Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

11.07.2006. Zidane: Dunkler Gott, gefallener Engel, Mensch. Hat er gedacht, als er die Stirn in die Brust seines Gegners rammte? Georg Klein antwortet in der SZ mit ja und würdigt, dass Zidane Materazzis Nase schonte. Die FR denkt ähnlich: Das Denkmal demontierte sich bewusst. Und wird erst dadurch unsterblich, sekundiert die taz. Die FAZ staunt über die Italiener, die Regeln erst respektieren, nachdem sie sie manipuliert haben. Außerdem: Bahman Nirumand porträtiert in der NZZ den iranischen Intellektuellen Akbar Ganji. Und die Welt rollt den Historikerstreit noch mal auf.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2006

Ach, Zidane! "Der Fall Zidane hinterlässt außer Traurigkeit auch viele Fragen", schreibt Michael Horeni auf den Sportseiten. "Zunächst einmal die unlösbare: Was hat den größten Fußballer dieser Tage dazu getrieben, zehn Minuten vor dem Ende seiner Karriere Marco Materazzi den kahlgeschorenen Kopf vor die Brust zu rammen? Eine Provokation des Italieners?" Was Materazzi zu Zidane sagte, weiß auch Roland Zorn nicht, denn "Domenechs Spieler verweigerten am Sonntag abend nähere Auskünfte".


Michael Ashelm porträtiert Materazzi als "schreckensfreien Grätschenfreund und harten Gesellen, der nicht mal über diese typisch engelstreue Mimik eines italienischen Fußballprofis verfügt. Der rauhbeinige Abwehrmann verkörpert deshalb wohl am besten den Stil des neuen Weltmeistertrainers Marcello Lippi. 'Ich bin lieber ein Arsch als ein Verlierer', sagt dieser zu seinem Faible für rüde Typen."

Im Feuilleton versteht Dirk Schümer, der seit Jahren als Kulturkorrespondent der FAZ in Venedig lebt, seine Italiener immer noch nicht: "'Ohne die Skandale hätten wir nie gewonnen.' Diese Analyse trug im Siegesrausch der Kopf des Teams vor, Gennaro Gattuso. Wahrscheinlich hat er recht, und doch äußert sich darin eine perverse italienische Anthropologie. Wir brauchen den Stimulus, über den eigenen Sumpf hinwegzuspringen. Und vor allem: Erst nachdem wir unlauter versucht haben, die Regeln zu manipulieren, macht es uns Freude, sie zu akzeptieren. So sind wir eben." Und Michael Lentz stellt fest: "Eine Mannschaft, die nicht begeistern kann, kann trotzdem Weltmeister werden. Wo ist der nun, der Zidane?"

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko schreibt den Nachruf auf den großen Entertainer Rudi Carrell, zu dessen Tod auf der Medienseite außerdem einige Stimmen gesammelt werden. In der Leitglosse sorgt sich Andreas Kilb um die Nitratverätzung durch den Urin hunderttausender Fans im Berliner Tiergarten. Patrick Bahners kommentiert das Urteil im baden-württembergischen Kopftuchprozess. Jordan Mejias fragt sich, was George Bush von Mecklenburg-Vorpommern wollen könnte. Yasemin Ergin hat in Khartum den Erz-Islamisten Hassan Al-Turabi getroffen, der sich als gemäßigte Kraft gab. Nils Aschenbeck schildert die Umtriebe der Immobilien-Firma ECE, die die deutschen Mittelstädte mit historistisch verkleideten Einkaufsmalls zustellt.

Auf der DVD-Seite geht es um Opern-DVDs und um DVDs, die von der Tour der France handeln. Auf der Medienseite stellt Olaf Sundermeyer die neue Zeitschrift Kultur und Gespenster vor. Für die letzte Seite besucht Regina Mönch das Dorf Pretzien bei Magdeburg, wo einige junge Männer aus Anlass der Sonnwendfeier des Heimatbundes Ostelbien die Tagebücher der Anne Frank und die amerikanische Flagge verbrannten. Felix Johannes Krömer weist auf einen Artikel (Auszug) Slavoj Zizeks über den Karikaturenstreit in der Lettre international hin. Und Robert von Lucius stellt den FDP-Politiker Walter Hirche vor, das als Präsident der deutschen Unesco-Kommission auch Einfluss auf Entscheidungen über das Weltkulturerbe hat.

Besprochen werden eine Ausstellung über Gottfried Benn in Marbach, Brechts "Galilei" in London und ein Soloalbum des kanadischen Rockstars Jason Collett.

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Neue Zürcher Zeitung, 11.07.2006

Martin Meyer sinniert angesichts Zinedine Zidanes Final-Attacke gegen den Italiener Materazzi über die Regeln und die Zivilisation und staunt, wie "überraschend effizient" Zidane "zurückfand ins Atavistische". Auch "eine gewisse spielerische Qualität war der brutalen Einlage ... nicht abzusprechen. Während Zidanes Gemüt bereits dröhnte, gaben Mimik und Körpersprache ein Beispiel kühl arrangierter Choreographie. Lächelnd wie Jago bewegte sich der prospektive Übeltäter zunächst in die harmlose Richtung, bis er, freundlich zögernd, kehrtmachte, noch immer reine Unschuld zeigte und dann plötzlich mit dem kahlen Kopf zum Treffer ausholte. Das hatte etwas von Commedia dell'Arte; ein Hin und Her nachdenklich täuschenden Tanzes, bis der Angegriffene lautlos zusammensackte."


Bahman Nirumand hat den iranischen Opositionellen Akbar Ganji getroffen, der nach sechs Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde und derzeit zu Gast in Europa ist: "Ahmadinedschad und seine Radikalislamisten, die mit Populismus und künstlich erzeugten Krisen ihr Monopol auf die Macht bewahren möchten, seien das letzte Potenzial, das der Gottesstaat aufzubieten habe, sagte er mit fester Stimme, die vermutlich auch bei ihm selbst jeden Zweifel beseitigen soll. Die Basis für eine demokratische Umwandlung sei breit genug, es fehle jedoch eine Organisation, eine Führung. Will er, wird er die Führung übernehmen? Er weicht einer klaren Antwort aus."

Weiteres: Erfolg macht sexy, selbst Hörbücher, wie Joachim Güntner feststellen muss: Angesichts eines Marktanteils von inzwischen 3,4 Prozent sind die "kulturkritischen Vorbehalte wie verpufft. Hörbücher haben Fans, die sich aufs intellektuelle Schönreden verstehen. Man betont die Reize des Auditiven und Oralen. Nobilitierend heißt es, im Hörbuch kehre die Literatur zu ihrem Ursprung zurück." Besprochen werden eine Ausstellung über den Renaissancemaler Gentile da Fabriano in Fabriano, Richard Yates' Erzählungen "Elf Arten der Einsamkeit" und Katharina Geisers Debut "Vorübergehend Wien" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

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Süddeutsche Zeitung, 11.07.2006

Auf den Sportseiten liegt Birgit Schönaus Sympathie ganz bei Materazzi. Seine Mutter starb, "als er ein kleiner Junge war. Deshalb wird er Zinedine Zidane alles Mögliche an den Kopf geworfen haben, bevor der große Franzose ihm seine Glatze in den Brustkorb rammte, alles Mögliche, aber nichts über dessen Mutter. Diese Beleidigung grölten dafür die Tifosi zu Hunderten in den Straßen Roms, und manche nahmen sogar ein Megaphon dazu, es waren keine schönen Szenen. Fest steht: Wenn einer auf dem Platz Zidane zutiefst verstehen konnte, wenn einer nachfühlen konnte, was es heißt, derart gedemütigt vom Rasen zu schleichen, um sich in tiefster Scham vor der Welt zu verkriechen - dann war es wohl Materazzi. Wie oft war es ihm selbst so ergangen, zuletzt im Achtelfinale gegen Australien... Diesmal nicht. Diesmal ging der Andere, der Große, der Weltstar, der König des Fußballs, der sich soeben selbst entthront hatte."


Im Feuilleton bewundert Georg Klein den Kopfstoß Zidanes gegen Materazzi. "In der Tat zerstört er damit eine Legende. Aber zerbrochen ist nicht die mediale Erzählung, dass dieser Franzose algerischer Herkunft ein begnadeter Fußballer gewesen ist. Geplatzt ist eine Illusion unserer Kultur. Für eine lange Zeitlupenwiederholung durften wir begreifen, dass das Feld unserer europäischen Zivilisation nicht so eingerichtet ist, dass man mit guten und bösen Worten über alle Runden des Lebens kommt. Ein kluger, angesehen und reich gewordener Mann hat sich auf Grund seiner Erfahrung für die jähe Gewalt eines Kopfstoßes entschieden. Zidane verschonte dabei die Nase Materazzis; aber an sich selbst schonte er nichts."

Weitere Artikel: Midt. amüsiert sich über das Konzept der "präventiven Freundlichkeit", das während der WM erfunden wurde. Dirk Peitz berichtet, dass die Loveparade jetzt von dem Besitzer der Fitnessstudiokette McFit, Rainer Schaller, ausgerichtet wird; Gründer Dr. Motte fühlt sich "ausgebootet". Fritz Göttler stellt das neue Filmfördermodell von Kulturminister Bernd Neumann vor. Schon etwas angestaubte Inszenierungen hat Eva-Elisabeth Fischer beim 60. Festival in Avignon gesehen. Der Stadtplaner Peter Marcuse fordert in einem kurzen Interview mehr staatliche Investitionen in den sozialen Wohnungsbau. Florian Welle porträtiert den Hörspielregisseur Klaus Buhlert, der gerade E.T.A. Hoffmanns "Serapions-Brüder" aufgenommen hat. Und G.K. meldet die Streichung des Kölner Doms von der Roten Liste der bedrohten Denkmale.

Besprochen werden Ousmane Sembenes Film "Moolaade" und Bücher, darunter Helen Walshs Roman "Millie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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Die Tageszeitung, 11.07.2006

"Großes Wollen, großes Scheitern gehören zum Künstlerroman dazu", seufzt Dirk Knipphals in seinem Kommentar zu Zinedine Zidanes letztem Spiel: "Er hat nur demonstriert, dass seine Karriere nie in überkommene Maßstäbe passte. Er hat gezeigt, dass er nur mit den von ihm selbst gesetzten Maßstäben beurteilt werden kann. Und gerade dadurch ist Zidane nun unsterblich geworden."


In der WM-taz blickt Andreas Rüttenauer in einem Porträt auf die Anfänge von Zidanes Karriere im Fußballinternat in Marseilles zurück: "Sein Talent ist offensichtlich. Doch niemand rechnet damit, dass der Vorstadtbengel einmal eine große Karriere starten wird. Denn er ist jähzornig. Wird er gefoult, tritt er zurück. Er weiß, dass er an sich arbeiten muss. Ein Trainer rät ihm, nach jeder Übungseinheit die Kabinen zu putzen, um Selbstbeherrschung zu lernen. Er fängt an zu putzen. Einen Monat lang schrubbt er für sein großes Ziel."

Und schließlich nimmt Daniel Cohn-Bendit Zidane in Schutz: Der Held sei halt kein Heiliger, sondern ein Kind der Vorstädte: "Dort wächst man nicht im behüteten Alternativmilieu mit seinen antiautoritären Kitas auf. Um so hochzukommen wie Zidane, muss man einen Kampf führen um Leben und Tod. Man hat automatisch dieses Kampfbewusstsein. Und das kommt in solchen Momenten eben raus."

Weiteres: Michael Rutschky eröffnet eine neue taz-Serie zum Stand des kritisichen Bewusstseins bei avancierten Kulturkadern. Helmut Höge erzählt eine Geschichte von Revolte, Liebe und Zement aus der Brandenburger Provinz. Jan-Hendrik Wulf liest die neueste Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik. Die nun ehemalige Schülerin Viktoria Stolpe verarbeitet ihr Abi 06. Besprochen wird ein Band über die mexikanische Künstlerinitiative "La Panaderia" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

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Frankfurter Rundschau, 11.07.2006

Zidane "wirkte wie einer, der genau wusste, was er getan hatte, der es im vollen Bewusstsein getan hatte", schreibt Peter Michalzik über den Kopfstoß. "Es wäre möglich, dass Zidane es nicht mehr ertrug, wie Raymond Domenech die Mannschaft immer weiter im Korsett seines Systems gefangen hielt. Dass er aus einem Gefängnis ausbrechen musste. Dass er nach Bemerkungen Materazzis seinen Jähzorn nicht mehr zügeln konnte. Dass er nach dem Kopfstoß gegen den Ball, ein paar Minuten zuvor, den der italienische Torhüter Buffon pariert hatte, nicht mehr an den Sieg glaubte. Am wahrscheinlichsten aber ist, dass Zidane den Moment selbst nicht mehr ertrug, die Größe, in die er hineinwuchs, und die ein paar Minuten später nach dem Abpfiff für immer besiegelt werden würde. Dass er sich und dass er das Denkmal, das er gerade wurde, tatsächlich zerstören wollte."


Weitere Artikel: Stefan Keim feiert das "unglaublich lebendige" deutsche Stadttheater in Moers, Osnabrück und Dortmund. Der Komponist Felix Kubin, der morgen den Kulturkongress 06 in Frankfurt eröffnet, erklärt im Interview, wie sich sein Sound anhört: "Wie Reagenzglasbeat." In Times Mager betrachtet Daniel Kothenschulte Zidane aus filmischer Sicht.

Besprochen werden Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und seiner Tochter Anna (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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Die Welt, 11.07.2006

Sven Felix Kellerhoff rollt den Historikerstreit noch einmal auf. Jürgen Habermas' Attacke vor 20 Jahren basierte seiner Meinung nach auf Überlegungen von 1979, die schon damals mit der Realität "wenig bis nichts" zu tun gehabt hätten. "Die siebziger Jahre - immerhin die Zeit einer sozialliberalen Koalition vorwiegend unter Kanzler Helmut Schmidt - seien, so Habermas, geistig dominiert von einer 'Neuen Rechten'. Die Linke habe sich in 'Gettos' zurückgezogen und werde zudem durch 'selbsternannte Türhüter einer eher militarisierten denn wehrhaften Demokratie' aktiv ausgegrenzt. Durch Städte wie Frankfurt oder Hamburg verlaufe eine Grenze, die sie 'ebenso real wie die Mauer Berlin' teile. Selbst angesichts der seinerzeitigen Herausforderung, zum Beispiel durch den 'Deutschen Herbst' 1977, den Angriff der RAF-Terroristen auf den Rechtsstaat, waren solche Überlegungen schlicht widersinnig. Aber für Habermas bildeten sie die Grundlage seiner Realitätswahrnehmung."


Weitere Artikel: Ulli Kulke trägt anlässlich von Zinedine Zidanes Aussetzer beim WM-Finale zusammen, wo ihm der Kopfstoß schon mal begegnet ist - vom Kaffernbüffel bis zu Dagobert Duck. Die erfolgreiche türkische Autorin Elif Shafak wird angeklagt, weil die Figuren in ihrem neuen Roman "The Bastard of Istanbul" von armenischen "Genozid-Überlebenden" reden, informiert Iris Alanyali. Cosima Lutz resümiert das 41. Internationale Filmfestival in Karlovy Vary (Karlsbad). "sfk" meldet, dass Beate Klarsfeld der Bahn beim Streit um die Ausstellung über die Rolle der Reichsbahn bei der Deportation von jüdischen Kindern in die Vernichtungslager ein Ultimatum gestellt hat. Besprochen werden drei zwanzigminütige Choreografien im Ballett Stuttgart.

Im Magazin schreibt Torsten Thissen den Nachruf auf den Showmaster Rudi Carrell. "Er gab den Deutschen ihren Unterleib zurück."

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