Bücherschau der Woche
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- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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- An die französischen Neinsager
- Der 8. Mai war keine Befreiung
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- Litchfield, Rechnitz, Thyssen-Bornemisza
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Heute in den Feuilletons
Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.02.2004. Die Sensation ist nicht nur, das Martin Walser Suhrkamp verlässt, sondern dass er sein Gesamtwerk mit zu Rowohlt nimmt, weiß die SZ. Die NZZ informiert, dass Walser im nächsten Spiegel einen Abschiedsbrief veröffentlicht. Die FR stellt Suhrkamps neuen Pressechef vor, weiß aber noch nichts von Walsers Abgang, die FAZ dito. Und die Welt versteht Walser: Rowohlt sei die "einzig ebenbürtige Option".
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Süddeutsche Zeitung, 28.02.2004
Gleich doppelt kommentiert wird der Wechsel Martin Walsers zu Rowohlt. Im Politik-Teil informiert Ijoma Mangold, dass der Autor mit Sack und Pack, mit Kind und Kegel vom Main an die Elbe zieht: "Wie die Süddeutsche Zeitung erfuhr, hatte Walser im Jahre 1997 mit Unseld eine Regelung getroffen, wonach er die Rechte an seinem Gesamtwerk zurückfordern kann, sobald Unseld nicht mehr Geschäftsführer des Verlages ist. Eine solche Regelung ist beispiellos. Während sich ein Verlagswechsel sonst in erster Linie auf die künftigen Bücher eines Autors bezieht, kann Walser nun auch alle bisher erschienenen Werke von Suhrkamp zu Rowohlt transferieren." Im Feuilleton kommentiert dann Thomas Steinfeld: "Martin Walsers Abgang trifft den Verlag härter, als Suhrkamp seinen abtrünnigen Autor je wird treffen können." Gemeldet wird zudem, dass die Pressechefin und "graue Eminenz" des Verlags Heide Grassnick Suhrkamp nach 33 Jahren gleichfalls verlassen wird. Der einstige Lektor des Jüdischen Verlags Thomas Sparr kehrt dafür zurück.
Weitere Artikel: Gabor Mues und Bastienne Müller sind der Meinung, dass Deutschland manches braucht, eines aber nicht: noch mehr Studenten, denn "die Luft im Bereich Jobs für Akademiker wird immer dünner". Das Menschenbild der "Neuen Mitte", findet Alexander Kissler, führt zur "Unterdrückung der Minderheit" und wird von der Klonforschung "konsequent zu Ende" gedacht. Ausführlich porträtiert Christine Dössel den Oberpfälzer Dramatiker Werner Fritsch (hier seine Seite bei Suhrkamp), der gerade spät, aber gründlich von den deutschen Theatern entdeckt wird. Als eher gekränkt denn krank erweist sich endgültig Christof Schlingensief: Während er in Zürich - Attest, Attest - ausfällt, tritt er in Berlin - "Atta, Atta" - auf und auch in Wien. In Zürich inszeniert dafür Stefan Pucher zum Abschied die "Orestie". Jürgen Berger zeigt sich wenig beeindruckt. Der Kunsthistoriker Werner Hofmann gratuliert dem Kunsthistoriker Willibald Sauerländer (mehr hier) in epischer Breite zum achtzigsten Geburtstag.
Außerdem: Die Oscar-Verleihung wirft in Gestalt von Fritz Göttlers Spekulationen ihre Schatten voraus. Entzückt ist Rainer Gansera vom Regiedebüt "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr..." (mehr)der Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi. Eine Ausstellung zu "Design und Kunst" gibt es in Köln. Im Berliner Jüdischen Museum führt eine Sonderausstellung die "Macht der Zeichen" vor Augen. Besprochen werden unter anderem die Memoiren des Musil-Herausgebers Adolf Frise und Michael Frayns "Spionagespiel" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).
In der SZ am Wochenende wirft Gerhard Matzig einen Blick in die Zukunft und ihn schaudert: "Ja, gut, ein Ruck geht durch das Land, aber leider: ruck-wärts. Es rockt nicht, es wimmert und weint und zagt und zaudert." Anne Siemens erzählt die Geschichte von Maren, die von ihrem Cousin vergewaltigt wurde und ihr Leben erst wieder in den Griff bekommen musste. Von der jüngsten Mode bunter Drucke berichtet Joachim Bessing - und er prophezeit die Wiederkehr der Fototapete. Helmut Schödel gratuliert der Schauspielerin und Sängerin Erika Pluhar mit einem Porträt zum 65. Geburtstag. In der literarischen Erzählung der Wochenendbeilage gibt es einen Text von Angelika Klüssendorf über eine Jugend in der DDR. Über den "Massengeschmack" unterhält sich Rebecca Casati mit dem Mode-Designer Sid Mashburn.
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Neue Zürcher Zeitung, 28.02.2004
Joachim Güntner zeigt sich unterdes bestens informiert über den Weggang Martin Walsers von Suhrkamp: "Einen offenen Abschiedsbrief Martin Walsers an die Mitarbeiter des Suhrkamp-Verlages wird der Spiegel in seiner nächsten Ausgabe publizieren. Was darin nicht steht, ist, wie gründlich dieser Abschied möglicherweise ausfällt. Denn Walser strebt an, sein gesamtes Werk, also auch alle früher bei Suhrkamp erschienenen Titel, in den Rowohlt-Verlag zu überführen. Wieso dieser harte Schnitt? Im neuen Roman ("Der Augenblick der Liebe" soll demnächst als erstes Buch bei Rowohlt erscheinen, der Perlentaucher) gibt es eine aufschlussreiche Passage, wo der Held Gottlieb Zürn, ein begeisterter Leser des Philosophen La Mettrie, davon berichtet, wie einst Lessing und Diderot gegen La Mettrie pöbelten. Dann wird die Historie Gegenwart: 'Das gibt es ja noch heute', kommentiert Zürn-Walser, 'dass Intellektuelle, die es zu Ansehen, also Einfluss, also Macht gebracht haben, einen anderen Intellektuellen, der ihnen nicht liegt, aus der Branche ausschließen möchten.'" Leider wusste Spiegel.de heute morgen noch rein gar nichts vom Weggang Walsers oder einem Brief des Autors. Vielleicht sollte man später noch mal nachsehen.
Roman Bucheli knüpft einige Reflexionen über den Erfolg von Christoph Heins Roman "Landnahme" bei der Kritik: Was Suhrkamps ehemaliger Nummer 1 Martin Walser mit seinem Roman "Ein springender Brunnen" noch nicht gegönnt wurde - ein subjektives Erzählen der Vergangenheit, in dem zum Beispiel das Wort "Auschwitz" nicht fällt - das sei Suhrkamps neuer Nummer 1 Christoph Hein heute selbstverständlich erlaubt: "Haben Sebald und Kempowski, haben die Bücher der Anonyma oder von Jörg Friedrich einen Damm gebrochen? Denn seither ist die Geschichte als erlebte Geschichte vermehrt in den Vordergrund gerückt worden. Und das Geschichtsbewusstsein mit seinen festen Rollenverteilungen - hier die Täter, dort die Opfer - ist seit längerem aufgeweicht und von den Erzählungen der Einzelschicksale vielleicht nicht verdrängt, aber doch ergänzt und also modifiziert worden.
Weitere Artikel: Barbara Villiger Heilig bespricht Stefan Puchers Inszenierung der "Orestie" des Aischylos in Zürich. Besprochen werden außerdem eine Ausstellung des Plastikers Constatin Brancusi in der Tate Modern und einige Bücher, darunter Uwe Jochums "Kritik der neuen Medien" aus theologischer Sicht.
Doris Lessing erzählt in einem schönen Gespräch in Literatur und Kunst mit Bernadette Conrad von ihrem London und ihrem Afrika: "Ich bin mehrmals nach Simbabwe zurückgekehrt. Ich sah es unter Mugabe auf dramatische Weise kaputtgehen. Abgesehen von der ruinierten Infrastruktur ist das geistige Klima vergiftet. Die Leute hungern auf den verschiedensten Ebenen: Da bringt eine Hilfsorganisation eine Bücherkiste in ein Dorf, und sie wird unter Freudentränen in Empfang genommen - von Leuten, die seit drei Tagen nichts gegessen haben. Auch die Gleichgültigkeit, die fatalen Missverständnisse, die zwischen England und Afrika bestehen, beschäftigen mich; sie sind ein Hauptthema meines letzten Romans, 'Ein süßer Traum'."
Ein Schwerpunkt in Literatur und Kunst beschäftigt sich mit Büchern zu Israel und Palästina: Carsten Hueck liest neue Literatur zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Angela Schader nimmt sich eine Anthologie moderner palästinensischer Lyrik vor. Joachim Schlör liest die Briefe Lea Goldbergs, die vor den Nazis nach Palästina emigrierte.
Außerdem legt Thomas David ein Werkportärt Elizabeth Bowens vor. Und Ludwig Muth macht "einige theoretische Anmerkungen über ein traumhaftes Vergnügen" - das Lesen.
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Die Tageszeitung, 28.02.2004
In der tazzwei plädiert der Soziologe Christian Schneider für Schwarz-Grün: "Tatsächlich wäre ernsthaft zu prüfen, ob die Schnittmengen zwischen dem neuen und dem alten Konservatismus nicht stärker sind als die zwischen den 'alten und neuen sozialen Bewegungen' - der Formel, unter der sich Rot-Grün formierte. Viele Wähler der Hamburger Grünen, etwa, sind so bürgerlich und so einkommensstark, dass ein Bündnis mit Ole von Beust und der CDU nach der morgigen Bürgerschaftswahl zwar nicht zwingend ist, aber grundsätzlich denkbar sein wird." Und er prophezeit: "Schwarz-Grün, die heimliche politische Traumkonstellation der Deutschen, wird kommen."
In der Kultur erzählt der Autor Norbert Zähringer (mehr) von falschen Bildern, von Mond- und Marslandungen: "Jeder von euch kann das tun! Zu Hause, wenn er gerade Lust dazu hat! Und wenn ihr das könnt, können die es erst recht. Und viel besser als ihr! Versteht ihr? Es gibt keine Wahrheit mehr! Jeder kann alles zu einem Filmchen zusammenschnipseln, dabei Bier trinken und essen und hinterher alles behaupten! Merkt euch das! Und denkt daran, wenn ihr das nächste Mal die Glotze anschaltet!"
Außerdem: Katharina Teutsch zeigt sich beeindruckt von der Ausstellung "Macht der Zeichen" im Jüdischen Museum. Vom Copyright-Coup des Produzenten Dangermouse weiß Tilman Baumgärtel zu berichten: Der hat das "White Album" der Beatles mit dem "Black Album" von JayZ zu einem "Grey Album" zusammengemixt, ohne sich um die Rechte zu kümmern.
Besprochen werden die Filme "B.Aires" (mehr) und der wiederaufgeführte "The Killing of a Chinese Bookie" (mehr) von John Cassavetes. An Büchern rezensiert werden unter anderem Maxim Billers neuer Erzählungsband "Bernsteintage", Martin Suters "Lila, lila" und - in der politischen Abteilung - die Abrechnung des Milliardärs George Soros mit George W. Bush (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Der große Aufmacher des tazmag ist ein Interview mit Deutschlands Supersoziologen Heinz Bude (mehr), der die Nase wie immer im Wind hat. Die Familie kehrt zurück, konstatiert er: "Kinder sind die einzig unkündbaren Beziehungen - und das wird im linksliberalen, im rot-grünen Milieu inzwischen auch realisiert. Die Leute beginnen, ein positives Bewusstsein für Beziehungen zu bekommen, die nicht dem Belieben des Einzelnen unterliegen. Dahinter steckt die Ermüdung von dem romantischen Modell der Liebe. Die reine Liebe ist ein ziemlich unverlässlicher Garant für persönliche Beziehungen. Deshalb wollen die Leute heiraten. Und zwar nicht allein aus Liebe." Und, nichts zu machen, Angela Merkel wird Kanzlerin. Außerdem wälzen Pascal Beucker und Frank Überall Für und Wider des Berufsbeamtentums.
Und Tom.
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Frankfurter Rundschau, 28.02.2004
Dank zu frühem Redaktionsschluss weiß die Rundschau viel von einem Zugang, (fast) nichts von einem Abgang bei Suhrkamp zu berichten. Der Neuzugang ist der Rückkehrer Thomas Sparr - bis 1999 Lektor beim Jüdischen Verlag -, offiziell wird er für Presse und Öffentlichkeitsarbeit zuständig sein, jedoch: "Ohne das klare Eingeständnis, dass Thomas Sparr im komplexen Suhrkamp-Gefüge, das ihm bestens vertraut ist, letztlich die Rolle eines Superministers einnehmen soll, Mediator und Schrittmacher zugleich, wird er sie auch nicht erfüllen können." Das Interview mit Sparr bietet wenig Konkretion: "Es handelt sich ja um eine neu strukturierte Abteilung, die ich übernehme. Ihre Kompetenzen müssen wir noch genau bestimmen. Es wird sich auch in der Praxis erweisen müssen, welche Aufgaben dazu gehören."
Außerdem: Daniel Kothenschulte erkennt in den nun in einer neuen CD-Edition zugänglichen Werken des George Harrison aus den Jahren 1976 bis 1992 "musikalische Gartenbaukunst". In die Geschichte der Institution Kirche eingeordnet wird Mel Gibsons "The Passion of the Christ". Von einer Gedenkfeier in New York zur Erinnerung an den in Pakistan ermordeten Journalisten Daniel Pearl berichtet Martin Altmeyer. Zu Stefan Puchers Zürcher Orestie-Inszenierung meint Tobi Müller: "Der Abend ist oversexed but underfucked." Renee Zucker hat sich in Indien einen Mann erfunden, der erst in Europa zurückgeblieben ist und jetzt tot. Genützt hat es wenig.
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Die Welt, 28.02.2004
Tilmann Krause kommentiert Walsers Weggang von Suhrkamp: "Rowohlt muss sich in den Augen eines über 70-Jährigen als Suhrkamp einzig ebenbürtige Option darstellen. Denn was Ledig-Rowohlt nach dem Krieg in Reinbek bei Hamburg aufbaute, stand geradezu prototypisch für die andere, die Suhrkamp ergänzende Seite jener internationalen Moderne, an welche die junge Bundesrepublik nun den Wiederanschluss suchte."
Im Essay der Literarischen Welt erzählt der Jung-Romancier Marko Martin von "Sansibar als Sehnsuchtsziel". Und Andrea Seibel liest die Märchen von Nelson Mandela.
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2004
Peter Zadek hat "Peer Gynt" am Berliner Ensemble inszeniert. Gerhard Stadelmaier kommen die Tränen: "Es ist Mode geworden im Theater, das Theater zu verachten und nur noch vom sogenannten Leben zu reden. Alle wollen es. Alle quälen sich damit. Keiner kriegt es. Weil keiner mehr ans Theater denkt. Nur Zadek feiert unnachahmlich und locker und gewissenlos das Leben - weil er an nichts anderes denkt als an Theater. Und bekommt das Leben wie ganz natürlich und nebenbei geschenkt."
Weitere Artikel: Dieter Bartetzko schreibt noch einmal über Mel Gibsons "Jesus"-Film und hebt vor allem drei Nebenfiguren hervor, deren "Handeln den Film mehrdeutig (macht) und damit zu einem Werk von weit mehr als altkatholischem Wert": Maria, Simon von Kyrene und Satan. Die französischen Kulturminister sind auch nicht mehr, was Jacques Lang einmal war, berichtet Joseph Hanimann. Der neue, Renaud Donnedieu de Vabres, räumt endgültig auf "mit der Künstlerillusion, der Minister sei irgendwie einer der Ihren. Er ist fortan ein Politiker wie seine Kabinettskollegen." Martin Thoemmes meldet triumphierend, dass Ernst Jüngers "Burgunderszene", die vielen ein Beweis für seine Kriegsverherrlichung war, neu gelesen werden muss: Der Philologe Tobias Wimbauer soll in einem Aufsatz, der bald in der Reihe "Das Luminar - Schriften zu Ernst und Friedrich Georg Jünger" erscheinen wird, darlegen, dass der von Jünger beschriebene Fliegerangriff auf Paris nie stattgefunden hat, weshalb von "irgendeinem Entzücken Jüngers über die Bombardierung" nicht die Rede sein könne: alles nur Literatur - und Erotik.
Claudius Seidl schreibt zum Tod von Victor Argo, einem Schauspieler, der "für New Yorker Regisseure in New Yorker Filmen die New Yorker Typen" spielte. Jürg Altwegg meldet nach einem Blick in französische Zeitschriften eine George Steiner-Renaissance. Gemeldet wird, dass das französische Urteil über die Auslieferung des italienischen Terroristen Cesare Battisti auf den 12. Mai verschoben wurde. Und dass Hans Magnus Enzensberger in der tschechischen Zeitung Mlada fronta Dnes den Irak-Krieg verteidigt hat: "Das erste, das mich in solchen Situationen freut, ist stets der Sturz eines Diktators. Wenn zum Beispiel ein Stalin-Denkmal zerbrochen wird, empfinde ich grundsätzliche politische Freude."
In der ehemaligen Tiefdruckbeilage erklärt uns xy den äußerst schwammigen Paragraphen 266 StGB (Untreue), und warum es besser wäre, wenn im Mannesmann-Prozess die Angeklagten nicht verurteilt würden: "Man mag ein paar 'Große' hängen, für die 'Kleinen' stehen dann aber Galgen in noch größerer Zahl als bisher bereit!" Und xy beschreibt den Einfluss von Ingres auf das Werk Picassos: "Der Exorzismus des Sexuell-Gefährlichen, den der Künstler halb aus Angst vor Geschlechtskrankheiten und halb aus Faszination" in seinen "Les Demoiselles d'Avignon" betreibt, "greift auf den Warencharakter des exhibitionistischen Überangebots der Leiber bei Ingres zurück. Die Haremszene verwandelt sich nun in die Vitrine eines Bordells."
Besprochen werden Tim Burtons Film "Big Fish" ("kraftlos und blass" findet ihn Michael Althen), Christine Mielitz' Inszenierung des "Parsifal" an der Wiener Staatsoper (zumindest von den Sängern ist Eleonore Büning hingerissen), Anselm Webers Inszenierung von Grabbes "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" in Frankfurt, das Konzert von "Kraftwerk" in Frankfurt, Dominique de Rivaz' Film "Mein Name ist Bach", die Ausstellung "A Minimal Future? Art as Object 1958-1968" im Museum of Contemporary Art in Los Angeles und Bücher, darunter Elisabeth Edls Neuübersetzung von Stendhals "Rot und Schwarz" ("historisch korrekt und zugleich so frisch wie nie zuvor") und Viola Roggenkamps Debütroman "Familienleben" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um Einspielungen von Metastasios' und Salieris Passionsoper mit dem Neuen Orchester und dem Chorus Musicus Köln unter Christoph Spering, Beethovens Streichquartette - einmal mit dem Gewandhaus-Quartett und einmal mit dem Philharmonia Quartett Berlin, eine CD mit schwedischen Liedern gesungen von Anne Sofie von Otter und Bengt Forsberg, eine Aufnahme der Krenek-Sonaten mit dem Pianisten Till Alexander Körber und die neue CD des Pedal-Steel-Gitarristen Robert Randolph.
In der Frankfurter Anthologie erklärt uns Robert Gernhardt ein Gedicht von Gottfried Benn:
"Hör zu
Hör zu, so wird der letzte Abend sein, wo du noch ausgehn kannst: du rauchst die 'Juno', 'Würzburger Hofbräu' drei, und liest die Uno, wie sie der 'Spiegel' sieht, du sitzt allein
an kleinem Tisch, an abgeschlossenem Rund dicht an der Heizung, denn du liebst das Warme. Um dich das Menschentum und sein Gebarme, das Ehepaar und der verhasste Hund.
..."
Archiv: Heute in den Feuilletons
In Grün und Orange, in Rot, Blau und Gelb
21.05.2013. Ja, ist es etwa das Empire latin, in dem wir zu posthistorischen Tieren werden, fragt die NZZ. Die Welt trifft Urs Widmer zum Werkstattgespräch. Die SZ feiert den Maler Hans Hofmann. Die FAZ wirft Georg Baselitz vor, den Wirtschaftseliten nahe zu stehen. Viele Zeitungen (und der Perlentaucher) berichten aus Cannes über Claude Lanzmanns Film "Le dernier des Injustes". Und wir zünden ein Licht an für Ray Manzarek. Mehr lesen
Das nenne ich totalitär
18.05.2013. In der Welt erklärt Beuys-Biograf Hans Peter Riegel Beuys Vorliebe für völkische Ideen auch mit der Nähe des Künstlers zu Rudolf Steiner. In Cannes verwandelt die taz nach der Vorstellung von Jia Zhangkes Film "A Touch of Sin" Papierfetzen in Waffen. Im New Yorker erinnert Alex Ross daran, dass Wagner nach Amerika auswandern wollte. Auch Palästinenser lieben Amerika, jedenfalls in Form von geschmuggelten Kentucky Fried Chicken, berichtet der Christian Science Monitor. In der NZZ staunt Nike Wagner, was ihr Urgroßvater alles im Kopf hatte. Die FAZ gratuliert dem Kookbooks Verlag zum Zehnten. Mehr lesen
Tagtäglich dem Leser zugemutet
17.05.2013. Die taz stellt den ersten chinesischen Blogger vor, der es schaffte, einen Vizeminister zu stürzen. In der Welt ruft Richard Herzinger die westlichen Länder zur Intervention in Syrien auf. In der FAZ kritisiert Constanze Kurz die Kampagne deutscher Medien gegen Adblocker. In Cannes liefen Filme von Sofia Coppola und François Ozon. Meldung des Tages: Elisabeth Ruge verlässt Hanser Berlin. Ihr Nachfolger wird Karsten Kredel von Suhrkamp. Mehr lesen
Ist Gott jetzt zufrieden?
16.05.2013. Medienkrise hin oder her: In Frankreich wird eine neue Zeitung gegründet: L'Opinion, berichtet die Welt. Im Freitag spricht Peter Schneider über seine recht unkonventionelle Mutter, die er in seinem neuen Roman porträtiert. In der Jungle World weigert sich Hamed Abdel-Samad, seine Hoffnung in die arabische Revolution aufzugeben. In der NZZ hinterlässt der ökologische Fußabdruck einen bizarren Eindruck. Die FAZ erklärt Giorgio Agambens Idee vom "Empire latin" zum Stuss. Mehr lesen
Archiv: Heute in den Feuilletons
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Archiv: Heute in den Feuilletons
Samples der Oberflächenwelt
15.05.2013. Die Welt zitiert aus einem Memorandum von Stadtplanern, die die Stadt Berlin auffordern, sich endlich um ihre Mitte zu kümmern. Die NZZ bringt einen Stimmungsbericht aus Italien, wo das soziale Klima unter null sinkt. Baz Luhrmanns "Großer Gatsby" regt niemanden auf - füllt die Feuilletons aber trotzdem. Ähnlich unvermeidlich ist Dan Browns "Inferno". Dafür lassen wir Theophilus London ein hübsches Liedchen singen. Mehr lesen
Filzhaltige Kunstzeichen
14.05.2013. "Anfänge, zumal politische, sind niemals rein", seufzt Micha Brumlik in der taz mit Blick auf Daniel Cohn-Bendit und Theodor Heuss. In der Welt könnte Hans-Joachim Müller einstimmen - mit Blick auf den Militaristen Joseph Beuys. Wir verlinken auf die Abschlusserklärung der "Kritischen Islamkonferenz", die sich für den Transkulturalismus einsetzt. In der SZ rät Gustav Seibt den Deutschen, Giorgio Agambens (oder eigentlich Alexandre Kojèves) Idee eines "Empire latin" ein europäisches Ideal entgegenzusetzen. Mehr lesen
Es zeichnet sich der Morgenstern ab
13.05.2013. In der Welt wendet sich Necla Kelek gegen das Recht von Eltern, Mädchen unter 14 Jahren mit Kopftuch in die Schule zu schicken. In der taz widerspricht Bommi Baumann der These Wolfgang Kraushaars, die radikale Linke sei antisemitisch gewesen: Kunzelmann sei die Ausnahme. Die NZZ versucht ein Psychogramm der französischen Demonstanten gegen die Schwulenehe. Springer will 200 Mitarbeiter bei der Bild entlassen und viele andere in den Onlinestall ohne Tarifbindung stecken, meldet der Spiegel. Der "Große Gatsby" lässt sich gar nicht verfilmen, beteuert die FAZ. Und bitte lauschen Sie den trockenen Sforzati Daniil Trifonovs. Mehr lesen
Die Regie-Rübe, durch die so was rauscht
11.05.2013. Der Skandal um den abgesetzten "Tannhäuser" in Düsseldorf sorgt in den Feuilletons für mittelgroße Erregung. Die NZZ erkundet die Zukunft der Literaturkritik in Zeiten des Netzes. Die FAZ zweifelt am Wirtschaftsaufschwung in Afrika. Die taz ist im siebten Pophimmel: Daftpunk ist zurück. Und Pharell singt mit (wir bringen den Beweis). Die Erotizität von theoretischen Texten nimmt zu, meinte Diederich Diederichsens auf der re:publica. Die Pronunziabilität theoretischer Prosa aber nicht. Mehr lesen
Was öffentlich ist und was nicht
10.05.2013. Die FAZ fragt mit Antonio Muñoz Molina nach Spaniens Verantwortung für die Krise. Außerdem skizziert Ernst Elitz die Zukunft des Journalismus mit viel Paywall und Leistungsschutzrecht. Die Guardian-Leser freuen sich zu 64 Prozent über Stephen Hawkings Entscheidung, Israel zu boykottieren. Die SZ bewundert die barocke Hängung in Sanssouci. Die NZZ staunt über südkoreanischen Optimismus. Die Welt beleuchtet das kräftezehrende Metier der Liebesromanautorinnen. Mehr lesen
Hegemoniale Metaerzählung
08.05.2013. Dass sich Beate Zschäpe Verteidiger namens Stahl, Heer und Sturm gewählt hat, ist kein Zufall, sondern Hohn, meint Georg M. Oswald in der Welt und ruft die Anwälte auf, ihr Mandat niederzulegen. Zum Tod des Animationsfilmers Ray Harryhausen bringen wir ein Video mit Interview und Filmausschnitten. Kathrin Passig benennt auf zeit.de die Vorteile des Ebooks. Sascha Lobo fordert auf der re:publica, die ein großes Medienecho ausgelöst hat, mehr Politik statt Netzpolitik. In der Zeit protestiert Marlene Streeruwitz gegen die Starrheit der Kamera in Ulrich Seidls "Paradies: Hoffnung". Mehr lesen
So sehr haben die Chefs Angst
07.05.2013. Die NZZ hat herausgefunden, warum deutsche Journalisten sich ungern kritisieren lassen: Niemand weiß besser, wie weh das tut. Anlässlich des NSU-Prozesses erinnert Götz Aly in der Berliner Zeitung an die Urszene des Terrorismus in Deutschland: die Ermordung August von Kotzebues. Wolf Lepenies kann in der Welt mit Giorgio Agambens Plan eines "Empire Latin" nicht d'accord gehen. Der Tagesspiegel erklärt, wie ein Datenjournalist die öffentlich-rechtlichen Anstalten transparent machen will. In der FAZ verteidigt die dänische Fernsehredakteurin Sofia Fromberg die als sexistisch kritisierte Talkshow "Blachman". Mehr lesen
Rosa Pelzjacke über der Lederrüstung
06.05.2013. Die NZZ fürchtet sich vor dem rabiaten Umbau der Stadt Istanbul. In der FAZ erklärt Yohji Yamamoto, was am weiblichen Körper so schwierig ist und am männlichen so langweilig. Außerdem spricht die Netzaktivistin Raegan MacDonald zu Beginn der Re:publica über Datenschutz. Vocer fragt nach Chancen eines gemeinnützigen Journalismus in Deutschland. Die SZ fand das Staatsballett im Berghain schön und harmlos. Mehr lesen
Die Empörung ist eine europäische Sünde
04.05.2013. In der Welt spricht Kevin Powers über seinen Roman "Die Sonne war der ganze Himmel". Daily Mail stellt kleidsame Wollkappen für Schildkröten vor. Die taz trauert um die einst so angesagte Clubszene von Berlin. Für die FAZ legt die Psychoanalytikerin Julia Kristeva ganz Europa auf die Couch. Und alle gedenken Søren Kierkegaards. Mehr lesen
Steile Hierarchien, Massenproduktion, Akkordarbeit
03.05.2013. In Foreign Policy rät Arch Puddington zum heutigen Tag der Pressefreiheit von der Reise in die zehn schlimmsten Länder für Journalisten ab. Die NZZ stellt die Designerin Inga Sempé vor. Mit Longform.org verlinken wir auf die "2013 National Magazine Awards Winners" mit Texten aus dem Atlantic und Texas Monthly. In der NYRB schreibt Ian Buruma über David Bowie. Die FAZ liest den Briefwechsel zwischen Grass und Brandt und empfiehlt Telekom-Kunden die Exhumierung ihrer Akustikkoppler. Die SZ besucht eine Ausstellung über die Geburt der neusten Technik aus dem Geist des Hippietums. Mehr lesen
Abkehr vom Mainstream der Alltagsheringe
02.05.2013. In Spiegel online fordert Sascha Lobo viel mehr Investitionen in ein schnelles Internet - und zwar von der Regierung. Im Tagesspiegel stellt Achim Freyer mit Richard Wagner ein Notgleichgewicht her. Die taz beleuchtet die Rolle von Gewerkschaften und SPD in der Nazi-Zeit. In der Zeit spricht Cecila Bartoli über tragische und weniger tragische Frauenrollen. Die FAZ übernimmt Salman Rushdies Aufruf für die Anerkennung von Freiheitshelden als Freiheitshelden. Das WWW ist zwanzig Jahre alt. Das CERN stellt die allerallererste Website wieder online. Mehr lesen








