Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

20.09.2003. Die Taz gesteht Bayern ihre Liebe. Die FR hat den braunen Bruder von Andreas Baader gefunden. Die FAZ fragt sich, warum man in Polen Deutschland verunglimpfen kann, ohne dass sich jemand rührt. Die SZ wundert sich über den Kult um blutige Revolutionäre. Und die NZZ blickt nach Nordkorea, ins "Land der Morgenstille".

TAZ | SZ | FAZ | NZZ | FR

TAZ, 20.09.2003

Die taz pflegt ihre versteckte Liebe zu Bayern. Angesichts des bevorstehenden CSU-Siegs am Sonntag schwärmt Stefan Kuzmany auf der Tagesthemenseite von der bayerischen Renitenz, der Lust, sich jeder Kontrolle zu entziehen, die zur Errichtung der einzigen Räterepublik auf deutschem Boden geführt hat. "Wenn die Tante stolz berichtet, wie sie gerade eben alte Schuhe mithilfe eines neuen Kassenzettels erfolgreich umgetauscht hat. Wenn in trauter Runde mal wieder ein kleiner Versicherungsbetrug geplant wird und der Vertreter der zu betrügenden Versicherung praktischerweise gleich selbst mit am Tisch sitzt und hilfreiche Tipps gibt. Die Bayern grinsen. Sie freuen sich immer, wenn sie der Obrigkeit eins auswischen können.." Dazu gibt es Porträts berühmter bayerischer Anarchisten, von Gerhard Polt bis Peter Gauweiler.

Gute Küche, kleine Läden lokale Produkte. Sabine Herre berichtet aus dem Zentrum der Slow-Food-Bewegung (Hintergrund), der Stadt Bra im italienischen Piemont. Im Feuilleton beäugt Michael Marek skeptisch den Bombenkrater, den Daniel Libeskind auf Mallorca errichtet hat (so sieht das Libeskind selbst). Katrin Bettina Müller freut sich schon auf "Hebbel am Ufer". Unter diesem Namen wird Matthias Lilienthal ab Ende Oktober drei Berliner Bühnen zusammenführen. Meike Röhrig berichtet vom Trubel um Julio Medems Dokumentarfilm, den zwar noch niemand gesehen hat, den die konservativen Parteien aber schon mal verbieten wollen. Nichts Neues unter dieser Sonne!

Lustvoll schaudert es Michel Streck auf der Medienseite vor der Macht der amerikanischen Lobbyistin Eleana Benador, die mit ihrer PR-Agentur die neokonservative Medienoffensive dirigiert. "Nach eigenen Angaben arrangiert sie für ihre Polit-Promis jede Woche zwischen 15 und 30 Interviews in amerikanischen und ausländischen Fernsehprogrammen."

Besprechungen widmen sich den zwei neuen Biografien über die Schattenfrau Katia Mann und Madonnas unerwartet positiv aufgenommenes Kinderbuch "Die englischen Rosen".Im tazmag lässt uns Henning Kober an seiner Selbsterfahrung auf dem Burning-Man-Festival (Hintergrund) teilhaben. "Spielen, sandeln, raufen - und zwar in einem riesigen Paralleluniversum, in der Black-Rock-Salzwüste im Norden Nevadas. Für eine Woche riesiger Spielplatz der Erwachsenen. Ich fülle Wodka in den Flachmann und zünde mir eine der dunklen Gitanes an, die ich beim Zwischenstopp in Paris gekauft habe." Nach dem "ultimativen M-I-N-D-F-U-C-K" lesen wir erleichtert die nüchern finale Erkenntnis: "Mal sehen, wie lange der Stoff reicht."

Außerdem porträtiert Barbara Oertel die russische Minderheit in Lettland (Hintergrund), die nur eines nicht wollen: Letten werden. Burkhard Brunns Hommage an den "Großmeister der modernen Kunst" Jean Dubuffet ist mit viel Herzblut geschrieben worden. Karl Hübner hat einen Sammler von Fernsehtestbildern aufgespürt, der die Rückkehr des Meditativen auf die Mattscheibe fordert.

Schließlich Tom.

Stichwörter: Matthias Lilienthal, Paris, Taz

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SZ, 20.09.2003

Es ist Carlos Widmann nach wie vor ein Rätsel, wie Fidel Castro, Che Guevara und deren blutige Revolution nach wie vor ein Faszinosum für viele Intellektuelle sein können. Beispiel Eduardo Galeano, von Widmann als "Egon Erwin Kisch vom Rio de la Plata" tituliert, der Castro unter dem Titel "Kuba schmerzt" nun sogar kritisiert - mehr oder weniger. "Gewiss hört der greise Grundbesitzer Kubas es nicht gern, wenn ein bewährter publizistischer Kampfgenosse sich zu der Blasphemie versteigt: 'Die Revolution hat viel vom Wind der Spontaneität und der ursprünglichen Frische verloren' - aber das ist in Wahrheit, nach über einem Vierteljahrhundert der politischen und wirtschaftlichen Paralyse, ein köstliches Understatement."

Etwas heiterer geht es bei Norbert Niemann (mehr) zu, der seine nicht sehr nachvollziehbare Liebe zu Schullesungen gesteht. "Die Schüler sehen einen Menschen mit einem Buch unterm Arm vor die Kreidetafel treten. Und während er am Lehrerpult Platz nimmt, ist ihr Urteil schon gefällt. Sie durchschauen den Schriftsteller als fiesen Agenten eines Schulsystems, das sie peinigt, als Stellvertreter einer Scheuklappenkultur, die sich nur insofern für sie interessiert, als sie jugendliche Ausdrucksformen zu Konsumzwecken missbraucht, und als personifizierten Zeigefinger einer Gesellschaft, die sie pauschal für dumm erklärt."

Weitere Artikel: Der heftigen Kritik, die zwei gelinde gesagt historisch unsensible Gedenktafeln auf dem deutschen Soldatenfriedhof Sologubowka hervorrufen, kann sich Sonja Zekri nur anschließen. Till Briegleb meldet, dass Friedrich Schirmer als künftiger Intendant des Hamburger Schauspielhauses gehandelt wird. Werner Sudendorf kommentiert einen Brief von Josef von Sternberg an Marlene Dietrich aus dem Jahr 1936. "Ich danke dir fuer deine suesse kabel..." Fritz Göttler ärgert sich altersmild verhalten über die voreiligen Proteste gegen Julio Medems politischen Dokumentarfilm. Für Gelungen hält "flow" das neue Themenheft des Philosophiejournals der blaue reiter, das sich mit Sex beschäftigt. Wolf Lepenies schreibt zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers und "Wenigschreibers" Joseph Breitbach. Klaus Gerhard Saur kondoliert zum Tod der Verlegerin Christa Spangenberg. Michael Struck-Schoen würdigt den scheidenden Leiter des Bonner Beethovenfestivals Franz Willnauer als Mann mit Weitblick, aber "freilich auch ohne Sensationen".

Joachim Sartorius präsentiert Nachrichten von der Poesie, der Kommentar zu Amjad Nasers poetischer Reflexion der Einsamkeit fällt im Netz leider weg. Burkhard Müller erklärt Italien, diesmal den Nordwind, L'Aquilone. Die Hamburger Geschichtswerkstätten sollen zugrunde gespart werden, warnt Reymer Klüver. Schuld ist wieder einmal die schreckliche Dana Horakova. Johann Reidemeister freut sich noch kurz über die prächtige Restaurierung des Wiener Palais? Liechtenstein. Gemeldet wird, dass der Historiker Wolfgang Benz sich gegen die Vorwürfe von Margarette von Trotta wehrt, der er vorgeworfen hatte,... Hinzuweisen ist zudem auf Henrik Borks Geisha-Porträt auf der dritten Seite, das allein schon wegen der Schöpfung "Artistinnen der Atmosphäre" Beachtung verdient.

Auf der Medienseite widmet sich Hans-Jürgen Jakobs mit unverhohlener Schadenfreude einer Klage, die Bertelsmann um fünf Milliarden Dollar erleichtern könnte. "Wie lange dauert es, bis es unten weh tut?", fragt sich dagegen Hans Hoff angesichts von Harald Schmidts Rheinfahrt.

Besprochen wird James Mangolds nachwirkender Filmthriller Identität, Ruedi Häusermanns bravouröse Charms-Hommage "Es ist gefährlich . . ." in Hannover, die solide siebte Kunst-Biennale in Lyon, eine Graffiti-Ausstellung in Kreuzberg, Gerhard Polts wieder aufgelegtes Kabarett von 1994 "Kinderdämmerung" sowie Elliott Erwitts fotografisches "Handbuch" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Natürlich führt Bayern das Wochenende an, und Kurt Kister gibt sich redlich Mühe, den südlichen Freistaat, Moskau und Togo in eine Linie zu bringen. "Es ist viel darüber geschrieben worden, warum die CSU als Alleinherrscherin in Bayern schon fünf Jahre länger regiert als dies, wenn auch unter nicht ganz vergleichbaren Umständen, Gnassingbe Eyadema in Togo tut. Eyadema - Afrikas längstgedienter Staatschef - putschte sich 1967 an die Macht. Die Bayerisch-Togoische Gesellschaft residiert in der Münchner Lazarettstraße 33. Bis 1979 war dort das Hauptquartier der CSU. Vorsitzende der Bayerisch-Togoischen Gesellschaft ist die CSU-Staatsministerin a.D. und Landtagsabgeordnete Ursula Männle. Darüber sollte Andreas von Bülow mal ein Buch schreiben."

Außerdem: Als "Adornos Rache am Gewerbe" bezeichnet Ingo Romeo Mocek den Familienvater, Golfspieler und Schockrocker Alice Cooper, mit dem er sich unter anderem über dessen gespaltene Persönlichkeit unterhält. Brik Meinhardt pirscht sich vorsichtig an eine Kaufsüchtige heran. Und Ijoma Mangold schwärmt in der Reihe "Deutsche Landschaften" von einer "erkennungsdienstlich kaum behandelten" Stadtlandschaft: der Kurpfalz.

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FAZ, 20.09.2003

"Der Amoklauf des Blattes war berechnet", meint Michael Ludwig über den Titel des polnischen Magazin "Wprost", der Erika Steinbach auf dem Cover in Naziuniform zeigt. Das Blatt, dem generell kein hohes Maß journalistischer Qualität nachgesagt werde, hat sich so gut verkauft wie selten. Was für Ludwig auf eine "klammheimliche Freude der erweiterten Leserschaft" schließen lässt. Besorgnisserregend findet Ludwig aber vor allem, "dass sich auch die kritischen Freunde Deutschlands in die Mauselöcher verkrochen, anstatt zu der Verunglimpfung Stellung zu beziehen".

Gar nicht gut ist Armin Petras' Lessing-Godard-Kombination zur Minna von Barnhelm bei Gerhard Stadelmaier angekommen: "Der Regisseur also hat ein riesiges Banalgefühl für fünf Regie-Pfennige und fürs progressive Jugendabonnement (Abschnitt Grün) im Bauch: Pfui Krieg; pfui Großstadt; gut Liebe. Und nickt dazu unaufhörlich mit dem sonst restlos leeren Regie-Kopf. Und das Publikum ("Fuck it!") nickt selig mit. Godard freilich dreht seinen Intellektuellen-Kopf einfach weg. Lessing nickt zwar nicht, schlägt aber zurück: Seine klaren Sätze fliegen den dumpfen Spielern wie Ohrfeigen um die Nickköpfe."

Weiteres: Hans-Dieter Seidel findet zwar Margarethe von Trottas "Rosenstraße" nicht gänzlich gelungen, aber gegen den Vorwurf der "Geschichtsklitterung", den Wolfgang Benz in der SZ erhoben hat (mehr hier), will er ihn doch in Schutz nehmen: Der Film gebe nie vor, anderes als Fiktion zu sein: "Wer anderes erwartet, sitzt im falschen Film." Im Streit um die NS-Belastung des Historikers Martin Broszat kann sich Rainer Blasius weder für die Ankläger (Nicolas Berg) noch für die Verteidiger (Norbert Frei) erwärmen. Er findet es aussagekräftig genug, dass Broszat es in acht Jahren HJ gerademal zum "Rottenführer" ("nur zu einer einzigen Silberlitze") gebracht hat. Besonders engagiert war kann er also nicht gewesen sein.

Walter Hinck erinnert an den Schriftsteller, Mäzen und Förderer der deutsch-franzoesischen Versöhnung, Joseph Breitenbach, der heute hundert Jahre geworden wäre. Gerd Koch geht gratuliert dem Komponisten Jörg Hechet zum Sechzigsten. Ingeborg Harms hat in deutschen Zeitschriften geblättert und dabei die Schönheit und Anmut des Mittelalters entdeckt. Betrübt blickt Jürgen Richter auf den Eulensteiner Hof vor den Toren Weimars, dem vorerst keine größere Zukunft als die Erhaltung der Substanz beschieden ist.

In den Ruinen von Bilder und Zeiten ist die Laudatio auf György Ligeti zu lesen, die Gerhard R. Koch zur Verleihung des Frankfurter Adorno-Preises hielt. Frank Rutger Hausmann widmet sich dem Schweizer Dichter und Freund von Nazi-Deutschland John Knittel.

Besprochen werden eine Ausstellung des südafrikanischen Fotografen David Goldblatt im Lenbachhaus München, eine Schau von Franz Gertschs Patti-Smith-Bildern in Burgdorf, das Tanztheaterstück "insideout" beim Steirischen Herbst in Graz, das Debüt-Album der "Kings of Leon" (der die Gegenwart des Rock n' Roll wieder vor uns liegen lässt, wie Edo Reents meint).

Und Bücher: Botho Strauß' "Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich", Michael Lentz' Liebeserklärung und Victor Hugos "Die Elenden", gelesen von Gert Westphal (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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NZZ, 20.09.2003

Literatur und Kunst blickt heute auf Nordkorea, das sich so poetisch "Land der Morgenstille" nennt. Die koreanisch-amerikanische Schriftstellerin Suki Kim erzählt etwa von ihrer Reise nach Pjöngjang, die sie als eine Art Kulturdelegierte machen durfte: "Der Smog bildete einen merkwürdigen Widerschein über der grauen Stadt. Die einzige sichtbare Farbe war das Rot auf Plakaten, die von jeder Strassenlampe hingen. Sie trugen die Inschrift ཌ. 2.', das Datum von Kim Jong Ils 60. Geburtstag. Slogans auf Plakatwänden füllten den Horizont. Auf einem stand zu lesen: 'Unser Grosser Führer steht uns allzeit bei', auf einem anderen: 'Wir sind glücklich.' Unser Kleinbus hielt am Fuss eines asphaltierten Hügels namens Man-Su-Dae. Auf seiner Spitze stand eine 22 Meter hohe Bronzestatue Kim Il Sungs. Von jedem Besucher Pjongjangs wird erwartet, dass er dem Ewigen Grossen Führer seine Reverenz erweist. Wir wurden angewiesen, uns zu verneigen, während Yoo einen Blumenstrauss niederlegte."

Ludger Lütkehaus macht uns mit einigen koreanischen Gegenwartsautoren vertraut, die bei deutschsprachigen Verlagen keinen ganz leichten Stand haben (rühmliche Ausnahme: Der Pendragon-Verlag): "Wann der erste Nobelpreis an einen koreanischen Autor verliehen werden wird, steht trotz einigen preiswürdigen Kandidaten noch in den Sternen. Wir votieren einstweilen für Kim Wonil (mehr hier), Ahn Jung- Kyo (mehr hier) oder Yi Munyol."

Hoo Nam Seelmann zeichnet nach, wie es zu der Teilung Koreas nach dem Ende der japanischen Besatzung kam. Urs Schoettli widmet sich der schwierigen Nachbarschaft von Nordkorea und Japan, Wookhee Shin betrachtet das komplizierte Verhältnis zwischen Südkorea und den USA.

Im Feuilleton stöhnt Paul Jandl über die Wertedebatte, die den Österreichern von der ÖVP aufgedrängt wird. Der Grund: "Seit 1971 werden im Land weniger Kinder geboren, als nötig wären, um die Bevölkerungszahl aus eigener Kraft zu erhalten. Statistisch und im Durchschnitt gesehen, bekommen österreichische Frauen 1,31 Kinder. 2,08 sollten es sein." Uwe Justus Wenzel verteidigt das Feuilleton gegen die Kritik, es hätte sich zu Adornos Geburtstag mit Ritualen begnügt, anstatt vernünftig zu diskutieren.

Besprochen werden die große Albrecht-Dürer-Schau in Wien, die Daniel-Libeskind-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin und Bücher, darunter Hanns-Josef Ortheils Roman "Die grosse Liebe" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Stichwörter: Nordkorea, Wien

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FR, 20.09.2003

Genussvoll präsentiert Matthias Politycki (mehr) in Bilder und Zeiten, was er von seiner Jagd nach einem deutschen Gegenwartsgedicht, "auf das man stolz sein könnte", zurückgebracht hat. Neben den üblichen Verdächtigen Wondratschek und Opitz lief ihm auch der feuilletonistisch unbeschlagene Verhaltensforscher Volker Sommer vor die Flinte, mit einem vielversprechenden Regenwald-Poem: "Am rabenschwarzen Schwanz, / kopfüber aufgehangen / im Geäst, / dreht zwischen flinken Tatzen / die Schleichkatze / den Mond rund ..."

Martin Wiese ist der braune Bruder von Andreas Baader, erfahren wir von Manfred Schneider im Feuilleton. Der Essener Literaturprofessor gibt uns einen Ausblick auf die Studie, die er über das geplante Münchner Neonazi-Attentat verfasst. "Es sind junge Männer, deren Erfahrung minimal und deren aus Lektüren gemästeter Hass übermäßig ist. Ein alter Instinkt sagt ihnen, dass sich neue Gesellschaften im Angesicht von Gefahren oder nach Katastrophen bilden. Ihr Wahn liegt in dem Glauben, dass auch aus künstlichen Schocks, aus explodieren Symbolen und getöteten Machtträgern neue Welten hervorgehen. Das hat es nie gegeben."

Michael Braun erinnert an den Schriftsteller Joseph Breitbach und seinen einzigartigen "Bericht über Bruno". Wie man bei Lady Lilith die ultimative Verzückung erlangt, verrät Navid Kermani im vorletzten seiner Vierzig Leben. Den neuesten Stand des Intendantenkarusselss gibt Peter Michalzik durch: Friedrich Schirmer, noch in Stuttgart, beerbt Trom Stromberg, noch in Hamburg. Renee Zucker, heute ungewohnt versöhnlich in ihrer Zimt-Kolumne, schwärmt mit Jamal aus dem Kassler Plattenbau von Deutschlands Reichtum. Meldungen besagen, dass die Münchner Verlegerin Christa Spangenberg im Alter von 75 Jahren gestorben ist und dass Fritz J. Raddatz und der frühere Zeit-Chefredakteur Theo Sommer ihren Streit mit einem kleinen grünen Kaktus beigelegt haben.

Die taz-Medien-Seite darf nicht sterben, skandiert ein entsetzter Oliver Gehrs auf dem FR-Pendant. Ab dem 18. Oktober soll die Medienberichterstattung auf das ganze Heft verteilt werden, also verschwinden. Ausgerechnet dieses Kleinod, klagt Gehrs, auf der die größte Stärke der taz, ihre Unabhängigkeit, am besten zu tragen komme. Dort könnten die Berliner "Dinge ansprechen, die sich andere Blätter oft versagten, weil das mit einem übergeordneten Verlagsinteresse kollidiert wäre... Der langjährige Stern-Chefredakteur Werner Funk stellte einst genervt von einem kritischen Artikel richtig, dass er nach frühem Feierabend 'nicht mit dem Porsche nach Sylt brause', sondern 'mit einem Mercedes in ein kleines Dorf in der Nähe von Segeberg'."

Besprochen werden Armin Petras trashig-locker-instinktsichere Eröffnung der neuen Frankfurter Spielstätte "schmidtstraße12" mit Lessing und Godard, eine eng geführte, begehbare Choreografie von Sasha Waltz in Graz, ein typografisches Quartett mit vier mal 27 Quartettkarten mit Schriften von 1470 bis 1997 sowie zwei Bücher, Herta Müllers nicht mehr biographische Autobiographie"Der König verneigt sich und tötet" und Hans Ulrich Gumbrechts Reflexion über "Die Macht der Philologie" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

"Ich beichte nur noch euch Journalisten", gesteht der britische Popsänger Sting der FR im Magazin-Gespräch. Nach der Religion geht es nahtlos über zu Kampfflugzeugen, und irgendwann kommt der Sex. Oder andersrum. Frederik Jötten porträtiert eine korpulente Frau mit rosigen Wangen, die unter Waschzwang leidet.

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Archiv: Heute in den Feuilletons

Dekorativ-degoutante Dekadenz

20.01.2014. Widersprüchliche Auskunft geben die Zeitungen über Karin Beiers siebenstündiges Atridenfluchspektakel "Die Rasenden" nach Euripides, Sartre, Aischylos und Hofmannsthal. Die NZZ hält den Erkenntnisgewinn für so mittel, die FAZ für null, und für die Welt steht fest: Das Hamburger Schauspielhaus ist zurück. In der Berliner Zeitung befasst sich Anetta Kahane mit der Diskrepanz zwischen dem Äußeren Beate Zschäpes und ihren Taten. Springteufel Morozov ploppt heute in der SZ auf. Mehr lesen

Sie sind schon denkend

18.01.2014. Die ersten Reaktionen auf Barack Obamas Rede sind zwiespältig bis kritisch. The Verge und die Electronic Frontier Foundation vergleichen Obamas Maßnahmen Punkt für Punkt mit Forderungen von Bürgerrechtsgruppen. Wir binden Julian Assanges CNN-Interview ein: Der Wikileaks-Gründer kritisiert vor allem, dass die Geheimgerichte nicht abgeschafft werden. Auch Deutsche Politiker reagieren laut FAZ bis hin zur CDU recht skeptisch auf Obamas Rede. Außerdem: Arno Schmidt in der taz. Und Luc Bondys Pariser Marivaux-Inszenierung mit Isabelle Huppert allüberall. Mehr lesen

Bei der Kante hat man nur eine Chance

17.01.2014. In der Berliner Zeitung erzählt Marina Hoermanseder, warum sie so gerne Korsette aus Leder macht. In der FAZ bangt die Ökonomin Shoshana Zuboff um Barack Obama, der in seiner heutigen NSA-Rede gewaltig versagen könnte. Die NSA bringt sowieso nix, hat die SZ herausgefunden. Man kann Schriftsteller nicht züchten, ruft die Welt der Zeit zu. Die NZZ hält dem lauernd anmutenden Blick eines Papstes namens Innozenz stand. Mehr lesen

Der Heintje-Effekt

16.01.2014. In der taz fordert Steve McQueen, dass sich Briten und Amerikaner in punkto Vergangenheit an die eigene Nasen fassen. Die NZZ fordert ungewöhnliche Lehrer. Im Freitag erinnert Wolfgang Müller die reaktionären Aspekte am Werk Arno Schmidts. Kenan Malik plädiert in seinem Blog gegen das Verbot der Dieudonné-Shows. Die Zeit arbeitet den Fall Beltracchi auf und bringt selbstkritische Anmerkungen zum Literaturbetrieb. Außerdem im Freitag: ein Interview mit Karl Ove Knausgård und Armond Whites Kritik an Steve McQueens Film "12 Years a Slave". Mehr lesen

Es toben Bassläufe wie Harpyien herauf

15.01.2014. In der FAZ antwortet Evgeny Morozov auf Sascha Lobo und rät jenen Staaten, die uns NSA und Co. bescherten, uns von Google und Co. zu befreien. Die New York Times erklärt, wie die NSA Computer infiltriert, die nicht im Netz sind. Verlage jammern zwar rum, aber laut kress.de verdienen sie prächtig: dank überlasteten Redakteuren und unterbezahlten Freien. Die SZ geriet bei Mahler unter Kirill Petrenko in Ekstase. Und wenn Russland und die USA auf Franziska Augstein hören, ist demnächst auch Friede in Syrien. Mehr lesen

Gar kein Platz mehr für Gezicke

14.01.2014. Die NZZ verfolgt mit Entsetzen den Erfolg des Films "Fack ju Göhte". Die SZ traut sich nach Sankt Pauli. Für die FAZ reist Andrzej Stasiuk nach Belzec. In der Welt entpuppt sich Rolando Villazón als Rolando-Villazón-Bewunderer. Die taz fordert mit Thomas Mießgang eine neue Kultur der Unhöflichkeit. Mehr lesen

Seltsam sacht, schwebend fast

13.01.2014. Die NZZ ging nach Halberstadt, John Cage hören. In der taz freut sich Jochen Schimmang über die Wiederentdeckung des Autors Christian Geissler. Die französischen Medien fragen: Wie privat oder wie öffentlich ist François Hollandes Affäre mit einer Schauspielerin? Nicht das Internet ist kaputt, meint Martin Weigert in Netzwertig in einer Replik auf Sascha Lobo in der Sonntags-FAZ, sondern der Mensch in seinem Sicherheitswahn. Die SZ sucht nach glasklaren Tatbeständen, um einst von den Nazis requirierte Kunstwerke zu restitutieren. Mehr lesen

Mit offensiver Offenheit

11.01.2014. Mit Übertreibung ist der Dekadenz der Banker und Broker nicht beizukommen, stellt die taz zu Martin Scorseses Film "The Wolf on Wall Street" fest. Die Welt erinnert an eine Zeit, als die Öffentlich-Rechtlichen ihr Publikum noch überforderten. Die NZZ plädiert dafür, die Werke türkischstämmiger Künstler in Deutschland nicht länger bloß als Zeugnisse von Migration und Hybridität zu begreifen. Die SZ würdigt die Verdienste des chinesischen Kurznachrichtendienstes Weibo. Und die FAZ verneigt sich vor Arno Schmidt. Mehr lesen

Jeder Passant ein Mörder

10.01.2014. Das TLS erzählt, wie französische und tschechische Surrealisten 1935 über Kunst und Revolution diskutierten. Die NZZ bewundert die Blumensamen-Designs von Paul Smith. Ein Untersuchungsausschuss der EU erklärt die Massenüberwachung durch NSA und GCHQ für illegal, berichtet der Guardian. Die Welt bewundert Martha Argerich beim Nägel lackieren. Als E-Book ist "Mein Kampf" ein Besteller, meldet Gawker. Die SZ schleicht mit dem legendären Superverbrecher Fantomas durch Paris. Mehr lesen

Absolute Theatermanie

09.01.2014. Im Tagesspiegel erklärt die schwarze Autorin Zadie Smith, warum alle weißen Figuren in ihrem Roman "London NW" als solche ausgewiesen werden, während die Hautfarbe der anderen Personen nicht benannt wird. Die taz erklärt, warum das digitale Filmerbe zurück auf Zelluloid soll. In der NZZ schreibt die russische Schriftstellerin Elena Chizhova über das traurige Leben der Architekten in Petersburg. In der Zeit feiern Haruki Murakami und Thomas Hitzlsperger ihr Coming Out - der eine von beiden als Superman. Mehr lesen

Zeit für eine Rasur

08.01.2014. In der taz spricht Ilija Trojanow über die Wirkungen des Schriftstelleraufrufs gegen den digitalen Überwachungsstaat und wettert über "Defätisten, die es sich auf dem Hochsitz der pessimistischen Weltanschauung" bequem machen. Die NZZ stellt die Seite Alfredflechtheim.com vor, die von mehreren Museen erstellt wurde. Die Welt bewundert den alten Mann Robert Redford und das Meer. Die FAZ veröffentlicht einen Aufruf für Liu Xia. Und die SZ überlegt, wer sich Dissident nennen darf. Mehr lesen

Solange man es nicht schwul nennt

07.01.2014. In der FAZ beklagt der Philosoph Marco Wehr die fatale Wissenschaftsgläubigkeit der Politik - und der Wissenschaft selbst. In der NZZ erklärt Shlomo Sand, was er meint, wenn er von der "Erfindung des jüdischen Volkes" spricht. Die Welt erkundet die "Macht der Machtlosen". Die SZ möchte die Achse Paris-Berlin-Warschau stärken. Und die taz staunt über den Kurator Kaspar König, der behauptet, in Russland alles zu dürfen. Mehr lesen

Wir dynamisieren das Hamsterrad

06.01.2014. In der NZZ erinnert Bora Cosic an den jugoslawischen Architekten und Freund Bogdan Bogdanovich. Der Guardian bringt einen Auszug aus Claudia Roth Pierponts neuer Philip Roth-Biografie. In der FAZ wendet sich Kunsthistoriker Jeffrey Hamburger entschieden gegen die Ökonomisierung der Wissenschaft. In der Welt legt der Historiker Thomas Weber ein Wort für die deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs ein. Und Necla Kelek fordert, dass die Kinder der Roma und Sinti von der Politik nicht im Stich gelassen werden. Mehr lesen

Wie die Krallen einer Katze auf Glas

04.01.2014. In der Welt verlieren Andrzej Stasiuks Augen die Bodenhaftung. In der FR erzählt Steve McCurry, was die Zeit mit dem Fotografen und dieser mit der Zeit macht. In der NZZ spricht Junot Díaz über das Schreiben und die Zeit. Spiegel Online zitiert eine Studie über das immer religiösere Weltbild der Amerikaner: Ein Drittel nimmt die Bibel wörtlich. Die taz fordert analogen Protest gegen digitale Überwachung. Mehr lesen

Die Melodie der Macht

03.01.2014. Die Washington Post erklärt mithilfe von Snowden-Papieren, wie die NSA das Netz in Besitz nehmen will. Die Welt porträtiert den rechtsextremen und postkolonialen Komiker Dieudonné, dem durch ein mögliches Tourneeverbot in Frankreich unverdiente Aufmerksamkeit zuteil wird. Schriftsteller Alberto Nessi erinnert in der NZZ an Stalins Staatsdichter Maxim Gorki, der einst Ossip Mandelstam einen Pullover, aber keine Hosen genehmigte. David Chipperfield und Okwui Enwezor erklären in der SZ, wie sie das Haus der Kunst in München sanieren wollen. Die FAZ eröfffnet eine Reihe zum Ersten Weltkrieg. Mehr lesen

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