Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Heute in den Feuilletons

Rebmanns Welt ist Oberndorf

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

08.10.2009. Die FR porträtiert den Mann, der demnächst über die Geschicke der SZ bestimmen wird. Die Welt entziffert die karolingischen Minuskeln in C.G. Jungs "Rotem Buch". Die NZZ erweist den Helden von Leipzig ihre Reverenz. Entweder Leistungsschutzrechte oder Informationsfreiheit, schreibt Matthias Spielkamp im Perlentaucher. Die SZ liest im Kindle und dem Kindle die Leviten. In der Zeit setzt Dietmar Dath die Debatte um den Afghanistaneinsatz fort.

FR, 08.10.2009

Bernhard Bartsch stellt den seit 1988 in den USA lebenden chinesischen Schriftsteller Qiu Xialong vor, dessen Krimis in China wenn überhaupt dann nur in zensierter Form erscheinen dürfen. Sein erstes literarisches Werk war eine Selbstkritik, die er 1966 für seinen Vater, einen Geschäftsmann, schreiben musste: "'Mein Vater lag damals wegen einer Augenoperation mit verbundenen Augen im Krankenhaus, aber die Roten Garden bestanden trotzdem darauf, dass er regelmäßig Selbstbezichtigungsschriften verfasst', erzählt Qiu. Also musste sein 14-jähriger Sohn kommen. 'Mein Vater war sehr schwach, und so habe ich einfach selbst geschrieben, was mein Vater für ein Ausbeuter und monströser Verbrecher war.' Qiu machte seine Sache gut - die Revolutionäre hatten an seinen Schuldbekenntnissen nichts auszusetzen."

Weitere Artikel: Jürgen Serke erinnert an den Dramatiker Alfred Matusche, der heute 100 Jahre alt geworden wäre: "Er hat ein Jahrhundertwerk hinterlassen, das kaum noch einer kennt. Niemand sonst schrieb unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg von Versöhnung und unverlierbarer Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und Polen. Seine Stücke ersetzen ein ganzes Zentrum gegen Vertreibung, wie es in Berlin geplant ist." Auf den ersten Blick ausgewogen findet Jörg Plath das Urteil des BGH zur Bezahlung von Übersetzern. In Times Mager denkt Christian Thomas über das "Monster" nach, das Bundespräsident Horst Köhler gezähmt sehen möchte.

Auf der Medienseite porträtiert Ulrike Simon den Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medienholding vor, Richard Rebmann, der demnächst auch über die Geschicke der Süddeutschen Zeitung entscheidet. "'Rebmanns Welt ist Oberndorf', heißt es im Verlag. Kommunizieren sei seine Sache nicht. Den journalistischen Anspruch einer Qualitätszeitung betrachte er als Luxus. Hauptsache, dass die Erlöse stimmen. Rebmann sagt zu alldem nichts. Der Mann, dem kaum einer traut, ist misstrauisch, erst recht Journalisten gegenüber. In der Branche gilt er als 'harter Hund'. Ihm reiche es nicht, Mitarbeitern den Arbeitsplatz zu nehmen. Er nehme ihnen auch noch die Würde, sagt einer, der Rebmanns Gebaren kennt."

Besprochen werden die Laszlo-Moholy-Nagy-Schau in der Frankfurter Schirn Kunsthalle (Arno Widmann entdeckt hier Moholy-Nagys "'Selbstveränderungsdrang'. Der Betrachter, der ihn erspürt hat, wird mobilisiert, aufzuhören mit dem Danebenstehen, mit der Klugscheißerei."), die Roman-Adaption "Abgesoffen" in der Frankfurter Box, Nicolas Stemanns Inszenierung des "Nathan" am Hamburger Thalia Theater, Jeff Nichols Debütfilm  "Shotgun Stories" und Ludi Boekens Film  "Unter Bauern".

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Welt, 08.10.2009

Jahrzehnte nach seinem Tod ist C.G. Jungs "Rotes Buch" erschienen, in dem der Guru in bizarr-virtuoser Weise sein Seelenleben entfaltete. Thomas Lindemann beschreibt es als "befremdlicher Ritt durch Mythen, Düsternis und verbissene Seelenforschung. Träume, Gedanken, Mini-Essays sind enthalten, auch Dialoge mit imaginierten Personen, die mal 'Seele' heißen oder mal Izdubar sind, der altbabylonische Stiermensch. Jung hat sich, was ein Faksimile-Teil zeigt, den Schriftstil mittelalterlicher Buchkunst angeeignet und in illuminierter Handschrift ähnlich den karolingischen Minuskeln geschrieben. Dazwischen setzt er aufwendige Bilder, die an byzantinische Kunst denken lassen und - diese Assoziation bleibt nicht aus - Plattencover der Siebziger, aus den esoterischen Phasen Chick Coreas oder des Mahavishnu Orchestras."

Weitere Artikel: Uwe Wittstock kommentiert das Urteil des Bundesgerichtshof zur Vergütung der Übersetzer, das für ihn die paradoxe Konsequenz hat, dass Übersetzer simpler Bestseller besser gestellt sein werden als Übersetzer literarisch anspruchsvoller Werke. Der chinesische Germanist Zhang Yushu begrüßt mit Emphase Wolfgang Kubins zehnbändige Geschichte der chinesischen Literatur - ein solches Projekt gibt es nicht mal in China selbst. Gustavo Dudamel hat seine Stelle als Chefdirigent der L.A. Philharmonics angetreten, berichtet Manuel Brug.

Gemeldet wird, dass Herta Müller beim Wettbüro Ladbroke's gleichauf mit Amos Oz als Favoritin für den Literaturnobelpreis gilt.

Besprochen werden die große Ausstellung über die Konkurrenten Tizian, Tintoretto und Veronese im Louvre und einige Filme, darunter Ludi Boekens Film "Unter Bauern" (mehr hier) mit Veronica Ferres.

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Berliner Zeitung, 08.10.2009

Der amerikanische Journalist Steve Kettmann zeigt sich immer noch überrascht von Arnold Schwarzeneggers gar nicht so schlechter Performance als Gouverneur von Kalifornien, das allerdings fast pleite ist - und nun stehen wieder Wahlen bevor: "Wen immer ich bei meinem letzten Besuch in Kalifornien über Arnold befragte: Niemand hatte Lust, über ihn zu reden. Alle hatten schon dermaßen lange über diesen Mann debattiert und sich über ihn die Köpfe zerbrochen, dass die bloße Erwähnung seines Namens eine Art kollektiven Lähmungszustand auslöste. Aber auch das wird vorübergehen. Im Rückblick wird Arnolds Regentschaft als interessante und wahrscheinlich sogar bedeutende Ära in die Geschichte Kaliforniens eingehen."

Marin Majica meldet, dass in Sachen Google Book Settlement bis 9. November ein  neuer Vergleich vorliegen soll.

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Stichwörter: Google, Kalifornien, Wahlen

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NZZ, 08.10.2009

In Erinnerung an den 9. Oktober 1989 besucht Joachim Güntner Leipziger Bürgeraktivisten und erweist ihnen seine Ehrerbietung: "Unaufgeregtheit ist es auch, was Uwe Schwabe, Rainer Müller und Oliver Kloss ausstrahlen, wenn sie ihre persönliche Bilanz von 1989 ziehen. Keiner gibt an mit dem Mut, den ihr Widerstand damals erforderte; ihr Ton ist nie auftrumpfend, und selbst das Kopfschütteln über Ostalgiker und den Fortbestand saturierter SED-Milieus wirkt eher belustigt denn eifernd." Dass mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Tillich ein ehemaliger Unterstützer der SED morgen Festreden halten wird, finden die drei Bürgerrechtler "trist und schädlich".

Besprochen werden eine Ausstellung der Architekturakademie Mendrisio über das Tessiner Schwimmbad "Bagno pubblico", das, so Roman Hollenstein, heute als wichtigstes Bauwerk der Architekturbewegung "Tendenza" gilt, Christoph Schaubs Film "Guilias Verschwinden" (eine Hommage an den verstorbenen Regisseur Daniel Schmid, schreibt Claudia Schwartz), Marina Zenovichs Filmdokumentation "Roman Polanski: Wanted and Desired" (die Susanne Ostwald einseitig und polemisch findet) und Bücher, nämlich Dorothea Dieckmanns Krimi "Termini" sowie der Roman "Das Zimmer" von Helen Garner (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

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Perlentaucher, 08.10.2009

Entweder Leistungsschutzrechte, wie Hubert Burda sie fordert, oder Informationsfreiheit, aber beides zusammen geht nicht, schreibt Matthias Spielkamp, der unter anderem den Medienrechtler Udo Branahl zitiert: "Auf diese Weise nicht mehr schöpferische Leistungen zu schützen, sondern die darin steckende Information, wäre ein Bruch mit sämtlichen kontinentalen Freiheitstraditionen. Jemand, der eine Nachricht als Erster verbreitet, hätte eine Monopolstellung und könnte die Verbreitung von Informationen verhindern."

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Aus den Blogs, 08.10.2009

Als halben Sieg für die Übersetzer kommentiert Ilja Braun (selbst Übersetzer) auf iRights.info das Urteil des BGH zur Vergütung der Übersetzer: "Trotzdem hat das Urteil auch für Übersetzer einen bitteren Beigeschmack. Die gängige Praxis, Beteiligungssätze im Originaltaschenbuch nur halb so hoch anzusetzen wie im Hardcover, hatte der Übersetzerverband stets als unbegründete Benachteiligung von Taschenbuchübersetzern betrachtet, schließlich sei die Arbeit des Übersetzens genau dieselbe."

Stichwörter: Ilja Braun

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TAZ, 08.10.2009

Erst hat sich Verleger Felix Droste nicht getraut, einen Krimi über Ehrenmorde zu publizieren, nun gibt er der Autorin im Interview mit Cigdem Akyol noch einen Tritt: "Ich habe einen sachlichen Regionalkrimi eingekauft. Es landete aber ein mittelprächtiger Roman bei mir, an dem ohnehin noch stark gearbeitet werden musste. Ich habe mir mit Frau Brinkmann große Mühe gegeben, da wir seit Jahren zusammenarbeiten. Doch sie hat bei den Änderungswünschen unseres Fachlektorats auf stur geschaltet. Jetzt führt sie die Medien an der Nase herum, stilisiert sich als ein Opfer. Sie macht einen auf harmlos - völlig zu Unrecht. Wer ihr Manuskript liest, bekommt ein ganz anderes Bild von ihr."

Weiteres: Stefan Reinicke analysiert im Feuilletonaufmacher die Lernresistenz der SPD nach ihrem debakulösen Wahlabstieg. Brigitte Werneburg berichtet über das Kunstfestival Printemps de Septembre in Toulouse. Ekkehard Knörer beschäftigt sich mit der akademischen Filmzeitschrift montage AV, die dem französischen Filmtheoretiker Andre Bazin gewidmet ist. Besprochen wird das Filmdebüt von Jeff Nichols "Shotgun Stories", das von einem Familienkrieg erzählt, im ergänzenden Interview spricht Jeff Nichols passend über verstockte Männer, steigenden Druck und Rache. Verrissen wird der Film "Unter Bauern - Retter in der Nacht" von Ludi Boeken, eine offenbar wirre Geschichte um Judenrettung im Münsterland mit Armin Rhode und Veronica Ferres, dem der Rezensent ehrenhalber "kultiges Trashpotenzial" attestiert.

Und Tom.

Stichwörter: Andre Bazin, Regionalkrimi

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SZ, 08.10.2009

Andrian Kreye kommentiert den angekündigten Deutschlandstart von Amazons Ebook-Lesegerät Kindle und vergisst dabei nicht den Hinweis auf die brutalen Geschäftspraktiken des Versandhändlers: "Verlage, die die Geschäftsbedingungen seines Konzerns nicht akzeptieren oder sich dem Kindle verweigern, bekommen in Amerika schon seine Macht zu spüren. Bücher und ganze Imprints sollen von Listen oder gar aus dem Programm gerutscht sein. Und die Geschäftsbedingungen sind rigoros. Bis zu 70 Prozent eines Kauf- oder Abopreises behält Amazon für sich. Preispolitik und Kundenkontakte liegen ausschließlich beim Onlinekonzern. Verlage werden da zu reinen 'Content Providern' reduziert."

Weitere Artikel: Reinhard Brembeck unterhält sich mit dem Dirigenten Mariss Jansons, dem Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und zugleich des Concertgebouw in Amsterdam. Alexander Menden porträtiert die neue Booker-Preis-Trägerin Hilary Mantel. Helmut Kerscher erläutert das Gerichtsurteil zum Streit zwischen Verlagen und Übersetzern. Fritz Göttler stellt die Reihe zur Rumänischen Neuen Welle im Münchner Filmmuseum vor. Heidrun Graupner schreibt zum Tod der SZ-Kritikerin Barbara Bondy.

Besprochen werden die Ausstellung "Berlin 89/09" in der Berlinischen Galerie, neue Filme, darunter Agnes Vardas autobiografisches Werk "Die Strände der Agnes", Ulrike Ottingers "Die koreanische Hochzeitstruhe", Simon Verhoevens Komödie "Männerherzen" und "La Vida Loca" des ermordeten Filmemachers Christian Poveda, sowie Bücher, darunter ein Band namens "Migropolis", der Venedig als Migrationsangelpunkt begreift, und David Wagners Roman "Vier Äpfel" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

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Zeit, 08.10.2009

Man muss nicht gedient haben oder sein Leben riskieren, um gegen den Afghanistankrieg sein zu dürfen, meint Dietmar Dath, der auf den vorderen Seiten Thea Dorn Paroli bietet, die wiederum vor drei Wochen den von 25 Künstlern - und auch Dath - unterschriebenen Aufruf zum Abzug der deutschen Truppen kritisiert hatte. Um die Errichtung einer Bildungs- und Zivilgesellschaft in Afghanistan geht es doch gar nicht, schreibt Dath. "Nicht für hohe Ideale, sondern für stattgehabte Entscheidungen globaler Machtpolitik hält heute jeder westliche Soldat, der in Afghanistan stationiert ist, den Kopf hin. Die Entscheidungselite der 'Berliner Republik' will bei derlei nicht außen vor bleiben, aus strategischen, prestigegebundenen, ökonomischen und sonstigen Erwägungen. Diese werden von einer angemaßten deutschen Verantwortung für das blutige Chaos, das der Weltkonflikt zwischen der Sowjetunion und dem Westen in Afghanistan hinterlassen hat, mehr verschleiert als erhellt."

Da wir schon bei Idealen sind: Wenn über die Probleme der Verlagsbranche geredet wird, hat man immer den Eindruck, es gebe nur solche Verleger wie Urs Engeler. Im Dossier beschreibt Wolfang Uchatius am Beispiel des jungen Soziologen Friedrich Schorb, der ein Buch über die Diskriminierung von Dicken geschrieben hat, wie das Verlagsgeschäft heute meistens aussieht: "Damit ein Buch ein Erfolg wird, benötigt es Aufmerksamkeit. Die lässt sich kaufen. Durch bezahlte Vorabdrucke, durch Werbekampagnen. Oder direkt vom Buchkaufhaus. In allen 240 Filialen von Thalia stehen große Tafeln, auf denen ein bestimmtes Buch abgebildet ist. Das 'Thalia-Buch des Monats'. Die Tafeln stehen gleich am Eingang oder an den Kassen, man sieht sie sofort. Man denkt sich, da hat der Verlag aber Glück gehabt, dass den Buchhändlern dieses Buch so gut gefallen hat. Irrtum. 50.000 Euro koste es, Buch des Monats zu werden, zahlbar an Thalia - sagt der Vertriebsleiter eines lediglich mittelgroßen Verlages und fügt hinzu: 'Für uns ist das unbezahlbar.' Eine Thalia-Sprecherin sagt, die 50.000 Euro seien aus dem Zusammenhang gerissen."

Außerdem: Im Aufmacher des Feuilletons denkt der Soziologe Heinz Bude über den Bürger nach und wie er sich in den Parteien repräsentiert: Die größte Ähnlichkeit, meint er, gibt es zweischen grünen und FDP-Wählern, auch wenn da "immer noch ein harter Ressentiment-Reflex" greift. Hanno Rauterberg hat schon das Neue Museum in Berlin besichtigt, das am 17. Oktober eröffnet, und ist im großen und ganzen einverstanden mit David Chipperfields Mix aus modernen Betonplatten und Konservierung des "wahren Alten". Sven Behrisch fragt sich, ob die Nofretete an Ägypten zurückgegeben werden sollte. Ingo Schulze - und einige Redakteure - erzählen, wie sie die Revolution 1989 erlebt haben. Oliver Fuchs porträtiert den Dandy und Schriftsteller Sebastian Horsley.

Daniel Bax erzählt im Nachruf auf die argentinische Sängerin Mercedes Sosa: "Aufgebahrt im Parlamentsgebäude von Buenos Aires, lag sie wie in einem Heiligenschrein, bevor ihre Asche am Montag in alle Winde zerstreut wurde. Alle Fußballspiele begannen mit einer Gedenkminute". Hier Sosas "Gracias a al vida":



Besprochen werden Michael Hanekes Film "Das weiße Band", einige Kinder- und Jugendbücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr) und diverse CDs in einem extra Musikteil. Außerdem liegt der Zeit heute die Buchmessenbeilage bei: Im Aufmacher schreibt Iris Radisch über Stephan Thomes Romandebüt "Grenzgang" (wir werten die Beilage in den nächsten Tagen aus).

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FAZ, 08.10.2009

Bei der Buchmesse scheint sich etwas wie eine Aufteilung der chinesischen Gäste in "Zensur" und "Dissidenten" zu entwickeln. Für Mark Siemons hat diese alte Sowjet-Logik sehr wenig mit den wirklichen Lebensverhältnissen zu tun: "Man könnte die, die sich da mit wachsendem Selbstbewusstsein und oft unter hohem persönlichem Risiko engagieren, also mit Fug als 'Dissidenten' bezeichnen in dem Sinn, dass sie das Gegebene nicht einfach hinnehmen; zugleich sind sie als Redakteure, Dozenten, Angestellte eines Unternehmens oder einfach nur Inhaber eines Stadtausweises in den meisten Fällen aber auch eingebettet in Strukturen, die von Staat und Partei beeinflusst oder direkt abhängig sind - und müssten sich insofern auch 'Staatsvertreter' nennen lassen."

Weitere Artikel: Hannes Hintermeier kommentiert die Übersetzer-Entgelt-Entscheidung des BGH, die zunächst einmal beide Seiten, Verlage und Übersetzer, nicht recht glücklich macht. Die Chemie-Nobelpreisträger und ihre preiswürdigen Forschungen stellt Reinhard Wandtner vor. Patrick Bahners erläutert, warum das jüngste Verfassungsgerichtsurteil zum Schächten als "schallende Ohrfeige" für Verwaltung und untere Gerichtsinstanzen zu begreifen sei. In amerikanischen Zeitschriften liest Jordan Mejias Texte zum Thema Todesstrafe - auch einen, in dem glaubhaft argumentiert wird, dass vor fünf Jahren in Texas ein Unschuldiger hingerichtet wurde.

Besprochen werden Calixto Bieitos Mannheimer Inszenierung von Frank Wedekinds "Lulu", mehrere Inszenierungen in Kürze, darunter zum Saisonstart in Koblenz Alban Bergs "Wozzeck", die Ausstellung "Dynastie und Göttlichkeit: Ife-Kunst im alten Nigeria" in Madrid, ein Konzert von Florence Welch (Website) in Köln, Barbra Streisands neues Album "Love Is The Answer" sowie Bücher, darunter Doris Lessings in der Werkausgabe neu erschienener Science-Fiction-Roman "Die Entstehung des Repräsentanten von Planet 8" und auf der Kino-Seite einige Filmbücher, darunter Rosa von Praunheims Notizen "Rosas Rache" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

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Archiv: Heute in den Feuilletons

Dekorativ-degoutante Dekadenz

20.01.2014. Widersprüchliche Auskunft geben die Zeitungen über Karin Beiers siebenstündiges Atridenfluchspektakel "Die Rasenden" nach Euripides, Sartre, Aischylos und Hofmannsthal. Die NZZ hält den Erkenntnisgewinn für so mittel, die FAZ für null, und für die Welt steht fest: Das Hamburger Schauspielhaus ist zurück. In der Berliner Zeitung befasst sich Anetta Kahane mit der Diskrepanz zwischen dem Äußeren Beate Zschäpes und ihren Taten. Springteufel Morozov ploppt heute in der SZ auf. Mehr lesen

Sie sind schon denkend

18.01.2014. Die ersten Reaktionen auf Barack Obamas Rede sind zwiespältig bis kritisch. The Verge und die Electronic Frontier Foundation vergleichen Obamas Maßnahmen Punkt für Punkt mit Forderungen von Bürgerrechtsgruppen. Wir binden Julian Assanges CNN-Interview ein: Der Wikileaks-Gründer kritisiert vor allem, dass die Geheimgerichte nicht abgeschafft werden. Auch Deutsche Politiker reagieren laut FAZ bis hin zur CDU recht skeptisch auf Obamas Rede. Außerdem: Arno Schmidt in der taz. Und Luc Bondys Pariser Marivaux-Inszenierung mit Isabelle Huppert allüberall. Mehr lesen

Bei der Kante hat man nur eine Chance

17.01.2014. In der Berliner Zeitung erzählt Marina Hoermanseder, warum sie so gerne Korsette aus Leder macht. In der FAZ bangt die Ökonomin Shoshana Zuboff um Barack Obama, der in seiner heutigen NSA-Rede gewaltig versagen könnte. Die NSA bringt sowieso nix, hat die SZ herausgefunden. Man kann Schriftsteller nicht züchten, ruft die Welt der Zeit zu. Die NZZ hält dem lauernd anmutenden Blick eines Papstes namens Innozenz stand. Mehr lesen

Der Heintje-Effekt

16.01.2014. In der taz fordert Steve McQueen, dass sich Briten und Amerikaner in punkto Vergangenheit an die eigene Nasen fassen. Die NZZ fordert ungewöhnliche Lehrer. Im Freitag erinnert Wolfgang Müller die reaktionären Aspekte am Werk Arno Schmidts. Kenan Malik plädiert in seinem Blog gegen das Verbot der Dieudonné-Shows. Die Zeit arbeitet den Fall Beltracchi auf und bringt selbstkritische Anmerkungen zum Literaturbetrieb. Außerdem im Freitag: ein Interview mit Karl Ove Knausgård und Armond Whites Kritik an Steve McQueens Film "12 Years a Slave". Mehr lesen

Es toben Bassläufe wie Harpyien herauf

15.01.2014. In der FAZ antwortet Evgeny Morozov auf Sascha Lobo und rät jenen Staaten, die uns NSA und Co. bescherten, uns von Google und Co. zu befreien. Die New York Times erklärt, wie die NSA Computer infiltriert, die nicht im Netz sind. Verlage jammern zwar rum, aber laut kress.de verdienen sie prächtig: dank überlasteten Redakteuren und unterbezahlten Freien. Die SZ geriet bei Mahler unter Kirill Petrenko in Ekstase. Und wenn Russland und die USA auf Franziska Augstein hören, ist demnächst auch Friede in Syrien. Mehr lesen

Gar kein Platz mehr für Gezicke

14.01.2014. Die NZZ verfolgt mit Entsetzen den Erfolg des Films "Fack ju Göhte". Die SZ traut sich nach Sankt Pauli. Für die FAZ reist Andrzej Stasiuk nach Belzec. In der Welt entpuppt sich Rolando Villazón als Rolando-Villazón-Bewunderer. Die taz fordert mit Thomas Mießgang eine neue Kultur der Unhöflichkeit. Mehr lesen

Seltsam sacht, schwebend fast

13.01.2014. Die NZZ ging nach Halberstadt, John Cage hören. In der taz freut sich Jochen Schimmang über die Wiederentdeckung des Autors Christian Geissler. Die französischen Medien fragen: Wie privat oder wie öffentlich ist François Hollandes Affäre mit einer Schauspielerin? Nicht das Internet ist kaputt, meint Martin Weigert in Netzwertig in einer Replik auf Sascha Lobo in der Sonntags-FAZ, sondern der Mensch in seinem Sicherheitswahn. Die SZ sucht nach glasklaren Tatbeständen, um einst von den Nazis requirierte Kunstwerke zu restitutieren. Mehr lesen

Mit offensiver Offenheit

11.01.2014. Mit Übertreibung ist der Dekadenz der Banker und Broker nicht beizukommen, stellt die taz zu Martin Scorseses Film "The Wolf on Wall Street" fest. Die Welt erinnert an eine Zeit, als die Öffentlich-Rechtlichen ihr Publikum noch überforderten. Die NZZ plädiert dafür, die Werke türkischstämmiger Künstler in Deutschland nicht länger bloß als Zeugnisse von Migration und Hybridität zu begreifen. Die SZ würdigt die Verdienste des chinesischen Kurznachrichtendienstes Weibo. Und die FAZ verneigt sich vor Arno Schmidt. Mehr lesen

Jeder Passant ein Mörder

10.01.2014. Das TLS erzählt, wie französische und tschechische Surrealisten 1935 über Kunst und Revolution diskutierten. Die NZZ bewundert die Blumensamen-Designs von Paul Smith. Ein Untersuchungsausschuss der EU erklärt die Massenüberwachung durch NSA und GCHQ für illegal, berichtet der Guardian. Die Welt bewundert Martha Argerich beim Nägel lackieren. Als E-Book ist "Mein Kampf" ein Besteller, meldet Gawker. Die SZ schleicht mit dem legendären Superverbrecher Fantomas durch Paris. Mehr lesen

Absolute Theatermanie

09.01.2014. Im Tagesspiegel erklärt die schwarze Autorin Zadie Smith, warum alle weißen Figuren in ihrem Roman "London NW" als solche ausgewiesen werden, während die Hautfarbe der anderen Personen nicht benannt wird. Die taz erklärt, warum das digitale Filmerbe zurück auf Zelluloid soll. In der NZZ schreibt die russische Schriftstellerin Elena Chizhova über das traurige Leben der Architekten in Petersburg. In der Zeit feiern Haruki Murakami und Thomas Hitzlsperger ihr Coming Out - der eine von beiden als Superman. Mehr lesen

Zeit für eine Rasur

08.01.2014. In der taz spricht Ilija Trojanow über die Wirkungen des Schriftstelleraufrufs gegen den digitalen Überwachungsstaat und wettert über "Defätisten, die es sich auf dem Hochsitz der pessimistischen Weltanschauung" bequem machen. Die NZZ stellt die Seite Alfredflechtheim.com vor, die von mehreren Museen erstellt wurde. Die Welt bewundert den alten Mann Robert Redford und das Meer. Die FAZ veröffentlicht einen Aufruf für Liu Xia. Und die SZ überlegt, wer sich Dissident nennen darf. Mehr lesen

Solange man es nicht schwul nennt

07.01.2014. In der FAZ beklagt der Philosoph Marco Wehr die fatale Wissenschaftsgläubigkeit der Politik - und der Wissenschaft selbst. In der NZZ erklärt Shlomo Sand, was er meint, wenn er von der "Erfindung des jüdischen Volkes" spricht. Die Welt erkundet die "Macht der Machtlosen". Die SZ möchte die Achse Paris-Berlin-Warschau stärken. Und die taz staunt über den Kurator Kaspar König, der behauptet, in Russland alles zu dürfen. Mehr lesen

Wir dynamisieren das Hamsterrad

06.01.2014. In der NZZ erinnert Bora Cosic an den jugoslawischen Architekten und Freund Bogdan Bogdanovich. Der Guardian bringt einen Auszug aus Claudia Roth Pierponts neuer Philip Roth-Biografie. In der FAZ wendet sich Kunsthistoriker Jeffrey Hamburger entschieden gegen die Ökonomisierung der Wissenschaft. In der Welt legt der Historiker Thomas Weber ein Wort für die deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs ein. Und Necla Kelek fordert, dass die Kinder der Roma und Sinti von der Politik nicht im Stich gelassen werden. Mehr lesen

Wie die Krallen einer Katze auf Glas

04.01.2014. In der Welt verlieren Andrzej Stasiuks Augen die Bodenhaftung. In der FR erzählt Steve McCurry, was die Zeit mit dem Fotografen und dieser mit der Zeit macht. In der NZZ spricht Junot Díaz über das Schreiben und die Zeit. Spiegel Online zitiert eine Studie über das immer religiösere Weltbild der Amerikaner: Ein Drittel nimmt die Bibel wörtlich. Die taz fordert analogen Protest gegen digitale Überwachung. Mehr lesen

Die Melodie der Macht

03.01.2014. Die Washington Post erklärt mithilfe von Snowden-Papieren, wie die NSA das Netz in Besitz nehmen will. Die Welt porträtiert den rechtsextremen und postkolonialen Komiker Dieudonné, dem durch ein mögliches Tourneeverbot in Frankreich unverdiente Aufmerksamkeit zuteil wird. Schriftsteller Alberto Nessi erinnert in der NZZ an Stalins Staatsdichter Maxim Gorki, der einst Ossip Mandelstam einen Pullover, aber keine Hosen genehmigte. David Chipperfield und Okwui Enwezor erklären in der SZ, wie sie das Haus der Kunst in München sanieren wollen. Die FAZ eröfffnet eine Reihe zum Ersten Weltkrieg. Mehr lesen

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