Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

28.07.2006. Der Salzburger "Figaro" sticht das Bayreuther "Rheingold" aus. Die Netrebko ist eine Wucht, findet die Welt. Die FAZ verteidigt Nikolaus Harnoncourts langsame Tempi. Die SZ jagte von Interruptus zu Interruptus. Na gut, im vierten Akt zieht es sich dann ein bisschen, meint die NZZ. Beim "Rheingold" halten sich die Kritiker dagegen eher noch zurück und warten aufs Kommende. In der taz glaubt Micha Brumlik nicht, dass eine Lösung des Palästinaproblems ausreicht, um Frieden zu bringen. In der FAZ erklärt Veronica Ferres, warum sie Wilhelm Genazinos "Courage" lieber doch nicht spielt.

Frankfurter Rundschau, 28.07.2006

Stefan Schickhaus hat das "Rheingold" in Bayreuth genossen. Dank Christian Thielemann. "In letzter Zeit scheinen sich die Dirigenten ja geradezu überbieten zu wollen in der Delikatesse des Rheingold-Klangs, Simon Rattle neulich bremste ja bereits rekordverdächtig. Christian Thielemann dagegen erreichte jetzt den vollendeten Intimklang. Leiser und filigraner kann man ein Orchester dieser Größe kaum mehr steuern, wobei die Bayreuther Festspielmusiker auch bei keinem anderen Dirigenten die dämpfende Geste so diszipliniert befolgen. Nicht einmal der vom Blech angekündigte Auftritt der Riesen Fafner und Fasolt geriet hier auch nur im Ansatz lärmig. 'Lasst uns doch einfach mal genießen', hatte Thielemann vor der Premiere gesagt, doch dass der Genuss so delikat werden würde, war dann doch ungeheuer. Fünf Vorhänge gab es alleine für ihn."


"Überragend", "unüberbietbar konsequent und radikal" findet Hans-Klaus Jungheinrich Claus Guths Inszenierung des "Figaro" in Salzburg. Auch die Sänger sind wunderbar. Anna Netrebko verkörperte die Susanna "mit Disziplin und Zurückhaltung..., sensibel im Ensemble-Zusammenklang, untadelig in der lyrischen Diktion ihrer Rosenarie im vierten Akt. Reizvoll war die Umgewichtung der Stimmcharaktere: Diesmal war Susanna die dunkler Timbrierte, Verschattetere, während Christine Schäfers Cherubino die leichte, helle, vom Leben scheinbar unberührte Naturform des Schönen hervorkehrte. Die Dritte im Frauenbunde, mit zwei großen Arien eigentlich die Erste, war Dorothea Röschmann als Gräfin, eine zwischen stiller Ergebung und reicher Gemütsaufwallung exakt - vielmehr: somnambul - vermittelnde Belkantistin."

Weiteres: In Times Mager erzählt Christian Schlüter von einem Kälteschock in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Besprochen werden eine Werkschau Hans Bellmers in der Münchner Pinakothek der Moderne und die Festspiele in Herrenchiemsee.

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Die Welt, 28.07.2006

Im Forum fragt Stefan Theil, Deutschland-Korrespondent des US-Magazins Newsweek, warum es in Deutschland zwar reiche Menschen gibt, aber keinen Warren Buffett, der drei Viertel seines Privatvermögens weggab: "Deutschland stellt immerhin 13 der 100 reichsten Menschen der Welt, das Land hat die zweithöchste Zahl von Milliardären nach den USA, doch was weiß man von deren öffentlichem Engagement?"


Manuel Brug erlebte beim Salzburger "Figaro" "zwei magische Momente: Wenn Bartolo (nachdrücklich: Franz-Joseph Selig) 'vendetta'-speiend aus dem Rollstuhl fällt und seine Rache mit der Urdämonie des Steinernen Gastes beschwört. Oder wenn der Hochzeitsmarsch lauter und martialischer wird, das ratlose Grafenpaar auf der Treppe kauert, gern wieder zueinanderfinden würde, aber nicht weiß wie - und ins Leere greift." Und Anna Netrebko: "schwerelos dahinfliegend, rauchzart, individuell. Als Charakter eine Wonne, vokalstilistisch die Wucht."

Mathias Döpfner würdigt in seiner Besprechung des Bayreuther "Rheingold" die Führungsqualitäten Christian Thielemanns: "Der wirkliche Mittelpunkt des Abends ist der Dirigent, die Musik. Christian Thielemann dirigiert nicht wie im Wagner-Wahn, sondern unglaublich diszipliniert. Unprätenziös, sauber, nicht zu langsam, nicht zu schnell. Nicht zu pathetisch, und nicht zu nüchtern. Niemals tranig, immer transparent und präzis."

Weitere Artikel: Hans-Hermann Hertle und Gerhard Sälter legen in einem aus dem Deutschland Archiv übernommenen Artikel dar, dass 16 Jahre nach der Wende immer noch keine endgültige Bilanz über die Zahl der Toten an den innerdeutschen Grenzen vorliegt. Bekanntgegeben werden die Filme des Wettbewerbs von Venedig. Florian Stark freut sich über die abgeschlossene Restaurierung der Wandmalereien in der karolingischen Torhalle von Lorsch.

Besprochen wird eine Ausstellung mit Polizeifotos von Tatorten - darunter ein bisher ungehobener Schatz mit Fotos aus Los Angeles von 1910 bis 1960 - in Düsseldorf.

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Neue Zürcher Zeitung, 28.07.2006

Im vierten Akt zieht es sich ganz schön, so Peter Hagmann, aber insgesamt ist er mit dem vierstündigen "Figaro" in Salzburg durchaus froh geworden. "Harnoncourt versteht das Stück nicht nur radikal aus dem Kontext der Da-Ponte-Trilogie heraus, wo es in je anderer Ausformung um gestörte oder zerstörte Beziehungen zwischen den Geschlechtern geht, er setzt auch bei der Dramaturgie der Tempi an, die er im Geist des späten 18. Jahrhunderts auslegt. Das führt zu merklicher Verlangsamung im Ganzen und in einzelnen Nummern zu erheblichen Veränderungen der Zeitmasse, aber auch zu einem ganz anderen Klangbild. Gemächlich mag die Ouverture erscheinen - doch bleibt hier jeder Zug ins Überdrehte aus, wird das Kreisen der auf- und absteigenden Tonleitern voll spürbar und sind die Tremoli für einmal ohne Hast. Und die Wiener Philharmoniker klingen warm und füllig, bringen gleichzeitig aber auch so viel Tiefenwirkung ein, dass die Mittelstimmen in aller Vielfalt zur Geltung kommen."


Verhalten dagegen die Reaktion von Marianne Zelger-Vogt auf das "Rheingold" in Bayreuth. "In entscheidenden Punkten vage, unspezifisch" findet sie Tankred Dorsts Inszenierung, auch fehle es an "großen, markanten Stimmen". Während der Regie und dem Sängerensemble "die eigentlichen Bewährungsproben mit 'Walküre', 'Siegfried' und 'Götterdämmerung' noch bevorstehen, ist Christian Thielemanns Werkauffassung schon jetzt klar umrissen und ausgefeilt bis ins Letzte. Begünstigt durch die einzigartige Akustik des Festspielhauses mit seinem überdeckten Orchestergraben, treten die instrumentalen und dynamischen Akzentsetzungen mit aller Deutlichkeit hervor, doch vor allem ist es der ebenso spannungsvolle wie organische großformale Aufbau und Ablauf, der Thielemanns Dirigat kennzeichnet".

Weitere Artikel: Naomi Bubis hat fünf israelische Schriftsteller nach ihrer Meinung zum Libanonkrieg befragt: Ronit Matalon, Sayed Kashua, Etgar Keret, Orly Castel-Bloom und Aharon Appelfeld. "Ca va peter! - Es wird knallen!" - das sagt der Wirtschaftshistoriker Jacques Marseille in seinem Buch "Du bon usage de la guerre civile en France" (Perrin) voraus, berichtet Jürgen Ritte. Marseille habe historische Krisen in Frankreich untersucht und dabei festgestellt, dass Frankreich ein Land ist, "in dem das Wort 'Konsens' nicht existiert." Sieglinde Geisel stellt ein Heft der Neuen Rundschau zur Lage der Geisteswissenschaften vor.

Ausschließlich Rezensionen auf der Filmseite. Besprochen werden Stephane Brizes Film "Je ne suis pas la pour etre aime", Danis Tanovics Kieslowski-Adaption "L'enfer", Gore Verbinskis Piratenfilm mit Johnny Depp und eine Reedition von Hiroshi Teshigaharas "Die Frau in den Dünen".

Auf der mal wieder sehr lesenswerten Medien- und Informatikseite berichtet Volker S. Stahr über die allerneuesten Werbemethoden: Online-Novela, Videogame-Branding oder Guerilla-Marketing. Christian Zabel erzählt von den Versuchen ostafrikanischer Medien, ihre Unabhängigkeit zu behaupten: Das gelinge am besten durch die Gründung von Medienkonzernen lokaler Provenienz, denn nur die seien wirtschaftlich so erfolgreich, dass sie politisch kaum unter Druck gesetzt werden könnten. Gemeldet wird, dass Frauen laut einer Studie des Bonner Medienforschungsinstitut Media Tenor in der deutschen Wirtschafts- und Politikberichterstattung immer noch Exotinnen sind. "Am wenigsten berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrem Wirtschafts- und Politikteil über Frauen: Nur in 11,5 Prozent aller Artikel waren sie die handelnden Personen."

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Die Tageszeitung, 28.07.2006

Micha Brumlik kritisiert in einem Essay die Ansicht vieler Freunde Israels, dass eine Lösung des Palästinaproblems den neuen Nahostkonflikt entschärfen würde: "Nein, das Palästinaproblem ist nicht die Wurzel des Übels. Wer ernsthaft glaubt, dass die oft fatale israelische Politik gegenüber den Palästinensern die Ursache der Krise in der arabisch-islamischen Welt ist, soll bitte erklären, warum im Irak seit Beginn dieses Jahres sage und schreibe neuntausend (!) Menschen Selbstmordattentaten zum Opfer gefallen sind, warum im Iran Menschen- und Frauenrechte systematisch unterdrückt werden und warum in Syrien hinter der Fassade einer gewissen Modernität eine brutale Diktatur herrscht. Etwa wegen Gaza?"


Auch auf der Meinungsseite: Ralph Bollmann interviewt Herfried Münkler, der den neuen Konflikt mit dem zwischen Zidane und Materazzi vergleicht: "Der vermeintlich Schwächere provoziert, und wenn der Stärkere dann zurückschlägt, steht er am Pranger - weil sich seine Reaktion medial aufbereiten lässt. Als es Israel noch mit einer geschlossenen Front der arabischen Staaten zu tun hatte, war es selbst in der Position eines David, und die Araber waren Goliath. Schon Arafat, aber jetzt auch die Hisbollah haben es geschafft, das umzukehren."

Im Interview mit Alfred Hackensberger auf den Kulturseiten erklärt die libanesische Autorin Iman Humaidan Junis die Asymmetrie des Krieges zwischen der Hisbollah und Israel: "Israel hat zwar eine moderne Militärmaschine, aber bis zum Ende, wie die Hisbollah, können sie nicht gehen. Die gesamte Ideologie der Hisbollah basiert auf dem Märtyrertum. Sie lieben es, zu sterben. Die ganze Strategie Israels zielt darauf, ihre Staatsbürger am Leben zu halten. Das ist ein totaler 'Clash' von Ideologien."

Besprochen werden das "Rheingold" in Bayreuth, eine Platte der neuen Londoner Popsensation Lily Allen und die Ausstellung "Nichts" in der Schirn Kunsthalle.

Und Tom.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2006

Wolfgang Sandner verteidigt die langsamen Tempi des Salzburger "Figaro" unter Nikolaus Harnoncourt: "Harnoncourts Tempi sind nicht dem hektischen Zeitgeist angepasst, sie sind aus der musikalischen Faktur eher lauernd entwickelt. Sie verzögern das Geschehen durch Zäsuren, halten inne, wenn durch Tonartenwechsel ein Stimmungsumschwung erfolgt, gehen durch Rubati und Accelerandi eine sinnvolle Verbindung mit dynamischen Abstufungen ein. Das ist von der verhaltenen Sinfonia bis zum Unisono der zehn Protagonisten im Schlusschor des vierten Aktes wohldurchdacht, differenziert musiziert und angesichts des Wahnsinns menschlicher Liebesbeziehungen nachdenklich stimmend. Plakativ wirkungsvoll, mitreißend ist das nicht. Aber welche subtile Kunst ist das schon?"


Julia Spinola äußert sich etwas skeptisch zu Christian Thielemanns musikalischer Leitung des Bayreuther "Rheingold", aber erfreut über Tankred Dorsts Regie und Philipp Schlössmanns Bühne: "Wie in Dorsts 'Merlin oder das wüste Land' die vertriebenen heidnischen Götter wieder auf die Trümmerfelder der Geschichte zurückkehren, so bevölkert nun das Götterpersonal des 'Rheingold' die vergessenen Brachen unserer Städte: als gerinne die Atmosphäre solcher Orte plötzlich zu Gestalten, zu seltsam verbeulten Phantasiefiguren, die aus den Luken und Ritzen unserer vermeintlich so fest verfugten Zivilisation hervorkriechen."

Weitere Artikel: Niklas Maak berichtet, dass mehrere namhafte Kunstprofessoren der Berliner Universität der Künste nach Querelen mit der Verwaltung ihr Amt niederlegten, darunter so bekannte Künstler wie Daniel Richter, Tony Cragg, Stan Douglas und Lothar Baumgarten. Kkr kommentiert den Umstand, dass immer mehr Deutsche in die Türkei auswandern. Dirk Schümer stellt das Programm des Teatro La Fenice in Venedig für die nächste Saison vor. Felix Johannes Krömer meldet, dass das BKA die Echtheit der Tagebücher von Anne Frank keineswegs, wie von Rechtsextremen behauptet, in Zweifel zieht. Stephan Sahm liest Zeitschriften zu bioethischen Fragen. Zwei ganze Seiten geben Auskunft über Veranstaltungen im August. Gemeldet wird, dass neben Günter Grass auch Joachim Fest in diesem Jahr seine Memoiren vorlege und dass diese sehr erwartet seien. "Der Historiker, Publizist und langjährige Herausgeber dieser Zeitung", so wird erläutert, "hat mit seiner 'Hitler'-Biografie eines der historisch, politisch und stilistisch einflussreichsten Bücher der Nachkriegszeit geschrieben, ohne Zweifel einen Klassiker der Geschichtsschreibung".

Auf der Medienseite schildert Nina Rehfeld eine geradezu unheimliche Welle der Prüderie, die amerikanischen Fernsehserien und -Shows jeden Witz austreibt: "Die amerikanischen Sendeanstalten, für die es immerhin um ihre Lizenzen geht, sind mittlerweile derart verunsichert, dass die Angst vor Abstrafung die bizarrsten Blüten treibt. Fox machte den Hintern von Baby Stewie aus 'Family Guy' - einer Zeichentrickserie - unkenntlich." Und Dirk Schümer berichtet über löbliche Vorsätze der neuen italienischen Regierung, die RAI wieder zu einem seriösen Staatssender zu machen.

Auf der letzten Seite erklärt Veronica Ferres im Gespräch mit Hannes Hintermeier, warum sie die für sie geschriebene Rolle der "Courage" in einem Einpersonenstück von Wilhelm Genazino letztlich nicht spielen wollte: "Im dritten Akt gibt es die Situation, wo sie einem Soldaten anbietet, ein kleines Mädchen sexuell vorzubereiten, damit er es vergewaltigen kann. Sie macht das, um sich einen Vorteil zu verschaffen, aber sie macht es, ohne dass sie dafür bestraft wird. Da sind für mich moralische Grenzen überschritten, da kann ich mich nicht hinstellen und mich dafür beklatschen lassen. Ich finde keinerlei Zugang dazu." Außerdem stellt Dietmar Dath Internetcomic "Weebl" vor. Und Joachim Müller-Jung warnt vor einer Überdramatisierung der Hitzewelle.

Besprochen werden die Ausstellung "Zurück zur Figur - Malerei der Gegenwart" in der Münchner Hypo-Kunsthalle und Kim Ki-duks neuer Film "Hwal - Der Bogen".

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Berliner Zeitung, 28.07.2006

Im Interview mit Inge Günther beschreibt der israelische Autor Abraham B. Jehoschua das Leben in Haifa und entwickelt eine Perspektive für eine Waffenruhe: "Eine 'Mission Impossible' wäre es, eine komplette Entwaffnung der Hisbollah oder ihre politische Auflösung erreichen zu wollen. Das einzig Machbare ist, die Hisbollah von der Grenze zurück zu drängen und an ihrer Stelle eine internationale Truppe dort zu stationieren."

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Süddeutsche Zeitung, 28.07.2006

Am Schluss wird es etwas schwerfällig, aber die ersten zwei Akte des Salzburger "Figaro" sind ein "musikalisch-szenischer Geniestreich", jubelt Reinhard J. Brembeck. "Regisseur Claus Guth verweigert ... dem Paar Susanna & Figaro liebende Nähe, intimes Einverständnis und gemeinsame Zukunft. Durchaus im Einklang mit Dirigent Nikolaus Harnoncourt, der von Anfang an darauf beharrt, dass in Wolfgang Amadeus Mozarts 'Die Hochzeit des Figaro' überhaupt keine Hochzeit stattfindet - sondern dass hier ein Interruptus den anderen jagt, und dass diese Jagd wohl schon recht lange im Gange ist. So lange, dass deren Tempo längst die Zeitlupe bevorzugt, und jeder gesellschaftsrevolutionäre Impetus einem nicht weniger gefährlichen Brodeln im Privaten gewichen ist." Die Sänger fand er hinreißend - allen voran Christine Schäfer als Cherubino: "Sie gibt diesem pubertierenden Jungen alles, sie macht fassbar, was erste Liebe ist, was hemmungslose Erregung, was der Duft der Frauen, Erotik, Sexus, Verführung. All das kann sie singen. Ihre Stimme ist Hauch, Duft, Streicheln, Liebkosung."


Begeistert ist Joachim Kaiser nicht von diesem "Rheingold". Tankred Dorst zeige sich mit seiner Inszenierung der Sache nicht gewachsen. Selbst Christian Thielemann, von dem er eigentlich glaubt, er werde der "Rheingold-Triumphator", halte den ersten Teil des "Rings" offenbar für ein "musikbegleitendes Konversationsstück", dem Menschen-Schicksale und Götter-Nöte erst in den nächsten drei Teilen folgen. "Immerhin wissen wir, dass wir einen 'Ring' vor uns haben, der es ernst und ehrlich meint. Das lässt fürs Kommende hoffen."

Weitere Artikel: Fritz Göttler hat begeistert die Notate zu Lars von Triers geplanter und dann abgesagter "Ring"-Inszenierung im Internet gelesen. Sonja Zekri schreibt über den ägyptischen Skandalfilm "Das Haus Yacoubian": "Der Westen hält die arabische Welt naturgemäß für unfähig zur Selbstkritik. Dieser Film aber seziert die eigenen Unzulänglichkeiten mit einer Inbrunst, die ein Außenstehender kaum aufbringt." (Mehr dazu hier.) Petra Steinberger hat libanesische Blogs gelesen.

Roswitha Budeus-Budde porträtiert den Kinderbuch-Lektor Frank Griesheimer. Alexander Kissler erklärt, wie die EU-Einigung zum Embryo das Bild vom Menschen verändert. Wolfgang Luef berichtet von einem Streit um die amerikanische Fotografin Jill Greenberg, die zwei- bis dreijährige Kinder zum Weinen brachte, indem sie ihnen den Lutscher wegnahm, und die Fotos der heulenden Blagen dann mit Bush-kritischen Unterzeilen versah wie "Four more years".

Besprochen werden eine Ausstellung der Turner-Preis-Kandidatin Tomma Abts in der Kunsthalle Kiel, die Ausstellung über Becketts Berlin-Besuch 1936 im Berliner Literaturhaus und Bücher, darunter Lavinia Greenlaws Gedichtband "Minsk" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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Archiv: Heute in den Feuilletons

Vom Verenden des Verstehens

26.05.2012. Pfingstereignis Feuilleton! In der FAZ überlegt Durs Grünbein, warum Dichtung unerlässlich ist. In der SZ schreibt Günter Grass ein erlässliches Gedicht. In der NZZ beschreibt Botho Strauss den Idioten als freien Geist. In der Welt droht der Künstler Gregor Schneider Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev mit Kunst. Im Tagesspiegel wünscht sich Johannes Schneider etwas mehr Ehrlichkeit in der Urheberrechtsdebatte. In der taz schlägt Ulrich Kühne vor: Nur noch sechs Prozent für die Verwerter. Mehr lesen

Grenzen spielen eine ambivalente Rolle

25.05.2012. Heise Online und die Welt melden: Die Urheberrechtsabgaben für USB-Sticks steigen um bis zu 1850 Prozent. Die FR bewundert in ihrer Cannes-Kolumne Nicole Kidman in der Rolle ihres Lebens. Die FAZ resümiert die spanische Debatte um Mario Vargas-Llosas jüngstes Buch "La civilización del espectáculo". Mehr lesen

Belebung der Leiber

24.05.2012. In der NZZ beschreibt die Schriftstellerin Mansura Eseddin die Situation kurz vor den Wahlen in Ägypten. In der taz erzählt Wes Anderson, was ihn an den 60er Jahren interessiert. In der FAZ erklärt Peer Steinbrück dem Genossen Thilo Sarrazin noch einmal, warum wir den Euro brauchen. In der Zeit erklärt FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher dem Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo: Die Piraten sind keine Modeerscheinung. SZ, Welt und taz feiern den neuen Film von Leos Carax und seinen Hauptdarsteller mit dem hässlichen und wunderschönen, bösen und romantischen Gnomengesicht: Denis Lavant. Mehr lesen

Pragmatische Theorie der Tücke

23.05.2012. Die Welt erzählt, was man in der großen Ausstellung über den jungen Dürer in Nürnberg lernen kann. Und sie spricht sich gegen die Vorschläge der Piratenpartei zum Urheberrecht aus.  In der SZ begrüßt der Historiker Michael Wildt neue Blicke auf die Gewaltzusammenhänge des 20. Jahrhunderts. Und Georg Klein zerschneidet Schnecken. Slate.fr fragt: Wie frauenfeindlich darf ein Festival wie Cannes sein? Mehr lesen

Archiv: Heute in den Feuilletons

Gelegentlich auch finster und bizarr

22.05.2012. Die Inszenierung von "The Rake's Progress" in Frankfurt ist zwar ein bisschen bieder, findet die FR, aber ansonsten: tolle Oper! Die FAZ stellt erstaunliche Parallelen zwischen den Urheberrechtspositionen der SPD und der Piraten fest. Die SZ versucht mithilfe der Nobeltpreisträgerin Elinor Ostrom Urban Gardening und Filesharing zu verstehen. Alle trauern um Robin Gibb. Und die NZZ meint zur Position der deutschen Sarrazin-Kritiker: "Hilflos strampeln sie mit im System der Vermarktung, das sie verdammen." Mehr lesen

Figur der Jederzeitlichkeit

21.05.2012. Wie können die Europäer eigentlich in ein Land kommen, wo gefoltert wird, um ein Fußballfest zu feiern?, fragt Juri Andruchowytsch in der FR. Aber sie singen ja auch in Baku, notiert die taz. Im sonnigen Cannes hebt sich die Düsternis dänisch-österreichischer Autorenfilme besonders vorteilhaft ab, findet die Welt. Im Perlentaucher plädiert Katharina Hacker für das Teilen von Texten - und gegen "Geistiges Eigentum". Die NZZ lernt in Japan: Wer hundert werden will, muss lernen, lernen, lernen.  Mehr lesen

Auch bei geringsten dynamischen Graden

19.05.2012. In der Welt gratuliert Kontatin Grcic dem Designerkollegen Dieter Rams, der ihn auf den Pfad der Tugend zurückführte. Die taz überlegt, ob die Geschichte von kino.to als Hollywoodfilm nachzuerzählen wäre, und welche Rolle dabei den Verbänden der Filmindustrie zukäme. Die SZ kritisiert in der Urheberdebatte den Autoren-Aufruf und fordert konstruktive Lösungen. Die FAZ bewegt sich mit Grausen durch spanische Investitionsruinen. Alle trauern um Dietrich Fischer-Dieskau. Mehr lesen

Das Theater, es lebt, es lebt

18.05.2012. Die Berliner Volksbühne ist wieder auferstanden, meldet die taz nach dem Berliner Theatertreffen. Die Welt ist beglückt von Wes Andersons Film "Moonrise Kingdom", der das Festival von Cannes eröffnete. Das Blog Movie Morlock hat passend zum Anlass Glamour-Fotos aus den besseren Jahren des Festivals zusammengestellt. In der FAZ macht Frank Rieger vom CCC einen Vorschlag zur Steuerrevolution. In deutschen Blogs wird immer noch recht heftig über den Urheber-Aufruf diskutiert. Gibt es ein Menschenrecht auf "Geistiges Eigentum"? Mehr lesen

Sie rezensieren, loben und verbreiten auch

16.05.2012. Der Urheber-Aufruf sorgt weiter für Debatten - nun melden sich allerdings auch Autoren, die ihn kritisieren. Cora Stephan will in der Welt die Front gegen die Leser aufbrechen. Benjamin Stein fordert in der Jüdischen Allgemeinen die Anpassung des Urheberrechts an das digitale Zeitalter. Alle Zeitungen begrüßen den Büchner-Preis für Felicitas Hoppe. Nur die SZ überlegt, wer ihr lieber gewesen wäre. Mehr lesen

Viel mit der Hand abgeschrieben

15.05.2012. Die taz kritisiert die Bild: Denn die macht keinen soliden Journalismus, wie er zum Beispiel von Elke Heidenreich verkörpert wird. Jörg Lau kritisiert in seinem Zeit-Blog die taz und erinnert sie daran: Auch wer provoziert, ist nicht selbst schuld, wenn er am Ende dafür umgebracht wird. Die FR ist traurig über die Gentrifizierung Hamburgs. Und Sibylle Lewitscharoff plädiert in der FAZ fürs Urheberrecht. Mehr lesen

Von bürgerlichen Medien empfohlen

14.05.2012. Heftig herumgedruckst wird bei der Berichterstattung über den Eklat bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises: Eigentlich missgönnt SZ-Redakteur Hans Leyendecker den Kollegen von der Bild den Preis gar nicht, schreibt die Bild. Und die SZ zitiert lieber eine Stellungnahme des Netzwerks Recherche - als wäre das nicht Leyendeckers Club. Die taz findet trotzdem: Die SZ-Kollegen sind Helden. Die FAZ ist empört über eine Aktion anonymer Hacker, die die Adressen von Unterzeichnern der Aktion "Wir sind die Urheber" veröffentlichen und mit weiteren Aktionen drohen. Mehr lesen

Unbeeindruckt vom Hohn der Kunstwelt

12.05.2012. Die Urheberrechtsdebatte tost und rumpelt weiter: "Ihr seid nicht (mehr) systemrelevant", ruft Udo Vetter den "Wir sind die Urheber"-Urhebern zu. Euer Geschäftsmodell ist von gestern, bedauert die FR. Vor kurzem protestierten Urheber doch noch gegen Verwerter, wundert sich die SZ. Auf Spiegel Online erinnert Volker Kauder daran, dass auch die Freiheit der Kommunikation Schutz verdient. Die NZZ befasst sich mit dem Dackel in der Kunst. Die FAZ bewundert die Erektion eines Möhrenmännleins. Und: die SZ schlägt den Nannen-Preis für die Bild-Zeitung aus. Mehr lesen

Auch das Spiel folgt Regeln

11.05.2012. Im Tagesspiegel fordert der Drehbuchautor Thomas Bohn: Künstler, erfüllt die Bedürfnisse eures Publikums. Carta fürchtet, dem Künstler geht es bald wie der Milchkuh. Die FAZ dankt für die Würdigung der Verwerter. Die taz findet die Vorstellung von Liquid Democracy naiv: Politik brauche Profis. Die SZ begutachtet die weißen Elefanten in Kiew und Warschau. Die NZZ durchforstet das Angebot der Multioptionsgesellschaft. Mehr lesen

Man versucht, die Revolution herauszuhalten

10.05.2012. In der Zeit pochen hundert Urheber auf ihr Recht. Und Peter Sloterdijk bezweifelt, dass André Rieu in der Lage ist, eine Philosophie-Sendung im ZDF zu moderieren. Die Urheberrechtsdebatte reißt auch in weiteren Medien Gräben auf: Im Freitag fordert der Konzertagent Berthold Seliger eine Reform, die eine Verkürzung der Schutzfristen einschließt. Der Urheberrechtsexperte Till Kreutzer fordert im WDR, dass man die Gegebenheiten der Digitalisierung zur Kenntnis nimmt. Und Foreign Policy meldet: die Prediger der Christenverfolgung haben jetzt schon eine Million Follower. Mehr lesen

Wie eine Kühlbox mit Deckel obendrauf

09.05.2012. Der Tagesspiegel ist froh, dass Berlin nur einen Flughafen eröffnen will. Es hätte noch peinlich kommen können. Der Perlentaucher schaut mit Mitleid auf die narzisstische Kränkung, die das Netz dem Liberalismus zufügt. Die taz druckt schon wieder einen Europa-Appell mit Daniel Cohn-Bendit. In der Welt fragt Ralf Fücks von der grünen Böll-Stifung, ob aus den Piraten je was werden kann. Die NZZ wirft einen Blick auf das neu erblühende Kulturleben in Simbabwe. In der FAZ telefoniert Michael Krüger über Skype mit einem griechischen Freund. Mehr lesen

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