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Essay

Fretwurst, der Deutsche

Ethnische Politik im 20. Jahrhundert: Eine Folge des Strebens nach nationaler und sozialer Gleichheit. Von Götz Aly

17.09.2010. Wer aus den Gewaltexzessen des 20. Jahrhunderts lernen will, sollte sich zu einer Darstellung der Widersprüche  entschließen. Eine Parzellierung der Erinnerung nach lauter Opferidentitäten, vermeidet die Frage nach geschichtlichen Kontexten. Ein Vortrag beim Symposion "Flucht, Vertreibung, 'Ethnische Säuberung'"

Götz Aly hat diesen Vortrag am Donnerstag beim Symposion "Flucht, Vertreibung, 'Ethnische Säuberung'" im Deutschen Historischen Museum Berlin gehalten (Programm als pdf-Dokument). Wir danken ihm für die Abdruckgenehmigung (D.Red.)

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Der Titel dieses Symposiums heißt "Flucht, Vertreibung, 'Ethnische Säuberung'" und legt nahe: Wer fliehen muss, ist Opfer; wer vertreibt, ist Täter; wer ethnische Säuberungen ins Auge fasst, gehört zum moralisch diskreditierten Teil der Menschheit. Nicht wenige Historiker und Kuratoren scheiden "gute" und "böse" geschichtliche Entwicklungslinien. Optimisten lieben solche bipolaren Konstruktionen. Sie wärmen ihr Publikum an dem Gefühl, es stünde auf der sicheren, nämlich der besseren Seite des Weltenlaufs. Doch wer aus den Gewaltexzessen des 20. Jahrhunderts lernen will, sollte sich zur widerspruchsvollen und verstörenden Darstellung entschließen: zur provozierenden Ratlosigkeit - einer Ratlosigkeit, die das Fragen und Nachdenken anregt.

In dem vorliegenden Tagungsprogramm fand der Mord an den europäischen Juden keinen Platz. Möglicherweise gilt das Thema als zu sperrig. Doch zweifellos gehörten die europäischen Juden zu den Opfern ethnischer Politik im 20. Jahrhundert. Wenn 1941 in der deutschen Verwaltung von "Judenaussiedlung" und "-umsiedlung" gesprochen wurde, dann tarnten diese Begriffe nicht allein das Morden, sie deuteten auch auf die Genesis des Projekts "Endlösung": die Entrechtung, Enteignung und Vertreibung einer unliebsamen, schon lange mit Neid und Missgunst bedachten Minderheit. Die Juden bildeten, um es mit Hannah Arendt zu sagen, im nationalistischen Europa der 1920er- und 1930er-Jahre die Minderheit par excellence. Sie verfügten über keinen Staat, der sie schützte, keine Armee. Für sie gab es kein Territorium, das Zufluchtsort oder Vertreibungsziel hätte sein können. Es wurde 1938 noch gesucht. Immer mehr Juden dachten damals an Palästina, Roosevelt dachte an Äthiopien, der polnische Außenminister an Madagaskar.

Das ungarische Parlament beschloss im Frühjahr 1939 ein Gesetz, das für die meisten Juden die Möglichkeit zum Broterwerb stark reduzierte und die Regierung ermächtigte, "die Auswanderung der Juden zu fördern" und deren Vermögen per Verordnung zu beschlagnahmen. Polen erließ seit den 1920er-Jahren antijüdische Gesetze in großer Zahl und nahm den Juden zudem Rechte auf kaltem Verwaltungsweg. Ähnlich verhielt es sich im griechischen Thessaloniki und in Rumänien. Doch stellten die antisemitischen Gesetze und Maßnahmen, die Deutschland seit 1933 in dichter Folge verfügte, all das in den Schatten. Auf öffentlichen Zuspruch und vielfaches Schweigen gestützt enteigneten und vertrieben deutsche Beamte bis Kriegsbeginn etwa 300.000 Juden aus Deutschland, Österreich, Böhmen und Mähren. Mehr als tausend Juden wurden in dieser Zeit ermordet.

Zwei Jahre nach Kriegsbeginn, am 31. Juli 1941, beauftragte Hermann Göring Reinhardt Heydrich mit der "Gesamtlösung der europäischen Judenfrage", am selben Tag warnte das Untergrundblatt Placowka, das im deutsch besetzten Polen für die rechtsnationale Bauernbewegung sprach, vor der Rückkehr der Juden im dereinst von den Deutschen befreiten Polen. Die Juden würden dann abermals versuchen, "ihr Finanzimperium zu errichten und auf dem Marsch zur Herrschaft über Polen und die ganze Welt weiter voranschreiten". Ein römisch-katholischer Geistlicher schrieb damals in einem Rapport zur Lage der polnischen Kirche unter dem Joch der deutschen Herrschaft: "Was die jüdische Frage angeht, so ist von einer eigentümlichen Fügung göttlicher Vorsehung zu berichten. Neben so vielem Unrecht, das die Deutschen unserem Land angetan haben und weiterhin antun, haben sie in dieser Hinsicht einen guten Anfang gemacht und eine Möglichkeit aufgezeigt, die polnische Bevölkerung von der jüdischen Plage zu befreien, einen Weg, der natürlich weniger grausam, jedoch konsequent vom dereinst befreiten Polen selbst einzuschlagen ist."

So eindeutig antisemitisch solche Texte sind, dokumentieren sie ebenso eindeutig die deutsche Verantwortung für den Holocaust. Die geistige und organisatorische Initiative, juristisch gesprochen: die Tatherrschaft lag in Berlin. Kein anderer europäischer Staat betrieb im 20. Jahrhundert Vertreibungsprogramme, die den kompletten Mord einer Minderheit zum Ziel hatten. Der in Berlin seit 1939/40 ausgearbeitete Generalplan Ost wurde immer weitgreifender formuliert. Im Sommer 1941 war vorgesehen, an die 50 Millionen Slawen und Juden zu vertreiben und mehrere Zehnmillionen dabei verhungern zu lassen oder aktiv zu ermorden. Am 3. September 1941 schickte Rolf-Heinz Höppner eine Planungsskizze an seinen Chef Adolf Eichmann, der damals generell für Umsiedlungen zuständig war. Das Papier handelte davon, wie Massenumsiedlungen von Juden und Slawen in noch zu erobernde, besonders unwirtliche Gegenden der Sowjetunion zu organisieren seien. Am Ende warf Höppner die Frage auf: "Wesentlich [für die Umsiedlungen] ist im übrigen, dass von Anfang an völlige Klarheit darüber herrscht, was nun mit diesen ausgesiedelten Volksteilen endgültig geschehen soll, ob das Ziel darin besteht, ihnen ein gewisses Leben für dauernd zu sichern, oder ob sie völlig ausgemerzt werden sollen."

Nicht in der gnadenlosen deutschen Mordpraxis, nicht in der ungeheuerlichen Radikalität, wohl aber in einzelnen Grundgedanken und Zielsetzungen berührten sich die deutschen Praktiken mit der ethnokratischen Politik in anderen Staaten. Das erklärt die - unterschiedlich starke - Unterstützung der deutschen antijüdischen Politik in einzelnen besetzten und verbündeten Ländern und deren langfristigen Folgen. In den letzten Kriegsmonaten erklärte der tschechische Exilpräsident Edvard Benes in London: Die Juden zu repatriieren werde "die Regierung mit Schwierigkeiten konfrontieren". Hochrangige Vertreter der französischen Resistance empfahlen Charles de Gaulle in der zweiten Kriegshälfte, er solle nicht versprechen, die deportierten Juden nach Frankreich zurückzubringen. Das könne seinem Ansehen schaden. Als der alliierte Sieg in greifbare Nähe rückte, gründeten Franzosen einen Interessenverband derjenigen, die das Eigentum von Juden erworben hatten und es behalten wollten. Sie organisierten Demonstrationen gegen die Heimkehrer. Ähnliches geschah in Griechenland.

Noch heute sind in Brest ebenso wie in Thessaloniki Gartenwege mit den Grabsteinen der jüdischen Friedhöfe gepflastert; die Hauptsynagoge im lettischen Daugavpils (Dünaburg) war jahrzehntelang eine Lagerhalle, mittlerweile ist sie äußerlich perfekt saniert - innen ein beliebter Elektronikmarkt; die Hauptsynagoge in Posen bauten die Deutschen 1940 zum Hallenbad um, bei dieser Nutzung blieb es in Poznan bis heute. In Thessaloniki steht die Universität auf dem Gelände des jüdischen Friedhofs, in Wilna prunkt eine große Sportarena auf dem 1948 eingeebneten alten jüdischen Friedhof. Den mit 70.000 Gräbern belegten neuen jüdischen Friedhof ließ die Stadtverwaltung 1958 abtragen. Sie ließ die Grabsteine glatt schleifen und zur Zierde litauischer Sowjetbauten nutzen, den Stadtpark erweitern und eine gewaltige, höchst beliebte Bühne für Open-air-Festivals auf dem ehemaligen Friedhof bauen.

Die Hinterlassenschaften der Verjagten und Ermordeten wurden zur materiellen Ressource der national homogenisierten Mehrheits- und Massengesellschaften, die frei gewordenen Arbeitsstellen wurden von Angehörigen der jeweiligen Mehrheitsgesellschaften besetzt und verhalfen diesen zum sozialen Aufstieg. In Ungarn schlug der Presseattache der Deutschen Gesandtschaft 1944 vor, "dass aus dem jüdischen Vermögen eine Stiftung für die Erhöhung der Arbeitslöhne gegründet werden sollte, um soziale Spannungen zu lindern". Die Zeitung Magyarsag vertrat die Ansicht, das Gesamtvermögen der ungarischen Juden sollte "zum Staatsvermögen geschlagen werden, um damit Sozialmaßnahmen zu finanzieren". Ungarische Juden hatten etwa zehn Prozent der land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen Ungarns besessen, diese hatte die Regierung schon in den Kriegsjahren parzelliert und an arme christliche Ungarn übereignet.

Bevor 1933 die "Arisierung" des jüdischen Eigentums Platz griff, praktizierten andere europäische Staaten die Polonisierung, die Lettisierung, Hellenisierung und Romanisierung auf Kosten nationaler Minderheiten. 1945 erklärte Edvard Benes die Nationalisierung des deutschen und ungarischen Eigentums in der Tschechoslowakei "als Beginn eines großen sozialen Umsturzes". Im jugoslawischen Banat plante Tito das Land, das die Deutschen besaßen, insgesamt 637.000 Hektar, schon während des Krieges als hauptsächliche Verfügungsmasse für die kommunistische Landreform ein; die Äcker und Weiden kamen später serbischen Neusiedlern aus den Armutsregionen des Karsts zugute. Auch der von deutschen Planern seit 1940 in mehreren Stufen entwickelte Generalplan Ost enthielt solche Elemente. Als germanische Neusiedler waren neben den auslandsdeutschen Umsiedlern Hunderttausende deutsche Bauern aus den verarmten ländlichen Erbteilungsgebieten des Schwarzwalds, der Pfalz, der Eifel und des Thüringer Waldes vorgesehen, aber auch Dänen, Norweger, Flamen und Holländer. Wobei für einen "germanischen" Neusiedlerhof, drei polnische Höfe zusammengelegt und entsprechend viele Menschen vertrieben wurden.

Neulich fragte ich eine Journalistenkollegin unvermittelt: "Was haben denn Deine Großeltern in der NS-Zeit gemacht?" "Ach", erwiderte sie, "man darf es gar nicht laut sagen. Die waren arme Bergbauern im Erzgebirge und gingen dann als Siedler ins besetzte Polen. 1945 sind sie wieder zurückgekommen. Sie hatten Glück." Im Tagebuch des ungarischen Juden Sandor Marai heißt es über eine Begegnung im Frühjahr 1945 auf der Flucht vor der Roten Armee: "Auf der Landstraße gesellt sich jemand zu mir. Er ist aus Lajosmizse geflohen und bereut es nun sehr. 'Ich bin auf die Propaganda hereingefallen', sagt er. Ich beruhige ihn, dass er bald heimkehren könne. Verstört murmelt er: 'Ich besitze zwei Morgen Judenland, was meinen Sie, ob ich es wohl behalten kann?'" So harmlos sprachen und fühlten die kleinen Nutznießer von Vertreibung und Mord.

Während in Westungarn im Februar 1945 noch jüdisches Eigentum an ungarische Flüchtlinge aus Transsilvanien verteilt wurde, die vor den Rumänen hatten fliehen müssen, schritt die bereits installierte Provisorische Ungarische Nationalregierung in dem von der Roten Armee eroberten Debrecen zur Enteignung der großen deutschen Minderheit. Die Zwecke blieben dieselben, ebenso die ausführenden Beamten, die eben noch im Auftrag der mit Deutschland kollaborierenden ungarischen Zentralregierung das Eigentum der Juden eingezogen und zugunsten der Staatskasse an Ungarn verkauft hatten. Die Verordnung zur Enteignung der Deutschen trägt die Unterschrift des damaligen Landwirtschaftsministers Imre Nagy, des späteren Helden und Märtyrers des Volksaufstands von 1956. Das Gesetz zur Vertreibung der Deutschen aus Ungarn unterzeichnete im Dezember 1945 Zoltan Tily. Die Kommunisten drängten diesen linksbürgerlichen Politiker 1948 aus dem Amt, 1956 gehörte auch er zu den Führern des antistalinistischen Aufstands.

Die rassistische Praxis der Deutschen im Zweiten Weltkrieg enthielt auch Angebote an arbeitswillige, gut ausgebildete Teile der slawischen Bevölkerung. Da ist der slawisch-schlesische Großvater, der sich, wie das Familienfoto belegt, ein Hitlerbild ins Wohnzimmer hängte und 1942 die deutsche Staatsbürgerschaft erlangte, 1947 als Deutscher in die sowjetisch besetzte Zone vertrieben wurde, obwohl er lieber im nun polnischen Schlesien geblieben wäre, dann jedoch - als loyaler Staatsbürger der DDR - das Porträt von Ernst Thälmann in den Wechselrahmen schob. Sowohl Polen als auch Hitlerdeutschland und die DDR konnten sich auf die staatsbürgerliche Loyalität dieses einfachen und wohlgesinnten Mannes jeweils verlassen. Übrigens landete dieser Großvater nur zufällig in der DDR, eigentlich sollte der Zug in die amerikanische Besatzungszone geleitet werden, aber bei Leipzig ging die Lokomotive kaputt. Er wäre auch in der Bundesrepublik ein loyaler Staatsbürger geworden, statt eines totalitären Führers hätte er sich dort vermutlich Dürers "Feldhasen" oder "Betende Hände" ins Wohnzimmer gehängt - zum Zeichen seiner Deutschheit.

Ich könnte meinen Vater als kleinen Mitläufer darstellen, einfachen Kaufmann, Reserveleutnant des Infanterie-Regiments 12 in Halberstadt, der im Februar 1943 nach sechs Wochen Ostfront im ersten Gefecht schwerverwundet seine Kriegsverwendungsfähigkeit verlor und nichts oder fast nichts Böses getan hat. Aber wie dachte er damals? Wie schon seine Eltern war er im VDA aktiv, dem Verein für das Deutschtum im Ausland. Das war nichts Besonderes in Zeiten nationalistischer Hochglut. Doch bei einem Spaziergang im Nymphenburger Schlossgarten fragte der damals 29-Jährige seine 19-jährige Braut, ob sie ihm nach Saratow, dem Zentrum der Wolgadeutschen, folgen würde. Man habe ihm dort eine gehobene Stelle in Aussicht gestellt. Meine Mutter nickte. Saratow haben die deutschen Truppen nie erreicht. Mein Dank geht an die Soldaten der Roten Armee.

Meinem deutlich ältereren Schwiegervater war Hitler zuwider. Seine Briefe dokumentieren das eindrucksvoll. Vor dem Sündenfall bewahrte ihn das nicht. Er hatte in den 1920er-Jahren in Leipzig einen kleinen Verlag gegründet, erfand 1925 den Begriff "Luft-Hansa" als Titel eines Buches über "luftpolitische Möglichkeiten", ging in der Weltwirtschaftskrise pleite und musste widerwillig als Angestellter arbeiten. Nach dem Sieg über Frankreich hoffte er auf seine zweite Chance. Am 17. September 1940 fragte er beim Börsenverein des deutschen Buchhandels an, ob nicht im wiedergewonnenen Elsass, gerne in Straßburg, eine passende Verlagsbuchhandlung für ihn frei werde. Wer so schreibt - und sei es, wie in diesem Fall, erfolglos -, der muss kein Franzosen-, Juden- oder Slawenhasser sein, aber er wird aus purem Selbstschutz alle Informationen über das Schicksal der Geflüchteten und Vertriebenen von sich fernhalten. Er wird gegen Deportationen nicht protestieren, sondern wegschauen und hinterher im Brustton der Überzeugung sagen, er habe von den entsetzlichen Grausamkeiten nichts gewusst.

In den Jahren 1919/21 optierten die meisten Juden jener Provinzen, die das Deutsche Reich an Polen abtreten musste, für Deutschland und verließen ihre Heimat in Richtung Berlin - aus antipolnischen Gefühlen und aus Angst vor dem polnischen Antisemitismus. Kurt Tucholsky, der Inbegriff eines deutsch-jüdischen antifaschistischen Schriftstellers, leitete 1920/21 das für die oberschlesischen Abstimmungskämpfe herausgegebene, von der Reichsregierung finanzierte rassistische Witz- und Kampfblatt Pieron. Darin ließ er Polen als versoffene Dreckfinken, als Wanzen und Läuse zeichnen, die anonym verfassten Schüttelreime steuerte Tucholsky selber bei:

"Wir polnischen Hexen, wir speien auf Frieden
Wir säen die Hetze, wir sind nie zufrieden
Wir haben das Land in Aufruhr gebracht
Wir Hexen
Wann sinken wir einmal zurück in die Nacht
Wir polnischen, polnischen Hexen."

Zu den Mitarbeitern des Pieron gehörte auch der populäre Berliner Zeichner Heinrich Zille, der eine sehr eindeutige Zwei-Personen-Zeichnung so unterschrieb: "'Welches ist der Pole und welches ist der Deutsche?' - 'Tummer Aas - nächstens fragst du noch nach dem Unterschied zwischen Rose und Nachttopp'."

Im November 1918 legte der altelsässische Oberrabbiner von Straßburg sein Amt nieder, um die einrückenden französischen Truppen nicht grüßen zu müssen. Albert Schweitzers Schwiegervater, der Historiker Harry Bresslau, wurde 1918 - wie die meisten seit 1871 zugezogenen Deutschen - von Franzosen über die Rheinbrücke bei Straßburg nach Deutschland verjagt, und zwar als "pangermaniste militant". Wie später die Deutschen im besetzten Polen teilten die Franzosen die Bevölkerung in vier Gruppen ein: Vollfranzosen, Teilfranzosen, Ausländer und Deutsche. Von letzteren vertrieben sie etwa 200.000.

Wie reagiert Erinnerungspolitik auf solche unübersichtlichen Lagen? Sie trennt die Probleme. Sie rückt die Opfer in den Mittelpunkt und ermuntert zur Identifikation. Parallel dazu stilisiert sie die Täter zu schier außerirdischen Exekutoren, die den heute Lebenden derart fremd erscheinen, dass der Betrachter hinterher getrost erklären kann: "Mit diesen geschichtlich Angeklagten bin ich weder verwandt noch verschwägert." Hierzulande bezeichnen wir sie in familiengeschichtlich kaum zu überbrückender Distanziertheit gerne als "die Nationalsozialisten", das "NS-Regime" oder "die Rassenantisemiten". In Berlin präsentieren wir beeindruckende Gedenkstätten über die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland; wir ehren die Helden des antinazistischen Widerstands, wir erinnern an die Opfer des Kommunismus und demnächst - vielleicht! - an die zwölf Millionen deutschen Heimatvertriebenen. Alle Gedenkstätten sind thematisch eng begrenzt, sie scheuen die größere nationalgeschichtliche, erst recht die europäische Perspektive. Wer Erinnerung derart parzelliert, vermeidet die anstrengende Frage nach geschichtlichen Kontexten und nach lebensgeschichtlichen Irrungen und Wirrungen.

Logischerweise ereignen sich die größeren und kleineren erinnerungspolitischen Skandale im Niemandsland zwischen den verschiedenen Gedenkzonen. Ein deutscher Bischof setzte vor einiger Zeit eine palästinensische Flüchtlingssiedlung mit dem Warschauer Ghetto gleich; Jörg Friedrich malte mit expressionistischer Kraft aus, wie deutsche Frauen und Kinder im Feuersturm der Bombennächte an Kohlenmonoxyd erstickten, also den Gastod erlitten; eine Stasi-Gedenkstätte ehrt einen Rechtsanwalt als Opfer des Stalinismus, der 1938 die Juden von Chemnitz an führender Stelle enteignete; unser ehemaliger Kulturstaatssekretär Hermann Schäfer machte 2006 auf sich aufmerksam, als er in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald unversehens über die Vertreibung der Deutschen sprach. Der Historiker Ernst Nolte trieb die Sache auf die Spitze und überbrückte die Isolationskorridore zwischen kommunistischem Gulag und nationalsozialistischem Holocaust mit Begriffen, die unweigerlich zum Kurzschluss zwischen mehreren Erinnerungskreisläufen führen müssen: "Kausaler Nexus" und "historisches und faktisches Prius". Die Preußische Treuhand freute sich diebisch, als sie die polnische Regierung mit den Restitutionsansprüchen einer einst in Breslau sesshaften deutsch-jüdischen Familie in Verlegenheit bringen konnte.

Derselben Logik folgt der geschichtspolitische Ärger in anderen Ländern. Man denke an die polnischen Debatten um das Pogrom von Jedwabne oder die hilflosen tschechischen Reaktionen auf die Filmszenen von der Liquidierung deutscher Zivilisten im Mai 1945 mitten in Prag, die kürzlich auftauchten. Der offensichtliche Mord ist das eine, das andere sind die vielen Zuschauer und Mitwisser und die Tatsache, dass die Täter bislang als Helden des sogenannten Prager Aufstands 1945 galten. Die vielfältig - zum einen national, zum anderen thematisch - geteilten Optiken schaffen genau abgezirkelte Erinnerungsperspektiven, handlich vergröberte Geschichtsbilder und eifrig bewachte Tabuzonen. Aber das Interessante liegt meistens im nicht oder wenig thematisierten Zwischenreich. Insoweit erweist sich die Romanliteratur der Geschichtsschreibung oft als überlegen. Ich denke zum Beispiel an "Levins Mühle" von Johannes Bobrowski, an "Jenseits von Epirus" von Nikos Themelis, an "Die Reise nach Alaska" von Bora Cosic oder an "Jahrestage" von Uwe Johnson.

Unter dem Datum vom 15. August 1968 beschreibt Johnson die in der DDR weitverbreitete Praxis, das Eigentum der in den Westen geflüchteten Nachbarn zu versteigern: "Nun musste ich noch ansehen, wie in Gneez die Möbel von Elise Bocks Schlafzimmer versteigert wurden. Sie waren Volkseigentum, seit Elise umgezogen war nach Westberlin. Da drängten Leute einander in einem schmalen, schmutzigen Hof vor den offenen Flügeln von Elises Fenstern. Darin trat auf ein Mann in abgewetztem Anzug, am Revers das Abzeichen der Einheitspartei, und hielt der Versammlung Bilder hin, einen Sessel, Lampen. Die Bieter, Alfred Fretwurst voran, johlten ihre humorigen Anmerkungen, als seien sie jugendlich oder angetrunken." Diese Urszene des gemeinschaftlichen kleinen Raubes hat sich im Europa des 20. Jahrhunderts zwischen Moskau und Paris, Oslo und Rhodos, Bukarest und Amsterdam hunderttausendfach unter unterschiedlichen politischen und kriegerischen Vorzeichen ereignet.

Nach Johnson war Fretwurst auch in den Nazijahren, zumal am 9. November 1938, einschlägig aktiv gewesen. Leicht lässt sich vorstellen, dass er beziehungsweise sein Wiedergänger am 9. November 1918 lautstark den Sozialismus gefordert hat und am 9. November 1989 freudig ausrief: "Wir sind das Volk!" Die Jahrhundertfigur Alfred Fretwurst ist uns allen gut bekannt - und unheimlich. In unseren deutschen Gedenkstätten findet sie keinen Platz, in der Bildenden Kunst der DDR fand sie einen. 1984 hat ihr Wolfgang Mattheuer mit seiner Skulptur "Der Jahrhundertschritt" ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt. Ich nenne sie "Fretwurst, der Deutsche": Seinen sehr kleinen Kopf, tief in den Uniformkragen gezogen, die Linke zur Kommunistenfaust geballt, die Rechte zum Nazigruß gereckt, ein Fuß im Soldatenstiefel, den anderen - mangels Geld schuhlos - weit überspannt vorwärts gestreckt - ohne Halt, Gleichgewicht und Selbstsicherheit will dieser Mann einfach vorwärts und nach oben. Gemalte Varianten des "Jahrhundertschritts" heißen "Aggression" und "Ohne Mitte".   

Im Sommer 1939 vereinbarten Deutschland und Italien die Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung Südtirols, gut 200.000 Menschen. Die allermeisten Südtiroler optierten für die Umsiedlung, wohl wissend, dass sie in den polnischen Beskiden angesiedelt werden sollten. Im Sommer 1940 hielten die Führer der Südtiroler Volksgruppe das französische Burgund für passender, 1941 sollten sie auf der Krim Neusüdtirol errichten. Statt der Südtiroler Deutschen sollten arme Sizilianer im nunmehr so bezeichneten Alto Adige sesshaft gemacht werden.

In seiner Rede über ethnische Politik kündigte Hitler am 6. Oktober 1939 im Reichstag die Umsiedlung weiterer auslandsdeutscher Volksgruppen an, insbesondere derjenigen, die nach dem deutsch-sowjetischen Vertrag vom August 1939 in die Machtsphäre Stalins fallen würden, rund 600.000 Menschen. Es gehe ihm um "eine neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse" in Europa, erklärte Hitler, "sodass sich am Abschluss der Entwicklung bessere Trennungslinien ergeben". Darüber hinaus sei "in diesem Zusammenhang auch der Versuch einer Ordnung und Regelung des jüdischen Problems" zu unternehmen. Diese Rede muss vor dem Hintergrund des Hitler-Stalin-Pakts gelesen werden, der bis zum Sommer 1941 zur Deportation, Zwangsumsiedlung und Vertreibung von drei Millionen Menschen diesseits und jenseits der neuen deutsch-sowjetischen Demarkationslinie führte. Angesichts der vom ersten Tag an barbarischen Besatzungspraxis in Polen war Hitlers Rede in jeder Weise verlogen. Dennoch schrieb der ungarische Staatslenker Miklos Horthy ihm daraufhin im November 1939: "Ihre Absicht, die deutsche Minderheit in ihre Urheimat umzusiedeln, regelt eine Menge Fragen, verhütet Reibungen und es sollte dieser ausgezeichnete Gedanke auf andere Minderheiten Anwendung finden." Horthy meinte die Deutschen, Rumänen, Slowaken, Ukrainer, Serben und Juden im eigenen, mit deutscher Hilfe seit 1938 schon stark vergrößerten Land. Unter anderen politischen Vorzeichen hatte Horthy 1934 seinen polnischen Kollegen Jozef Pilsudski wissen lassen, was nach einem Zusammenbruch des gemeinsamen Erzfeindes Sowjetunion zu geschehen habe: "Um für ewige Zeiten dann Ruhe und Zufriedenheit zu schaffen, kann man die Bevölkerungen verschiedener Gegenden und Nationalitäten vertauschen."  

1919/20 hatten die Verhandlungsführer der westlichen Staatenwelt die Pariser Friedensverträge ausgearbeitet und 20.000 Kilometer neuer Nationalstaatsgrenzen durch Europa gezogen. Die Väter des wenig haltbaren Friedens stellten ihre neue Ordnung unter die schöne von US-Präsidenten Wilson und von Lenin propagierte Parole "Selbstbestimmungsrecht der Völker". Wilsons Außenminister, Robert Lansing, bemerkte schnell, welcher Geist hier aus der Flasche gelassen wurde und schrieb am 30. Dezember 1918: "Das ganze Wort 'Selbstbestimmung' ist bis zum Rand mit Dynamit geladen. Welch ein Verhängnis, dass dies Wort je geprägt wurde! Welches Elend wird es über die Menschen bringen!" Lansing befürchtete, die Formel von der Selbstbestimmung werde die Neigung zum Völkerhass, zu Diskriminierung von Minderheiten, zu Mord und Todschlag befeuern und könnte bald ansteckend wirken. "Welche Wirkung wird diese Formel zum Beispiel auf die Iren, die Inder, die Ägypter und die Burennationalisten haben?" So fragte Lansing. "Werden sich nicht die Mohammedaner in Syrien und Palästina und womöglich auch in Marokko und Tripolis darauf berufen? Wie lässt sich dieses Prinzip mit dem Zionismus, auf den sich Wilson doch so gut wie festgelegt hat, in Einklang bringen?"

Angesichts solcher Bedenken sahen die Friedensverträge von 1919/20 vor, den nationalen Minderheiten einen bald kaum mehr beachteten Rechtsschutz zu gewähren, gleichzeitig förderten sie die formell optionale Umsiedlung von Minderheiten oder alternativ deren Assimilation an die nationalen Mehrheitsgesellschaften. Aber die Konstrukteure der Friedensverträge "ahnten noch nicht", so Hannah Arendt, dass es schon bald "ganze Gruppen von Menschen in Europa geben könne, die 'undeportierbar'" sein würden". Das galt für Juden und - bis heute - ebenso für die Sinti und Roma.

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Wanderungsfreiheit. Millionen Europäer folgten der großen atlantischen Trift und emigrierten nach Amerika. Sie kehrten beengten Verhältnissen den Rücken, sie hofften auf ungeahnte Chancen in der Neuen Welt. Andere nutzten die Möglichkeiten ausgedehnter Binnenmigration in den transnationalen Monarchien. Im Deutschen Kaiserreich wanderten Polen aus Oberschlesien nach Berlin, weiter ins Ruhrgebiet und dann in die lothringische Industrieregion. Ebensolche Massenbewegungen fanden im Habsburgischen und im Russischen Reich statt. So frei und wenig gesteuert die europäische Binnen- und Außenmigration erschien, so folgte sie fast immer dem Zwang wirtschaftlicher Not, doch entschied der einzelne Migrant individuell über die nächsten Schritte.

Das System der so bezeichneten "stillen Migration" brach mit dem Ersten Weltkrieg zusammen. Die 1919/20 neu geschaffenen nationalstaatlichen Strukturen Europas zerschnitten alte Verkehrswege, eingespielte Handelsbeziehungen und Pfade der Arbeitsmigration. Diese Faktoren trafen auf einen vom Krieg menschlich und finanziell ausgebluteten Kontinent. Einzelne Städte und einstige Zentren verloren ihre wirtschaftliche Bedeutung über Nacht. Eisenbahnlinien, Kanäle und Straßen mussten neu gebaut werden. Die Europäer igelten sich ein, führten über mehrere Jahre erbitterte Grenz- und Bürgerkriege, in denen Zehntausende starben und Hunderttausende flüchteten. Massenarmut, Revolutionen und Nationalitätenkriege, Minderheitendiskriminierung, Krisen, Arbeitslosigkeit und Hunger trieben die Menschen von zu Hause weg nach Übersee. Daraufhin drosselten die USA 1921 und 1924 die Einwanderung massiv, bald auch Kanada und Australien. Auch Amerika litt unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges; die schnelle Mechanisierung der Landwirtschaft trieb dort Millionen Menschen als Arbeitssuchende in die Städte, und innerhalb weniger Jahre gewann die Meinung Oberhand, dass Einwanderer den amerikanischen Lebensstandard bedrohen, Armut bringen, die Slums anwachsen ließen und die Arbeiter ruinösem Lohndumping aussetzen würden.

Die neuen europäischen Grenzen, das Ende weiträumiger Migration, das wirtschaftliche Nachkriegschaos, die Gefahr kommunistischer Umstürze und schließlich die Weltwirtschaftskrise erhöhten den Innendruck in den kontinentaleuropäischen Nationalstaaten enorm. Er traf auf schwache, von Kriegen und Bürgerkriegen schwer traumatisierte Menschen. Insbesondere in den neugeschaffenen Nationalstaaten versuchten die Regierungen, der je eigenen nationalen Mittelschicht Perspektiven zum schnelleren sozialen Aufstieg zu eröffnen. Beamtenstellen im Staatsapparat, bei Post und Bahn wurden dem jeweiligen nationalen Staatsvolk vorbehalten. Gegen jüdische Konkurrenten erließen einzelne Staaten Verbote zur Sonntagsarbeit, in Ostmitteleuropa wurden Landreformen auf Kosten einzelner Minderheiten durchgeführt, im Baltikum zum Nachteil von Deutschen, in Litauen zum Nachteil von Polen, in Rumänien zum Nachteil von Ungarn usw. Staatsaufträge gingen an die Handwerker und Unternehmer, die der so bezeichneten Staatsnation angehörten. Scheinbar harmlose Institutionen wie Konsumvereine, Handels- und Kreditgenossenschaften wurden zu Kampfinstrumenten im Nationalitätenkrieg. In Polen erhielten Aktiengesellschaften 1924 das Recht, jüdische Aktionäre zurückzuweisen. Die ungarische Regierung verhängte 1921 den Numerus clausus für jüdische Studenten mit der Absicht, bessere Aufstiegschancen für die christlichen schaffen. In die Immatrikulationsbüros zogen Gleichstellungsbeauftragte ein, um Quotengerechtigkeit zugunsten christlicher Studenten durchzusetzen. Das Beispiel machte Schule. "Es ist natürlich", so resümierten die damals noch in Berlin lebenden Demographen Alexander und Eugen Kulischer 1932, "dass der Weltkrieg, der den Abschluss der großen Welterschließungsperiode markiert, auch der Wanderungsfreiheit ein Ende gemacht hat: Beim Aufhören des doppelten Auswegs - Kolonisierung der Neuländer und Besetzung der neuen Märkte - suchte man die vorhandenen Nahrungsspielräume für die eigene Bevölkerung zu reservieren."  

So weit die nüchtern wissenschaftliche Diagnose. Politisch versuchten sich die Delegierten der 1925 in Genf gegründeten Nichtregierungsorganisation "Europäischer Nationalitätenkongress" gegen die verhängnisvolle Entwicklung zu stemmen. "Ein Staat, der einen Teil seiner Bürger wirtschaftlich zurücksetzt", so formulierte der lettisch-deutsche Vertreter Paul Schiemann die gemeinsame Überzeugung, "untergräbt das wirtschaftliche Gedeihen seiner Gesamtheit. Ein Staat, der politisch einen Unterschied zwischen Bürgern dieser oder jener Nationalität macht, zerstört den Boden des Rechtes, auf dem allein ein Gemeinwesen besteht." Schiemann warnte vor dem überall aufkeimenden Großgruppenhass: "Dieser Geist des Hasses pflanzt sich von den einzelnen nationalen Gruppen zu den Muttervölkern fort und nährt das Feuer eines Vernichtungswillens, der jede aufbauende Arbeit in Flammen aufgehen lassen muss." Der Delegierte der jüdischen Minderheit Polens sah das Ziel der Versammelten darin, "dass das, was wir unter dem Begriff 'Europa' verstehen, unsere blutgetränkte Stimme hören wird, die doch nur eine ganz bescheidene Forderung proklamiert; nämlich: die Freiheit!"

Im September 1933 zerschlugen die deutschen Delegierten den Europäischen Nationalitätenkongress. Sie verweigerten den verfolgten deutschen Juden, die als assimilierte Minderheit nicht dem Kongress angehörte, die Solidarität, und die Delegierten der jüdischen Gruppen, die aus Polen, Litauen, Rumänien und Lettland kamen, verließen den Kongress mit folgender Begründung: "Die Erklärung der deutschen Volksgruppen findet für die Entrechtung, Beraubung, Vergewaltigung und Diffamierung der deutschen Juden nur das Wort der Billigung, der 'Ausgliederung' eines Volkes durch das andere. Sie billigt ausdrücklich diese Ausgliederung, wie sie in Deutschland vorgekommen ist: also die Vertreibung der jüdischen Beamten, die Hinausdrängung der Juden aus den freien Berufen, die Wegnahme der in langjähriger Arbeit aufgebauten Existenzen, die Sperrung des Zugangs zu den Stätten der Bildung, die öffentliche Aufreizung und Diffamierung, auch in Schulen und unter der Jugend, und den systematischen, auf Hass und Neid aufgebauten und auf völlige Vernichtung abzielenden Boykott." Der Vertreter der deutschstämmigen Siebenbürger Sachsen, Hans Roth, hatte den antisemitischen Terror Deutschlands zuvor so verteidigt: "Die Ausgliederung von andersgearteten, insbesondere andersrassigen Menschen aus einer Volkskultur, wie man sie in letzter Zeit beobachten konnte, halten wir grundsätzlich für berechtigt."

Im Jahr 1933 begann Deutschland, das zwar labile, aber immerhin vorhandene Gleichgewicht der europäischen Staatenwelt zu zerstören. Paul Schiemann nahm an der Sitzung des Nationalitätenkongresses im September 1933 nicht teil. Er und seine Frau Lotte gehörten 1939 zu den wenigen Lettlanddeutschen, die in Riga blieben. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht versteckten sie die Jüdin Valentina Freimane. Beide werden in Yad Vashem als Gerechte der Völker geehrt. Paul Schiemann starb im Sommer 1944 in Riga.

Schon in seinen Ursprüngen zielte der europäische Nationalismus auf die bildungspolitische und soziale Mobilisierung des einfachen Volkes, auf die Emanzipation von Fremdherrschaft und von feudaler und klerikaler Bevormundung. Entsprechend dem für das östliche und südöstliche Europa maßgebenden deutsch-romantischen Vorbild wurde der Begriff Volk kulturnational definiert: als Einheit von Geschichte, Abstammung und Sprache. Das bedeutete scharfe Abgrenzung nach außen und möglichst weitgehenden Egalitarismus nach innen. Schon vor knapp 200 Jahren riefen die von "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn geführten nationalrevolutionären deutschen Turner auf der Hasenheide vor den Berliner Stadtmauern: "Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück" und reimten gleichzeitig Kampfgesänge wie diesen:

"So hegen wir ein freies Reich,
An Rang und Stand sind alle gleich.
Freies Reich! Alle gleich! Heisa juchhe!"

Später bezeichnete Thomas Mann das Treiben "solcher Typen wie Jahn" als "völkische Rüpel-Demokratie".

Das nationale Kollektiv mit seinen Vorstellungen von Volksgeist, Blutsverwandtschaft und gemeinsamem Geschichtsboden versprach ein Mindestmaß von Geborgenheit in einer Welt, die sich mit bis dahin unbekanntem Tempo veränderte. Die industrielle Revolution, die Marktkonkurrenz zerbrachen alte Gewissheiten über Nacht. Die weithin noch bäuerlichen Massen wurden entwurzelt, kraft der Verhältnisse in die Städte gezwungen, sie verloren ihren traditionellen Rückhalt. In dieser Epoche bedeutete individuelle Freiheit für die meisten Menschen Verlust, sie verursachte Angst. In diesem Sinn formulierte der rumänische Patriot Nicolas Balescu im Revolutionsjahr 1848: "Für mich ist die Frage des Volkstums wichtiger als die Frage der Freiheit. Von dieser kann ein Volk erst dann Gebrauch machen, wenn es als eine Nation bestehen kann. Freiheit kann, einmal verloren, leicht wiedergewonnen werden, das Volkstum aber nicht." Rumänisches Volkstum musste gegenüber Ungarn, Russen, Ukrainern, Bulgaren, Türken, Deutschen und Juden definiert und erkämpft werden - dafür opferte nicht nur Balescu die Idee der Freiheit.

Im Frankfurter Paulskirchenparlament erreichten die deutschen Liberalen diesen Punkt, als sie vom 24. bis 27. Juli 1848 über die Wiederherstellung des polnischen Staates debattierten. Der liberale Abgeordnete Wilhelm Jordan begründete den Antrag, es bei der Teilung Polens zu belassen, unter anderem so: "Die Überlegenheit des deutschen Stammes gegen die meisten slawischen Stämme" sei "eine naturhistorische Tatsache", "ein Volk, das aus Edelleuten, Juden und Leibeigenen bestand" sei zu Recht zweimal geteilt worden. Von einzelnen Gegenreden abgesehen, votierten die Abgeordneten der ersten deutschen demokratischen Nationalversammlung mit 342 zu 31 gegen die polnische Freiheit und für den "gesunden Volksegoismus". Im September 1848 kommentierte der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann: "Die Bahn der Macht ist die einzige, die den gärenden Freiheitstrieb befriedigen und sättigen wird."

Im selben Revolutionsjahr tagte in Prag der erste Panslawistenkongress. Ein Jahr später, 1849, schrieb der britische Historiker John Stuart Mill über den neuen kontinentaleuropäischen Nationalismus: "Das Nationalgefühl überwiegt die Freiheitsliebe so sehr, dass das Volk bereit ist, seinen Führern dabei zu helfen, die Freiheit und Unabhängigkeit jedes Volkes zu vernichten, das nicht seiner Rasse angehört oder eine andere Sprache spricht."

Mit dem Verrat an der Feiheitsidee eng verbunden wurden die Ideen von nationaler und sozialer Homogenität und aktiver Homogenisierung populär. Sie sind Abkömmlinge des Gleichheitsgedankens, dem das Gegengewicht der Freiheit genommen wurde. Die vielfältigen Erscheinungsformen der einseitig auf egalitäre Ziele ausgerichteten politische Programme hießen Sozialismus, Kommunismus, Panslawismus, Pangermanismus, Nationalismus, Antisemitismus oder sonst wie. Im Klima der Krisen und Kriege entstanden multiple, besonders virulente Kombinationen wie Faschismus, Nationalbolschewismus und Nationalsozialismus. Die Opfer zählen nach Millionen: Armenier in der Türkei, Geisteskranke, Bettler und Juden im zu reinigenden arischen Volkskörper, Polen in Deutschland, Deutsche in Polen, Ungarn in Rumänien, Rumänen in Ungarn, zu geistiger Arbeit ausgebildete Brillenträger im Bauernreich Pol Pots, störende Kosovaren in Groß-Serbien, Rest-Serben im Kosovo, chinesische Händler in Indonesien, Afrikaner in einer deutschen Kleinstadt, Besitzer einer Kuh als Kulak in Stalins Sowjetunion, Tutsi in der zu homogenisierenden Hutu-Nation.

Zwischen 1920 und 1950 - also innerhalb von nur drei Jahrzehnten - mussten mehr als 50 Millionen Europäer ihre angestammte Heimat zwangsweise für immer aufgeben, weil sie zur "unerwünschten Volksgruppe" erklärt wurden. Ich habe viele Gesichtspunkte unseres Themas ausgelassen. Ich habe nicht über die Folgen der Konvention von Lausanne gesprochen, mit der namentlich England und Frankreich 1923 den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch festlegten und damit ein verhängnisvolles Modell schufen. Ich habe nicht über die sozial und dann zunehmend ethnosozial motivierte Deportationspolitik in der Sowjetunion gesprochen und die völkerrechtlichen Debatten ausgelassen. Mir kam es darauf an, die Gemengelage von Modernisierung, sozialem Aufstiegswillen und ethnischer Gewalt zu skizzieren. Dieser Zusammenhang reicht in die Gegenwart und betrifft die heute lebenden Menschen.

Hier in Berlin wollte ich die so unvergleichlich zerstörerische Gewalt in den Mittelpunkt rücken, die von Deutschland im 20. Jahrhundert ausging. Doch ebenso erfordert das Thema "Flucht, Vertreibung und 'ethnische Säuberung'" vielfältige und offene Blicke auf die europäische Geschichte und mittlerweile auf die Weltgeschichte. Es gilt, über die gemischten Motive von ethnischer Gewaltpolitik nachzudenken, einzelne Formen und Verläufe darzustellen, Vorgeschichten und Folgen auszuleuchten. Das erscheint mir in der Sichtweise jeweils nationaler Leidensgeschichten nur begrenzt möglich. Angemessen finde ich national übergreifende Initiativen. Sie könnten am Ende erreichen, die jeweils einseitigen Erinnerungen an den Erinnerungen der anderen zu brechen. Die Leidtragenden ethnischer Gewaltpolitik verbindet viel, selbst wenn nicht wenige Täter und Opfer wurden oder umgekehrt erst Opfer und dann Täter. Sie alle erlebten Erniedrigung, Angst und Rechtlosigkeit, sie mussten Registrierungen, Trecks, Abschiebe- und Auffanglager über sich ergehen lassen und mit ansehen, wie Kinder und Schwache am Straßenrand starben. "J.G. hatte acht kaum bekleidete Kinder und seinen gelähmten Vater dabei", heißt es im Bericht über eine winterliche Massenumsiedlung. "Er bat darum, wenigstens den alten Mann zurücklassen zu dürfen. Sie lehnten ab. Der alte Mann starb dann auf dem Weg zum Bahnhof. Ein Kind starb bereits im Zug." Wer es nicht weiß, kann nicht sagen, wo und in welchem Jahr, aus welchen Gründen dieses staatlich gesteuerte Verbrechen begangen wurde.

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