Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

13.05.2005. Die Backenzahn-Debatte treibt Berliner Zeitung, FR, SZ und FAZ um: Darf Lea Rosh in das Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals einen Backenzahn einsenken, den sie einst in einem ehemaligen Lager fand? Die SZ hört den deutschen HipHop nach rechts rücken. Woody Allens neuer Film "Matchpoint", der in Cannes lief, wird zumindest teilweise als Meisterwerk ausgelobt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2005

Patrick Bahners referiert in der Leitglosse, was Lea Rosh bei der Eröffnung des Holocaust-Mahnmals erzählte - sie habe einnmal bei Dreharbeiten in einem ehemaligen Lager einen Backenzahn gefunden, den sie nun in das Stelenfeld einsenken wolle - und schließt: "Wir möchten nicht glauben, dass Lea Rosh den Verstand verloren habe. Ihre fixe Idee, mit der sie das Kuratorium der Denkmalstiftung nicht befasst hat, betrachten wir hiermit als begraben."

Der erste Begeisterungsruf aus Cannes. Woody Allens neuer Film "Matchpoint", eine Farce, die in besten Londoner Kreisen spielt, ist ein "unerwartetes Meisterwerk", schreibt Andreas Kilb. "Alles, was in den jüngsten Woody-Allen-Filmen selbstgefällig und ziellos wirkte, ist wie weggeblasen. 'Match Point' hat kein Gramm Fett, keine ausgedachten Witze, keine überflüssigen Dialoge. Der Film folgt seiner Fährte zum schlimmstmöglichen Ausgang wie ein Bluthund dem Wild."

Weitere Artikel: Im ausführlichen Aufmacher sieht Dietmar Dath die Religion der Technik mit Abschluss der "Star Wars"-Filme an ihr Ende kommen. Gemeldet wird, dass der sechste Band von "Harry Potter" auf deutsch am 1. Oktober erscheint. Erna Lackner stellt das Programm des Burgtheaters für die nächste Saison vor. Dieter Bartetzko betrachtet neueste Computerrekonstruktionen des Gesichts von Tutenchamun aus Amerika und Frankreich, die sich leider ganz und gar nicht ähnlich sehen. Arnold Bartetzky besucht die von Zaha Hadid entworfene Zentrale des neuen BMW-Werks in Leipzig.

Auf der Medienseite empfiehlt Andreas Kilb sehr den Mehrteiler "Angels in America" mit Meryl Streep und Emma Thompson nach einem Theaterstück Tony Kushners über die Anfänge der Aids-Epidemie - die ersten beiden Teile laufen heute im Ersten. Nina Rehfeld informiert, dass die amerikanischen Sender eine Freiwillige Selbstkontrolle gründen, um staatlichen Eingriffen zuvorzukommen. Und Jürg Altwegg meldet, dass Le Monde zur Aufbesserung ihrer Einnahmen und gegen den Widerstand des französischen Buchhandels nun auch Bücher beilegen will.

Für die letzte Seite hat Irena Bazinger den szenischen Lesungen von Stücken unbekannter Autoren beim Berliner Stückemarkt zugehört und stellt fest: In den neuen Stücken sind "die Verhältnisse wankend. Die Beziehungen sind instabil." Tilman Spreckelsen meldet, das das Goethe-Institut die mit mitteleuropäischen Themen befasste Zeitschrift Kafka einstellt, dafür aber verstärkt im Internet tätig werden möchte. Und Lorenz Jäger erzählt die Geschichte des Spaniers Enric Marco, der sich eine Biografie als KZ-Opfer zurechterfand und als solches noch im Januar vor dem spanischen Parlament zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gesprochen hatte.

Besprochen werden die Ausstellung "Albert Einstein - Ingenieur des Universums" in Berlin, Johann Christian Bachs Oper "Temistocle" beim Leipziger Bach-Fest, eine französische Inszenierung der "Hedda Gabler" mit Isabelle Huppert höchstselbst in Recklinghausen, eine mit projizierten Computeranimationen spielende Choreografie Trisha Browns in New York und Sachbücher, darunter eine Monografie über Edouard Manet.

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Berliner Zeitung, 13.05.2005

Die Backenzahn-Debatte treibt auch die Berliner Zeitung um, die den Schriftsteller Rafael Seligman zitiert: "Die beabsichtigte Niederlegung des Backenzahnes in dem Mahnmal bezeichnete Seligmann als 'im höchsten Grade unappetitlich'. Das verstoße gegen jegliches Gebot der Menschenwürde und gegen alle jüdischen Gesetze der Totenruhe. Die jüdischen Gesetze (Halacha) sehen vor, Tote auf einem jüdischen Friedhof zu beerdigen. 'Und zwar jegliche Teile', sagte Seligmann. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass mit dem Zahn eines toten Juden einfach eine geltungssüchtige Dame Werbung in eigener Sache mache."

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Die Tageszeitung, 13.05.2005

In der tazzwei-Reihe "Was kommt nach Rot-Grün?" fantasiert Joachim Lottmann munter im Schreib-Delirium: "Die Menschen hier entdecken nicht nur die Idiotie der Arbeitswelt, sondern auch das Glück der echten Kommunikation, der Mitmenschlichkeit - und zwar auch durch die neuen Migrantenwellen, die aus den immer neuen EU-Beitrittsländern kommen. Jede neue Welle wird freudig begrüßt. Hat man erst mal einen kennen gelernt, vielleicht einen Bulgaren aus Bukarest oder eine Deutschrumänin aus Hermannstadt, und hat das Feuer, die Neugierde, die Lebenslust dieser Pioniere erlebt, will man sich gerne weiter anstecken lassen."

Fürs Feuilleton hat sich Anne Kraume beim Berliner Theatertreffen auf dem Stückemarkt umgetan und zum Beispiel Johannes Schrettles Stück "Dein Projekt liebt dich" gesehen: "Zwei junge Männer und eine Frau wollen auf der Insel ein humanitäres Projekt aufbauen und zu seiner Finanzierung haben sie afghanisches Heroin auf die Insel geschmuggelt." Patrick Bauer stellt den amerikanischen Labelmacher Jay Haze vor: "Jay Haze redet laut und oft in Sätzen, die an Wände gesprüht sein könnten. So fundamental klingen sie, so wunderbar amerikanisch." In Cannes hat Cristina Nord einen erschütternd angepassten Javier Bardem und einen gewohnt außergewöhnlichen Kim Ki-duk erlebt. Besprochen werden die neuen Alben von Superpitcher, M.A.N.D.Y. und The Glimmers.

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Frankfurter Rundschau, 13.05.2005

Dirk Schulz ist auf einer Veranstaltung des Karlsruher ZKM schlauer geworden, auf der Boris Groys Hintergründiges zur Veröffentlichung von Hitlers "kulturpolitischen Reden" aus den Jahren 1933-1939 lieferte: "Groys' bereits im Buch abgedruckter Lesart zufolge formuliert sich Hitlers Kulturbegriff aus einer Ewigkeitsperspektive, die als eine Art Ruinen-Ansicht der eigenen Epoche auf einer Ebene mit Pyramiden und Antike stehe." Ah ja.

Daniel Kothenschulte hat in Cannes zwei Filme in der Kategorie "enttäuschendes Kunstkino" gesehen: "Lemminge" von Dominik Moll und "Kilometre Zero" vom kurdisch-irakischen Regisseur Hiner Saleem. Elke Buhr sieht in der neoromantischen Ausstellung "Wunschwelten" der Kunsthalle Schirn Frankfurt eine gewisse "Ambiguität zwischen Hedonismus und Sarkasmus, zwischen Hingabe an das 'Schöne' und abgeklärtem Eklektizismus".

Und in Times mager empört sich Harry Nutt über die schrille "Reliquienschau", die Lea Rosh mit der Beisetzung eines Backenzahns aus dem Holocaust-Mahnmal machen will: "Lea Rosh, deren Vorschlag Ausdruck eines Phantomschmerzes zu sein scheint, wird es aushalten müssen, nicht mehr Herrin des Verfahrens zu sein. Das seit gestern öffentliche Mahnmal hat sich längst von ihr emanzipiert."

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Neue Zürcher Zeitung, 13.05.2005

In Sarajewo ist vor kurzem ein sechswöchiger Kulturmarathon zu Ende gegangen, berichtet Michael Schroen, Leiter des dortigen Goethe-Instituts. Der "Sarajewoer Winter" perpetuiere das Rahmenprogramm der Winterspiele von 1984 und Organisationschef Ibro Spahi wolle "die Fackel der Hospitalität weitertragen, für die Sarajewo massstabsetzend in die olympische Geschichte eingegangen ist." Das Festival stehe noch in einer weiteren Tradition, erklärt Schroen: "Während des Krieges trotzte der 'Sarajewoer Winter' den Belagerern, die Sarajewo vier Jahre lang eingekesselt und beinahe ausgehungert hatten." Von einer 'Ästhetisierung der Belagerung' sei damals die Rede gewesen. Aber trotz des regen Kulturlebens befinde "sich die Stadt im Jahr 10 nach Dayton nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig-kulturell immer noch unter dem Vorkriegs-, ja in letzterer Hinsicht vielleicht sogar noch unter dem Kriegsniveau. Die früheren Eliten sind weggezogen. 'Nur etwa 10 bis 15 Prozent der alten Sarajlier leben heute noch hier...' fasst Edin Numankadi, Vertreter seines Landes auf der Biennale von Venedig 2003, die ungeheure ethnographische Revolution seiner Stadt zusammen."

Joachim Güntner schreibt über die finazielle Not der ARD-Klangkörper und die durch geplante Orchesterauflösungen ausgelöste Grundsatzdebatte darüber, wie weit der Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten tatsächlich reiche. Ende letzten Jahres sei SWR-Intendat Peter Voss in einem Grundsatzpapier so weit gegangen, "den Bildungsauftrag der Funkhäuser primär auf die Vermittlung von Inhalten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft zu beschränken ... Zugespitzt gesagt: Die Ausstrahlung von Musikkonserven täte es notfalls auch ... 'Es gibt keine Schutzzonen mehr, und es darf sie auch nicht geben', sagt Peter Voss. Not kennt kein Gebot. Dass es wahrhaftig Not ist und nicht einfach Banausie, die hier den Rotstift führt, sollten auch die schärfsten Kritiker den Rundfunkchefs sehr wohl zugestehen."

Weiteres: Die ostwestfälische Kleinstadt Herford scheitert bei ihrem Versuch, mit ihrem neuen Museum für Möbel, Kunst und Ambiente MARTa ein 'kleines Bilbao' zu werden, wie Klaus Englert feststellt. Gemeldet wird der Tod des am 7. Mai in Nîmes gestorbenen französischen Schriftstellers Jean Carriere und dass das Archiv des ehemaligen Schweizer Benzinger-Verlages ab sofort online abrufbar ist (mehr hier). Besprochen wird die indischer Kunst gewidmete New Yorker Ausstellung "Edge of Desire".

Auf der Medienseite berichtet "ras." über die "redaktionelle Selbstdurchleuchtung" und "eine verbreitete Verunsicherung unter Zeitungsleuten" in den USA. So werde in einem internen Strategiepapier der New York Times "laut dem 'Guardian' vorgeschlagen, talentierte Journalisten anzuheuern, die über militärische Erfahrung verfügen oder das konservativere ländliche Amerika kennen - eine Gegend also, die den New Yorker Journalisten eher fremd ist. Dadurch erhofft man sich eine Erweiterung der publizistischen Optik." Weiterhin wird ein Umdenken der Medienindustrie gefordert, die sich stärker auf das ältere Publikum einstellen müsste.

Auf der Filmseite ist zu lesen, dass auch Hollywood in Zukunft auf die französische Filmförderung hoffen darf. Unter den rezensierten Filmen finden sich Jonathan Nossiters Wein-Doku "Mondovino", Farah Khans Action-Musical "Main Hoon Na" sowie Danny Boyles "Millions", das laut Alexandra Stäheli "ein frisches Feelgood-Movie für die ganze Familie geworden" sei - "und eine Mischung aus Märchen, Krimi und magischem Realismus, in der sich Dialoge, Inszenierung und Handlung aneinander reiben, bis die Funken sprühen."

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Süddeutsche Zeitung, 13.05.2005

Ach Gott, das hat gerade noch gefehlt! Alex Rühle beschreibt, wie der HipHop in Deutschland allmählich von rechts gekapert wird. "In Neon wird gejubelt, der deutsche HipHop habe endlich seine eigene street credibility erlangt. Fler und seine Kollegen Eko Fresh, Bushido und Sido schlössen an die Kultur des amerikanischen Battle-Rap an, die dem deutschen HipHop ja leider immer gefehlt habe. Statt gymnasialer Lyrik und 'harmloser Liedchen' finde jetzt endlich 'die soziale Realität ungefiltert Eingang in die Songs'. Ganz ähnlich bewirbt sich Flers Label Aggro Berlin auch selbst: 'Harte, direkte Texte, die die soziale Realität im Plattenbau-Ghetto widerspiegeln'. Deshalb zur Einstimmung, ungefiltert, soziale Realität aus dem Ghetto Berlin: 'Salutiert, steht stramm, ich bin der Leader wie A' (Bushido). - 'Ihr seid Fake, ich scheiß' auf eure Baggypants, ich erschieß' die Kelly-Fans und bange im Mercedes Benz' (Fler). - 'Bis aufs Blut bin ich ein deutscher MC' (Fler)."

Für reichlich Irritation sorgt Lea Rosh' Ankündigung, einen Backenzahn in eine Stele einzulassen, wie Jens Bisky berichtet: der aber auch Hoffnung auf ein Einlenken von Rosh' Seite macht: "Gestern Abend gab sie überraschend bekannt, dass sie ihr Vorhaben zurückstellen werde, um erst einmal 'Rat von kompetenter religiöser Seite' einzuholen. Aufgegeben hat sie ihren Plan aber offenbar noch nicht. "

Susan Vahabzadeh hat noch "keinen Knaller" in Cannes gesehen, dafür Hiner Saleems - ja - Kriegskomödie aus dem Irak "Kilometre Zero", die sie meist nicht witzig, sondern lächerlich fand. Holger Liebs nimmt aus der gleichzeitig in Oslo, Vilnius und Amsterdam gezeigten Ausstellung "Populism" mit, dass Populismus "längst eine Kulturtechnik" sei, die weltweit nicht nur am Rand des politischen Spektrums zu finden sei, "sondern auch in dessen Herz". Tobias Bütow beobachtet wohlwollend die 1200-Jahr-Feiern in Magdeburg unter dem Motto "Geschichte macht schön". Überzeugend findet Gerhard Matzig "das filigrane, aber dennoch kraftvoll wie ein Muskelstrang die Szenerie dominierende Implantat", das Zaha Hadid als BMW-Werk für Leipzig entworfen hat.

Joachim Lottmann stellt nach seinem Besuch des Ramones-Musical "Gabba Gabba Hey" in Berlin erschüttert fest: "Eine echte Jugend gibt es heute nicht mehr, kulturell gesehen. Stattdessen wird verramscht und recycelt, bis einem die Ohren zu Boden hängen, von Abba bis Nena und jetzt sogar den Ramones. Die Alten kochen im eigenen Saft, und die Jungen betteln darum, dabei sein zu dürfen." Und schließlich besucht Jörg Magenau den Pankower Dichter Johannes Jansen.

Besprochen werden die HipHop-Choreografie des Brasilianers Bruno Beltrao bei den Wiener Festwochen, eine Werkschau von Regina Relang im wiedereröffneten Fotomuseum München, eine böse Inszenierung von Smetanas "Verkaufter Braut" an der Wiener Volksoper, Werner Düggelins Inszenierung von Molieres "Geizigem" am Schauspielhaus Zürich und Bücher, darunter Robert Menasses Frankfurter Poetikvorlesungen und Edward Thomas' Roman "Die Unbekümmerten" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

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