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- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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- Post aus der Antarktis
- Fallende Blätter: die Lage des Feuilletons heute
- Domenico Scarlatti
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- Die Perlentaucher-Affäre und das System Schirrmacher
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- Der 8. Mai war keine Befreiung
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- Post aus der Walachei
Heute in den Feuilletons
Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.05.2004. In der NZZ erklärt Gerhard Richter, warum wir auf Kriege nicht verzichten können. In der Welt erklärt Andrzej Stasiuk warum er als Europäer endlich sein Arbeitszimmer aufräumen muss. In der taz entwickelt Klaus Theweleit eine kleine Philosophie des Fußballspiels. Die SZ beklagt die Plünderung des irakischen Kulturerbes. Die FAZ ärgert sich über das bornierte Kunst- und Museumsestablishment.
Neue Zürcher Zeitung | Die Welt | Der Tagesspiegel | Die Tageszeitung | Frankfurter Rundschau | Berliner Zeitung | Süddeutsche Zeitung | Frankfurter Allgemeine Zeitung
Neue Zürcher Zeitung, 29.05.2004
In der Wochenendbeilage Literatur und Kunst erklärt Gerhard Richter im Gespräch seine Arbeit "War Cut", eine Collage aus Fotos und Zeitungsartikeln zum Irakkrieg. Das Buch habe mit Trauer zu tun "und mit Wut. Zunächst mehr mit Wut, weil er stört, der Krieg, weil er uns unsere Ohnmacht zeigt, weil wir ihn offensichtlich nicht verhindern können, weil wir ihn nicht annähernd treffend beurteilen können. Deshalb habe ich es auch unbedingt vermieden, eine Meinung zu sagen, die ist hier ganz unnütz und gleichzeitig auch hinderlich bei dem Versuch, der Wahrheit etwas näher zu kommen. Außerdem ist meine Meinung mit Sicherheit genauso falsch wie die meiner Freunde, die ja fast alle etwas arg vereinfachend und nahe am Kitsch den Krieg verurteilen und auf Bush schimpften. Sie merken, das ist nicht mein Thema. Ich halte den Krieg überhaupt nicht für unnötig. Sonst wäre er nämlich gar nicht da. Und wir sind noch lange nicht so weit, dass wir auf Kriege verzichten können. Aber wie gesagt, ich hatte nicht so viel Anlass zur Trauer. Da ist mir der 11. September mehr zu Herzen gegangen. Da war ich betroffen. Der 11. September war in dieser Hinsicht das stärkere Entsetzen."
Weitere Artikel in der sehr gelehrten Beilage heute: Claudia Bertling Biaggini schreibt über den Ursprung der moralisierenden "imprese" in der Kunst der Renaissance ("Impresen sagen etwas über Personen aus, 'hieroglyphisch' verschlüsselt durch Bilder und Worte", erfahren wir). Werner Thiede versucht mit dem Begriff "Weltseele" den Dialog zwischen Kosmologie und Theologie anzuregen. Hanno Helbling legt uns die Mahnworte der Heiligen Katharina von Siena in ihrem "Libro della Divina Dottrina" ans Herz. Papst Johannes Paul II. besucht demnächst die Schweiz, aus diesem Anlass wirft Victor Conzemius einen Rückblick auf die Beziehung von Papsttum und Schweizer Kirchenvolk unter besonderer Berücksichtigung des Schweizer Ultramontanismus als Bewegung "von unten". Abgedruckt ist schließlich die Laudatio Michael Krügers auf den Pianisten Alfred Brendel zur Verleihung des Ernst-von- Siemens-Musikpreises. Besprochen wird die Ausstellung "Cleopatre dans le miroir de l'art occidental" im Genfer Musee Rath.
Im Feuilleton widmet sich Mathias Mayer aus gegebenem Anlass Goethes Übersetzung des spätlateinischen Pfingsthymnus "Veni creator spiritus" (auf der Website der Erzabtei St. Ottilien können Sie den Originaltext lesen und hören). Peter Sidler war, "wo Tagungen köstliches Vergnügen bereiten", nämlich in der Villa Vigoni am Comersee. Dort ist das Deutsch-Italienische Kulturzentrum untergebracht. Her. schreibt zum Tod des Malers Werner Tübke.
Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Sandro Botticelli und Filippino Lippi im Florentiner Palazzo Strozzi und Aufführungen von Bergs "Wozzeck" und Henzes "Elegie für junge Liebende" in Berlin.
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Die Welt, 29.05.2004
Andrzej Stasiuk sieht sich in seinem Arbeitszimmer um und entdeckt merkwürdige Parallelen zu Europa: "Nun bin ich also Europäer und sitze in meinem unaufgeräumten Zimmer. Ich sollte etwas dagegen tun. Ich sollte aufräumen, eine symbolische Geste ausführen aus Anlass der Vereinigung unseres Kontinents. Ich sollte die über das Zimmer verstreuten Landkarten zusammenfalten, die in verschiedenen Maßstäben den Süden und den Osten unserer Halbinsel abbilden. Ich sollte sie vom Fußboden aufsammeln, wo sie seit Monaten liegen. So wandere und spaziere ich in Strümpfen über sie hinweg und stelle mir dabei vor, ich wanderte durch wirkliche Länder. Siebenbürgen, das Donaudelta, das Cergov-Massiv in der Ostslowakei. All das liegt auf dem Boden und tut so, als sei es der wahre Kontinent."
Kinder oder keine Kinder? Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel konnte sich ein Leben nur ohne Kinder vorstellen, "bis ich eines Tages, es war ein sonniger menschenleerer Augustnachmittag im Bezirk Schöneberg, auf dem Weg zur U-Bahn ein kleines Mädchen mit einem Geigenkasten über den Gehsteig gehen sah. Das Mädchen rührte mich. Es löste ein mich geradezu überwältigendes Sympathiegefühl für kleine Mädchen mit Geigenkästen aus." Bald darauf muss Treichel entdecken, "dass ich auch Mütter mit Kindern mochte. Irgendwann glaubte ich sogar zu spüren, dass ich selbst gern eine Mutter mit Kind gewesen wäre. Es war nicht zu leugnen: Der Kinderwunsch hatte von mir Besitz ergriffen."
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Der Tagesspiegel, 29.05.2004
"Warum ist Salomon Korn so wütend?" fragt Richard Chaim Schneider anlässlich der Debatte um die Flick-Collection. "Der Holocaust droht, trotz aller Erinnerungskultur, in den Hintergrund der europäischen Geschichte zu rücken und banalisiert zu werden. Wäre das so schlimm, könnte man ketzerisch fragen? Muss der Holocaust nicht ein ähnliches Schicksal erleben wie andere geschichtliche Ereignisse auch? Hier ist ein klares Nein auszusprechen, da die Folgen des Judenmordes immer noch aktuell sind und europäische Kultur und Tradition nach wie vor prägen. Immerhin feiert der Antisemitismus auf diesem blutgetränkten Kontinent gerade wieder fröhliche Urständ ... Die Frage ist nicht, ob Flicks Sammlung ausgestellt werden soll. Doch Flick hat es noch stets versäumt, durch persönliche Anstrengungen deutlich zu machen, dass er mit dem Erbe seiner Familie verantwortungsvoll umzugehen weiß."
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Die Tageszeitung, 29.05.2004
Gerhard Dilger unterhält sich mit dem peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa, dessen neuer Roman "Das Paradies ist anderswo" gerade bei uns veröffentlicht wurde. Der wird allerdings eher rasch abgehandelt, es geht dann mehr um Vargas Llosas Liberalismus und das große Ganze der Weltpolitik: "Man muss realistisch sein, die Spielräume für Regierende sind doch sehr begrenzt. Nehmen Sie Deutschland, wo die sozialdemokratische Regierung einschneidende Kurskorrekturen vornimmt. Es gibt eben einen internationalen wirtschaftlichen Kontext, der das Unmögliche bestraft. In der Literatur kann man das Unmögliche machen, aber in der Politik ist es nicht sehr angebracht."
Außerdem: Brigitte Werneburg hat die Berliner Ausstellung des chinesischen Künstlers Xu Bing besucht. Sie zeigt sich stark beeindruckt und stellt fest: "Vielleicht rührt nun die westliche Begeisterung einfach daher: Das uns Fremde ist denjenigen, denen es bekannt sein müsste, genauso fremd wie uns." An der in Hannover gespielten linken Revue "Brüder, zur Sonne zur Freiheit" von Franz Wittenbrink und Frank Castorf hatte Katrin Bettina Müller durchaus ihren Spaß - arg nostalgisch aber war's schon. Ausführlich besprochen wird Stanislaw Muchas Europa-Film "Die Mitte".
Die Überraschungseier werden dreißig. Für die tazzwei hat Nadja Klinger deshalb ein Paar aufgesucht, das die Ü-Ei-Gimmicks sammelt. Hier ein paar Preis-Informationen: "Laut Sammlerkatalog für Überraschungseierfiguren ist der Stelzenschlumpf 900 Euro wert. Sein Handelswert liegt bei 400. Der Hüpfballschlumpf hingegen bringt nur 10 Euro. Der Hausdrachen aus der Bastelserie 'Ritterfest von Freudenberg' hat einen Wert von 1.300 Euro."
Im tazmag entwickelt der Denker Klaus Theweleit eine kleine Philosophie des Fußball-Spiels: "Was tut Fußball? Er organisiert einen Kampf; Kämpfe um die Herrschaft über ein bestimmtes Stückchen Erde - also genau das, worum Staaten Kriege führen. Er gibt dazu allerdings beiden Parteien ein und dasselbe Spielgerät in die Arena, den Ball. Dieses Spielgerät darf nicht zerstört werden. Sonst wird das Spiel unterbrochen oder abgebrochen. Dies ist der entscheidende Schritt zur unkriegerischen Lösung des angesagten Kampfes. Beide Mannschaften kämpfen auch - ob bewusst oder nicht - für die Unversehrtheit des Balles. Am Grunde des Spiels liegt für alle ihre Liebe zum Ball."
Außerdem: Über die sich in Afrika rasch ausbreitenden fundamentalistischen Pfingstkirchen informiert Dominic Johnson. Christian Rath erinnert an den Beginn einer neuen linken Liedkultur: Vor vierzig Jahren fand auf der Burg Waldeck das erste "Chanson Folklore International"-Open Air statt, Rezensionen: Besprochen werden politische Bücher, u.a. eine Studie über Islamismus und Paul Krugmans Abrechnung mit George W. Bush, sowieLiterarisches: Kurzgeschichten von Steve Almond sowie ein Jugendroman von Michael Chabon und Jugendkrimis (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
Und Tom.
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Frankfurter Rundschau, 29.05.2004
Ulrike Schiedermair lässt die Geschichte der berühmten Frankfurter Experimentalstätte TAT, die nun dicht gemacht wird, Revue passieren. Und zwar originellerweise mit einer Tier-Parade. Hier die Ratten: "Marina Abramovic kroch in ihrem Stück Delusional 1994 in Käfige mit Hunderten von Ratten. Abramovic hatte sich in ihren Performances gegeißelt, geschnitten, Blut floss oft reichlich. Aber wie hat sie es ausgehalten, diesen fürchterlichen Gestank zu ertragen?" Schöner die Krähe: "Die Krähe in der Solo-Performance Bones in Pages (1991) des japanischen Tänzers Saburo Teshigawara hat den schwarz gekleideten Tänzer scheu umflattert. Das schöne Tier hat die Kunst von Teshigawara auf eine Weise vor Augen geführt, dass die Zuschauer nicht wussten, wie ihnen geschah."
Weitere Artikel: Burkhard Müller-Ulrich kommentiert den Brand in der Londoner Saatchi-Sammlung, bei dem ein guter Teil der weltberühmten jungen Kunst Großbritanniens vernichtet wurde und stellt fest: "Selten ist ein Unglück so symbolhaltig wie in diesem Fall, wo die Zerstörung selbst das Thema des Zerstörten ist." Zum Tod des weltweit anerkannten DDR-Malers Werner Tübke schreibt Ulrich Clewing. Außerdem hat man Reaktionen von Freunden, Politikern, Mitbürgern gesammelt. Sylvia Staude berichtet vom zweiten Wolfsburger "Movimentos"-Tanzfestival. Bei Dieter Dorns Münchner "Maß für Maß"-Inszenierung hat sich Michael Skasa, wie er bereitwillig zugibt, "wie Bolle" amüsiert. Renee Zucker kommentiert in ihrer Zimt-Kolumne mit Sympathie einen Artikel von Barbara Ehrenreich, in dem diese nach Abu Ghraib ihrem Glauben daran absagt, dass Frauen die besseren Menschen sind.
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Berliner Zeitung, 29.05.2004
Im Magazin sprechen der Schriftsteller Ingo Schulze und der Maler Georg Baselitz über Bilder, Bücher, Dresden und das Neue in der Kunst:
"Schulze: Für mich geht es nicht darum, etwas Neues zu schaffen. Sicherlich wird es immer etwas Neues geben, aber wenn ich versuche, etwas Neues zu schaffen, ist doch immer die Frage, ob es das nicht an irgendeinem anderen Punkt der Welt schon längst gegeben hat. Wie soll ich das wissen. Bei meinen 'Simplen Storys' gab es eine Art Affinität zu den USA der 50er Jahre, den Marlon Brando-Filmen, den Hemingway-Storys, das war etwas, was ich mir sofort in Altenburg 1990/91/92 vorstellte. Mit diesem 'Stil Hemingway' oder 'Carver Stil' wurde für mich etwas erzählbar, ob das gelungen ist, weiß ich nicht. Für mich war es das Angemessene. Stil ist immer ein Signal.
Baselitz: Das, glaube ich, ist wirklich ein Generationenproblem. Mir und meiner Generation war solches Hantieren nicht möglich. Ihre Generation malt Bilder in einer Weise, wie Sie das gerade beschreiben. Gute, erfolgreiche Bilder. Aber die benutzen ganz offensichtlich abgenutzte Dinge. Material, das längst erledigt war. Die blättern die Illustrierten der 50er-Jahre durch und malen es dann so ungefähr ab. Bei uns verbot sich jeder Verdacht der Ähnlichkeit, des geistigen Diebstahls. Wir mussten Erfinder sein und wenn es Maschinen waren, die nicht funktionierten. Wenn ich mich heute frage, was habe ich eigentlich erfunden, dann kann ich sagen: Oberlausitzer Volkskunst."
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Süddeutsche Zeitung, 29.05.2004
Eine Schwerpunktseite ist der derzeitigen Lage der Kultur im Irak gewidmet. So bilanziert Walter Sommerfeld ein Jahr nach den Plünderungen im Nationalmuseum in Bagdad: "Von den ungefähr einer halben Million Objekten des Museums sind etwa 15 000 Stücke gestohlen worden. Doppelt so viele wurden bei den Plünderungen beschädigt oder zerstört. Vieles wird sich jedoch restaurieren lassen. Und einige tausend Objekte wurden konfisziert oder zurückgebracht." Die eigentliche Katastrophe aber findet Tag für Tag noch statt: "Das Land ist ein einziges archäologisches Gelände - und derzeit ein Eldorado für Raubgräber. Denn nach dem Zusammenbruch des irakischen Staates hat die Ausplünderung des kulturellen Erbes industriellen Maßstab angenommen. Tag für Tag, Nacht für Nacht ziehen tausende Arbeiter auf die Ruinen vor allem im Südirak und durchwühlen sie. Die Schäden des vergangenen Jahres sind größer als alles, was in 150 Jahren Raubgrabungsgeschichte angerichtet wurde."
Dazu ein Gespräch mit dem Kurden, Kommunisten und Kulturminister des Irak, Mufid al-Jazairi, der von der Mühe spricht, wieder so etwas wie ein Kulturleben im von Saddam zerstörten Land zu ermöglichen: "Saddam hatte die Kinos als Orte der Halbwelt missbraucht, es gab nur gewalttätige, vulgäre und sogar Pornofilme zu sehen. Jetzt hat das Kulturministerium den ersten Cinema Club eröffnet mit 'Der Prozess' nach Franz Kafka." Der Archäologe Michael Müller-Karpe weist ergänzend darauf hin, dass Deutschland zum bevorzugten Umschlagsplatz für kulturhistorisch bedeutendes Raubgut aus dem Irak geworden ist.
Außerdem: Zum Tod des "Malgenies" Werner Tübke schreibt Jens Bisky. Als letzte Bastion für Heimatsuchende in schwierigen Zeiten beschreibt Dirk Peitz - unter der Überschrift: "Hilfe, mein Schrebergarten grunzt" - Heavy Metal und Hardrock. An den 70. Jahrestag der "Theologischen Erklärung von Barmen" erinnert Rainer Oechslen (hier der Text der Erklärung). Thomas Thieringer gratuliert Gisela May zum 80. Lothar Müller schreibt, ohne sichtbaren Anlass und Kontext, eine Hymne auf die Zunge: "Berühmt ist sie für die Beweglichkeit, die sie bei der Erforschung und Beglückung von Körpern an den Tag legt."
Besprechungen: Joachim Kaiser wägt Schwächen und Stärken von Dieter Dorns Münchner "Maß für Maß"-Inszenierung. Rezensiert werden Isabelle Stevers Film "Erste Ehe" und ein einziges Buch: die monumentale Neuausgabe von Vasaris "Viten" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
Im Aufmacher der SZ am Wochenende stellt Christoph Schwennicke, Institution für Institution, von der "Royal Mail" bis "Der Humor", unseren EU-Bruder- und Wirtschafts-Vorbildstaat Großbritannien vor. Über die Bahn aber würde er am liebsten nicht schreiben: "Nein, die Bahn lassen wir weg. Das ist zu billig. Man kann das ja auch umgekehrt sehen: Was müssen das für tolle Waggons sein, die seit 30 Jahren über 50 Jahre alte Gleise rumpeln und immer noch nicht auseinander gefallen sind! Wer es nicht mag, kann sich ja mit seinem Auto in den Stau stellen oder die Londoner U-Bahn nehmen."
Außerdem: "In Salzburg sieht man manchmal einen Mann im Trenchcoat durch die Gassen streifen, von dem man auf den ersten Blick nicht annehmen würde, dass er nach Mozart der berühmteste Sohn der Stadt ist." Der Mann ist Helmut Berger und Alexander von Schönburg hat ihn zum 60. besucht. Johannes Willms dagegen gratuliert dem wohl bekanntesten Friedhof von Paris, Pere Lachaise, mit einem historisch weit ausgreifenden Porträt zum 200. Friedhofs-Geburtstag.
Die Wochenend-Erzählung kommt von Henning Ahrens und berichtet von einem schrecklichen Todesfall und seinen Umständen. Das Wochenend-Interview hat Alexander Gorkow geführt, und zwar mit Yusuf Islam, immer noch besser bekannt in seiner früheren Inkarnation als Cat Stevens. Es geht ums "Licht" und auch um den noch nicht erleuchteten Künstler von einst: "Man könnte sogar sagen, dass ich der König aller Naiven war, mein Lieber!"
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2004
Eduard Beaucamp schreibt im Aufmacher zum Tod des Leipziger Malers Werner Tübke, dessen Werke dem westdeutschen Publikum "auch nach der Wende von einem bornierten Kunst- und Museumsestablishment vorenthalten worden" sind. Dazugestellt ist ein kurzer Text von Golo Mann, der 1987 Tübkes Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen besichtigte: "Geben wir es ruhig zu: dies Werk konnte nur aus der DDR kommen oder, vielleicht besser gesagt, konnte aus der Bundesrepublik nicht kommen. Jedoch waren die Verwalter der Kultur in Berlin-Ost weise genug, ihren größten Künstler machen zu lassen, was er wollte."
Weitere Artikel: Ellen Kohlhaas resümiert zufrieden das "gigantische Programm" des Leipziger Bachfestes. Andreas Kilb schreibt zum Sechzigsten des Schauspielers Helmut Berger, Andreas Platthaus zum Sechzigsten des Comic-Zeichners Volker Reiche und Dieter Bartetzko zum Achtzigsten der Schauspielerin Gisela May. Michael Krüger schreibt zum Tod des amerikanischen Verlegers Roger W. Strauss.
In der ehemaligen Tiefdruckbeilage rühmt Tilman Spreckelsen ohne erkennbaren Anlass Dieter Fortes Romantrilogie "Das Haus auf meinen Schultern". Und die FAZ druckt einen Auszug aus Richard A. Clarkes Buch "Against All Enemies". Clarke war Antiterrorberater der Regierung Bush. Im ersten Teil (drei weitere sollen in den nächsten Tagen folgen) schildert Clarke, damals Nationaler Koordinator für Sicherheit, Infrastrukturschutz und Antiterrorismus, wie er bei einer Besprechung im April 2001 versuchte, Regierungsmitglieder von der Gefährlichkeit Al Qaidas zu überzeugen. "Paul Wolfowitz, Donald Rumsfelds Vize im Verteidigungsministerium, zappelte unruhig auf seinem Stuhl und zog ein finsteres Gesicht. Hadley fragte ihn, ob ihm nicht wohl sei. 'Nun, mir will einfach nicht in den Kopf, wieso wir damit anfangen, über diesen einen Mann Bin Ladin zu sprechen', antwortete Wolfowitz."
Auf der Medienseite berichtet Michael Martens über die Ermordung Dusko Jovanovics, Chefredakteur der montenegrinischen Zeitung Dan. Gina Thomas schildert das wirre Wettbieten um den Telegraph. Kil. meldet, dass Michael Moore ein Interview mit dem von irakischen Geiselnehmern ermordeten Nicholas Berg geführt hatte (mehr bei Salon).
Besprochen werden Dieter Dorns Inszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" im Münchner Residenztheater ("Nichts war in den letzten Jahrzehnten so in theatralischem Verschiss wie Gnade. Nichts so als 'falsche Ideologie', als Terror- und Herrschaftsinstrument entlarvt wie Gnade. Nichts so verspottet und verlacht. Nun plötzlich inszeniert sie Dieter Dorn wieder, rein und schön: als Witz Gottes", schreibt Gerhard Stadelmaier), ein Auftritt der Popgruppe "The Veils" in Heidelberg und Bücher, darunter Viktor Jerofejews Roman "Der gute Stalin" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Auf der Schallplatten- und Phonoseite geht's um CDs von Peter, Paul und Mary, Ron Sexsmith und Mum. Besprochen werden außerdem Rene Jacobs' Einspielung der "Hochzeit des Figaro" mit historischen Instrumenten - "eine Produktion von singulärem Rang" - und Streichquartette von Ernst Toch.
In der Frankfurter Anthologie stellt Michael Krüger ein Gedicht von Hermann Lenz vor:
"Rückblick
Kein Haus gebaut,
Keinen Sohn gezeugt,
Nur Bücher geschrieben.
Genügt es?
Nein, es genügt nicht.
Auch das mit dem Besitz
Ist bei dir so eine Sache,
Eine fragwürdige, wie sich versteht
..."
Archiv: Heute in den Feuilletons
Für Ohrfeigen geboren
11.02.2012. In der FAZ erklärt Michail Schischkin, warum Gogol der verzweifeltste aller russischen Schriftsteller war. In der NZZ erklärt Jennifer Eagan das Konzept ihres Romans über die Aushöhlung der Musikindustrie. Der eigentliche Stukturwandel der Öffentlichkeit findet jetzt erst statt, meint Volker Gerhardt in der Welt. In der taz erklärt Bazon Brock, warum man als Humanist gegen den Tod sein muss. In der FR beklagt Timothy Snyder das politsche links-rechts-Schema in der Wahrnehmung des Holocaust. Mehr lesen
Kritisch gemeinte Radetzkymarsch-Paraphrase
10.02.2012. Die Chinesen können Demokratie doch: Taiwan beweist es, konstatiert die NZZ. Die taz erklärt, was Cumbia ist. Der Economist staunt über die haarigen Mausklicker, die Acta verhindern. Rue89 zeigt den Like-Button mal anders. Die SZ fürchtet um die Privatsphäre. FAZ und Welt bewundern die Intimität des Blicks in in Benoit Jacqouts Berlinale-Eröffnungsfilm "Lebwohl meine Königin". Mehr lesen
Wegfall von Arbeit
09.02.2012. Heute beginnt die Berlinale. In der FAZ zeigen drei deutsche Regisseure auf Leerstellen, aus denen Erzählung werden sollen. Die FR freut sich auf tolle Anti-Kulakenfilme in der Berlinale-Retro. Der Freitag warnt vor dem geplanten Research Works Act in Amerika, der den Zugang zu Wissenschaft erschweren könnte. In der NZZ schreibt Georg Klein über Frost. Die Zeit staunt über Peter Nadas: den Autor, der auf 1700 Seiten dieses verdammte europäische Ich erledigt. Alle gratulieren dem großen Gerhard Richter zum Achtzigsten. Mehr lesen
Was für ein dramatisch schöner Jüngling Sie waren
08.02.2012. In der NZZ erklärt der nigerianische Dichter Obi Nwakanma die Strategie der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. In der Welt mahnt Wolf Lepenies: Die EU sollte nicht nur den Euro in Griechenland, sondern auch die Demokratie in Ungarn retten. Die taz erklärt, warum Peter Eisenmans "Ciudad de la Cultura" in Santiago de Compostela nicht gebaut wird. Die SZ ist froh, dass sich die chinesische Sprache so schlecht für Zensur eignet. Mehr lesen
Archiv: Heute in den Feuilletons
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Archiv: Heute in den Feuilletons
Der Graf von Sandwich war in Gefahr
07.02.2012. "It's over, Facebook", ächzt Readwriteweb und wirbt für eine immer breitere Bewegung von Facebook-Abtrünnigen. David Cameron könnte als der britische Politiker in die Geschichte eingehen, unter dem Schottland von Großbritannien und England von der EU abfielen, meint Timothy Garton Ash im Guardian. Die NZZ zitiert eine Meldung aus ihrem Archiv vom 24. Brachmonat 1780, die später auch in einem Dickens-Roman verarbeitet wurde. Und in der FR warnt Götz Aly vor jenen, die Rinks mit Gut und Lechts mit Böse verwechseln. Mehr lesen
2000PutIN, 2012PutOUT
06.02.2012. Die FAZ erzählt, warum Georg Baselitz so schlecht auf Berlin zu sprechen ist. Die FR gelangt nach längerem Nachdenken zur Verneinung eines Tweets von Erika Steinbach. Die NZZ ist begeistert über ein kammermusikalisches "Rheingold" in München. Die Zeit ist sehr aktiv in der Berichterstattung über Acta: Das Abkommen, auf dem die Hoffnungen der Verwerterindustrien beruhen, soll demnächst ratifiziert werden - aber Polen steigt aus. In den Blogs wird unterdes nicht mehr nur über das "geistige", sondern auch über das physische Eigentum diskutiert. Mehr lesen
Die ganze Welt inventarisieren
04.02.2012. In der NZZ sucht Graham Swift das Bleeding Heart von Dickens' London. In der FR sucht Mike Daisey, das Herz der Apple-Fetischisten. Die Welt rät von Elternratgeber ab. Der Tagesspiegel entlarvt die perfiden Techniken der neuen Machthaber im Büro: Sie poltern nicht, sie piepsen und blinken. Die FAZ stimmt auf die Berlinale ein und stellt fest: Jeder Stummfilm hat mehr Klang als 3D-Filme Tiefe. Mehr lesen
Hunde und Katzen, Liebe und Tod
03.02.2012. Alain de Botton hat ein Rad neu erfunden, das sich niemals richtig drehte, meint John Gray im Guardian zu Bottons Idee eines atheistischen Tempels. In der Welt verabschiedet Martin Andree den "Digital Dream" von einer Demokatisierung der Welt durch das Netz. Alle Zeitungen trauern um Wislawa Szymborska. Man darf sie zwar einen "Mozart der Poesie" nennen, aber nicht ohne ihr auch die "Wut eines Beethoven" zu bescheinigen, sagt die NZZ. Mehr lesen
Einschlusslöcher am Gebäudesockel
02.02.2012. Die Welt fragt: Gibt es in Deutschland eine Architektur jenseits der Restauration? Telepolis schildert die Risiken von Amazons Kindle: Wer seine Informationsfreiheit nutzt, droht seine Ebooks zu verlieren. Die Zeit stellt in ihrem Dossier fest: Frauen sind die Verliererinnen des arabischen Frühlings. Die FR konstatiert: Helmut Dietls "Zettl" ist ersoffen im guten Willen jener Politik, über die er sich mokieren will. Im Freitag empfiehlt Occupy-Vordenker Mark Greif ziellosen Zorn. Die Jungle World beerdigt den von Greifs Zeitschrift n+1 aufgespießten Hipster. Mehr lesen
So sehr ich Warhol schätze
01.02.2012. Die FAZ ist ganz einverstanden mit der Polemik des CDU-Abgeordneten Ansgar Heveling gegen die "vermeintliche Web-Avantgarde". Im Handelsblatt antwortet Frank Rieger vom Chaos Computer Club auf Hevelings Artikel. Die FAZ bringt auch ein Porträt des N+1-Herausgebers und Gesellschaftskritikers Mark Greif, der Hipster hasst. Die Münchner schlagen über Helmut Dietls Berlin die Hände über dem Kopf zusammen. Die FR greift eine sehr polemische Debatte um Robert Services vielgelobte Trotzki-Biografie auf. Mehr lesen
Also, Bürger, auf zur Wacht!
31.01.2012. Große Aufregung im Netz über eine Polemik des CDU-Politikers Ansgar Heveling im Handelsblatt, der das "geistige Eigentum" mit Rekurs auf die Französische Revolution verteidigt. Carta veröffentlicht einen "ergreifenden" Brief des ZDF-Hierarchen Elmar Theveßen an seine Kollegen. Eines der Probleme des ZDF: die Gehaltserhöhungen. Kenan Malik kommentiert am Beispiel Rushdie die erstaunliche Ängstlichkeit der Öffentlichkeit in der Frage der Meinungsfreiheit. In der taz meint Axel Honneth: Keiner simmelt den Weber wie Bourdieu. Die FAZ stört sich am zentralperspektivischen Aufbau der Ausstellung "Roads of Arabia" in Berlin. Mehr lesen
Weil es dem Franz so gefallen hat
30.01.2012. Jonathan Franzen erklärt im Telegraph, warum Kapitalisten gedruckte Bücher hassen. Die NZZ besucht Kafkas Nichte Vera Saudkova in Prag. Die Bloggerin Ulrike Langer staunt über ein Handbuch zum Journalismus, das als Standardwerk gilt und Ressentiments gegen das Netz verbreitet. Die FAZ ist sich uneins über den Kapitalismus. Die Welt stellt das Leipziger Architekten-Team Karo vor, das sich mit dem Leerstand in Ostdeutschland auseinandersetzt. In der taz porträtiert Gabriele Goettle die Historikerin Hannah Ahlheim. Mehr lesen
Das korrekte Verfahren für Anarchisten
28.01.2012. In der Welt findet der italienische Künstler Francesco Vezzoli seine Schau total explosiv. In der taz besteht Reyhan Sahin darauf, dass sie zugleich Professorin und Lady Bitch Ray sein kann. Die FAZ träumt vom Anarchismus, die SZ beobachtet, wie er totdiskutiert wird. Im Tagesspiegel meint Uwe Timm: Was dem Deutschen früher sein Militarismus war, ist ihm heute die Ökonomie. Alle sind beeindruckt von Marcel Reich-Ranickis Rede im Bundestag. Mehr lesen
Und die Emotionen suchen blind
27.01.2012. "Wir schaffen es nicht, uns von uns selbst zu befreien", seufzt Michail Schischkin in der NZZ. Die FR hat herausgefunden: Man kann noch billiger produzieren, als wo Apple produziert. Die taz hat herausgefunden: Julian Assange arbeitet in Moskau mit einem Kreml-treuen Sender zusammen. Die SZ sieht Lana del Rey als "erzkonservative Männerfantasie". Ach was, sie inszeniert sich selbst, widerspricht die Welt. Und: Carta ist wieder da! Mehr lesen
Ein irrer Cut
26.01.2012. Die Welt und alle anderen würdigen Theo Angelopoulos, der bei einem Unfall ums Leben kam. Im Freitag annoncieren die neuen Macher des Merkur, dass sie demnächst ein Blog eröffnen. Gegen das Internet kann man sowieso nichts mehr machen, konstatiert die Zeit. Die Jungle World will die Hoffnung auf den arabischen Frühling noch nicht aufgeben. Henryk Broder mokiert sich in der Weltwoche über eine aktuelle Antisemitismusstudie. Und die FAZ würdigt, was in Retro überlebt. Mehr lesen





