Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

04.05.2005. In der Zeit kritisiert Günter Grass den Kapitalismus. Charles Taylor auch. In der Welt kritisiert Jürgen Habermas den Neoliberalismus. Den Kapitalismus auch. In der NZZ stellt Richard Rorty richtig: Der Liberalismus ist eine Sache des Herzens. In der FR fragt Andrea Breth, was Macht mit Menschen macht und antwortet mit Schiller. Die taz entsagt dem Konsumverzicht. Die FAZ findet das Berliner Holocaust-Mahnmal nicht monumental und sucht nach Alternativen zur Moskauer Siegesfeier.

Die Zeit, 04.05.2005

Die Zeit wartet heute schon mit ihrer Ausgabe zum 8. Mai auf: Auf der Seite eins liest der Schriftsteller Günter Grass der Nation die Leviten, das sein Parlament zu einer Filiale der Börse habe verkommen lassen. "Was ist aus der uns vor sechzig Jahren geschenkten Freiheit geworden, zahlt sie sich nur noch als Börsengewinn aus? Unser höchstes Verfassungsgut schützt nicht mit Vorrang die bürgerlichen Rechte, ist vielmehr zu Niedrigpreisen verschleudert worden, auf dass es, dem neoliberalen Zeitgeist genehm, vor allem der sich 'frei' nennenden Marktwirtschaft dienlich wird. Doch dieser zum Fetisch gewordene Schummelbegriff verdeckt nur mühsam das asoziale Verhalten der Banken, Industrieverbände und Börsenspekulanten. Wir alle sind Zeugen, wenn weltweit Kapital vernichtet wird, wenn so genannte feindliche und freundliche Übernahmen Tausende Arbeitsplätze vernichten, wenn die bloße Ankündigung von Rationalisierungsmaßnahmen als Entlassung von Arbeitern und Angestellten die Kurse steigen lässt und dies reflexhaft als hinzunehmender Preis für 'das Leben in Freiheit' gewertet wird." Der Bundestag brauche, meint Grass, eine Bannmeile , nicht um sich vor dem Volk, sondern vor Lobbyisten schützen.


Im Aufmacher des Feuilltons nähert sich Michael Naumann mit Unbehagen dem Berliner Holocaust-Mahnmal, das am nächsten Dienstag eröffnet wird: "Wer heute durch die schmalen Gänge zwischen den Betonblöcken geht, wird, sofern er für die Formen moderner Kunst empfindlich ist, wenn nicht provoziert, so doch tief beeindruckt sein. Der 'optische Schauder' (Duchamp) des gigantischen Feldes ist ein Gemütszustand, der sich angesichts der ernsthaften Verspieltheit der Stelen bei vielen Besuchern verlässlich einstellen dürfte. Zugleich ist es rätselhaft wie das numinose Stonehenge. Aber sechs Millionen Tote sind kein Rätsel." Der Philosoph Giorgio Agamben notiert dazu: "Unvergessliches und Erinnerbares sind nicht dasselbe. Eines der großen Verdienste von Eisenmans Denkmal ist es, uns daran zu erinnern, dass das wahrhaft Unvergessliche keinem Archiv anvertraut werden kann."

Außerdem: Jutta Scherrer beschreibt, wie sich Russland eine ruhmreiche Vergangenheit zurechtschustert, in der es die Annexion der baltischen Länder, Katyn oder den Warschauer Aufstand nicht gegeben hat. Klaus Harpprecht erinnert sich, wie der Nationalsozialismus 1945 ganz plötzlich in Luft aufging: "'Niemand ist ein Nazi', zürnte Martha Gellhorn. Die Amerikanerin konnte und wollte nicht begreifen, was auch wir bis auf den heutigen Tag kaum verstehen: Die besiegten Deutschen hatten in der Tat vergessen, dass sie Nazis waren. Die Amnesie war nicht gespielt." Der Historiker Heinrich Schwendemann sieht Albert Speers Vernebelungsstrategie auch in Heinrich Breloers Dokudrama "Speer und Er" fortwirken. Volker Ulrich zeichnet nach, wie dienlich der Publizist Joachim Fest und der Verleger Wolf Jobst Siedler Albert Speers Legendenbildung waren.

Andere Themen gibt es aber auch noch: In der "Kapitalismus"-Reihe beklagt der kanadische Philosoph Charles Taylor, dass sich die Freiheit schleichend in eine Wahlfreiheit verwandelt: "Damit erweckt der Kapitalismus den Eindruck, als sei das Leben des Einzelnen nur deshalb schon erfüllter und glücklicher, weil seine Wahlmöglichkeiten zahlreicher werden - mögen auch die Unterschiede zwischen den Alternativen banal sein."

Peter Kümmel porträtiert den Theaterregisseur Claudio Valdes Kuri, der Mexiko für den idealen Theaterort hält: "Wir Mexikaner haben seit Jahrhunderten die Erfahrung gemacht, dass wir alles, was wir tun, für andere tun. Das hat uns zu Chaoten werden lassen, aber auch zu barocken Meistern der Improvisation." Hans-Joachim Müller stellt fest: Frank Gehrys Herforder Musemsbau ist kein Meisterwerk. Besprochen werden Ridley Scotts Kreuzritter-Schinken "Königreich im Himmel", Jack Johnsons neues Album "In Between Dreams", Mariah Careys Platte "The Emancipation of Mimi" und Luis Bunuels Filmklassiker "Das Gespenst der Freiheit".

Im Literaturteil setzt sich Michael Wildt mit Götz Aly auseinander, der eine Linie gezogen habe vom nationalsozialistischen Konzept der "Volksgemeinschaft" hin zum modernen Sozialstaat. Für Wildt gibt es da keinerlei Verbindung: "Wer die bürgerliche Forderung nach Egalite nur als Programm sozialer Gleichheit wahrnimmt, zeigt, welch geringe Rolle in seinem Denken politische Freiheit spielt. Das moderne Konzept des Sozialstaates, auch und gerade in seiner sozialdemokratischen Variante, ist untrennbar verknüpft mit liberalen Freiheitsrechten seiner Bürger. Dass Götz Aly mit seiner Volksstaatsthese derart viel Zustimmung erhält, lässt auf das Ausmaß der Orientierungskrise schließen, in der sich die Bundesrepublik im Umbau ihrer Wohlfahrtsstaatlichkeit und Neudefinition ihres politischen Selbstverständnisses befindet."

Und Fritz J. Raddatz feiert Jakob Wassermanns "großes" Buch "Mein Weg als Deutscher und Jude".

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Frankfurter Rundschau, 04.05.2005

In einem langen Interview spricht Andrea Breth über Schillers "Don Carlos", den sie in Wien inszeniert hat, Werktreue und Macht. "Beim Carlos ist es für mich die Frage, was Macht mit den Menschen macht. Warum ändern sich Menschen schlagartig, wenn sie Macht bekommen? Das macht mich wirklich nervös. Das erlebt man ja auch am eigenen Leib, man muss aufpassen, man bekommt die absurdesten Probleme, je berühmter man wird. Beim Vorsprechen sind die angehenden Schauspieler fast ohnmächtig vor Angst, wenn sie vor mir stehen. Die Projektion, die auf einen Menschen ausgeübt wird, die Vereinsamung, die er durch sein Machtsystem verursacht, das interessiert mich. Deswegen wollte ich, dass Carlos und Posa ganz junge Leute sind. Und dass nicht ein Opa vor ihrer Nase sitzt sondern einen Mann in den besten Jahren. Jemand mit achtzig muss sich nicht mehr so furchtbar aufregen, wenn seine junge Frau was macht. Das ist theaterhistorisch verklebt."


Jeder "alte Sandalenfilm" ist ehrlicher als Ridley Scotts Kreuzritter-Drama "Königreich der Himmel", findet Daniel Kothenschulte. Man müsse schon, "vorsichtig formuliert, eine gewisse Verwegenheit mitbringen, um in einer Zeit, da ein westliches Staatsoberhaupt erstmals wieder zu einem erklärten Kreuzzug aufruft, eine internationale Großproduktion über ihre unrühmlichen Vorbilder in Angriff zu nehmen."

Weitere Artikel: Klaus Walter untersucht Product Placement Strategien im Pop. In Times mager kommentiert Hans-Jürgen Linke Hamburger Prügelszenen gegen Studenten als "erste tiefere Eindrücke", die der "gerade entstehende CDU-Staat" hinterlasse. (Komisch - ist der Stadtstaat nicht schon längst CDU-regiert? Oder war das Ganze gar nicht in Hamburg? Rätselhaft!)

Besprochen werden Bücher, darunter zwei Publikationen zur Frage, ob der 8. Mai "Stunde Null, Untergang oder Befreiung" gewesen sei und eine Studie von Claus Leggewie und Erik Meyer zum Wandel der deutschen Erinnerungskultur anhand der Debatte über das Holocaust-Mahnmal (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

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Die Tageszeitung, 04.05.2005

In einem kleinen Essay nimmt sich Christiane Tewinkel aktuelle Thesen vom "Konsumverzicht als Kulturkritik" vor und interpretiert sie als eine Variante "anderer erfolgreicher Rezessionsclownerien". Sie zitiert unter anderem eine Analyse von Hannes Siegrist, Kulturhistoriker an der Universität Leipzig und Experte für die Geschichte des Konsums. "Nachgerade en vogue ist es Hannes Siegrist zufolge einmal mehr geworden, nicht zu konsumieren, und der Teufelskreis aus Pessimismus, vorbeugendem Sich-Einstellen auf immer noch schlechtere Zeiten und moralinsaurer Weltentsagung, in den man sich damit begibt, passt praktischerweise exakt zur Lage der Nation. Wenn sowieso nichts mehr geht, erinnert man sich nur zu gern der unbezahlbaren inneren Werte."


Ob seiner Gewaltszenen, die sich eben nicht "zum Delirium steigern", reichlich "abgestumpft" beurteilt Christina Nord den neuen Film von Ridley Scott "Königreich der Himmel". Sie findet, es werfe Fragen auf, wie sich Scott seines Themas, der Kreuzzüge, annehme. "Mündet das nicht zwangsläufig in Propaganda fürs christliche Abendland? Rechtfertigt es nicht indirekt die Intervention im Irak? Behauptet es nicht die Vormachtstellung des Westens über die arabische Welt?" Besprochen wird außerdem "Whisky" von Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll, ein wortkarger Film aus Uruguay, der "große Kunst im Kleinen" mache.

Und Tom.

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Die Welt, 04.05.2005

In einem Interview mit dem polnischen Publizisten Adam Krzeminski spricht Jürgen Habermas über die rückgratlose Politik der deutschen Regierung gegenüber Russland und China, die heilende Kraft der Erinnerung und die Bedeutung der Religion in Europa. Für Habermas muss die erwünschte weltanschauliche Neutralität der EU-Staaten nicht in eine "säkularistische Weltanschauung" münden. "Ich glaube, dass der liberale Staat schon aus eigenem Interesse behutsam mit allen Ressourcen umgehen sollte, aus denen sich die moralische Sensibilität seiner Bürger speist. Diese Ressourcen drohen um so eher auszutrocknen, je mehr die Lebenswelt ökonomischen Imperativen unterworfen wird. Nach neoliberalem Dogma zieht sich heute die Politik aus lebenswichtigen Bereichen wie Bildung, Energie, öffentlichem Verkehr und Kultur, auch aus der Vorsorge für die Standardrisiken des Arbeitsleben, immer weiter zurück und überlässt die sogenannten Modernisierungsverlierer sich selbst. Wenn wir den Kapitalismus nicht zähmen, fördert er eine ausgelaugte, eine entleerende Modernisierung. Angesichts dieser Tendenz zum Verdorren aller normativen Sensibilitäten verändert sich auch die politische Konstellation zwischen Aufklärung und Religion. Als ein säkularer Bürger sage ich, dass sich Glauben und Wissen selbstreflexiv der jeweils eigenen Grenzen vergewissern müssen."

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Neue Zürcher Zeitung, 04.05.2005

In der NZZ-Serie "Perspektiven des Liberalismus" ergreift heute der amerikanische Philosoph Richard Rorty das Wort. Den kleinsten gemeinsamen Nenner verschiedenster liberaler Traditionen und Gruppierungen sieht er in ihrer Fähigkeit zum Mitleiden: "Sie teilen zwar keine Weltanschauung, doch ist ihnen die gefühlsmäßige Reaktion gemeinsam. Liberalismus ist eine Angelegenheit des Herzens, nicht des Geistes. Die verächtliche Bezeichnung, die Liberalen von Konservativen in den Vereinigten Staaten derzeit an den Kopf geworfen wird: 'weltverbessernde Weicheier' ('do-gooding bleeding hearts'), trifft es genau." Allerdings müsse man sich Mitleid leisten können. "Der große Feind des Liberalismus ist Angst - die Angst, es gebe nicht genug zu verteilen. Das daraus resultierende Gefühl der Unsicherheit hat sich beim Mittelstand sowohl in Europa als auch in Amerika breit gemacht. Schwer zu sagen, ob die Traditionen beiderseits des Atlantiks stark genug sein werden, um die Ängste zu überwinden, die die Fähigkeit der Menschen untergraben, diejenigen, welche anders sind als sie selbst, als Mitbürger zu betrachten."


Besprochen werden die mit "Begierde im Blick" betitelte und ganz im Zeichen des Surrealismus stehende Triennale der Fotografie in der Hamburger Kunsthalle, neue Hörspielfassungungen von Robert Musils Werken "Der Mann ohne Eigenschaften" und "Drei Frauen" - ein "an sich großartiges Projekt, das Gefahr läuft, an der eigenen Opulenz zu ersticken", meint Christiane Zintzen, Wagners "Tristan und Isolde" in einer Inszenierung der Künstlerin Rosalie am Theater Basel, die Neuaufnahme zweier Opern von Gluck, die neue CD der Alphorn-Formation "Mytha Horns", eine fünf CDs umfassende Publikation von Konzertmitschnitten aus Herbert Blomstedts siebenjähriger Amtszeit als Kapellmeister am Leipziger Gewandhaus, die in diesem Sommer zu Ende geht, und Bücher, darunter Thomas Brechenmachers Studie "Der Vatikan und die Juden" sowie Enrique Vila-Matas' Roman "Paris hat kein Ende" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

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Süddeutsche Zeitung, 04.05.2005

"'Cool Britannia' ist tot, doch die britische Kultur steht nach acht Jahren Tony Blair besser da denn je", verkündet Alexander Menden. Denn Labour hat "die kulturelle Infrastruktur des Landes kontinuierlich reformiert und ausgebaut ... Durch verstärkte Subventionen hat Labour für freien Eintritt in sämtlichen staatlichen Museen und Galerien gesorgt. Seit 2001 sind die Besucherzahlen der großen Londoner Museen wie Tate Gallery und Tate Modern, dem British Museum, dem Victoria&Albert Museum und der National Gallery um erstaunliche 75 Prozent auf jährlich insgesamt 34 Millionen angewachsen." Außerdem wurde die Lotterie so reformiert, dass mehr Mittel für das Arts Council frei wurden, ein regierungsunabhängiger Kulturrat, der kulturelle Projekte im ganzen Land fördert. Gut viereinhalb Milliarden Euro konnte er seit Blairs Regierungsantritt verteilen, berichtet Menden. Seltsamerweise gehe Tony Blair im Wahlkampf dennoch auf Distanz zur Kultur, weil er befürchte für "elitär" gehalten zu werden.


Die ägyptische Schriftstellerin Salwa Bakr erklärt, warum islamistische Terrororganisationen in Ägypten leichtes Spiel haben, mittellose Frauen zu rekrutieren: "Erfolgreich instrumentalisieren sie die Gefühle dieser Frauen, weil diese einerseits auf der untersten sozialen Stufe stehen, andererseits aber dem stärksten Druck ausgeliefert sind, den die Gesellschaft mit ihren Werten und Vorstellungen auf Frauen ausübt."

Weiteres: Unter der hübschen Unterzeile "Sie lieben Blockflöten-CDs, kosten Hunderttausende und machen trotzdem glücklich" reagiert Alex Rühle auf die "deutsche Kinderangst" und plädiert: "Leute, rechnet nicht, macht einfach. Rechnen macht arm. Machen macht glücklich. Nicht Deutschland. Einen selber." Gerhard Matzig weiß, was den Futurismus der Münchner Allianz-Arena ausmacht: eine "denkwürdige Archaik". Susan Vahabzadeh stellt das neue Filmverleih-System vor, mit dem Steven Soderbergh künftig arbeitet und das vorsieht, Filme auf allen Zugangsebenen starten zu lassen: im Kino, auf DVD, als Satellitenübertragung und als Pay-per-View-Film. Hans Schifferle resümiert das Filmfestival "Crossing Europe" in Linz. Und in einer Randspalte informiert Johannes Willms über den Verlauf einer Kulturkonferenz, zu der Jacques Chirac in den Elysee-Palast geladen hatte.

Besprochen werden eine Ausstellung über "Italienbilder der Goethezeit" in der Neuen Pinakothek München und Filme: der iran-irakische Film "Schildkröten können fliegen" von Bahman Ghobadi und "Königreich der Himmel" von Ridley Scott. Bei Fritz Göttler kommt der vom Regisseur selbst als "Blackbuster-Action der Toleranz" angekündigte Film noch am besten weg; aber auch er sieht, dass Scott "seinem Talent als Geschichtenerzähler weniger vertraut als einem ungewohnten Hang zur Leinwandpredigt". Außerdem Bücher, darunter die Zürcher Fassung von Brechts "Geschichten vom Herrn Keuner" und Hubert Fichtes und Leonore Maus Studie "Psyche. Annäherung an die Geisteskrankheit in Afrika" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

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Spiegel Online, 04.05.2005

Claus-Christian Malzahn diagnostiziert anhand der neuen Romane von Christoph Hein (hier) und Uwe Tellkamp, die beide den Terrorismus zum Thema machen, eine Demokratie-Skepsis bei ostdeutschen Autoren. Zu letzterem schreibt er: "Uwe Tellkamps Roman 'Der Eisvogel' ist der bisher frontalste literarische Angriff auf eine demokratische deutsche Verfassung, seit Ernst Jünger 1932 mit seinem Buch 'Der Arbeiter' ein Werk vorlegte, in dem die fragile Ordnung seiner Zeit beiseite gefegt und die Fundamente einer neuen Gesellschaft gelegt werden sollen."

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2005

Heinrich Wefing besucht das Berliner Holocaust-Mahnmal und auch seinen "Ort der Information", die nächste Woche eingeweiht werden, und schildert seine Eindrücke: "Wer einen 'fußballfeldgroßen Albtraum' erwartet hatte, wie ihn Martin Walser 1998 in seiner Paulskirchen-Rede prophezeite, eine 'Monumentalisierung der Schande', der sieht sich überrascht. Artig schmiegt sich das Denkmal in das unregelmäßige Viereck, das die Straßen ringsum bilden. Wie beiläufig erheben sich an den Rändern die Betonvierkante aus den Fußwegen, kaum knöchelhoch, gerade so, als tauche hier etwas sichtbar an die Oberfläche, das auch anderswo im Untergrund stecken könnte."


Karol Sauerland schreibt aus Polen über die im Westen nur mit müdem Interesse wahrgenommenen osteuropäischen Debatten zum Kriegsende und die pompösen Moskauer Siegesfeiern in der nächsten Woche, und er berichtet, dass in Polen und den baltischen Ländern über alternative Veranstaltungen nachgedacht wird, "denn man glaubt nicht daran, dass in Moskau irgendeine kritische Stimme wird zu Wort kommen können". Sauerlands eigene Idee dazu: "Trotz alledem ist die beste Antwort auf Putins Lust am Siegestaumel die Unterstützung all dessen, was an Solidarnosc oder die orange Revolution erinnert. Hier liegt Europas Zukunft beschlossen."

Weitere Artikel: Lorenz Jäger klagt in der Leitglosse deutsche Intellektuelle an, in ihrem Aufruf an die Franzosen, für die europäische Verfasssung zu stimmen, auf antideutsche Reflexe gesetzt zu haben. Jürg Altwegg meldet, dass Google Print auch französische Bücher einscannen will. Gina Thomas schildert kurz vor den britischen Wahlen das gespaltene Verhältnis der britischen Linksintellektuellen zu Tony Blairs New Labour. Abgedruckt wird ein kleines Grußwort Otto Schilys zur Eröffnung einer Ausstellung zum 125. Geburtstag des Architekten Bruno Taut. Monika Osbergrhaus hat einem Treffen deutscher Kinder- und Jugendtheater in Berlin beigewohnt. Michael Jeismann gratuliert dem Historiker Gerd Krumeich zum Sechzigsten. Klaus Ungerer schildert in der Gerichtskolumne "Nichts als die Wahrheit" einen Prozess um die Berliner Wettmafia.

Auf der Kinoseite bringt Bert Rebhandl eine Hommage auf die in Deutschland viel zu wenig bekannte Regisseurin Claire Denis, der in Wien eine Filmschau gewidmet wird. Und Michael Althen interviewt sie zu ihrem neusten Film "L'intrus".

Auf der Medienseite interviewt Michael Hanfeld den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff zu seinen Vorstellungen über eine Reform des NDR.

Auf der letzten Seite analysiert der pakistanische Journalist Najam Sethi, Mitbegründer der Friday Times aus Lahore, die pakistanisch-indische Annäherung. Paul Ingendaay resümiert spanische Diskussionen über die Schwulenehe. Und Gerhard Rohde würdigt den Komponisten Wolfgang Rihm, der ein Stück zur Einweihung des Holocaust-Mahnmals geschrieben hat.

Besprochen werden ein Konzert der wiederauferstandenen Supergruppe Cream in London, Ridley Scotts Kreuzfahrer-Epos "Königreich der Himmel", eine Ausstellung über Freuds Exiljahre in London, eine Ausstellung der Fotografin Evelyn Hofer in Berlin, ein Konzert der Fado-Sängerin Mariza in Frankfurt und eine Ausstellung mit Möbeln der Ebenisten Abraham und Roentgen im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst.

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Archiv: Heute in den Feuilletons

Tagtäglich dem Leser zugemutet

17.05.2013. Die taz stellt den ersten chinesischen Blogger vor, der es schaffte, einen Vizeminister zu stürzen. In der Welt ruft Richard Herzinger die westlichen Länder zur Intervention in Syrien auf. In der FAZ kritisiert Constanze Kurz die Kampagne deutscher Medien gegen Adblocker. In Cannes liefen Filme von Sofia Coppola und François Ozon. Meldung des Tages: Elisabeth Ruge verlässt Hanser Berlin. Ihr Nachfolger wird Karsten Kredel von Suhrkamp. Mehr lesen

Ist Gott jetzt zufrieden?

16.05.2013. Medienkrise hin oder her: In Frankreich wird eine neue Zeitung gegründet: L'Opinion, berichtet die Welt. Im Freitag spricht Peter Schneider über seine recht unkonventionelle Mutter, die er in seinem neuen Roman porträtiert. In der Jungle World weigert sich Hamed Abdel-Samad, seine Hoffnung in die arabische Revolution aufzugeben. In der NZZ hinterlässt der ökologische Fußabdruck einen bizarren Eindruck. Die FAZ erklärt Giorgio Agambens Idee vom "Empire latin" zum Stuss. Mehr lesen

Samples der Oberflächenwelt

15.05.2013. Die Welt zitiert aus einem Memorandum von Stadtplanern, die die Stadt Berlin auffordern, sich endlich um ihre Mitte zu kümmern. Die NZZ bringt einen Stimmungsbericht aus Italien, wo das soziale Klima unter null sinkt. Baz Luhrmanns "Großer Gatsby" regt niemanden auf - füllt die Feuilletons aber trotzdem. Ähnlich unvermeidlich ist Dan Browns "Inferno". Dafür lassen wir Theophilus London ein hübsches Liedchen singen. Mehr lesen

Filzhaltige Kunstzeichen

14.05.2013. "Anfänge, zumal politische, sind niemals rein", seufzt Micha Brumlik in der taz mit Blick auf Daniel Cohn-Bendit und Theodor Heuss. In der Welt könnte Hans-Joachim Müller einstimmen - mit Blick auf den Militaristen Joseph Beuys. Wir verlinken auf die Abschlusserklärung der "Kritischen Islamkonferenz", die sich für den Transkulturalismus einsetzt. In der SZ rät Gustav Seibt den Deutschen, Giorgio Agambens (oder eigentlich Alexandre Kojèves) Idee eines "Empire latin" ein europäisches Ideal entgegenzusetzen. Mehr lesen

Archiv: Heute in den Feuilletons

Es zeichnet sich der Morgenstern ab

13.05.2013. In der Welt wendet sich Necla Kelek gegen das Recht von Eltern, Mädchen unter 14 Jahren mit Kopftuch in die Schule zu schicken. In der taz widerspricht Bommi Baumann der These Wolfgang Kraushaars, die radikale Linke sei antisemitisch gewesen: Kunzelmann sei die Ausnahme. Die NZZ versucht ein Psychogramm der französischen Demonstanten gegen die Schwulenehe. Springer will 200 Mitarbeiter bei der Bild entlassen und viele andere in den Onlinestall ohne Tarifbindung stecken, meldet der Spiegel. Der "Große Gatsby" lässt sich gar nicht verfilmen, beteuert die FAZ. Und bitte lauschen Sie den trockenen Sforzati Daniil Trifonovs. Mehr lesen

Die Regie-Rübe, durch die so was rauscht

11.05.2013. Der Skandal um den abgesetzten "Tannhäuser" in Düsseldorf sorgt in den Feuilletons für mittelgroße Erregung. Die NZZ erkundet die Zukunft der Literaturkritik in Zeiten des Netzes. Die FAZ zweifelt am Wirtschaftsaufschwung in Afrika. Die taz ist im siebten Pophimmel: Daftpunk ist zurück. Und Pharell singt mit (wir bringen den Beweis). Die Erotizität von theoretischen Texten nimmt zu, meinte Diederich Diederichsens auf der re:publica. Die Pronunziabilität theoretischer Prosa aber nicht. Mehr lesen

Was öffentlich ist und was nicht

10.05.2013. Die FAZ fragt mit Antonio Muñoz Molina nach Spaniens Verantwortung für die Krise. Außerdem skizziert Ernst Elitz die Zukunft des Journalismus mit viel Paywall und Leistungsschutzrecht. Die Guardian-Leser freuen sich zu 64 Prozent über Stephen Hawkings Entscheidung, Israel zu boykottieren. Die SZ bewundert die barocke Hängung in Sanssouci. Die NZZ staunt über südkoreanischen Optimismus. Die Welt beleuchtet das kräftezehrende Metier der Liebesromanautorinnen. Mehr lesen

Hegemoniale Metaerzählung

08.05.2013. Dass sich Beate Zschäpe Verteidiger namens Stahl, Heer und Sturm gewählt hat, ist kein Zufall, sondern Hohn, meint Georg M. Oswald in der Welt und ruft die Anwälte auf, ihr Mandat niederzulegen.  Zum Tod des Animationsfilmers Ray Harryhausen  bringen wir ein Video mit Interview und Filmausschnitten. Kathrin Passig benennt auf zeit.de die Vorteile des Ebooks. Sascha Lobo fordert auf der re:publica, die ein großes Medienecho ausgelöst hat, mehr Politik statt Netzpolitik. In der Zeit protestiert Marlene Streeruwitz gegen die Starrheit der Kamera in Ulrich Seidls "Paradies: Hoffnung". Mehr lesen

So sehr haben die Chefs Angst

07.05.2013. Die NZZ hat herausgefunden, warum deutsche Journalisten sich ungern kritisieren lassen: Niemand weiß besser, wie weh das tut. Anlässlich des NSU-Prozesses erinnert Götz Aly in der Berliner Zeitung an die Urszene des Terrorismus in Deutschland: die Ermordung August von Kotzebues. Wolf Lepenies kann in der Welt mit Giorgio Agambens Plan eines "Empire Latin" nicht d'accord gehen. Der Tagesspiegel erklärt, wie ein Datenjournalist die öffentlich-rechtlichen Anstalten transparent machen will. In der FAZ verteidigt die dänische Fernsehredakteurin Sofia Fromberg die als sexistisch kritisierte Talkshow "Blachman". Mehr lesen

Rosa Pelzjacke über der Lederrüstung

06.05.2013. Die NZZ fürchtet sich vor dem rabiaten Umbau der Stadt Istanbul. In der FAZ erklärt Yohji Yamamoto, was am weiblichen Körper so schwierig ist und am männlichen so langweilig. Außerdem spricht die Netzaktivistin Raegan MacDonald  zu Beginn der Re:publica über Datenschutz. Vocer fragt nach Chancen eines gemeinnützigen Journalismus in Deutschland. Die SZ fand das Staatsballett im Berghain schön und harmlos. Mehr lesen

Die Empörung ist eine europäische Sünde

04.05.2013. In der Welt spricht Kevin Powers über seinen Roman "Die Sonne war der ganze Himmel". Daily Mail stellt kleidsame Wollkappen für Schildkröten vor. Die taz trauert um die einst so angesagte Clubszene von Berlin. Für die FAZ legt die Psychoanalytikerin Julia Kristeva ganz Europa auf die Couch. Und alle gedenken Søren Kierkegaards. Mehr lesen

Steile Hierarchien, Massenproduktion, Akkordarbeit

03.05.2013. In Foreign Policy rät Arch Puddington zum heutigen Tag der Pressefreiheit von der Reise in die zehn schlimmsten Länder für Journalisten ab. Die NZZ stellt die Designerin Inga Sempé vor. Mit Longform.org verlinken wir auf die "2013 National Magazine Awards Winners" mit Texten aus dem Atlantic und Texas Monthly. In der NYRB schreibt Ian Buruma über David Bowie. Die FAZ liest den Briefwechsel zwischen Grass und Brandt und empfiehlt Telekom-Kunden die Exhumierung ihrer Akustikkoppler. Die SZ besucht eine Ausstellung über die Geburt der neusten Technik aus dem Geist des Hippietums. Mehr lesen

Abkehr vom Mainstream der Alltagsheringe

02.05.2013. In Spiegel online fordert Sascha Lobo viel mehr Investitionen in ein schnelles Internet - und zwar von der Regierung. Im Tagesspiegel stellt Achim Freyer mit Richard Wagner ein Notgleichgewicht her. Die taz beleuchtet die Rolle von Gewerkschaften und SPD in der Nazi-Zeit. In der Zeit spricht Cecila Bartoli über tragische und weniger tragische Frauenrollen. Die FAZ übernimmt Salman Rushdies Aufruf für die Anerkennung von Freiheitshelden als Freiheitshelden. Das WWW ist zwanzig Jahre alt. Das CERN stellt die allerallererste Website wieder online. Mehr lesen

Wo es ernst wird, reicht das Netz nicht aus

30.04.2013. Die FAZ schreitet über die Stege des Mucem ins mediterrane Glitzerlicht der Kulturhauptstadt Marseille. Jürgen Habermas hat in Belgien über Europa gesprochen - und die Deutschen zu Opfern aufgefordert. Die NZZ erkundet die Möglichkeiten des Netzes als Medium des Protestes. Brigitte eröffnet die Berichterstattung über den NSU-Prozess. Und in der Welt hält Matthias Küntzel fest: Richard Wagner war ein Klassiker - und zwar des deutschen Antisemitismus. Mehr lesen

Zurück ins Kommunardisch-Mädchenhafte

29.04.2013. Im Standard plädiert Franzobel ganz klar gegen Arbeit. In der NZZ beteuert der syrische Schriftsteller Fawwaz Haddad: Wenn sich die Syrer die Köpfe einschlagen, dann darum weil der Westen daran schuld ist. In der Welt fragt Hans-Joachim Müller, ob Künstlerinnen benachteiligt werden - und will aber erstmal den Mythos von männlicher Künstler-Grandiosität abschaffen. Die FAZ wirft Daniel Cohn-Bendit vor, seine Archive gesperrt zu haben. Für die SZ fühlte sich Gustav Seibt fremd unter 68ern.Und die HuffPo kommt nun doch noch, meldet kress.de. Mehr lesen

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