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- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner

Ewige Werte
- Post aus der Antarktis
- Fallende Blätter: die Lage des Feuilletons heute
- Domenico Scarlatti
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- Die Perlentaucher-Affäre und das System Schirrmacher
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- Neu und Nach: ein Übersetzerstreit
- Anna Politkowskaja
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- 100 wichtige Intellektuelle aus der Provinz
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- An die französischen Neinsager
- Der 8. Mai war keine Befreiung
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- Das Ende der Berliner Seiten
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- Und eine Antwort auf Mathias Döpfner
- Google Fraktur
- Die Galle der Gallier
- Post aus der Walachei
Heute in den Feuilletons
Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.03.2002. Die FAZ stellt uns den teuersten Autor der Welt vor, den christlichen Fundamentalisten Tim LaHaye, für den Bertelsmann ganz 51 Millionen Euro springen lässt. In der taz porträtiert Uri Avnery den Bulldozer Ariel Scharon. Die FR befasst sich mit dem Fall Peter Müller. Die NZZ berichtet über neue Spekulationen zum Tod Primo Levis. In der Zeit macht sich Martha Nussbaum gen-ethische Gedanken.
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Die Zeit | Frankfurter Rundschau | Die Tageszeitung | Neue Zürcher Zeitung | Süddeutsche Zeitung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2002
Hannes Hintermeier stellt uns Tim LaHaye, den Autor christlich-fundamentalistischer Besteller, die in den USA rasende Erfolge feiern - um die Startauflage seines letzten Romans 'Desecration' auszuliefern, brauchte sein Verlag 126 Lastwagen. "Die römisch-katholische Kirche und der Papst sind ihm genauso verhasst wie außerehelicher Sex, Homosexuelle, Abtreibung, die Vereinten Nationen, Israel und so weiter." Und "der zum Bertelsmann-Konzern gehörende Verlag Bantam Dell soll LaHaye für vier Romane den sagenhaften Vorschuss von umgerechnet 51 Millionen Euro gezahlt haben; damit ist LaHaye der teuerste Autor der Welt."
Dietmar Polaczek hat die erneuerten Giotto-Fresken in der paduanischen Scrovegni-Kapelle (Bilder hier und hier) besucht, ist aber ein wenig enttäuscht, weil man die Kapelle nicht mehr durch den Haupteingang betreten darf und so um die Dramaturgie des Gemäldezyklus gebracht wird. Sehr oft wird man sich die Fresken ohnehin nicht ansehen können: "Um die Atemfeuchtigkeit und das Gedränge in Grenzen zu halten, darf man nur in Gruppen zu 25 Personen und nur für fünfzehn Minuten eintreten. Beim stolzen Eintrittspreis von elf Euro wird sich ein Familienvater den Besuch überlegen. Die Besuchszeit für mehr als fünfzig Einzelbilder (auch die Gerichtswand nur als ein Bild gerechnet) ergibt maximal achtzehn Sekunden pro Szene."
Weiteres: Ute Diehl porträtiert den umstrittenen Kulturstaatssekretär Berlusconis, Vittorio Sgarbi. Paul Ingendaay hat den peruanischen Übersetzer Juan Jose del Solar besucht, der Canetti ins Spanische übersetzt und nun von einem Schlaganfall niedergestreckt wurde. Matthias Ehlert liefert Impressionen von der Lesung eines Moritz-Rinke-Stücks im Kanzleramt in Gegenwart des Bundeskanzlers. Andreas Rossmann berichtet über den Fund mittelalterlicher Handschriften in Düsseldorf. Gernot Wolfram berichtet von einer Stftungsgründung des Zentrums für Bucherhaltung, in der es um die Rettung von Bach-Manuskripten geht. Zhou Derong berichtet, dass die chinesische Regierung bereits ausgelieferte Bücher über die desolate Lage der Arbeitschaft im Land wieder kassiert.
Auf der Medienseite schickt Michael Hanfeld eine Reportage vom ersten Fernsehfestival in Venedig. Hingewiesen wird auf David Tebouls Yves-Saint-Laurent-Film, der den Meister bei der Verfertigung seiner letzten Haute-Couture-Kollektion zeigt und heute Abend im WDR läuft.
Auf der letzten Seiten verfasst Pia Reinacher ein kleines Porträt des Autors Jörg Steiner, der gerader den Max-Frisch-Preis, den höchsten Schweizer Literaturpreis erhalten hat. Dietmar Dath erklärt uns, "warum die 'cantos', Ezra Pounds episches Großgedicht, am Ende reine Liebedichtung wurden". Und Siegfried Stadler meldet, dass Riccardo Chailly ab 2005 dem Leipziger Gewandhausorchester vorstehen wird.
Besprochen werden Lasse Hallströms Film "Schiffsmeldungen", Eugene O'Neills Stück "Gier unter Ulmen" im Thalia Theater Hamburg, die Münchner Ballettwoche, die Whitney Biennale (mehr hier), der Überblick "De Grote Projecten" im Rotterdamer Architketurzentrum NAI, "Drei Schwestern" in Oberhausen und eine Austellung über die Kulturgeschichte des Hundes im Westfälischen Museum für Naturkunde in Münster.
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Die Zeit, 27.03.2002
Aus The New Republic druckt die Zeit einen Essay (hier das Original vom April 2000) der Philosophin Martha Nussbaum nach, die sich mit dem Buch "From Chance to Choice" (hier eine Leseprobe, pdf) auseinandersetzt, einem "Standardwerk" (so die Zeit), in dem renommierte Philosophen nach der Chancengleichheit im Zeitalter gen-optimierbarer Menschen fragen. "Wir fangen gerade erst an", schreibt Nussbaum dazu, "eine Gesellschaft zu schaffen, in der Kinder mit Down-Syndrom als Individuen geachtet werden. Wir müssen diese Entwicklungen gegen die absehbare Flut von Forderungen nach genetischer Behandlung unterstützen. Wir sollten genetische Chirurgie nicht verbieten, doch zugleich sollten wir eine Kultur fördern, in der ein breites Spektrum vermeintlicher Behinderungen respektiert und als wertvolle Form menschlichen Lebens gesehen wird."
Die Tatsache, dass der ehemalige Berlinale-Chef Moritz de Hadeln "sozusagen vom Arbeitsamt direkt in die Chefetage" des Filmfestivals von Venedig zurückbefördert wurde, macht ihn Katha Nicodemus nicht sympathischer: "Fünf Monate vor Beginn der 59. Mostra Internazionale del Cinema zieht de Hadeln jetzt für eine Regierung den Karren aus dem Dreck, deren Mitglieder und Anhänger das Festival noch im vergangenen Jahr als 'hässlich, schmutzig und böse' beschimpften, als 'kulturelle Schande', die Staatsgeld ohne Gegenleistung kassiere."
Weiteres: Diedrich Diedrichsen denkt zum Neustart des Films noch einmal über E.T. nach ("Visionär wird E.T. dadurch, dass er so formelhaft und abstrakt durch das Kinderzeimmer eiert und überall emphatisch andockt, wo ein loses emotionales Ende herumhängt"). Jens Jessen sieht die letzte Rettung für Kirchs Bezahlfernsehen in der Pornografie. Volker Hagedorn porträtiert den "letzten lebenden Vertreter der alten deutschen Dirigentengeneration", Kurt Sanderling. Hanno Rauterberg stellt Stephan Braunfels' Haus für die neue Pinakothek der Moderne in München vor. Und in den Zeitläuften schreibt Klaus Günzel über Friederike Brion, die Goethe liebt.
Besprechungen gelten der Ausstellung "Ebenbilder" im Ruhrlandmuseum Essen, Jon Fosses Stück "Winter" in Jossi Wielers Zürcher Inszenierung, Wang Xiaoshuais Film "Beijing Bicycle" und der Michael-Sweertz-Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum.
Aufmacher des Literaturteils ist ein von Andreas Nentwich verfasstes Porträt des Schriftstellers Hartmut Lange. Besprochen werden unter anderem "Leichte Verfehlungen", der neue Roman von Elke Schmitter und Ian Burumas Buch "Anglomania". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)
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Frankfurter Rundschau, 27.03.2002
Mit dem Fall Peter Müller befasst sich auch Peter Michalzik in der FR. Allerdings ist er sich nicht so sicher, ob es wirklich Müller gewesen ist, der in Saarbrücken von "politischem Theater" gesprochen hat. Ergreift nicht die Allgemeinheit zuweilen vom Individuum Besitz und spricht durch seinen Mund? In diesem Fall womöglich sogar die Wahrheit, wie Michalzik glaubt: "Das politische Urteil wird nicht mehr von sachlichen Erwägungen dominiert. Woher sollten dafür auch die Kriterien kommen? Die haben sich uns längst entzogen, das Urteil ist ästhetisch geworden." Und der Bundesrat zur politischen Bühne. "Die Rede Peter Müllers im Saarbrücker Staatstheater wäre dann nur der sachgerechte Kommentar zur aktuellen Entwicklung gewesen. Er hätte mal wieder die Regeln kenntlich gemacht, denen Politik, die sich medial artikulieren muss, unterliegt. Wahrscheinlich musste es einfach mal wieder gesagt werden."
Na das passt ja wie angegossen! Robert Misik nämlich stellt uns einen Politikertypus vor, der sich auf Schaustellerei bestens versteht: den Rechtspopulisten. "Haider, Berlusconi, Fortuyn (Bossi, Kjaersgard, Blocher, Schill, ließe sich ergänzen), sie sind erst in der Pose ganz bei sich selbst. Sie verfügen über einen Authentizitätsbonus, der durch ihren Narzissmus getragen wird. Ihre Macken, ihre Sucht nach Aufmerksamkeit, ihre Respektlosigkeit, ihr Vorwitz, ihre Ignoranz gegenüber Gepflogenheiten und Realitäten, mit einem Wort, all jene Charaktereigenschaften, in denen sich ihre Exzentrik erweist, heben sie vom Typus des politischen Funktionärs ab, der im schlimmsten Fall nicht mehr ist als das Amt, das er bekleidet."
Außerdem: die "Times mager"-Kolumne kritisiert Wolf Biermanns Polemik gegen Saddam Hussein in der Welt, und Besprechungen widmen sich der Ausstellung "Mirroring Evil: Nazi Imagery / Recent Art" im Jewish Museum, New York, Jan Hrebejks schwarzer Kollaborateurs-Komödie "Wir müssen zusammenhalten", Marina Carrs skurriles Stück "Am Katzenmoor" im Theater Dortmund, einer Schau über "Das Geheimnis des Schattens", am Deutschen Architektur Museum in Frankfurt sowie Eugene O'Neills "Desire" am Hamburger Thalia Theater.
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Die Tageszeitung, 27.03.2002
Rasen wir im Höllensturz auf die Inflation zu? Helmut Höge jedenfalls sieht die Menetekel überall: Die Damen in den Bordellen nehmen nur noch harte Dollars, und, was schlimmer ist: die Lichtbildsammlungen werden wieder teurer. "Die bekam man in den Achtzigern bei den Trödlern noch fast geschenkt, wobei die durchschnittliche Lebensleistung einer Familie bei 5.000 bis 10.000 Dias lag, die zumeist der Mann geknipst hatte, weswegen auch fast immer seine Ehefrau den Vordergrund ausfüllte. Ich habe das dann umgedreht, indem ich die Dias aus der Zeitlichkeit raus zu neuen Serien zusammenfasste, in denen der Hintergrund gleich ungültig wird. Der Obertitel dafür heißt nun 'Frauen am Geländer', weil dies die häufigste Pose ist, gefolgt von 'Frauen mit Auto', 'Frauen, die Vögel füttern', 'Frauen mit Blumen' und 'Männer, die den Frauen was Neues zeigen'."
Außerdem: Katrin Bettina Müller liefert Eindrücke von der Ausstellung "Die griechische Klassik - Ideal und Wirklichkeit" im Berliner Martin-Gropius-Bau, Christiane Kühl hat sich in Janec Müllers "Product Placement" aus der Scirocco-Projekt-Trilogie am Theaterhaus Weimar über Konsumverwirrung aufklären lassen, Marcel Malachowski bespricht David Tebouls aufwendigen Bildband zum künstlerischen Werk Yves Saint Laurents (siehe auch unsere Bücherschau um 14 Uhr), und Niels Werber teilt seine bitteren Erfahrungen bei der Wohnungssuche in Innsbruck mit (trau keiner Garconniere!).
Auf der Medienseite kommentiert Gaby Hartel die Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden an das Duo Ammer/FM Einheit für "Crashing Aeroplanes" - eine Produktion, die unmittelbar nach 09/11 sicher gar nicht gut angekommen wäre.
Und in den Tagesthemen porträtiert der israelische Schriftsteller Uri Avnery den "Bulldozer" alias Ariel Sheinermann alias Ariel Scharon: "Seine Einstellungen sind primitiv, aber konsequent. Er hat die Engstirnigkeit des Dorfbewohners, kennt die Welt kaum. Darum hat er die Fähigkeit, weltumfassende Pläne aufzustellen, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben." Und Steffen Grimberg und Ralf Sotscheck kommentieren den Einstieg Rupert Murdochs ins Kirch-Geschäft. "Gesunde Unruhe im dualen System", erwartet der eine, Kirch sei das kleinere Übel, behauptet der andere.
Schließlich TOM.
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Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2002
Es gibt neue Spekulationen über den Tod Primo Levis, schreibt Franz Haas. In der britischen Viking Press ist unter dem Titel "The Double Bond" eine 900-Seiten-Biografie des Autors von Carole Angier erschienen (mehr hier). Darin entwickelt die Autorin nach Haas eine neue These über Levis Selbstmord: "Die Depression, die Primo Levi in den Selbstmord trieb, rühre nicht von Auschwitz her, sondern von einer ödipalen Bindung an die Mutter, die ihm jegliches Glück anderswo verwehrt habe. 'Sein gequältes Verhältnis zu Frauen' sei schon vor dem Lageraufenthalt evident gewesen, und auch danach sei er eher der Gefangene eines privaten, intimen Gefängnisses gewesen. - Carole Angier beruft sich auch auf bisher unbekannte Schriften aus dem Nachlass, die nur teilweise überzeugen: 'Ich glaube, dass ich nie von meiner Mutter umarmt worden bin', schreibt Levi. So erschwerend das für ein ganzes Leben sein kann, es sollte die Biografin nicht dazu berechtigen, von Auschwitz abzusehen. Denn fraglich ist, ob der Terror einer kalten Mutterliebe konkurrieren kann mit dem eines Todeslagers." Nebenbei sei vermerkt, dass der Hanser-Verlag "Das periodische System", Levis schönstes Buch wieder auflegt.
Im weiteren geht es heute in der NZZ um Kinderbücher. Wir erfahren von der Gründung eines Schweizer Instituts für Kinder- und Jugendmedien. Christina Thurner befasst sich mit der Aufarbeitung der Vergangenheit in Mädchenromanen. Gerda Wurzenberger stellt Kinderbücher aus Holland vor. Ursula Sinnreich präsentiert Neues aus Schweizer Bilderbuchverlagen. Buchbesprechungen widmen sich ferner einem Band mit Sigmund Freuds Reisebriefen und einer Anthologie mit "Lock- und Liebesgedichten". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)
Andere Besprechungen gelten der großen Surrealismus-Ausstellung in Paris, einem Konzert Jonathan Notts und der Bamberger Symphoniker in Zürich, Jan Fabres "Schwanensee"-Choreografie in Brügge, und "Il pirata" von Bellini in Biel.
Und im "Kleinen Glossar des Verschwindens" erinnert sich Joachim Güntner an die Eisblumen seiner Kindheit: "Ihren Namen fand ich immer verfehlt. Farne sah ich in ihnen, keine Blumen. Ihre filigranen Muster bestachen den optischen Sinn, doch es war eine kalte Pracht, deren Erstarrung sich auch atmosphärisch mitteilte. Vielleicht habe ich sie darum lange Zeit nicht vermisst und erst spät mit Bedauern bemerkt, dass sie aus meinen Wintermorgen seit Jahren verschwunden sind."
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Süddeutsche Zeitung, 27.03.2002
Die SZ druckt die gekürzte Fassung der Saarbrücker Rede, mit der Saarlands Ministerpräsident Peter Müller am vergangenen Sonntag einen Eklat verursachte. Müller untersucht das Verhältnis von Politik und medialer Inszenierung am Beispiel der Bundesratssitzung über das Zuwanderungsgesetz und der offenen Empörung seiner Partei über die Abstimmungsergebnisse. "Das war kein Zufall. Die dort geäußerte Empörung hinsichtlich der Feststellung des Bundestagspräsidenten entstand nicht spontan. Die Empörung haben wir verabredet ... es ist ein Theater, das in einer Kommunikationsgesellschaft unverzichtbar ist, um die Aufmerksamkeit für diese Sachverhalte zu erreichen."
Das sieht denn auch Gerhard Matzig ein. Zwar sei es fürchterlich, schreibt er, "wenn man sieht, wie dumm so ein Polit-Motor im Grunde konstruiert ist - es nützt nur nichts, daraufhin nach dem Krisenstab zu rufen". Und so richtig kompliziert, meint Matzig, würde es ja auch erst dann, "wenn einer von jenen, die jetzt so lautstark ihre Empörung über die 'inszenierte Empörung' inszenieren, wenn da einer aufstünde und zugeben würde, dass auch die Empörung über die Empörung nur ein relativ berechenbarer Teil jenes Phänomens ist, das die einen als Trickserei und die anderen als Politik bezeichnen".
Burkhard Müller-Ullrich untersucht die neueste Verschwörungstheorie zum 11. September. "L'effroyable imposture"- Die erschreckende Täuschung, heißt das Buch, in dem der Franzose Thierry Meyssan den Nachweis zu führen sucht, kein Flugzeug, sondern eine von US-Streitkräften gezündete Autobombe habe das Pentagon getroffen. Dass ausgerechnet Meyssan, der sich durch seinen Kampf gegen französische Holocaustgegner einen Namen gemacht hat, auf so eine Idee verfällt, findet Müller-Ullrich symptomatisch. "Denn sein negationististisches Geschäft ist angesichts der vielen Toten des Fluges AA77, deren Verschwinden er bloß durch ein Komplott ihrer Familien erklären kann, nicht minder menschenverachtend, als es die Tiraden der Shoah-Zweifler sind. So kippt wieder einmal die Aufklärung, extremistisch zugespitzt, ins Gegenteil."
Weitere Artikel: Marianne Heuwagen berichtet von einem weiteren Kulturtee in Kanzler Schröders "Sky-Lobby", diesmal: eine szenische Lesung von Moritz Rinkes "Republik Vineta". Alexander Menden liefert einen Lagebericht vom Haller "Osterfestival" für Neue Musik nach den Einsparungen, und Jörg Häntzschel annonciert den heute beginnenden arabischen Gipfel in Beirut.
Besprochen werden der Teeniefilm "Crossroads" mit Britney Spears, Enttäuschendes von George Balanchine, Giorgio Mancini und Saburo Teshigawara am Ballett des Grand Theatre Geneve, Volker Brauns "Limes. Mark Aurel" am Kasseler Theater, eine Werkschau des Malers Michael Sweerts im Rijksmuseum Amsterdam, Debussy, Ravel und Chausson, dirigiert von Christian Thielemann in der Münchner Gasteig-Philharmonie, zwei Mutter-Courage-Aufführungen am Theatre de la Colline in Paris und am Schauspiel Hannover im Vergleich, schließlich Lesefutter: Ulf Poschardts Merve-Bändchen über Sportwagen, eine gleichfalls rasende Biographie über die Rennfahrerbraut Clärenore Stinnes und Hermann Pauls Deutsches Wörterbuch in neuer Auflage (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
Archiv: Heute in den Feuilletons
Kritisch gemeinte Radetzkymarsch-Paraphrase
10.02.2012. Die Chinesen können Demokratie doch: Taiwan beweist es, konstatiert die NZZ. Die taz erklärt, was Cumbia ist. Der Economist staunt über die haarigen Mausklicker, die Acta verhindern. Rue89 zeigt den Like-Button mal anders. Die SZ fürchtet um die Privatsphäre. FAZ und Welt bewundern die Intimität des Blicks in in Benoit Jacqouts Berlinale-Eröffnungsfilm "Lebwohl meine Königin". Mehr lesen
Wegfall von Arbeit
09.02.2012. Heute beginnt die Berlinale. In der FAZ zeigen drei deutsche Regisseure auf Leerstellen, aus denen Erzählung werden sollen. Die FR freut sich auf tolle Anti-Kulakenfilme in der Berlinale-Retro. Der Freitag warnt vor dem geplanten Research Works Act in Amerika, der den Zugang zu Wissenschaft erschweren könnte. In der NZZ schreibt Georg Klein über Frost. Die Zeit staunt über Peter Nadas: den Autor, der auf 1700 Seiten dieses verdammte europäische Ich erledigt. Alle gratulieren dem großen Gerhard Richter zum Achtzigsten. Mehr lesen
Was für ein dramatisch schöner Jüngling Sie waren
08.02.2012. In der NZZ erklärt der nigerianische Dichter Obi Nwakanma die Strategie der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. In der Welt mahnt Wolf Lepenies: Die EU sollte nicht nur den Euro in Griechenland, sondern auch die Demokratie in Ungarn retten. Die taz erklärt, warum Peter Eisenmans "Ciudad de la Cultura" in Santiago de Compostela nicht gebaut wird. Die SZ ist froh, dass sich die chinesische Sprache so schlecht für Zensur eignet. Mehr lesen
Der Graf von Sandwich war in Gefahr
07.02.2012. "It's over, Facebook", ächzt Readwriteweb und wirbt für eine immer breitere Bewegung von Facebook-Abtrünnigen. David Cameron könnte als der britische Politiker in die Geschichte eingehen, unter dem Schottland von Großbritannien und England von der EU abfielen, meint Timothy Garton Ash im Guardian. Die NZZ zitiert eine Meldung aus ihrem Archiv vom 24. Brachmonat 1780, die später auch in einem Dickens-Roman verarbeitet wurde. Und in der FR warnt Götz Aly vor jenen, die Rinks mit Gut und Lechts mit Böse verwechseln. Mehr lesen
Archiv: Heute in den Feuilletons
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Archiv: Heute in den Feuilletons
2000PutIN, 2012PutOUT
06.02.2012. Die FAZ erzählt, warum Georg Baselitz so schlecht auf Berlin zu sprechen ist. Die FR gelangt nach längerem Nachdenken zur Verneinung eines Tweets von Erika Steinbach. Die NZZ ist begeistert über ein kammermusikalisches "Rheingold" in München. Die Zeit ist sehr aktiv in der Berichterstattung über Acta: Das Abkommen, auf dem die Hoffnungen der Verwerterindustrien beruhen, soll demnächst ratifiziert werden - aber Polen steigt aus. In den Blogs wird unterdes nicht mehr nur über das "geistige", sondern auch über das physische Eigentum diskutiert. Mehr lesen
Die ganze Welt inventarisieren
04.02.2012. In der NZZ sucht Graham Swift das Bleeding Heart von Dickens' London. In der FR sucht Mike Daisey, das Herz der Apple-Fetischisten. Die Welt rät von Elternratgeber ab. Der Tagesspiegel entlarvt die perfiden Techniken der neuen Machthaber im Büro: Sie poltern nicht, sie piepsen und blinken. Die FAZ stimmt auf die Berlinale ein und stellt fest: Jeder Stummfilm hat mehr Klang als 3D-Filme Tiefe. Mehr lesen
Hunde und Katzen, Liebe und Tod
03.02.2012. Alain de Botton hat ein Rad neu erfunden, das sich niemals richtig drehte, meint John Gray im Guardian zu Bottons Idee eines atheistischen Tempels. In der Welt verabschiedet Martin Andree den "Digital Dream" von einer Demokatisierung der Welt durch das Netz. Alle Zeitungen trauern um Wislawa Szymborska. Man darf sie zwar einen "Mozart der Poesie" nennen, aber nicht ohne ihr auch die "Wut eines Beethoven" zu bescheinigen, sagt die NZZ. Mehr lesen
Einschlusslöcher am Gebäudesockel
02.02.2012. Die Welt fragt: Gibt es in Deutschland eine Architektur jenseits der Restauration? Telepolis schildert die Risiken von Amazons Kindle: Wer seine Informationsfreiheit nutzt, droht seine Ebooks zu verlieren. Die Zeit stellt in ihrem Dossier fest: Frauen sind die Verliererinnen des arabischen Frühlings. Die FR konstatiert: Helmut Dietls "Zettl" ist ersoffen im guten Willen jener Politik, über die er sich mokieren will. Im Freitag empfiehlt Occupy-Vordenker Mark Greif ziellosen Zorn. Die Jungle World beerdigt den von Greifs Zeitschrift n+1 aufgespießten Hipster. Mehr lesen
So sehr ich Warhol schätze
01.02.2012. Die FAZ ist ganz einverstanden mit der Polemik des CDU-Abgeordneten Ansgar Heveling gegen die "vermeintliche Web-Avantgarde". Im Handelsblatt antwortet Frank Rieger vom Chaos Computer Club auf Hevelings Artikel. Die FAZ bringt auch ein Porträt des N+1-Herausgebers und Gesellschaftskritikers Mark Greif, der Hipster hasst. Die Münchner schlagen über Helmut Dietls Berlin die Hände über dem Kopf zusammen. Die FR greift eine sehr polemische Debatte um Robert Services vielgelobte Trotzki-Biografie auf. Mehr lesen
Also, Bürger, auf zur Wacht!
31.01.2012. Große Aufregung im Netz über eine Polemik des CDU-Politikers Ansgar Heveling im Handelsblatt, der das "geistige Eigentum" mit Rekurs auf die Französische Revolution verteidigt. Carta veröffentlicht einen "ergreifenden" Brief des ZDF-Hierarchen Elmar Theveßen an seine Kollegen. Eines der Probleme des ZDF: die Gehaltserhöhungen. Kenan Malik kommentiert am Beispiel Rushdie die erstaunliche Ängstlichkeit der Öffentlichkeit in der Frage der Meinungsfreiheit. In der taz meint Axel Honneth: Keiner simmelt den Weber wie Bourdieu. Die FAZ stört sich am zentralperspektivischen Aufbau der Ausstellung "Roads of Arabia" in Berlin. Mehr lesen
Weil es dem Franz so gefallen hat
30.01.2012. Jonathan Franzen erklärt im Telegraph, warum Kapitalisten gedruckte Bücher hassen. Die NZZ besucht Kafkas Nichte Vera Saudkova in Prag. Die Bloggerin Ulrike Langer staunt über ein Handbuch zum Journalismus, das als Standardwerk gilt und Ressentiments gegen das Netz verbreitet. Die FAZ ist sich uneins über den Kapitalismus. Die Welt stellt das Leipziger Architekten-Team Karo vor, das sich mit dem Leerstand in Ostdeutschland auseinandersetzt. In der taz porträtiert Gabriele Goettle die Historikerin Hannah Ahlheim. Mehr lesen
Das korrekte Verfahren für Anarchisten
28.01.2012. In der Welt findet der italienische Künstler Francesco Vezzoli seine Schau total explosiv. In der taz besteht Reyhan Sahin darauf, dass sie zugleich Professorin und Lady Bitch Ray sein kann. Die FAZ träumt vom Anarchismus, die SZ beobachtet, wie er totdiskutiert wird. Im Tagesspiegel meint Uwe Timm: Was dem Deutschen früher sein Militarismus war, ist ihm heute die Ökonomie. Alle sind beeindruckt von Marcel Reich-Ranickis Rede im Bundestag. Mehr lesen
Und die Emotionen suchen blind
27.01.2012. "Wir schaffen es nicht, uns von uns selbst zu befreien", seufzt Michail Schischkin in der NZZ. Die FR hat herausgefunden: Man kann noch billiger produzieren, als wo Apple produziert. Die taz hat herausgefunden: Julian Assange arbeitet in Moskau mit einem Kreml-treuen Sender zusammen. Die SZ sieht Lana del Rey als "erzkonservative Männerfantasie". Ach was, sie inszeniert sich selbst, widerspricht die Welt. Und: Carta ist wieder da! Mehr lesen
Ein irrer Cut
26.01.2012. Die Welt und alle anderen würdigen Theo Angelopoulos, der bei einem Unfall ums Leben kam. Im Freitag annoncieren die neuen Macher des Merkur, dass sie demnächst ein Blog eröffnen. Gegen das Internet kann man sowieso nichts mehr machen, konstatiert die Zeit. Die Jungle World will die Hoffnung auf den arabischen Frühling noch nicht aufgeben. Henryk Broder mokiert sich in der Weltwoche über eine aktuelle Antisemitismusstudie. Und die FAZ würdigt, was in Retro überlebt. Mehr lesen
Die Augenbrauen des Holofernes
25.01.2012. Die Welt lernt das Alphabet des Umsturzes. Die Frankfurter Rundschau fürchtet, dass die Berliner High Society nicht mit der Provinz mithalten kann. Die Japaner verlieren ihren Glauben an die Technik, beobachtet die NZZ. Die SZ konstatiert: Leistung lohnt sich nicht, wenn keiner hinsieht. Die FAZ versammelt Beispiele der französischen Liebe zu Amerika. Mehr lesen





