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- Der 11.September: Eine Presseschau
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Heute in den Feuilletons
Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.09.2007. Es hagelt Glückwünsche in den Feuilletons. In der FR zum 800. Geburtstag des persischen Dichters Rumi, der Eselsschwänze an Engelsflügel heftete. Erst siebzig Jahre zählt Johannes Grützke, der unmodernste Maler Nachkriegsdeutschlands, wie die FAZ lobend erwähnt. Im taz-Interview fröstelt es Seymour Hersh vor dem wahrhaftigen Revolutionär George Bush. Die SZ erinnert daran, dass der Orient nicht nur ein Problemfall ist. In der NZZ betonen Übersetzer die Bedeutung ihres Berufsstands. In der Berliner Zeitung kommt Tokio Hotel zu Wort, die erste deutsche Band an der Spitze der israelischen Charts. Robert Wilsons Berliner Dreigroschenoper wird lauwarm bis begeistert aufgenommen.
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Frankfurter Rundschau, 29.09.2007
Der Schriftsteller Ulrich Holbein singt eine Hymne auf den "größten Dichter Persiens", den im 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebenden Rumi alias Muhammad Dschelaluddin Walad: "Eurozentrische Literaturgeschichtsschreibung ahnt nie, dass Essay und Digression, für deren Erfindung man Montaigne und Laurence Sterne rühmt, bereits von Rumi kühn geübt wurden - sein Mathnawi (auf Deutsch erhältlich): ein Myzel- und Mangrovengeflecht verfizzelter, schräg herumassoziierender Erzählfäden. Rumi, vom Gärtner erwischt, eine Rose zu stehlen, bekommt den ganzen Garten geschenkt. Ketzer fanden bei Rumi (der zunächst Muhammad Dschelaluddin Walad hieß) mehr Weisheit als im Koran. Rumiparabeln, statt wie die Gleichnisse anderer Metaphernschöpfer zu hinken, steigen auf, indem sie Eselschwänze an Engelsflügel heften, und drücken sich nicht um den Absturz: 'Ein Esel, den du mit hundert Engelsflügeln ausstattest, fliegt doch nur wieder zum Stall.'"
Weitere Artikel: In einem Times Mager meditiert Hans-Jürgen Linke über Bleisatz und Denkpausen. Marcia Pally denkt in ihrer Kolumne über den amerikanischen Multikulturalismus nach. Auf der Medienseite informiert Thomas Magenheim-Hörmann über das "Wettbieten" um den Süddeutschen Verlag und sein Flaggschiff, die Süddeutsche Zeitung.
Besprochen werden Robert Wilsons "perfekt brüchige" Inszenierung der "Dreigroschenoper" am Berliner Ensemble, Jossi Wielers Inszenierung von Sophokles' "Ödipus auf Kolonos"in München und Devendra Banharts neues Album "Smokey Rolls Down Thunder Columnn".
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Die Welt, 29.09.2007
Matthias Heine hat sich am Berliner Ensemble Robert Wilsons Inszenierung der "Dreiogroschenoper" angesehen und angehört und ist begeistert - besonders von Angela Winkler: "Ihre Spelunkenjenny lässt die übliche ranzige zillehafte Nuttenromantik, die mit dieser Rolle verbunden wird, Lichtjahre hinter sich. Rothaarig, zerzaust, weißer als weiß im Gesicht sieht sie aus wie eine Figur aus einem japanischen Horrormanga und den "Salomon"-Song wimmert sie, als würde ein verrückter Engel eine singende Säge begatten (keine Ahnung, wie das technisch vorgehen sollte) und ihr dabei höchste Töne unmenschlicher Lust entlocken. Diese Königin der Umnachtung hat den achten Kreis des Wahnsinns längst hinter sich gelassen."
Weitere Artikel. Hanns-Georg Rodek findet es richtig, dass Nicole Kidman für die Verfilmung des "Vorlesers" keine Drehgenehmigung im KZ Sachsenhausen bekommt. Sven Felix Kellerhoff stellt die wiederentdeckten Zeichnungen des Häftlings Michael Porulski vor, die das Leben und Sterben in Dachau schildern. Uta Baier gratuliert dem Maler Johannes Grützke zum Siebzigsten. Dani Levy schreibt über Erstlingsfilme an und für sich und und über den Film "Leroy" von Armin Völckers. Uwe Wittstock porträtiert die Fotografien Taryn Simon (Bilder), die zwei Ausstellungen in Frankfurt hat. Ernst Cramer erinnert an den Journalisten Hans Habe, der vor dreißig Jahren gestorben ist.
In der Literarischen Welt sucht Ulrich Woelk nach literarische Spuren des Aufbruchs in das Weltall vor fünfzig Jahren. Tilman Krause spricht "Klartext" über neue Kleist-Biografien. Jacques Schuster porträtiert den Verleger Wolfgang Jobst Siedler jr. Vorabgedruckt wird ein Kapitel aus Torben Lütjens Karl-Schiller-Biografie, in der er erzäht, wie die Freundschaft zwischen Karl Schiller und Günter Grass zerbrach.
Im Forums-Essay denkt Wolfgang Templin vor den morgigen Wahlen über die Lage in der Ukraine nach.
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Die Tageszeitung, 29.09.2007
Im Interview auf der Tagesthemenseite erklärt der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh, was das wirklich Gefährliche an Präsident Bush ist: "Wissen Sie, die Lage wäre besser, wenn dem Präsidenten bewusst wäre, dass seine Rhetorik nicht mit den Fakten übereinstimmt. Bush glaubt an das, was er sagt. Das macht mir am meisten Angst. Er ist ein wahrhaftiger Radikaler, ein wahrhaftiger Revolutionär. Hier ist ein Mann, der nicht überzeugt werden kann, der seine Politik nicht ändern kann, der seinem Glauben verschrieben ist. Und dieser Mann ist ganz nebenbei der Präsident des mächtigsten Staates der Erde. Das ist sehr beängstigend."
Auf der Kulturseite berichtet Henrike Thomsen über den boomenden Berliner Kunstmarkt. Der Musiker Jens Friebe veröffentlicht die Linernotes zu seinem neuen Album "Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert". In seiner "Spreebogen"-Kolumne schreibt Dirk Knipphals über den schön ruhigen Kunstraum im Deutschen Bundestag. In der zweiten taz dokumentiert Thomas Winkler sein Interview mit Nena, das die Künstlerin nach gut zehn Minuten abbrach, weil sie fand "Du gibst kein Signal von dir, ich fühle dich nicht". Anne Meyer denkt über Kompetenzen und Kompetenzgrenzen der Stiftung Warentest nach.
Auf den vorderen Seiten meldet Hakeem Jimo, dass der deutsche Dokumentarfilmer Florian Opitz ("Der große Ausverkauf") und sein Kamermann Andy Lehmann in Nigeria wegen angeblicher Spionage verhaftet worden sind. Im Dossier des taz mag verfolgt Stefan Kuzmany in einem überhaupt ziemlich eikompetenten Text den Weg des Eis 0 - DE 1261022.
Besprochen werden eine Berliner Ausstellung mit Fotoarbeiten von Wolfgang Krolow, Armin Völckers' Film "Leroy", sowie Tom Segevs "überwältigendes" Buch über den Sechstagekrieg und seine Folgen "1967" und Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Und Tom.
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Neue Zürcher Zeitung, 29.09.2007
In der Beilage Literatur und Kunst bricht der ungarische Essayist Laszlo F. Földenyi eine Lanze für die Melancholie, die verstoßene Schwester des Glücks. "Wenn eine Kultur wie die unsere alles unternimmt, um die Melancholie zu verbannen oder zumindest 'unschädlich' zu machen, handelt sie der Melancholie gegenüber verantwortungslos und beraubt auch die Menschen des Erlebnisses einer sie überragenden Transzendenz, der Einsicht, dass der Mensch trotz seiner Größse und Begabung keinesfalls allmächtig ist. Der permanente Mangel an transzendenten Erlebnissen führt zum Unglücklichsein; und alle Versuche, diesen Mangel durch immer neue Varianten des 'Sei glücklich!' zu beheben und durch die allgemeine Verfügbarmachung aller Dinge abzusichern, werden vergeblich sein. Ein solches Unglücklichsein ist nicht identisch mit der Melancholie. Die Melancholie kann den Menschen auch zu Einsichten verhelfen; das Unglücklichsein hingegen macht leer und apathisch."
Der Rest der Beilage widmet sich dem Übersetzen. Autor und Übersetzer Stefan Weidner weist seinem Berufsstand eine große Verantwortung in der Verständigung zwischen Ost und West zu. Der Kollege Felix Philipp Ingold plädiert bei Neuübersetzungen für den Mut zur Kombination von Dagewesenem, nach dem Vorbild des Toningenieurs William Barrington-Coupe, der seine Frau Joyce Hatto durch die Rekombination bekannter Aufnahmen zur "komplettesten" Pianistin des Erdballs machte. Jürgen Brocan (mehr) sieht die Übersetzung als Instrument der Aufklärung. Zu lesen sind zudem die Kurzgeschichten "Der helle Strom" des Lyrikers Norbert Hummelt sowie Judith Kuckarts (mehr) "Die kleine Tante".
Das Feuilleton: In der großen Schau des British Museums erfährt Georges Waser, dass die Terakotta-Armee des Kaisers Shih Huang Ti ein Beispiel früher Massenproduktion war. Tausende Soldaten werden noch in der Erde vermutet. Und "nicht nur Krieger benötigte ein Kaiser im Leben nach dem Tod... Auch Akrobaten und Ringkämpfer fand man, Unterhalter also, und von Überfluss und Beschwingtheit gar zeugt der vorläufig letzte Fund: ein unterirdisch umgeleiteter Fluss und Musikanten aus Terrakotta sowie bronzene Wasservögel, die zu den Klängen verloren gegangener Instrumente tanzten."
Weiteres: Nach der biologischen und der digitalen ruft Gottfried Schatz eine dritte Revolution der intelligenten Werkstoffe aus, die sich mit lebenden Zellen verbinden und halbsynthetische Lebewesen schaffen. Zur 261. Auflage verfasst Joachim Güntner eine kleine Hymne dem Medizin-Duden Pschyrembel, der seit 1983 sogar Loriots "Steinlaus" aufführt. Ilma Rakusa deutet Neo Rauchs Bild "Aufstand". Claudia Schwartz registriert mit Wohlwollen die verstärkte Schweizer Präsenz bei der nach London und Basel drittwichtigsten europäischen Kunstmesse, der Art Forum in Berlin. Die großen Auktionshäuser setzen vermehrt auf indische und chinesische Sammler, wie Christian Schaernack auf der New Yorker Asienwoche erfuhr.
Besprochen werden Alexander Nerlichs Inszenierung von Lessings "Minna von Barnhelm" am Theater Basel, und Bücher, darunter Rüdiger Safranskis "allzu deutsche" Darstellung der "Romantik".
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Berliner Zeitung, 29.09.2007
Im Interview mit Wiebke Hollersen und Maxim Leo erzählt Tom von Tokio Hotel, wie das mit den Fans auf der ganzen Welt läuft: "In Israel war es so, dass die Fans da eine Aktion gestartet haben. Sie haben um die fünftausend Unterschriften gesammelt, glaub ich, weil sie sich gewünscht haben, dass wir mal in ihr Land kommen. Dadurch haben wir überhaupt erst mitbekommen, dass unser Song 'Monsoon' da längst im Radio lief. Das wussten wir gar nicht!" Tokio Hotel ist die erste deutscheBand, die in den israelischen Hitparaden auf Platz 1 steht.
Außerdem im Magazin der Berliner Zeitung: eine Recherche Grit Hartmanns über eine angebliche Plünderung der Leipziger Universitätskirche vor dem Abriss im Jahr 1968.
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2007
Eduard Beaucamp erklärt den nun siebzigjährigen Johannes Grützke zum einzigen gegenständlichen und zudem so wunderbar unmodernen Maler der Nachkriegszeit. Der österreichische Schriftsteller Robert Schindel würdigt Rachel Salamander, die vor 25 Jahren in München die erste jüdische "Literaturhandlung" nach dem Krieg eröffnete und immer noch führt. Tilmann Lahme erfährt von Salamander im Interview, dass mit Autoren wie Wladimir Kaminer jetzt eine neue Literatur entsteht, die Östliches, Jüdisches und Deutsches verbindet. Patrick Bahners gratuliert dem britischen Historiker Richard J. Evans zum Sechzigsten. Eleonore Büning besucht mit dem von der Pianistin Elena Bashkirova gegründetem "Jersualem Chamber Music Festival" das "ideale Kammermusikfest".
Auf der Schallplatten- und Phonoseite empfiehlt Eric Pfeil das überraschend gute Album "Shotter's Nation" von Pete Dohertys Babyshambles. Präsentiert werden auch eine Einspielung von Haydn-Sinfonien mit Simon Rattle und seinen Berliner Philharmonikern, und Kanye Wests Album "Graduation".
In der Beilage Bilder und Zeiten begutachtet Sandra Kegel die Partnersuche in Zeiten des Internets - die Hälfte aller deutschen Singles sind in eine der Suchdatenbanken eingetragen! Felicitas von Lovenberg erklärt Jane Austen zur globalen Instanz in Beziehungsfragen. Brita Sachs wohnt einer Mandala-Zeremonie für die Sammlerin Ingvild Goetz in ihrem Privatmuseum in München bei. Auf der letzten Seite erfährt Andreas Platthaus von Richard Sherman, der für die Lieder vieler Disney-Filme verantwortlich zeichnet, Details über die Produktion des "Dschungelbuchs".
Besprochen werden die Mumienschau "Der Traum vom ewigen Leben" in den Reiss-Enghelhorn-Museen in Mannheim, zwei Ausstellungen mit Bildern des japanischen Fotografen Daido Moriyama in Köln, Jossi Wielers Version von Sophokles' "Ödipus" in den Münchner Kammerspielen, Robert Wilsons Inszenierung der "Dreigroschenoper" am Berliner Ensemble, Andrew Neels Dokumentarfilm über seine malende Großmutter Alice Neel, ein Auftritt der schwedischen Rockband "Moneybrother" in München, und Bücher, darunter Ange Zhangs Geschichte der Kulturrevolution "Rotes Land Gelber Fluss" und Jan Wagners Gedichtband "Achtzehn Pasteten".
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Süddeutsche Zeitung, 29.09.2007
In seinem Bericht vom Orientalistentag (Website) bedauert Stefan Weidner, dass die Politaktualität in diesem Fach so sehr in den Vordergrund gerückt ist - und damit die Stärken des Kulturraums Orient selbst von Experten nicht mehr gesehen werden: "Der Blick auf den Orient nicht als erhaltenswerten und der Vermittlung würdigen Kulturraum, sondern als großer Problemfall, könnte sich als das größte Dilemma erweisen. Eine akademische Blindheit greift gegenüber der Tatsache um sich, dass es noch andere kulturelle Werte, Lebensentwürfe und Weltdeutungen gibt als die im Westen in den letzten paar Jahrzehnten entwickelten."
Weitere Artikel: Aus dem New York Times Magazine wird (ohne, dass man freilich über die Quelle informiert wird) Lynn Hirschbergs Porträt des legendären Musikproduzenten Rick Rubin nachgedruckt (hier unsere Notiz in der Magazinrundschau, hier der Original-Artikel). Gottfried Knapp stellt den Siegerentwurf für eine Konzerthalle am Münchner Marstall vor. Aus jetzt freigegebenen Akten geht hervor, wie Wolfgang Koydl informiert, dass die Sowjetunion jeden Versuch zur Hafterleichterung für Rudolf Hess unterband. Eher verunglückt fand Holger Liebs die Verleihung des Preises der Nationalgalerie (Website) - wobei er mit der Wahl Ceal Floyers (hier ein Interview) als Gewinnerin recht einverstanden ist. Kia Vahland gratuliert dem Maler Johannes Grützke, Reinhard J. Brembeck dem Komponisten Valentin Silvestrov zum Siebzigsten. Auf der Medienseite gibt sich der Schweizer Verleger Michael Ringier angesichts der Internet-Konkurrenz wie der Auflagen-Einbrüche bei seinem Boulevardblatt Blick gelassen.
Besprochen werden Jossi Wielers Münchner Inszenierung von Sophokles' "Ödipus auf Kolonos", Robert Wilsons Inszenierung der "Dreigroschenoper" am Berliner Ensemble, Ben Sombogaarts Film "Kreuzzug in Jeans", ein Konzert mit Haydn und Bruckner unterm Dirigat von Mariss Jansons, und Bücher, darunter Michael Köhlmeiers sich als "gewaltiges Stoffgebirge" präsentierender Roman "Abendland", Erica Fischers autobiografischer Familiengeschichte "Himmelstraße" sowie Ralph Hammerthalers Roman "Aber das ist ein anderes Kapitel".
Im Aufmacher der SZ am Wochenende schreibt der Schriftsteller Kiran Nagarkar über Bombay: "Diese Stadt bläst dir dein Hirn raus". Viola Schenz berichtet über die Tendenzen der türkischen Modewelt. Auf der Historienseite geht es um Shakespeares Ehefrau Anne Hathaway. Im Interview spricht Mick Jagger unter anderem über Stilikonen: "Cary Grant hatte Klasse. David Niven. Fred Astaire. Coco Chanel für die Frauen."
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Der Tagesspiegel, 29.09.2007
Eine eher "mittlere Betriebstemperatur" bescheinigt Rüdiger Schaper Robert Wilsons Version der "Dreigroschenoper" am Berliner Ensemble. Aber ein Händchen für die Schauspieler, das hat er schon. "Er gilt als Chefdesigner, internationaler Bühnen-Jetsetter, als einer, der Stücke eher ausstattet als inszeniert oder interpretiert. Das Verdikt des Dekorativen und Oberflächlichen hat schon seine Berechtigung. Nur trifft es nicht den Kern der Wilson?schen Vorstellungswelt, wie diese 'Dreigroschenoper' in seltener Klarheit zeigt. Robert Wilson ist ein grandioser Schauspieler-Führer und Verführer. Er liebt die älteren Mimen, aus deren Erfahrungsschatz er schamlos zu schöpfen versteht, er weckt in ihnen eine kindliche Spiellust. Schmidinger also. Und Angela Winkler. Ihre Jenny ist ein flirrender Geist, eine verloren umherirrende Seele, die in ihre Songs hineinhorcht und -flüstert."
Archiv: Heute in den Feuilletons
Für Ohrfeigen geboren
11.02.2012. In der FAZ erklärt Michail Schischkin, warum Gogol der verzweifeltste aller russischen Schriftsteller war. In der NZZ erklärt Jennifer Eagan das Konzept ihres Romans über die Aushöhlung der Musikindustrie. Der eigentliche Stukturwandel der Öffentlichkeit findet jetzt erst statt, meint Volker Gerhardt in der Welt. In der taz erklärt Bazon Brock, warum man als Humanist gegen den Tod sein muss. In der FR beklagt Timothy Snyder das politsche links-rechts-Schema in der Wahrnehmung des Holocaust. Mehr lesen
Kritisch gemeinte Radetzkymarsch-Paraphrase
10.02.2012. Die Chinesen können Demokratie doch: Taiwan beweist es, konstatiert die NZZ. Die taz erklärt, was Cumbia ist. Der Economist staunt über die haarigen Mausklicker, die Acta verhindern. Rue89 zeigt den Like-Button mal anders. Die SZ fürchtet um die Privatsphäre. FAZ und Welt bewundern die Intimität des Blicks in in Benoit Jacqouts Berlinale-Eröffnungsfilm "Lebwohl meine Königin". Mehr lesen
Wegfall von Arbeit
09.02.2012. Heute beginnt die Berlinale. In der FAZ zeigen drei deutsche Regisseure auf Leerstellen, aus denen Erzählung werden sollen. Die FR freut sich auf tolle Anti-Kulakenfilme in der Berlinale-Retro. Der Freitag warnt vor dem geplanten Research Works Act in Amerika, der den Zugang zu Wissenschaft erschweren könnte. In der NZZ schreibt Georg Klein über Frost. Die Zeit staunt über Peter Nadas: den Autor, der auf 1700 Seiten dieses verdammte europäische Ich erledigt. Alle gratulieren dem großen Gerhard Richter zum Achtzigsten. Mehr lesen
Was für ein dramatisch schöner Jüngling Sie waren
08.02.2012. In der NZZ erklärt der nigerianische Dichter Obi Nwakanma die Strategie der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. In der Welt mahnt Wolf Lepenies: Die EU sollte nicht nur den Euro in Griechenland, sondern auch die Demokratie in Ungarn retten. Die taz erklärt, warum Peter Eisenmans "Ciudad de la Cultura" in Santiago de Compostela nicht gebaut wird. Die SZ ist froh, dass sich die chinesische Sprache so schlecht für Zensur eignet. Mehr lesen
Archiv: Heute in den Feuilletons
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Archiv: Heute in den Feuilletons
Der Graf von Sandwich war in Gefahr
07.02.2012. "It's over, Facebook", ächzt Readwriteweb und wirbt für eine immer breitere Bewegung von Facebook-Abtrünnigen. David Cameron könnte als der britische Politiker in die Geschichte eingehen, unter dem Schottland von Großbritannien und England von der EU abfielen, meint Timothy Garton Ash im Guardian. Die NZZ zitiert eine Meldung aus ihrem Archiv vom 24. Brachmonat 1780, die später auch in einem Dickens-Roman verarbeitet wurde. Und in der FR warnt Götz Aly vor jenen, die Rinks mit Gut und Lechts mit Böse verwechseln. Mehr lesen
2000PutIN, 2012PutOUT
06.02.2012. Die FAZ erzählt, warum Georg Baselitz so schlecht auf Berlin zu sprechen ist. Die FR gelangt nach längerem Nachdenken zur Verneinung eines Tweets von Erika Steinbach. Die NZZ ist begeistert über ein kammermusikalisches "Rheingold" in München. Die Zeit ist sehr aktiv in der Berichterstattung über Acta: Das Abkommen, auf dem die Hoffnungen der Verwerterindustrien beruhen, soll demnächst ratifiziert werden - aber Polen steigt aus. In den Blogs wird unterdes nicht mehr nur über das "geistige", sondern auch über das physische Eigentum diskutiert. Mehr lesen
Die ganze Welt inventarisieren
04.02.2012. In der NZZ sucht Graham Swift das Bleeding Heart von Dickens' London. In der FR sucht Mike Daisey, das Herz der Apple-Fetischisten. Die Welt rät von Elternratgeber ab. Der Tagesspiegel entlarvt die perfiden Techniken der neuen Machthaber im Büro: Sie poltern nicht, sie piepsen und blinken. Die FAZ stimmt auf die Berlinale ein und stellt fest: Jeder Stummfilm hat mehr Klang als 3D-Filme Tiefe. Mehr lesen
Hunde und Katzen, Liebe und Tod
03.02.2012. Alain de Botton hat ein Rad neu erfunden, das sich niemals richtig drehte, meint John Gray im Guardian zu Bottons Idee eines atheistischen Tempels. In der Welt verabschiedet Martin Andree den "Digital Dream" von einer Demokatisierung der Welt durch das Netz. Alle Zeitungen trauern um Wislawa Szymborska. Man darf sie zwar einen "Mozart der Poesie" nennen, aber nicht ohne ihr auch die "Wut eines Beethoven" zu bescheinigen, sagt die NZZ. Mehr lesen
Einschlusslöcher am Gebäudesockel
02.02.2012. Die Welt fragt: Gibt es in Deutschland eine Architektur jenseits der Restauration? Telepolis schildert die Risiken von Amazons Kindle: Wer seine Informationsfreiheit nutzt, droht seine Ebooks zu verlieren. Die Zeit stellt in ihrem Dossier fest: Frauen sind die Verliererinnen des arabischen Frühlings. Die FR konstatiert: Helmut Dietls "Zettl" ist ersoffen im guten Willen jener Politik, über die er sich mokieren will. Im Freitag empfiehlt Occupy-Vordenker Mark Greif ziellosen Zorn. Die Jungle World beerdigt den von Greifs Zeitschrift n+1 aufgespießten Hipster. Mehr lesen
So sehr ich Warhol schätze
01.02.2012. Die FAZ ist ganz einverstanden mit der Polemik des CDU-Abgeordneten Ansgar Heveling gegen die "vermeintliche Web-Avantgarde". Im Handelsblatt antwortet Frank Rieger vom Chaos Computer Club auf Hevelings Artikel. Die FAZ bringt auch ein Porträt des N+1-Herausgebers und Gesellschaftskritikers Mark Greif, der Hipster hasst. Die Münchner schlagen über Helmut Dietls Berlin die Hände über dem Kopf zusammen. Die FR greift eine sehr polemische Debatte um Robert Services vielgelobte Trotzki-Biografie auf. Mehr lesen
Also, Bürger, auf zur Wacht!
31.01.2012. Große Aufregung im Netz über eine Polemik des CDU-Politikers Ansgar Heveling im Handelsblatt, der das "geistige Eigentum" mit Rekurs auf die Französische Revolution verteidigt. Carta veröffentlicht einen "ergreifenden" Brief des ZDF-Hierarchen Elmar Theveßen an seine Kollegen. Eines der Probleme des ZDF: die Gehaltserhöhungen. Kenan Malik kommentiert am Beispiel Rushdie die erstaunliche Ängstlichkeit der Öffentlichkeit in der Frage der Meinungsfreiheit. In der taz meint Axel Honneth: Keiner simmelt den Weber wie Bourdieu. Die FAZ stört sich am zentralperspektivischen Aufbau der Ausstellung "Roads of Arabia" in Berlin. Mehr lesen
Weil es dem Franz so gefallen hat
30.01.2012. Jonathan Franzen erklärt im Telegraph, warum Kapitalisten gedruckte Bücher hassen. Die NZZ besucht Kafkas Nichte Vera Saudkova in Prag. Die Bloggerin Ulrike Langer staunt über ein Handbuch zum Journalismus, das als Standardwerk gilt und Ressentiments gegen das Netz verbreitet. Die FAZ ist sich uneins über den Kapitalismus. Die Welt stellt das Leipziger Architekten-Team Karo vor, das sich mit dem Leerstand in Ostdeutschland auseinandersetzt. In der taz porträtiert Gabriele Goettle die Historikerin Hannah Ahlheim. Mehr lesen
Das korrekte Verfahren für Anarchisten
28.01.2012. In der Welt findet der italienische Künstler Francesco Vezzoli seine Schau total explosiv. In der taz besteht Reyhan Sahin darauf, dass sie zugleich Professorin und Lady Bitch Ray sein kann. Die FAZ träumt vom Anarchismus, die SZ beobachtet, wie er totdiskutiert wird. Im Tagesspiegel meint Uwe Timm: Was dem Deutschen früher sein Militarismus war, ist ihm heute die Ökonomie. Alle sind beeindruckt von Marcel Reich-Ranickis Rede im Bundestag. Mehr lesen
Und die Emotionen suchen blind
27.01.2012. "Wir schaffen es nicht, uns von uns selbst zu befreien", seufzt Michail Schischkin in der NZZ. Die FR hat herausgefunden: Man kann noch billiger produzieren, als wo Apple produziert. Die taz hat herausgefunden: Julian Assange arbeitet in Moskau mit einem Kreml-treuen Sender zusammen. Die SZ sieht Lana del Rey als "erzkonservative Männerfantasie". Ach was, sie inszeniert sich selbst, widerspricht die Welt. Und: Carta ist wieder da! Mehr lesen
Ein irrer Cut
26.01.2012. Die Welt und alle anderen würdigen Theo Angelopoulos, der bei einem Unfall ums Leben kam. Im Freitag annoncieren die neuen Macher des Merkur, dass sie demnächst ein Blog eröffnen. Gegen das Internet kann man sowieso nichts mehr machen, konstatiert die Zeit. Die Jungle World will die Hoffnung auf den arabischen Frühling noch nicht aufgeben. Henryk Broder mokiert sich in der Weltwoche über eine aktuelle Antisemitismusstudie. Und die FAZ würdigt, was in Retro überlebt. Mehr lesen





