam Michnik
- Seyran Ates: Antwort auf Jutta Limbach
- An die französischen Neinsager
- Der 8. Mai war keine Befreiung
- Thomas Kling
- Let's Talk European!
- Der biedere Untergang
- Marie-Luise Scherer
- Das Ende der Berliner Seiten
- Gustav Seibt über Götz Aly
- Litchfield, Rechnitz, Thyssen-Bornemisza
- Das Kempowski-Dossier
- Nichts ohne Netz: Zeitungen online
- Grass und die SS: ein Linkdossier
- Die Öffentlich-Rechtlichen und das Netz
- Rupert Murdoch hat so Recht
- Und eine Antwort auf Mathias Döpfner
- Google Fraktur
- Die Galle der Gallier
- Post aus der Walachei
Heute in den Feuilletons
Notschrei eines blutjungen Originalgenies
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2010. Das Wall Street Journal attackiert das "German Cultural Appeasement". Das Chinese Law Prof Blog bringt Liu Xiaobos Rede vor dem Gericht, das ihn zu elf Jahren verurteilte: eine Weigerung zu hassen. Die FR bejubelt das Comeback des Gil Scott-Heron. Die FAZ bringt: Hegemann - Hermeneutik und Kritik. Die NZZ bilanziert die Auswirkungen des Erdbebens auf die Kulturlandschaft Haitis. Und die Welt fragt: Was machen Niall Ferguson und Ayaan Hirsi Ali denn da? Schmusen die?
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Die Welt, 09.02.2010
Da war ja was los beim Literaturfestival im indischen Jaipur! Erst erklärte der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, England sei eine Terroristen ausbrütende "Jauchegrube" (mehr gleich in unserer Magazinrundschau). Und dann machten dort öffentlich schmusend Ayaan Hirsi Ali und Niall Ferguson ihr Verhältnis öffentlich, meldet Thomas Kielinger. "Die offene Demonstration intimer Nähe zwischen zwei Zelebritäten im globalen Salon entging den Welt-Medien bis zum vergangenen Wochenende, als endlich die britische Zeitung Daily Mail enthüllen ('The history man and fatwa girl') konnte: Niall Ferguson wird sich nach 17 Jahren Ehe scheiden lassen, für Hirsi Ali, die Neue in seinem Leben. Ein sprechendes Foto aus Jaipur, plötzlich aufgetaucht, lässt an der Geschichte keinen Zweifel. Ohnehin macht der in Schottland geborene Historiker keinen Hehl aus seiner neuen Liaison. Schon im vergangenen Sommer will er sie seiner Frau Susan Douglas, 52, gestanden haben."
Helene Hegemann wird von Cosima Lutz gnadenlos als Vertreterin ihrer Generation ausgequetscht, antwortet aber brav. Zu den Plagiatsvorwürfen sagt sie: "Ich selbst empfinde es nicht als geklaut, weil ich ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe und von vornherein immer damit hausieren gegangen bin, dass eben überhaupt nichts von mir ist. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation."
Der ägyptische Journalistenverband hat drei Journalisten verurteilt, weil sie "Kontakte zu Israelis hatten oder nach Israel reisten", berichtet Birgit Svensson. "Nach einer heftigen Debatte im Hauptquartier des Journalistenverbandes im Zentrum von Kairo wurde der stellvertretende Chefredakteur der Wochenzeitung Oktober Magazin mit einer dreimonatigen Schreibsperre bestraft. Zwei weitere Journalisten erhielten Verwarnungen. Hussein Serage war mit einem Kollegen für eine Reportage nach Israel gereist und kam demnach in Kontakt mit den Einwohnern. Hala Moustafa, Chefredakteurin des Monatsmagazins Demokratie, empfing den israelischen Botschafter in Kairo zu einem Interview in ihrem Büro."
Weiteres: Sophia Seiderer erzählt, dass die für die Weltausstellung in Schanghai geplante deutsch-chinesische Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking ausfällt, weil das Hamburger Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner mit dem Neubau des Nationalmuseums nicht rechtzeitig fertig wurde. Schinkels Bauakademie Unter den Linden wird mangels großzügigem Investor nicht nachgebaut werden, meldet Eckhard Fuhr. Besprochen wird eine Ausstellung über den Jesuiten und China-Reisenden Matteo Ricci.
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Weitere Medien, 09.02.2010
Die deutsche Islamdebatte wird jetzt auch in amerikanischen Medien aufgegriffen. Unter dem Titel "German Cultural Appeasement" attackiert Benjamin Weinthal im Wall Street Journal scharf das kritikophobe Feuilleton. Neben FAZ-Autoren wie Patrick Bahners und Lorenz Jäger wird auch Thomas Steinfeld aus der SZ angesprochen: "Mr Steinfeld from the SZ went as far as to pooh pooh the recent murder attempt against Danish cartoonist Kurt Westergaard by a 28-year-old Somali with links to the Islamist al-Shabab militia as another bogus excuse to pounce on Islam: 'All we need is for something to happen, a failed attack, for example, like the one at the beginning of the month, and the debate will start all over again, with the same arguments-no, what's being offered there are not arguments, but slogans.' It is as if the Somali's radical Islamic ideology, which animated his plan to murder Mr. Westergaard, was non-existent."
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Frankfurter Rundschau, 09.02.2010
Thomas Winkler bejubelt das Comeback des Gil Scott-Heron, "Godfather des Souls" und "schwarzer Bob Dylan", der nach Jahren im Knast und an der Crackpfeife ein neues Album herausgebracht hat: "Es sind nicht mehr Nachrichten von der vordersten Front des Kampfes gegen den Rassismus, den Scott-Heron einst kämpfte, aber doch, wie es an einer Stelle des Albums heißt, ebenso maßgebliche Zwischenmeldungen aus 'the ruins of another black man's life'. Die Musik dazu erinnert nur selten an den pumpenden Soulfunk, über dem Scott-Heron früher seine Tiraden auszuspucken pflegte. Es finden sich Restbestände von Gospel und Blues, aber vor allem aber düstere Samples, Keyboardschlieren, verschleppte Beats, die auch von einem angesagten Elektronik-Produzenten wie Burial stammen könnten."
Peter Michalzik schreibt nur leicht zerknirscht über die ans Licht gekommene Unoriginalität von Helene Hegemanns Roman "Axolotl": "Auch für die Kritik, wir geben es gerne zu, liegt etwas Peinliches in dem Vorgang. Wer ehrlich ist, wird das Gefühl, jemandem auf den Leim gegangen zu sein, nicht verleugnen wollen. Der Fall erinnert daran, dass Helene Hegemanns wesentliche Leistung vielleicht darin besteht, eine Erfahrung von der Sub- in die Hochkultur (schau an, die beiden gibt's ja doch noch!) transponiert zu haben. Deswegen haben wir Kulturzirkel davon überhaupt Notiz genommen. Auch das bedeutet: Das Buch bleibt das gleiche, aber wir schauen es jetzt mit anderen Augen an."
Besprochen werden Stephan Kimmigs Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" in München, eine Aufführung von Verdis "I Masnadieri" und Bücher, darunter Martin Walsers Novelle "Mein Jenseits" (über die Arno Widmann recht überschwänglich schreibt) sowie eine weiterer Teil der Autobiografie J.M. Coetzees, der heute siebzig Jahre alt wird (siehe auch unsrere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Aus den Blogs, 09.02.2010
Donald C. Clarke, Professor an der George Washington University Law School, präsentiert auf dem Chinese Law Prof Blog Liu Xiaobos Rede vor dem Gericht, das ihn zu elf Jahren Haft verurteilte. Er erklärt darin, warum er sich weigert, seine Gegner zu hassen - weil nur der Abschied von einer Mentalität des Hasses sein Land zur Reform führen kann: "Externally abandoning 'anti-imperialism and anti-revisionism', and internally abandoning 'class struggle' may be called the basic premise of the continuance of China's reform and opening to this day. The market orientation of the economy; the cultural trend toward diversity; and the gradual change of order to the rule of law, all benefited from the dilution of this mentality."
Auch Clarke sagt in seiner Einleitung zu Lius Text zwei bemerkenswerte Sätze: "It is not, in general, the prisoners who talk about the need to respect Chinese cultural values; it is their jailers (who also claim the right to define them). The prisoners almost invariably speak in the language of universal values."
Google scheint gmail zu einer sozialen Plattform ausbauen zu wollen. Um 10 Uhr Silicon-Valley-Zeit gibt es eine Pressekonferenz. "Facebook might be the new Gmail, but now Gmail is the new Facebook, bitches", kommentiert Matt Buchanan in Gizmodo. Aufgebracht hat die Meldung das Wall Street Journal.
Der Autor SurfGuard verteidigt in seinem Blog The Boy in the Bubble den Gebrauch von Pseudonymen im Netz gegen Internetpessimisten wie Jaron Lanier: "Das Pseudonym 'SurfGuard' ermöglicht es mir, meine private und meine berufliche Sphäre auch im Web getrennt zu halten. Ich halte es für eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dieses Bedürfnis, das Menschen immer schon hatten, auch im Web abzubilden. Wenn es zukünftig ein besseres Konzept geben sollte als die Wahl eines Pseudonyms, dann bin ich möglicherweise dabei."
Die Bundesregierung rückt von dem ursprünglich geplanten Kinderpornosperrengesetz ab, meldet Markus Beckedahl in Netzpolitik: "Das ist schön und gut. 'Löschen statt Sperren' hatten wir immer gefordert... Aber es bleiben Fragen offen: Wird mit der Umformulierung des Gesetzes zukünftig nachhaltig verhindert, dass weitere Sperrfantasien wieder auferstehen? Und was ist mit der angeschafften Sperrinfrastruktur bei den Providern? Werden wir hier eine konsequente Abrüstung erleben oder bleibt die durch die Sperrverträge installierte Zensurinfrastruktur erhalten, die derzeit innerhalb von Minuten/Stunden angeschaltet werden kann?"
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Neue Zürcher Zeitung, 09.02.2010
Von den katastrophalen Auswirkungen des Erdbebens in Haiti auf die Kulturinstitutionen berichtet Emmilie Prophete, die Chefin der haitianischen Direction Nationale du Livre. Sämtliche Instituitionen, Archive und Kunstgegenstände liegen in Trümmern, Plünderungen erschweren den Wideraufbau: "Das Zentrum der Hauptstadt, wo sich die meiste Administration befand, ist zerstört. Nur die Nationalbibliothek wurde einigermaßen geschont, sie könnte an sich wieder fürs Publikum geöffnet werden, doch liegt sie in einem Ruinenfeld: Wie soll sie da funktionieren, inmitten von Kadavergeruch und wachsender Seuchengefahr?"
Joachim Güntner vergleicht den Plagiatsvorwurf, der Helene Hegemann mit ihrem Debüt "Axolotl" gemacht wird, mit demjenigen gegenüber Uwe Tellkamps "Turm" und resümiert: "Die Autorin weiß genau, wie man dem Affen Zucker füttert, wenn sie anfügt: 'Originalität gibt's sowieso nicht, nur Echtheit. Und mir ist es völlig egal, woher Leute die Elemente ihrer ganzen Versuchsanordnungen nehmen, die Hauptsache ist, wohin sie sie tragen.' Eklektizismus ist fruchtbar, das lernt man an der Volksbühne, und zum Remixen gibt die Internetgemeinde ihren Segen. Mit der These, dass wir immer schon in Zitaten reden, wenn wir den Mund aufmachen, operiert die ganze postmoderne Intertextualitäts-Theorie. Nur dass deren Vordenker im Rauschen der Texte auch den Autor untergehen sahen. So viel Selbstdemontage hat Hegemanns Ego nicht zu bieten. Ihr Lieblingswort bleibt 'ich'."
Weitere Artikel: Der italienische Regisseur Antonio Latella, der in Neapel das kleines Nuovo Teatro Nuovo übernommen hat, macht mit einem sechsstündigen Marathon zum Thema "Krankheit und Literatur" Furore, berichtet Renate Klett. Angela Schader gratuliert dem Schriftsteller J. M. Coetzee zum Siebzigsten.
Besprochen werden die Aufführung von Alban Bergs "Lulu" im Genfer Grand Theatre, Arno Geigers neuer Roman "Alles über Sally" und Ulrike Kolbs Roman "Yoram" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Die Tageszeitung, 09.02.2010
Eva-Christina Meier und Andreas Fanizadeh unterhalten sich mit dem Journalisten Horacio Verbitsky über linke Politik in Argentinien. Nina Apin berichtet von der Affäre um Helene Hegemanns Remix-Künsten, die sich in einem weit entfernten Literaturbetrieb abzuspielen scheint. Isabelle Reicher war auf dem Filmfestival von Rotterdam. Der Grüne Aram Lintzel macht sich Gedanken über den Größenwahn der Linkspartei. Besprochen wird Amir Hassan Cheheltans Roman "Teheran Revolutionsstraße".
Isolde Charim hält auf der Meinungsseite nichts von einem Burka-Verbot, vor allem weil sie nichts von der Burka hält: "Die Burka ist Symbol für das Fremde, das man guten Gewissens ablehnen darf. Jeder. Auch Sie. Auch ich."
Und Tom.
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Süddeutsche Zeitung, 09.02.2010
Zusammen mit dem berühmtesten Autor der Stadt, Douglas Coupland ("Generation X") besucht Jörg Häntzschel die Stadt "in der obersten linken Ecke der westlichen Welt" Vancouver, wo demnächst die Winterspiele stattfinden: "Wovon Vancouver heute wirklich lebt, das kann auch Coupland nicht erklären: 'Handel, Einwanderung, Immobilien - Schlupflöcher. Wir produzieren nichts.' Dass es der Stadt dennoch bestens geht, und dass man hier kaum etwas spürte vom jüngsten Crash, das liegt vor allem an den Chinesen und an dem vielen Geld, das sie in die Stadt schwemmen."
Weitere Artikel: Willi Winkler kompiliert die Recherchen des Blogs Gefühlskonserve zu Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill", der in Passagen abgeschrieben ist, und spottet über die "Feuilletonfriseure" der anderen Zeitungen, die für ihre Elogen des Romans auch nicht recherchiert hatten, aber früher dran waren als die SZ, und geißelt mit einer Formel Brechts die "Laxheit in Fragen geistigen Eigentums" in dieser verwahrlosten Internetgeneration. Abgedruckt wird Daniel Birnbaums Laudatio auf den Soziologen und Philosophen Bruno Latour zum Erhalt des Kulturpreises der Münchner Universitätsgesellschaft. Till Briegleb resümiert Debatten um die Kosten der kommenden Elbphilharmonie. China-Korrespondent Henrik Bork berichtet von einem dringlichen Brief des chinesischen Autors Liao Yiwu an Angela Merkel, mit dem er eine Ausreisegenehmigung für die litcologne erwirken möchte.
Besprochen werden eine Bernd-und-Hilla-Becher-Ausstellung in Bottrop, Karin Henkels "Alkestis"-Inszenierung in Zürich und Bücher, darunter J.M. Coetzees autobiografischer Roman "Sommer des Lebens".
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2010
Nachdem jetzt alle wissen, dass Helene Hegemann für ihren Roman "Axolotl Roadkill" fleißig geremixt, d.h. originell abgeschrieben hat, müssen die schnellbegeisterten Feuilletons nachsitzen. Andreas Kilb hat die ruchbar gewordene Inspirationsquelle, Airens Roman "Strobo", historisch-kritisch vergleichend gelesen und findet Hegemanns Werk erstens durchaus besser und zweitens gibt er nicht zuletzt den Feuilletons schuld am Fehlen des Quellenverzeichnisses: "Das Einzige, was die kluge Dichterin Hegemann versäumt hat, ist der Nachweis der Quellen, aus denen ihre Selbsterfahrungsprosa strömt... Natürlich hätte sich Helene Hegemanns Roman nicht halb so gut am Markt und in den Feuilletons plazieren können, wenn er nur als Talentprobe einer formbewussten, literarisch versierten Debütantin aufgetreten wäre. Nein, dieses Buch musste der Notschrei eines blutjungen Originalgenies sein, ein poetisches Protokoll aus den wildesten Ecken des Hauptstadtlebens."
Weitere Artikel: Im ausführlichen Gespräch erläutert der Dirigent Christian Thielemann nicht nur seine Pläne für Dresden, sondern warnt auch davor, Musik zu machen, die ebenso austauschbar sei wie Nicole Kidmans Botox-Gesicht. In der Glosse macht Lorenz Jäger darauf aufmerksam, dass ein scharfmacherischer Artikel, in dem Daniel Pipes Barack Obama aufforderte, den Iran zu bombardieren, aus dem Online-Angebot der Welt wieder gelöscht wurde, und zwar ausdrücklich, weil er "redaktionell nicht vertretbar" sei. (Im Google Cache findet er sich derzeit noch.) Aus der Schweiz vermeldet Jürg Altwegg zwar nach dem angekündigten Steuersünder-CD-Ankauf eine Hochkonjunktur von Deutschland-Beschimpfungen (gern mit NS-Bezug), hält das aber für ein vorübergehendes Phänomen. Paul Ingendaay berichtet, dass ein Kolumnist ("eine seriöse Quelle") der spanischen Zeitung El mundo kolportiert, dass der im Exil in Miami lebende kubanische Autor Norberto Fuentes in einem noch nicht erschienenen Memoirenbuch kolportiert, dass der kubanische Geheimdienst Gabriel Garcia Marquez beim Sex in einer von seinem Freund Fidel Castro zur Verfügung gestellten Villa gefilmt haben soll.
Swantje Karich meldet in einer knappen Notiz, dass sich iranische Schriftsteller und Literaturkritiker in einer Petition für ihren seit September inhaftierten, keineswegs im Widerstand aktiven Kollegen Khalil Dormanki einsetzen. Auf der Medienseite erklärt Friederike Haupt, wie es kommt, dass Facebook unheimliche Kenntnisse sogar über Nicht-Mitglieder besitzt. Außerdem gratuliert der Autor und Verleger Michael Krüger seinem Freund Hubert Burda zum Siebzigsten.
Besprochen werden ein Konzert von Lou Barlow in Köln, Krzysztof Warlikowskis Pariser Inszenierung von "Endstation Sehnsucht" (bzw. "Un Tramway") mit Isabelle Huppert, Stephan Kimmigs Inszenierung von "Kabale und Liebe" in Berlin, ein Ballettabend mit Choreografien von Forsythe, Kylian, Cranko und Scholz in Stuttgart, und Bücher, darunter J.M. Coetzes jüngstes Stück romanhafter Autobiografie "Sommer des Lebens" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Archiv: Heute in den Feuilletons
Muss ich etwas zu sagen haben?
20.03.2010. Die Welt trifft den Dichter Bei Dao in Hongkong, dessen Bücher in China immerhin wieder erscheinen dürfen. In der FAZ erklärt Jürgen Kuri, dass nur Soziale Netzwerke Googles amoralischen Algorithmen etwas entgegensetzen können. In der SZ bekommen Mädchen und Damen wieder Zustände. In der taz hört Klaus Theweleit Jimi Hendrix. Mehr lesen
Zurück in die Münzfernsprecher-Epoche
19.03.2010. In der FR erkennt Verena Auffermann in der Diskussion um Helene Hegemann die Angst vor der digitalen Zukunft. In der Welt bestätigt dies eine Studie und nennt auch eine Zahl: über 70 Prozent der Deutschen sind nie in der digitalen Gesellschaft angekommen. In der taz ist Liao Yiwu froh, dass seine Bücher illegal kopiert werden, sonst könnte sie niemand lesen. Die SZ porträtiert den künftigen tschetschenischen Nobelpreisträger Kanta Ibragimow, der seinen jüngsten Roman nur dank eines geschmuggelten USB-Sticks veröffentlichen konnte. In der FAZ rauft sich Constanze Kurz die Haare: Sendezeiten im Internet? Wo leben unsere Landespolitiker? Mehr lesen
Arrondierte Männergruppen
18.03.2010. Die FR spekuliert über die Frage,ob Günter Grass von westlichen Geheimdiensten ausspioniert wurde. Im Welt-Interview mit Julia Kristeva stellt sich heraus, das es der Poststrukturalismus mit dem Tod des Subjekts gar nicht so gemeint hat. In der Presse erklärt Andre Müller, warum es für sein Metier von Vorteil ist, ohne Vater aufgewachsen zu sein. In der FAZ warnt der Internetskeptiker Evgeny Morozov vor Twitter und Co. Der Zeit ist eins klar: Wenn Männer Männer missbrauchen, sind auf jeden Fall schon mal Männer schuld. Mehr lesen
Dinge zusammenzuleimen ist sehr einfach
17.03.2010. Die "Leipziger Erklärung" entfacht die Hegemann-Debatte neu. Die Welt erklärt, warum Christa Wolf Literatur ist, obwohl sie Sätze von Faulkner ohne Dank und Tüttel übernommen hat. Die SZ erklärt, warum Peter Esterhazy Literatur ist, obwohl er ganze Kapitel anderer Autoren abschrieb. In der SZ erklärt Sibylle Lewitscharoff, warum sie von Mashups nichts hält. In der Welt erklärt Claude Lanzmann, warum die Juden nicht gerettet werden konnten. Auch die Debatten um die Abgründe der Reformpädagogik und des Katholizismus gehen weiter: Hans Küng fordert in der SZ ein Mea Culpa des obersten Vertuschers. Mehr lesen
Archiv: Heute in den Feuilletons
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Archiv: Heute in den Feuilletons
Ein Mann wie Winnetou
16.03.2010. Der Tagesspiegel bringt eine Petition deutscher Großschriftsteller von Grass bis Wolf gegen einen möglichen Leipziger Buchpreis für Helene Hegemann. Gerhard Amendt belehrt in der Welt Josef Haslinger, dass er in seinem Text über pädophile Priester an einem kindlichen Zustand der seelischen Ohnmacht festhalte. Micha Brumlik findet für die taz von Anfang an homoerotische Aspekte in der deutschen Reformpädagogik. In der FAZ kritisiert Necla Kelek die islamischen Verbände in Deutschland. Mehr lesen
Dass er zu einem Eis am Stiel wird, dann splittert
15.03.2010. In der Welt warnt Ibn Warraq vor den Scharia-Gerichten in England. In der SZ schreibt Richard Swartz über Korruption in Kroatien. Die FAZ erinnert an Zeiten, als zum Frommen der Kunst Knaben kastriert wurden. Gawker gefriert bei Ian McEwans Satire auf den Klimawandel und deckt eine von Sean Penn begangene Ungerechtigkeit auf. Und im Tagesspiegel gratuliert Jürgen Neffe dem Perlentaucher zum Zehnten. Mehr lesen
Ich war verstört
13.03.2010. In der Welt erinnert sich Joseph Haslinger an seine Jugend in einem katholischen Internat: "Die Pädophilen waren in dieser Sphäre von klösterlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit." In der FAZ begibt sich Bruce Sterling auf den betrügerisch vernetzten Basar der Geschichte. Im Guardian schreibt Timothy Garton Ash über Ryszard Kapuscinski und die Grundregeln des Reporters. In der taz erklärt Kate Pickett, dass Ungleichheit auch Reiche stresst. In der NZZ bannt Beat Furrer mit Bas Hilfe altägyptische Zerfallsphantasien. Und die FR vernimmt beglückt das Lachen eines bebauchten, bärtigen Buddhas. Mehr lesen
Zeitung lebt
12.03.2010. In der NZZ erklärt der Autor Hans Maarten van der Brink, warum die Holländer im Juni Geert Wilders zum Premier wählen könnten. Die FR möchte kein Leichtgewicht mehr sein, sondern ein Trumm werden. Die Welt wünscht Griechenland mehr anglikanische Arbeitsethik. Die taz hat Freude an Joanna Newsoms Organ. Die FAZ verteidigt die Freiheit der Kunst. Mehr lesen
Damals war die Zukunft heute
11.03.2010. Ai Weiwei ist sich in der FR sicher: Durch das Internetzeitalter verändert sich die gesamte Machtstruktur. Die Welt liefert eine Reportage über die Verfertigung einer kritischen Koranausgabe. Im Freitag plädiert Clemens Meyer gegen allzuviele Literaturpreise. Der Guardian weiß, womit sich Marianne Faithfull schminkt. Golem berichtet über eine Resolution des Europaparlaments gegen ACTA. Die taz bringt ein Interview mit dem Kapuscinski-Biografen Artur Domoslawski. Die Zeit erinnert sich mit Wehmut an die Zeit, in der sie modern war. Mehr lesen
Baukomplexe mit heimelig-prätenziösen Namen
10.03.2010. An der Zeitungskrise ist das Internet gar nicht schuld - sie ist nämlich schon viel älter, meint Google in seinem Policy Blog. Auf Telepolis erklärt Hamed Abdel-Samad den Zusammenhang zwischen Rechtspopulismus und Islamkritik: Der erste kommt, wenn die zweite ausbleibt. In taz und NZZ sprechen iranische Autoren über die Repression in ihrem Land. Wir verlinken auf die gerade online gestellte letzte Kollektion von Alexander McQueen. Mehr lesen
Zerrissene Blätter, zerbröselte Siegel
09.03.2010. Christopher Hitchens graust es in Slate vor dem saudischen Anwalt Ahmed Zaki Yamani, der die dänische Zeitung Politiken mit Klagedrohungen dazu brachte, sich für den Abdruck der Mohammed-Karikaturen zu entschuldigen. Darf man einfach die Geschichte verdrehen? Bernard-Henri Levy kritisiert in den neuesten Filmen Tarantinos und Scorseses eine Tendenz zum Revisionismus. Laut BBC betrachten 80 Prozent aller Weltbürger Internetzugang als fundamentales Menschenrecht. Und Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow erklärt in der Welt, wie Journalismus funktioniert. Mehr lesen
Schwirren und fliegen und sausen
08.03.2010. Ja doch, Christoph Waltz hat den Oscar als bester Nebendarsteller gewonnen. Wir setzen Links zu Videos, Galerien, Listen und Roben. In der NZZ wendet sich der Maskulinologe Gerhard Amendt gegen das Opferbild Frau. Die taz bringt am Frauentag gleich eine ganze Männertaz mit einem Manifest für ein neues Selbstbewusstsein des Mannes. In der FR erklärt der Ökonom Robert Fogel, warum das alte Europa gegenüber China zurückbleibt: Es ruht sich allzu gerne aus. In Carta erklärt ein Burda-Manager, warum er Leistungsschutzrechte will: weil er seine Inhalte kostenlos ins Netz stellt. Mehr lesen
Denken Sie an Klaviersaitendraht
06.03.2010. In der Welt geißelt Margaret Atwood die Schuld der Menschen an den Vögeln - und nennt dabei auch Zahlen. In der FR kommentiert Ulrich Beck das endgültige Ende des Bankgeheimnisses. Die taz warnt vor Acta. In der SZ kritisiert der Verfassungsrechtler Christoph Möllers die Vertuschungstaktik der katholischen Kirche: Für Verbrechen wie sexuellen Missbrauch ist der Staat zuständig. Die FAZ beschreibt den Einfluss von Bloggern auf die Modeindustrie. Mehr lesen
Antipathie gegen Beton und Stahl
05.03.2010. Der Kultur geht's an den Kragen: Die Welt schildert die Folgen des Bevölkerungsschwunds und der Steuerpolitik für Städte wie Dessau. Die taz erwägt das Für und Wider eines Films über Rudi Dutschke, der in der Rudi-Dutschke-Straße Premiere hatte. Die NZZ kritisiert die Bürger von Bukarest, welche die Errungenschaften der klassischen Moderne nicht ausreichend würdigen. Das Buch über Günter Grass' Stasi-Akten sorgt für respektvolles Aufsehen. Mehr lesen
Ein Fingernagel in ihrer Suppe
04.03.2010. In der FR erzählt Liao Yiwu, wie ihn das Gefängnis zum Reportageschriftsteller machte. Golem meldet: Die Telekom löscht 19 Terabyte Vorratsdaten. In der NZZ trägt der Theologe Friedrich Wilhelm Graf zur weiteren Ernüchterung Margot Käßmanns bei. Die Welt warnt: Man kann Joanna Newson nicht einfach den New Weird Americana zuordnen. In der taz kritisiert Ralf Bönt das neue Prestige der Religionen. Mehr lesen



