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Essay

Das Elend der Berliner Gedenkstätten

Von Götz Aly

16.03.2005. Götz Alys Kritik an den Berliner Gedenkstätten, die zuerst in der SZ erschien, hat eine heftige Kontroverse um die Konzeption dieser "authentischen Orte" ausgelöst. Aly hat uns seinen Artikel ungekürzt zur Verfügung gestellt.

Die ehemalige Reichshauptstadt verfügt über drei spezielle NS-Museen, die allesamt der alten Westberliner Zeit entstammen. Zuerst - wie sollte es anders sein - errichtete man im Jahr 1969 die Gedenkstätte für den deutschen Widerstand in der Stauffenbergstraße. Dann folgte 1987, knapp zwei Jahrzehnte später, die Topographie des Terrors auf dem Gelände der einstigen Machtzentralen des SS- und Polizeiapparats und schließlich die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Sie wurde von 1987 an geplant und 1992 eröffnet.

Besichtigt man die vorhandenen Ausstellungen, hinterlassen sie einen in vielerlei Hinsicht muffigen und innovationsfeindlichen Eindruck. Sie sind zu Museen ihrer selbst geworden. Jedem, der gelegentlich auswärtige Gäste durch die NS-Gedenkstätten führt, ist der aktuelle Zustand schlicht peinlich. Das Gebotene wirkt missproportioniert, unübersichtlich und in den Aussagen verschwommen. In extremem Gegensatz zu dem sorgfältig gesammelten und ausgewählten Bildmaterial des Washingtoner Holocaust Memorial Museum begnügen sich die Ausstellungsmacher in Berlin mit Fotodokumenten, die man zum großen Teil schon zigmal gesehen hat. In der Widerstandsgedenkstätte Stauffenbergstraße wird souverän auf englische Erklärungstexte verzichtet.

Die ewig gleichen, untereinander vielfach verschlungenen Beiräte und Funktionäre des Gedenkgewerbes reden über die Misere in immer neuen Euphemismen. Das zu ändern, empfiehlt sich aus zwei Gründen: Zum einen wird im Mai eine weitere NS-Gedenkstätte im Basement des Holocaust-Mahnmals eröffnet, zum anderen übernahm der Bund vor wenigen Wochen - in demonstrativer Weise - mehr Verantwortung. Wenigstens theoretisch sind Chancen für einen Neuanfang gegeben, faktisch werden sie gering bleiben und an der selbstgenügsamen Bräsigkeit des Vorhandenen abprallen.

Die Topographie des Terrors befindet sich in einer komplizierten Situation. Die Scherereien rund um den in grotesker Weise missglückten Neubau gehen gewiss nicht zu Lasten derjenigen, die in der Gedenkstätte arbeiten. Ihnen ist jedoch zuzurechnen, dass an der Ausstellung seit mehr als 17 Jahren so gut wie nichts geändert wurde. Dabei sind die Berliner NS-Museen, vergleicht man sie etwa mit der KZ-Gedenkstätte Dachau, in materieller und personeller Hinsicht ungewöhnlich gut gestellt.

Charakteristisch für die üppig dotierte Verwahrlosung der Topographie des Terrors ist der Katalog, der seit 1987 in einem ebenso unveränderten wie anspruchslosen Komsomolzen-Layout erscheint. Des ungeachtet teilen die Verantwortlichen in der aktuellen 14. Ausgabe von 2002 mit, sie sei "überarbeitet und erweitert" worden. Doch anstatt die riesenhaften Fortschritte des Wissens wenigstens skizzenhaft in das Buch aufzunehmen, sind der alten Ausgabe einige titelsüchtige Seiten zur damals 14-jährigen Geschichte der Gedenkstätte angehängt: "Im Februar 1989 berief der Berliner Senat eine Kommission, die unter Vorsitz von Professor Reinhard Rürup, wissenschaftlicher Leiter der 'Topographie des Terrors', ein umfängliches Gutachten zum weiteren Umgang mit dem 'Prinz-Albrecht-Gelände' erarbeitete." Na prima! Das dauerte immerhin zwei Jahre - und ist inzwischen Makulatur.

Wer auf die dann folgende Seite des Katalogs blättert und sich die Literaturhinweise vornimmt, taucht in den kompletten Stumpfsinn des real existierenden Berliner NS-Gedenkwesens. Die empfohlenen Titel enden - man fasst sich an den Kopf - im Jahr der Erstauflage 1987. Kaum eines der genannten Bücher ist noch im Buchhandel erhältlich. Das weltberühmte Werk von Raul Hilberg über die Vernichtung der europäischen Juden wird in der Uraltausgabe eines längst untergegangenen Verlags angegeben. Niemand erbarmte sich, stattdessen die wesentlich erweiterte, leicht greifbare Taschenbuchausgabe in die Liste aufzunehmen. Es bleibt das Geheimnis der Gedenkangestellten, warum sie ein heute völlig irrelevantes Buch zur Geschichte der SS von 1967 nicht durch neuere Arbeiten von Michael Wildt oder Ulrich Herbert zu ersetzen vermochten. Die wunderbar gründlichen, mittlerweile schon klassischen Studien von Saul Friedländer oder Dieter Pohl zur Judenverfolgung fehlen in den Empfehlungen für "die weitere Beschäftigung" ebenso wie ein Hinweis auf die große Arbeit zur Zigeunerverfolgung von Michael Zimmermann oder auf die Studie von Wolfgang Sofsky "Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager".

Mit derselben Verstocktheit reihen die Berliner Gedenkbedienstenten in der französischen und englischen Version des Katalogs die längst vergriffenen, fast ausschließlich deutschsprachigen Bücher aneinander. Zwar nennen sie in der englischen Variante (13. Auflage, 2003) eine veraltete amerikanische Hilberg-Ausgabe, nicht aber die einschlägigen englischsprachigen Forschungen und die zahlreichen, ins Englische übersetzten, deutschen Untersuchungen. Die frankophonen Interessenten erhalten selbst in der 12. Auflage des für sie bestimmten Katalogs (2002) keinerlei Information darüber, dass Hilbergs Standardwerk seit 1988 in ihrer Sprache vorliegt. Die in Frankreich seit Jahrzehnten vorhandenen einschlägigen Arbeiten von Leon Poliakov, Lucien Steinberg oder Serge Klarsfeld bleiben unerwähnt.

Keine der Berliner Gedenkstätten hat es in den vergangenen Jahrzehnten vermocht, einen Bookshop einzurichten und den interessierten Besuchern zu weiterer Information zu verhelfen. Nirgends kann man das Tagebuch der Anne Frank kaufen, nirgendwo das Kalendarium von Auschwitz oder die neueren Titel der Forschungs- und Erinnerungsliteratur durchblättern. Stattdessen werden die wenigen, meist sturzlangweiligen Schriften der eigenen Häuser angeboten. In der "Topographie" ist es, neben dem Katalog, noch ein vor schlappen 14 Jahren veröffentlichtes, alles andere als taufrisches Sammelbändchen zum Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Aber was statt aktueller Literatur sonst dort feilgehalten wird, muss selbst hartgesottene Skeptiker irritieren. Fein säuberlich aufgereiht und ausgepreist finden sich - so als handelte es sich um Hauptwerke zur NS-Forschung - die bürokratischen (im Gegensatz zum Katalog mit Hingabe gestalteten) Verwaltungsberichte der Gedenkstätte.

Das ist keine Marginalie. Vielmehr macht dieselbe institutionelle Selbstverliebtheit auch die Ausstellung schwer genießbar. Wegen des zunächst gescheiterten, aber immer noch beabsichtigten Neubaus hängen die Tafeln derzeit im Freien - aufgereiht an einer langen, ausgegrabenen, mit einem provisorischen Vordach versehenen Kellerwand der einstigen Terrorzentrale. Der Ort verfügt über ein eigenes Fluidum und ist gut besucht.

Nach wie vor enthalten die Tafeln reihenweise kleine Fehler: So wird beispielsweise Edmund Veesenmayer, der die Deportation der ungarischen Juden 1944 politisch durchsetzte, im Katalog als "Sonderbeauftragter", auf der Ausstellungstafel als "Generalbevollmächtigter" bezeichnet. In Wirklichkeit trug er den schönen Titel "Bevollmächtigter des Großdeutschen Reiches in Ungarn" (= Reichsbevollmächtigter) und war, das könnte doch eine interessante Information sein, beim Auswärtigen Amt beschäftigt. Aber das sind Lappalien.

Unerträglich ist, mit welcher lokalpatriotischen Besessenheit die Ausstellungsmacher die Geschichte des Orts, das Werden und Vergehen des Stadtteils, der Gebäude und Gärten in den vergangenen 200 Jahren ins Bild rücken. Das führt zu folgendem Ergebnis: Während 18 Sektionen - etwa ein Drittel der gesamten Expositionsfläche - historischen Bauzeichnungen, Genrebildern vergangener Zeiten und dem späteren "Umgang" mit Trümmern gewidmet sind, wird das Schicksal der deutschen Juden in zwei Sektionen abgehandelt, das der europäischen Juden in fünf. Für die Deportation und weitgehende Ermordung von mehr als 500.000 ungarischen Juden wird deutlich weniger Platz und ausstellungsmacherische Empathie aufgewandt als für die Entwürfe von Gartenanlagen rund um das Prinz-Albrecht-Palais in den Jahren vor und nach 1830. Die Vernichtungslager "Treblinka" und "Belzec" kommen im Register des Katalogs je einmal vor, ebenso das KZ Majdanek. Dagegen erscheinen die Wörter "Europahaus" 15 Mal, "Völkerkundemuseum" 10 Mal und "Anhalter Bahnhof/Anhalter Straße" 18 Mal. In all diesen Fällen handelt es sich um belanglose Ortsbezeichnungen in der Nachbarschaft von SS und Polizei. Die großen Vernichtungslager Sobibor oder Maly Trostinez werden vollständig ignoriert, dafür erfährt Karl Friedrich Schinkel neun geradezu lustvolle Nennungen. Der zur Führung der deutschen Juden förmlich verdammte Leo Baeck, der doch ohne Unterlass von irgendwelchen SS-Chargen einbestellt und gedemütigt wurde, bleibt in dieser Ausstellung - so wie es sich Adolf Eichmann gewünscht haben wird - im Orkus der Namenlosen.

Neben dieser unerträglichen Asymmetrie fällt ein zweites Fehlgewicht ins Auge. Die Ausstellung betont im Übermaß die (bluts-) deutschen Opfer der Naziverfolgung. Ausgerechnet an diesem Punkt wurde auch der Katalog erweitert, und das, obwohl die Ausstellung genau hier mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand konkurriert. Verfolgten Sozialdemokraten und Kommunisten, Christen und Konservativen sind riesenhafte Porträtstrecken vorbehalten. Die vielen dort gezeigten Helden und Heldinnen verdienen - gleichgültig wie wir Einzelheiten ihres Denkens und Handelns heute beurteilen mögen - jede Würdigung. Jedoch ist es gefühlsroh und taktlos, wenn in einer Ausstellung über das Wirken von SS und Polizei, das sich bekanntlich auf weite Teile Europas erstreckte, mehr als 50 Großporträts des deutschen Widerstands aufgereiht sind, aber nicht ein einziges Bild eines französischen, norwegischen, sowjetischen, polnischen oder jüdischen Verfolgten zu sehen ist, mit dem das Opfer des deutschen Terrors als lebender, höchst individueller, in seiner Biographie einzigartiger Mensch gezeigt würde.

An keiner Stelle der Berliner NS-Museen gewinnt der Betrachter einen Einblick in den massenhaften Raub des Eigentums der deutschen und der europäischen Juden. Wer die Schwäche des deutschen Widerstands verstehen will, sollte auch erfahren, was die nationalsozialistische Politik für viele Deutsche so attraktiv machte. Nirgendwo in Berlin wird die Frage, wie der Nationalsozialismus in Deutschland erfolgreich werden konnte, auch nur gestellt. Nirgends erfährt man, wie sich diese Zeit in die deutsche Geschichte einfügt. Den recht zufriedenen Durchschnittsarier kennt das amtliche Erinnerungswesen nicht. Der treue Volksgenosse, der all die Verbrechen geschehen ließ, davon profitierte, die Verfolgten manchmal schützte, aber sie allzu oft - und das im Vollgefühl der Rechtschaffenheit - denunzierte, bleibt diskret in der Sphäre des Unsichtbaren.

Die so genannte Berliner Gedenkstättenlandschaft lässt alle zentralen Fragen unbeantwortet. Beziehungslos, als wären sie von einem fernen Stern über uns gekommen, stehen Terror, Judenverfolgung und Widerstand nebeneinander. Wo sich in einzelnen Biographien Widersprüche auftun, werden sie sorgsam ausgeblendet oder in irgendwelche Dokumentenordner verbannt. Selbstverständlich muss ein Panzergeneral wie Erich Hoeppner als Märtyrer des 20. Juli in der Stauffenbergstraße gezeigt, doch ebenso müsste er klar als gnadenloser Antisemit charakterisiert werden, der in der besetzten Sowjetunion keine Gelegenheit ausließ, die ekelhaftesten Vernichtungsbefehle gegen "jüdische Bolschewisten" zu erteilen. Es erscheint als schlechter Witz, wenn die als Zigeuner Verfolgten am ausführlichsten und in einer speziellen Abteilung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand abgehandelt und dort unter dem Rubrum Widerstand in die deutsche Heldengeschichte eingemeindet werden. Abgesehen davon kolportieren die in der Stauffenbergstraße verantwortlichen Museumsmacher in ihrer Ausstellung, die Zigeunerverfolgung habe 500.000 Todesopfer gefordert. Das geschieht aus reinem, auf Peter Steinbach zurückgehenden Opportunismus gegenüber Romani Rose, der diese frei erfundene Zahl seit Jahren propagiert. Jeder ernsthafte Wissenschaftler weiß dagegen, dass es - entsetzlich genug - an die 200.000 Menschen waren, die deswegen ermordet wurden, weil sie als Zigeuner galten. Warum eine solche Übertreibung?

Geschichtsfeige blenden die Berliner Gedenkstätten größere historische Zusammenhänge aus. Sie vermeiden das Verwirrende, das Uneindeutige und tragen damit zur Dekontextualisierung von Geschichte bei. In ihrem aktuellen Zustand liefern sie das Muster dafür, wie man auch andere historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts, etwa Bombenkrieg und Vertreibung, bequem gegen die Fragen nach den geschichtlichen Zusammenhängen abschotten kann - sei es in selbstmitleidiger oder auch rechtsradikaler Weise. Damit betreiben sie objektiv Gegenaufklärung. Sie tragen zu einer geschichtspolitischen Häppchenkultur bei, die jeden ermuntert, sich das gerade Passende auszusuchen und dann politisch-ideologisch zu verwursten.

Im Mai werden die Ausstellung und die entsprechend sortierte Buchhandlung am Holocaust-Denkmal eröffnet. Man kann nur hoffen, dass diese Musealisierung das Vorhandene in den Schatten stellen und die Besucherströme dorthin ziehen wird. Das böte für die dann verbleibenden Alt-Gedenkstätten immerhin die Chance zu einem inhaltlichen und gegebenenfalls auch personellen Neuanfang. Im Hinblick darauf wäre es vernünftig, die Gedenkstätte in der Stauffenbergstraße auf ihr Kerngeschäft, den deutschen Widerstand, zu reduzieren. Die Ausstellung Topographie des Terrors könnte, wenn auch gründlich erneuert, weiterhin im Freien, gezeigt werden. Das Haus der Wannsee-Konferenz hat sich als Bildungsstätte und mit den dort angebotenen Seminaren einen Namen gemacht.
In einem solchen Konzept könnte der Neubau auf dem Gelände der "Topographie" dann als Museum für die NS-Zeit eingerichtet werden. Der Direktorenposten müsste mit einem entsprechenden Lehrstuhl an der Humboldt-Universität verbunden und alle wild wuchernden Einzelbibliotheken dort zusammengefasst werden. Das vorausgesetzt, könnte dem interessierten einheimischen und internationalen Publikum dann endlich einmal dargelegt werden, was in der ehemaligen Reichshauptstadt - einschließlich der Voraussetzungen und Folgen - zum Nationalsozialismus zu sagen ist, zum Zweiten Weltkrieg, zu den Deutschen jener Jahre und zur präzedenzlosen Radikalität der Politik des Massenmords.

*

Götz Aly lehrt am Fritz-Bauer-Institut der Universität Frankfurt a.M. Sein Buch "Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus" (Leseprobe) erscheint dieser Tage im S. Fischer Verlag.

Dieser Artikel erschien zuerst in gekürzter Fassung in der Süddeutschen Zeitung vom 1. März 2005. Wir danken Götz Aly für das Nachdruckrecht.

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