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Essay

Der Voldemort unter den politischen Themen

Von Jens-Martin Eriksen , Frederik Stjernfelt

18.03.2013. Die Fernsehserie "Borgen" beansprucht, einen präzisen Blick in die dänische Politik zu werfen: Aber das Thema, das Dänemark traumatisierte wie kein anderes, kommt in ihr nicht vor: Der Karikaturenstreit und die Islam-Debatte. Es gibt aber eine andere dänische Serie zum Thema: "Cellen", gedreht Regisseur und Komiker Omar Marzouk. Nur will sie keiner senden!

Viele Fernsehzuschauer auf der Welt sehen zur Zeit mit Vergnügen die coole Detektivin Sarah Lund in ihrem Islandpullover, die in "The Killing" spielt, oder die politischen Intrigen im dänischen Parlamentsleben in "Borgen". Dänische Fernsehdramen erleben einen unerwarteten Durchbruch. Sie verbinden komplexe und realistische Plots über Verbrechen und Politik mit den persönlichen Dramen der Hauptdarsteller kombinieren.

Solche Serien folgen dem Trend, den der amerikanische Bezahlsender HBO und verwandete Produzenten von Qualitätsserien gesetzt haben, die endlich das Medium Fernsehen mit einer thematischen Tiefe und einem Reichtum ausstatten, wie man sie sonst nur in ernsthaften Romanen findet. "Dänisches Fernsehen ist besonders en vogue", schreibt Lauren Collins in einem achtseitigen Artikel im New Yorker. Als BBC 4 die erste Staffel von "The Killing" ausstrahlte, hatte sie 400.000 Zuschauer. Aber "während der zweiten Staffel wuchs die Zuschauerzahl schon auf mehr als das doppelte an". Nach dem Erfolg von "The Killing" stellte BBC "Borgen" vor und schuf so einen Kult in der britischen Öffentlichkeit - wie ihn das britische Fernsehen noch nie hervorgebracht hat. "Die Show hat eine große politische Fanbasis - David Cameron ist süchtig danach", schrieb die BBC auf ihrer Homepage. Prinz Charles und Lady Camilla sahen die ganze erste Staffel von "The Killing" auf DVD in ihrem Schloss in Schottland.

Der Erfolg mag der echten Obsession für Präzison in dänischen Krimi- und Fernsehserien geschuldet sein - ein vorteilhafter Unterschied zu den eher Konspirations- und Serienkillerdramen schwedischer Autoren wie Henning Mankell oder Stig Larsson. Es gibt eine Ehrlichkeit und Genauigkeit in dänischen Serien, die Teil ihrer Verführungskraft sind. Und selbst wenn "The Killing" oder "Borgen" von eher Linken Autoren geschrieben sind, so fehlt ihnen doch jede politische Korrektheit: Wie in "The Killing" ist buchstäblich jeder verdächtig, der Täter zu sein.

Und doch, als wir Thierry Chervel, den Mitbegründer des deutschen Internetmagazins Perlentaucher, in Berlin zum Abendessen trafen und er seine Begeisterung für die dänische Integrität und Effizienz beim Geschichtenerzählen bekannte, mussten wir die Köpfe schütteln, als er uns eine bestimmte Frage stellte: Würde man je die Karikaturen-Affäre in einer Serie wie "Borgen" thematisieren?

Es ist wahr: "Borgen", eine Serie, die breansprucht, einen gnadenlosen Blick auf die inneren Mechanismen von Politik und Medien zu werfen, schleicht sich um das in den letzten zehn Jahren meist diskutierte politische Thema herum: die ganze Kontroverse um die Mohammed-Karikaturen, um Drohungen, Attentatsversuche, islamistische Verschwörungen und Meinungsfreiheit. Seit vor tausend Jahren die Wikinger auf den Plan traten, hat kaum ein Ereignis Dänemark so in die internationalen Schlagzeilen katapultiert wie die nie endende Karikaturen-Debatte.

Bild zum ArtikelDie dänischen Serien zögern nicht, andere strittige soziale Themen aufzugreifen, aber das meist diskutierte zentrale Thema wird wie auf Erlass gemieden. Es scheint nicht mal am Rande, in Nebensträngen auf. Es gibt zwar rechte Populisten in diesen Serien, das stimmt, aber die Realität, auf die sie reagieren und die sie für ihre Zwecke ausnutzen, kommt nicht vor.

Und es gibt noch einen großen Abwesenden, zumindest in "Borgen", der eng verbunden ist mit den Mohammed-Karikaturen: das Internet. Die Cartoons wurden auf Papier gedruckt, aber die Karikaturenaffäre war eines der ersten Ereignisse in einer internationalen öffentlichen Sphäre, wo ein kleines Land wie Dänemark von einem Moment auf den anderen in den Mittelpunkt globaler Krawalle geschubst werden konnte. Seltsamerweise ist der Feind in "Borgen" ein Klassiker: ein Boulevardjournalist, der mit den alten Techniken eines bösen Mainstreammediums arbeitet, aber doch in den Grenzen der traditionellen und und eng begrenzten nationalen Öffentlichkeit.

Was dieses Thema angeht und die Art, wie es die dänische Innenpolitik und die Öffentlichkeit traf und traumatisierte, sind diese Serien pure Idyllen der achtziger Jahre. Sie porträtieren die dänische - und westliche - Gesellschaft wie vor Jahrzehnten, unschuldig und ohne die schleichende Furcht unter kritischen Autoren und Künstlern, die im Hinterkopf immer wissen, dass bestimmte Themen nach ganz oben auf eine Terrorliste katapultieren könnten.

Es gibt ein Phantom in "Borgen", einen echten Lord Voldemort unter den politischen Themen, ein kompaktes Schweigen.

Eine dänische Serie allerdings hat diese geistlose und beängstigende Tendenz unterbrochen. Der Regisseur und Komiker Omar Marzouk - selbst ein Däne mit ägyptischen Wurzeln - hatte die originelle Idee, das brennende Thema in einer Fernsehserie über eine Terroristengruppe aufzugreifen, die amateurhaft und nicht sehr erfolgreich ihre selbstgesteckten ambitionierten Pläne zu verwirklichen sucht. Ein mutiger Plan von Marzouk, der bekannt dafür ist, als Stand-up-Komiker auch keine Angst vor religiösen Themen zu haben. Unter dem Titel "Cellen" (die Zelle) wurde die 12-teilige Serie von dem unabhängigen, in Amsterdam sitzenden SBS Broadcasting produziert, das verschiedene dänische Fernsehkanäle hostet. Außerdem bekam sie nicht unbedeutende öffentliche Fördermittel vom dänischen Filminstitut. Als die Serie 2011 fertig produziert war, weigerte sich SBS jedoch plötzlich, "Cellen" auszustrahlen: ohne Grund und ohne eine überzeugende Erklärung für diese Entscheidung abgeben zu können. Statt dessen deutete es an, dass andere dänische Sender interessiert sein könnten, die Produktion für einen vernünftigen Preis zu kaufen. Das führte zu einem lustigen Spektakel von Senderchefs, die sich gegenseitig überboten mit Erklärungen, warum es eine ganz schlechte Idee sei, wenn ausgerechnet ihr Sender eine solche Serie ausstrahlen würde. "Wir zeigen nie Sendungen von anderen Produktionsfirmen" war eine gern benutzte Aussage, die leicht mit einem Blick ins Abendprogramm dieser Sender zu widerlegen war. Omar Marzouks Terroristenkomödie wurde am Ende schlicht nicht gezeigt.

Viele Kommentatoren der linken Mitte, in Dänemark und international, behaupten, die Meinungsfreiheit sei zur Zeit nicht gefährdet. Die Kampagne der OIC (Organization of the Islamic Conference) in der Uno, ein paar verstreute Attentatsversuche hier und dort - wie die Kugel, die vor kurzem knapp das Ohr des Provokateurs und Populisten Lars Hedegaard streifte, als er auf der Schwelle zu seinem Haus in Kopenhagen stand - das alles sei keine echte Gefahr für die Meinungsfreiheit, behaupten sie. Auch nicht der Anschlag auf Kurt Westergaard, den Karikaturisten, der eine der Mohammed-Karikaturen zeichnete und den ein Islamist in Westergaards Haus mit der Axt abzuschlachten versuchte. Auch nicht der Brandanschlag auf den schwedischen Künstler Lars Vilks, der eine Mohammed-Karikatur gezeichnet hatte, zählen nach Auskunft der Hardcore-Multikulturalisten als Bedrohung der Meinungsfreiheit - trotz der Tatsache, dass Vilks auf einer Universitätskonferenz physisch angegriffen wurde und jetzt 24 Stunden am Tag von der schwedischen Polizei beschützt werden muss.

Marzouk jedenfalls hat nicht aufgegeben. Es scheint, dass er eine kleine Lücke in seinem Vertrag mit SBS gefunden hat: Die Video-on-Demand-Rechte sind darin nicht geregelt. Jetzt ist er in Verhandlungen mit dem nordischen Zweig von HBO.

Die Probleme, die Marzouks Terrorkomödie hat, gesendet zu werden, werfen ein Licht darauf, warum Sarah Lund oder Birgitte Nyborg - die Heldinnen in "The Killing" und "Borgen" - nie religiösen Fanatikern begegnen, Karikaturen, Drohungen oder irgendeinem Phänomen, dass mit der gegenwärtigen Krise der Meinungsfreiheit in Dänemark und dem Rest des Westens zu tun hat.

Jens-Martin Eriksen and Frederik Stjernfelt sind die Autoren von "The Democratic Contradictions of Multiculturalism", New York: Telos Press.

Aus dem Englischen von Anja Seeliger.

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