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Essay

Ein erfrischendes Signal

Von Andre Glucksmann
29.06.2010. Während die Regierungen in den Kalküls der Tagespolitik versinken, zeigt die Begeisterung für Joachim Gauck, dass Europa sein Gedächtnis noch nicht verloren hat.
Die Krise weht einen Wind der Panik durch die Europäische Union und andere Länder. Rechte und linke Regierungen fordern ihre Wähler auf, den Gürtel enger zu schnallen, der Konsens ist so stark, dass selbst den Oppositionen keine glaubhafte Alternative einfällt. Meistens regen sich die Massen auf, während die Regierungen beschwichtigen. Diesmal ist es umgekehrt. Die Regierungen sagen dem braven Europäer, dass er am Abgrund steht, und dieser zieht sich zurück, um seine eigenen Interessen zu pflegen. Daher eine allgemeine Mutlosigkeit und Depression.

Und doch zeigt ein überraschendes und erfrischendes Signal, dass Europa noch zu Regungen fähig ist. Es kommt ausgerechnet aus Deutschland, das nurmehr seinen Egoismus auszuleben zu schien: weg mit diesen Griechen, zum Teufel mit den nervenden Demokratien aus Europas Osten, die fleißige Biene ist nicht großzügig: Sollen diese Grillen aus dem "Club Med" (Portugal, Spanien, Italien) bleiben, wo sie sind. Darauf eine diskrete Scheidung von Paris und heftiges Brautwerben in Putins Russland. Kaum ist die Wiedervereinigung errungen und abgesichert, vergesssen Sozialdemokraten (Schröder) und Christdemokraten (Merkel) die Vergangenheit, die Nadel des Enzephalogramms schlägt in ihren Reden und Texten nicht mehr aus.

Plötzlich eine Stimme: "Wir stehen in Deutschland am Scheidepunkt. Die Leute interessieren sich nicht nur für Fußball und Konsum, sie wollen auch wieder ans Volk und die Institutionen der Demokratie glauben."

Wer spricht? Joachim Gauck, einer der beiden Kandidaten der Bundespräsidentenwahl. Grüne und SPD hatten (ausnahmsweise mal) die geniale Idee, einen ungewöhnliche Mann zu präsentieren, einen, der weit jenseits der politischen Spaltungen steht. Schließlich hat er erklärt, dass er sehr gut auch für Merkel hätte kandidieren können, wenn sie gewollt hätte, und dass er keineswegs bezweckt, ihre Position anzukratzen. Einige "große" Konservative und Liberale schenken ihm Vertrauen und Unterstützung. Er ist der Favorit der deutschen Zeitungen. "Yes, we Gauck", schlagzeilt die als rechts geltende Bild-Zeitung, während der Spiegel, das große, als links geltende Wochenmagazin "Gauck, der bessere Präsident" auf dem Titel stehen hat. Bei einer allgemeinen Abstimmung würde Gauck gewählt, aber angesichts des von der Koalition dominierten Wahlmodus droht er zu scheitern. Beim großen Publikum aber ist er der siegreiche Kandidat.

Joachim Gauck, den ich persönlich kenne und für seine kühnen Kämpfe bewundere, war ein antikommunistischer Dissident in Ostdeutschland. Als Pastor in Rostock gehörte er mit dem Neuen Forum zu den Organisatoren der großen Demonstrationen, die die Welt in Erstaunen versetzten und dem kommunistischen Regime 1989 den Todesstoß versetzten. Später leitete er die heikle Aufarbeitung der Stasiakten mit einer Objektivität und Redlichkeit, die allseits Bewunderung auslösten. Angela Merkel erwies der "Ausnahmepersönlichkeit" bei ihrem siebzigsten Geburtstag ihre Reverenz. "Die Freiheit ist seine zentrale politische Idee", unterstrich sie bei dieser Gelegenheit. Leider haben die kleinen Kalküls der Tagespolitik die Freundschaft und Bewunderung im Herzen der Kanzlerin besiegt.

Die populäre Begeisterung für diesen außergewöhnlichen - und außerparteilichen - Mann zeigt, dass es in Deutschland und Europa so etwas wie ein Gedächtnis gibt. Die traurigen Ungewissheiten der Krise löschen die Befreiungsbewegung nicht aus, die den Kontinent innerhalb eines halben Jahrhunderts umgepflügt und die Riegel des Jalta-Vertrags geknackt hat. Während Portugiesen, Spanier und Griechen die Überreste des faschistischen Totalitarismus beseitigten, befreiten sich Ungarn, Polen, Tschechen, Rumänen, Balten und Georgier vom kommunistischen Totalitarismus. Solche Siege sind nie beständig. "Mit Stil und Überzeugungskraft erinnern Sie uns stets daran: Freiheit versteht sich nicht von selbst, man darf nicht aufhören, für sie zu kämpfen", hatte die vergessliche Angela zu Joachim Gauck gesagt.

Deutschland hat beide Ungeheuer des 20. Jahrhundets kennen gelernt. Ein Kandidat spricht sich ihm gegenüber "gegen das Vergessen, für die Demokratie" aus. Und es ist schön, dass es ihm zuhört. Und Europa mit ihm.

Andre Glucksmann

Aus dem Französischen von Thierry Chervel

Der Artikel erschien zuerst im Corriere della Sera. Wir danken Andre Glucksmann für die Nachdruckgenehmigung.
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