Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Die Beschneidungsdebatte: im Perlentaucher und in anderen Medien
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Essay
Zum sogenannten neuen Übersetzerstreit
Eine Antwort an Thomas Steinfeld. Von Burkhart Kroeber
02.02.2007. Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, kritisierte gestern die Übersetzer des "Verbandes deutschsprachiger Übersetzer", die im sogenannten "Übersetzerstreit" die Kompromissvorschläge der Verlage ablehnen. Sie verkennen nach Steinfeld, dass sich der kulturelle Wert ihrer Arbeit nicht mit Geld aufwiegen lässt. Der Umberto-Eco-Übersetzer Burkhart Kroeber wendet ein: Auch Übersetzer würden gern mehr als 1.000 Euro im Monat verdienen.
Auf anderen Gebieten ist es üblich und guter Brauch, dass man sich als Journalist, ehe man einen Artikel schreibt, wenigstens über die elementaren Tatsachen und Zusammenhänge der in Frage stehenden Materie kundig macht. Wer über Sozialpolitik oder die Probleme der Gesundheitsreform schreiben will, ohne sich mit den betreffenden Fakten und Zahlen beschäftigt zu haben, ist - jedenfalls in der seriösen Presse - nicht ernst zu nehmen. Dasselbe gilt für Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Sport und alle anderen Ressorts, sogar in gewissem Maß für die Klatschspalten. Frei aus der Luft gegriffene (oder aus Ressentiment geborene) Meinungen zu allen möglichen Themen sind an Stammtischen aller Art gratis zu haben, dazu braucht man keine Journalisten.
Anders steht es bei kulturpolitischen Themen wie dem sog. "Übersetzerstreit". Hier kann jeder Nachrichtenredakteur oder Kommentator ungeprüfte Behauptungen in die Welt setzen, abenteuerliche Zusammenhänge konstruieren und das Ganze zu apodiktischen Meinungen kondensieren, ohne auch nur im Ansatz irgend etwas zu recherchieren. So hat es der frischgebackene Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, Thomas Steinfeld, gerade wieder mal exemplarisch vorgeführt. Ihm zufolge ist die Tatsache, dass die Zahl der ins Deutsche übersetzten Titel im vergangenen Jahr um fast dreißig Prozent zurückgegangen ist, auf den hartnäckigen Wunsch der Übersetzer nach besseren Honoraren zurückzuführen. Wörtlich schreibt er: "Der unmittelbare Anlass für das plötzliche Nachlassen des Interesses an Übersetzungen ins Deutsche ist trivial genug: Seit fast fünf Jahren streitet sich der Verband deutschsprachiger Übersetzer - eine Lobby, in der sich ein Teil der Übersetzer zusammengeschlossen hat und die von der Gewerkschaft Verdi unterstützt wird - mit den Verlegern um eine 'angemessene Vergütung' ihrer Arbeit."
An diesem Satz ist so gut wie nichts richtig. Von einem "plötzlichen Nachlassen" des "Interesses an Übersetzungen" kann keine Rede sein: die Zahl der ins Deutsche übersetzten Titel sinkt schon seit mehreren Jahren, aber das Interesse der Verlage an Übersetzungen attraktiver, erfolgversprechender Bücher ist nach wie vor groß, es werden nur vielleicht nicht mehr so viele überflüssige, des Übersetzens gar nicht werte Ex-und-hopp-Bücher übersetzt. Dies zu recherchieren wäre nicht schwer gewesen, und die tieferen Ursachen zu ergründen wäre eine vornehme Aufgabe für Kulturjournalisten. Aber nein, Steinfeld glaubt einfach ungeprüft, was ihm die Verlegerlobby einbläst (die er freilich nicht so nennt) - ebenso auch, wenn er schreibt: "Einen Kompromissvorschlag, zu dessen Einhaltung die größten deutschen Publikumsverlage sich Anfang dieses Jahres selbst verpflichteten, wurde in dieser Woche vom Verband der deutschsprachigen Übersetzer abgelehnt."
Was für ein "Kompromissvorschlag" das ist und warum die Übersetzer ihn abgelehnt haben, wird nicht untersucht, es wird von vornherein unterstellt, dass die Gründe nur verbandspolitische Sturheit und/oder Verblendung sein können, niemand von den Betroffenen wird gefragt, nicht einmal die Presseerklärung des Übersetzerverbands wird zitiert, dafür wird mit dem Bild vom fünfjährigen "Streit" suggeriert, es handle sich um eine ähnlich zähe Angelegenheit wie bei den Verhandlungen über Krankenkassentarife oder dergleichen - dabei haben sich die Verleger bisher konsequent geweigert, überhaupt richtig zu verhandeln. Mit einem Wort, die vornehmste Pflicht des Berichterstatters, ein möglichst objektives Bild der Sachlage zu vermitteln (audiatur et altera pars), ist offensichtlich ersatzlos gestrichen.
Statt dessen behauptet Steinfeld - mit einem abenteuerlichen Umweg über eine in Berlin geplante Gründung eines "Hauses der deutschen Sprache", von der man sich vergeblich fragt, was die mit dem Thema zu tun haben soll -, dass die Übersetzer ihre Arbeit nur noch als "finanzielle und bürokratische Realität" sähen und sich keine Gedanken machten über "das kulturelle Apriori ihrer Arbeit - den 'kulturellen Dialog' oder wie immer man den Austausch zwischen Sprachen und Kulturen auch nennen mag". Woher er das wissen will, bleibt sein Geheimnis, eine auch nur halbwegs als solche erkennbare Begründung sucht man vergebens. Der ganze Artikel strotzt nur so von Voreingenommenheit: gegen die Übersetzer, die nicht nach ihren Argumenten gefragt worden sind, und für die Verlage, denen er blindlings glaubt. In jedem anderen Ressort der SZ wäre solch ein schlecht recherchierter, sachlich unsauberer, wilde Zusammenhänge insinuierender Artikel zurückgewiesen worden, im Feuilleton schreibt ihn der Chef selbst.
Riskieren tut er dabei freilich nichts: Die Übersetzer können sich mangels Masse und Macht nicht gegen seine Unterstellungen wehren, und den Verlegern redet er brav nach dem Mund. Die Leser bleiben die Dummen, denn ihnen wird nicht erklärt, was es mit dem sog. "Übersetzerstreit" auf sich hat (was ja vielleicht doch mal ganz interessant für ein Feuilleton wäre), sondern de facto nahegelegt, die ganze Sache als bloßen Streit zwischen "Lobbyisten" abzutun. So redet man an Stammtischen: ahnungslos, aber meinungsstark.
PS: Um in aller Knappheit zu sagen, worum es tatsächlich geht: Buchübersetzer werden seit jeher (nur deswegen funktioniert es: weil es "schon immer so war") völlig unangemessen bezahlt, wir müssen von ca. 1000 Euro pro Monat leben. Um das zu ändern, wurde vor knapp fünf Jahren ein Gesetz beschlossen, das Verhandlungen zwischen Urheber- und Verwerterverbänden - hier: zwischen Übersetzern und Verlegern - über eine "angemessene Vergütung" der Urheber vorsieht. Diesen Verhandlungen haben sich die Verleger bis heute mit wechselnden Argumenten entzogen, offenbar in der Hoffnung, dass das ihnen unangenehme Gesetz irgendwann kassiert wird. Die jetzt bekanntgegebene "Selbstverpflichtung" von zwölf der größten deutschen Publikumsverlage, das sog. "Münchner Modell", das angeblich allen Übersetzern eine gestaffelte Beteiligung am Erfolg ihrer Bücher anbietet, ist eine geschickte PR-Aktion, aber reine Augenwischerei, da die Beteiligung mit dem zum "Vorschuss" umdefinierten Seitenhonorar verrechnet werden soll. Ein paar Eingaben in den Taschenrechner genügen, um zu erkennen, dass nach diesem Modell die Übersetzer für durchschnittlich gut verkaufte Bücher keinen Cent mehr als bisher, für überdurchschnittlich erfolgreiche ein paar wenige Taler mehr, für richtige Bestseller aber ganz wesentlich weniger bekämen. Darum haben sie dieses Modell einhellig abgelehnt und fordern die Verleger weiterhin, wie nun schon seit bald fünf Jahren, zu fairen Verhandlungen auf.
*
Burkhart Kroeber, geboren 1940, übersetzt seit über dreißig Jahren literarische und andere Bücher vorwiegend aus dem Italienischen, namentlich die Werke von Umberto Eco und Italo Calvino.
Archiv: Essay
Monotheismus-Debatte im Perlentaucher
24.05.2013. Alle Artikel der von Jan Assmann angestoßenen Debatte zu Monotheismus und Gewalt im Perlentaucher, aktualisiert am 24. Mai. Mehr lesen
Guido Graf: Der Kitt und die Losigkeit
24.05.2013. Aus Anlass einer Tagung in Hildesheim: Ideen zu einem neuen Literaturbetrieb. Mehr lesen
Jan Assmann: Monotheismus der Treue
17.05.2013. Die Frage ist nicht, ob der Monotheismus die Welt grausamer gemacht hat, sondern ob er neue Argumente geliefert hat, Gewalt und Grausamkeit zu legitimieren. Für die Humanisierung gewaltlegitimierender Texte könnte die jüdische Auslegungstradition ein Vorbild sein. Mehr lesen
Ralf Bönt: Als mir die Energie zum Schlafen fehlte
07.05.2013. Die Fernsehmoderatorin Vanessa Blumhagen feiert große Erfolge mit ihrem Buch über die Hashimoto-Krankheit - aber sie liegt wahrscheinlich falsch. Trotzdem offenbart ihre Geschichte viel über das erodierende Arzt-Patient-Verhältnis und über die Segnungen des Netzes. Reflexion am eigenen Beispiel
Mehr lesen
Marcia Pally: The Hebrew Bible is a problem set
02.05.2013. The idea that one should look to Judaic monotheism for the root of anti-Semitism (or other violence) is a key confusion in this discussion, especially since Jan Assmann has no intention to blame Jews. Some ways out of an unproductive circle. Mehr lesen
Micha Brumlik: Respektabel, aber falsch
11.04.2013. Ein historischer Rundblick zeigt, dass es keine "mosaische Unterscheidung" brauchte, um im Namen einer Religion die eigenen Leute und andere zu massakrieren: eine Widerlegung der Assmann-Sloterdijk-Hypothese. Mehr lesen
Rolf Schieder: Mose, der Politiker
09.04.2013. Die wirkliche Sensation der Sinaierzählung besteht in der Transformation eines Königskults in eine Volksreligion, im Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk - ohne Vermittlung durch einen König. Nach der von Jan Assmann lancierten Debatte wäre eine erinnerungsgeschichtliche Rekonstruktion der Mosefigur als internationales Projekt anzuregen. Mehr lesen
Peter Mathews: Europa Jetzt und Immer
02.04.2013. Die verzagte Europa-Rede des Bundespräsidenten Joachim Gauck zeigte, dass sich die europäische Idee ihrer eigenen Geschichte nicht bewusst ist. Aber die bis zum Überdruss wiederholte Formel vom "fehlenden Gründungsmythos" ist falsch. Europa muss sich nur trauen - und an das "Junge Europa" erinnern.
Mehr lesen
Jens-Martin Eriksen , Frederik Stjernfelt: Der Voldemort unter den politischen Themen
18.03.2013. Die Fernsehserie "Borgen" beansprucht, einen präzisen Blick in die dänische Politik zu werfen: Aber das Thema, das Dänemark traumatisierte wie kein anderes, kommt in ihr nicht vor: Der Karikaturenstreit und die Islam-Debatte. Es gibt aber eine andere dänische Serie zum Thema: "Cellen", gedreht Regisseur und Komiker Omar Marzouk. Nur will sie keiner senden! Mehr lesen
Jan Assmann: Monotheismus ohne Mose?
07.03.2013. Als nicht revolutionär, sondern evolutionär beschreibt Markus Witte die israelitische Religionsgeschichte. Doch der Widerspruch zwischen einer evolutionären Entwicklung und den revolutionären Ideen von Bruch und Stiftung findet in der Bibel selbst statt und beschreibt eine innerbiblische Spannung und Dynamik. Mehr lesen
Markus Witte: Von der Weisheit des Glaubens an den einen Gott
04.03.2013. Die bisherige Debatte über den biblischen Monotheismus ist zu sehr auf die Figur des Mose und die Exodus-Überlieferung fixiert. Ein ganz anderes Bild des altisraelitischen Eingott-Glaubens ergibt sich, wenn man die anderen Bücher der Bibel, insbesondere die Weisheitsliteratur, heranzieht. Mehr lesen
Peter Sloterdijk: Im Schatten des Sinai
21.02.2013. Die Erzählung vom Bundesbruch durch den Tanz um das Goldene Kalb und die darauf durch Mose entfesselte Schlächterei ist grundlegend für das Judentum, aber auch für Christentum, Islam und säkulare Religionen. Dieses "Sinai-Schema" konfrontiert Gläubige mit der Forderung, Vertrauen in Gottes Gnade zu fassen, da er sie sonst gnadenlos vernichten wird. Wie umgehen mit den Intoleranz-Resten von Religion? Mehr lesen
Klaus Müller: Plädoyer für das Sowohl als auch
11.02.2013. Es geht Jan Assmann nicht primär um die Gewalthaltigkeit des Monotheismus, sondern um das Projekt der Aufklärung, das "wahr/falsch" der mosaischen Unterscheidung in einem höheren "Sowohl - als auch" aufzuheben. Dies stellt aber keine Gegenposition zur christlichen Theologie dar, sondern bildet einen in ihr seit je präsenten Tiefenstrom. Mehr lesen
Bernhard Lang: Mose und der zornmütige Gott
06.02.2013. Ist es überhaupt sinnvoll, von einer "mosaischen Unterscheidung" zu sprechen? Nur die Lektüre der Bibel gibt hierüber Aufschluss. Ein Beitrag zur Monotheismus-Debatte. Mehr lesen
Bernhard Giesen: Identität und Transzendenz
31.01.2013. Poly- und Monotheismus lösen sich nicht nur ab in der Religionsgeschichte; in komplexen Gesellschaften existieren sie auch als Perspektiven unterschiedlicher Trägerkreise nebeneinander. Die Gewaltneigung der monotheistischen Perspektive ergibt sich aus der spannungsreichen Grenzsituation zum Polytheismus und anderen Monotheismen. Mehr lesen
Am häufigsten kommentierte Bücher
Wolfgang Herrndorf: Tschick
"Ich muss dir ein Geheimnis verraten", sagte ich. "Ich bin der größte Feigling unter der Sonne. … mehr lesen
Hans-Peter Riegel: Beuys
Joseph Beuys, der hervorragende Lehrer und Weltverbesserer, gilt als bekanntester deutscher Künstler neben Albrecht Dürer. … mehr lesen
Robert Louis Stevenson: Die Ebbe
Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Klaus Modick. Herrick, Huish und Davis, drei zerrüttete … mehr lesen




