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Erzählungen

Club Med

Von Sascha Josuweit

21.05.2013. Marseille, Kulturhauptstadt 2013. Mit ihrem hohen Migrantenanteil ist die Mittelmeermetropole ein Vorreiter der Integration. Fünfzig Jahre später haben sich die Hoffnungen zerschlagen, die Segregation ist in vollem Gang. Die Vereinten Progressiven Territorien sichern ihre Sektorengrenzen mit aller Macht ... Eine Erzählung

Für L.

Der Anruf kam zwei Tage nach meiner Rückkehr aus Großkorea. Einer unserer französischen Kunden brauchte dringend einen Techniker. Auf einer Offshorebasis vor der algerischen Küste spielte eins unserer Sicherheitsmodule verrückt, wir sollten uns das mal ansehen. Abgesehen davon, dass ich nicht verstand, wieso sich das nicht per Ferndiagnose lösen ließ, hatte ich einfach keine Lust, schon wieder im Flugzeug zu sitzen. Ich freute mich auf eine entspannte Woche im Büro, Däumchendrehen, ein paar Runden »Weg mit den Viren!« oder »Vintage World of Tanks«. Stattdessen saß ich in Paris fest, das Sicherheitspersonal streikte, keine Abfertigung möglich. Für wenigstens zwei bis drei Tage waren die Checkpoints Orly und Charles de Gaulle dicht und damit der Luftweg in den braunen und den azurblauen Sektor. Ich überschlug die Alternativen und entschied mich für den TGV bis Marseille. Von da wollte ich das Tragflügelboot nehmen. Eine Reise im alten Stil, wieso nicht. Ich konnte ja nicht wissen, dass der Trouble damit erst anfing.

Der Trouble hatte exakt die Abmessungen einer Kommode, so breit wie hoch. Den quadratischen Schädel, der ohne Hals auskommen musste, hatte der Mistral leer gefegt. Dafür quoll der Pelz in dicken Büscheln aus dem weit offenen Hemd. Sein Name: Hervé Humbert, wie aus einem Roman von Poljakoff, einfach lächerlich; kommissarischer Gesandter des Hohen Rats für Migration und Sicherheit Euroméditerranée, wenn ich richtig gehört hatte. Er erwartete mich am oberen Ende der breiten in der Mittagssonne gleißenden Freitreppe am Gare St Charles. Der Kerl war sympathisch wie ein Seeteufel. Der Nikotininhaler schien fest mit seinen Wulstlippen verwachsen zu sein. Sollte er mir zur Begrüßung zugelächelt haben, so hatte ich in der Sekunde nicht aufgepasst. Seine Laune war mies, weshalb sollte ausgerechnet ich davon verschont bleiben. Während wir in seinem klapprigen Renault Megane durch den Verkehr krochen, erfuhr ich auch, wieso. Genau genommen gab es zwei Probleme. Das eine betraf offenbar tatsächlich das Sicherheitsmodul, oder besser gesagt die für die Kernroutinen, wie Signatur-, Schlüssel- und Zufallszahlenerstellung der Grenzsicherung, verantwortliche Software. Alle von dem Außenposten übermittelten Fehlermeldungen, die Humbert mir zeigte, deuteten darauf hin. Er faselte etwas von Sicherheitslücken, ich glaube, er sagte sogar »bedenkliche Sicherheitslücken«. Das schien mir weit übertrieben, schließlich entsprachen unsere Schutzprofile Alpha 8 Standards und wurden ständig aktualisiert. Ein Angriff von außen war praktisch unmöglich, jedenfalls war kein einziger solcher Fall bekannt. Das zweite Problem war Humbert selbst. Wie ich seinen von derben Flüchen flankierten Bemerkungen entnehmen konnte, kultivierte er in seinem Quadratschädel einen ausgeprägten Hass gegen alles Fremde, gepaart mit der für kleine Beamte typischen Technikresistenz, gekrönt von einer Neigung zur Schwarzmalerei, eine unwiderstehliche Mischung. Für seinen Job mochte ihn das sogar qualifizieren, als Mensch, noch dazu jemand, mit dem ich zusammenarbeiten sollte, machte es ihn völlig unmöglich. Vor dem Etap Hotel Port ließ er mich aussteigen, nicht ohne mir ein »Die Escortmädchen hier haben alle Aids« hinterherzubellen.
     Eine halbe Stunde später lag ich auf dem Bett und zappte mich durch das lebensgroß auf die Wand projizierte Angebot. Es war überwältigend, ich hatte gleich einen Ständer. Die Mädchen stammten aus den östlichen und südöstlichen Nachbarterritorien, überwiegend jedoch aus dem braunen bzw. schwarzbraunen Sektor, dem früheren Nord- und Zentralafrika. Die meisten waren gerade volljährig, wenn überhaupt. Es war kaum anzunehmen, dass sie alle über die staatliche Prostitutionsagentur hier gelandet waren. Bestimmt lieferten einige einen Gutteil ihrer Einkünfte einem Schlepper ab. Wegen des beängstigenden Männerüberschusses in den Progressiven Territorien waren die Offiziellen angehalten, solche Geschäfte nicht zu behindern. Hin und wieder wurde ein Mädchen verhaftet und in den Banlieues ausgesetzt, bloß damit die Sache nicht außer Kontrolle geriet. Ich entschied mich für Jocelyne, 21. Sie hatte einen leicht abwesenden Blick, Haut von der Farbe verbrannter Erde, außerdem lächelte sie nicht so dümmlich wie die anderen. Sie gefiel mir auf Anhieb.
     Wenn ich an Jocelyne zurückdenke, sehe ich zuerst ihren ernsten, beinahe gequälten Ausdruck, als lerne sie dauernd riesige Zahlenreihen auswendig. Wie all ihre Kolleginnen war sie durch die Hölle gegangen. Ihre Familie war bei einem Genozid ausgelöscht, sie selbst von einem Haufen marodierender Milizen vergewaltigt und dann liegen gelassen worden wie ein kaputtes Spielzeug. Ich hatte immer gedacht, solchen Mädchen müsse ein Leben in den Progressiven Territorien, und sei es ganz unten, wie das Paradies vorkommen. Aber Jocelyne war anders. Sie hätte lieber die Verhältnisse geändert, als ihre Haut zu retten. Sie vermisste ihre Heimat. Sie gewann mein Herz in einer Nacht. Es klingt idiotisch, aber keiner vor ihr war es gelungen, mir das Gefühl zu geben, das Leben habe noch einen anderen Sinn, als den, unsere Spezies ins nächste Jahrhundert zu retten, mit welchen Mitteln auch immer. Wie hatte sie das bloß angestellt? Vielleicht einfach durch ihre Präsenz. Indem sie da war, mit ihrem vernarbten Körper, dessen Schönheit nicht auszulöschen war, und ihrem Verstand, der über Angst und Hass triumphierte. Wir redeten den ganzen Abend und die halbe Nacht. Ich gewann ihr Vertrauen, und schließlich verriet sie mir, was sie vorhatte. Es war kompletter Wahnsinn, doch ich zweifelte keine Sekunde, dass sie es durchziehen würde. Vor zwei Monaten hatte sie einem bedröhnten Freier den Transitchip herausgebissen. Jetzt suchte sie jemand, der ihr half, das Ding umzucodieren und ihr einzupflanzen. Ebenso gut hätte sie darauf warten können, dass die Sektorengrenzen von 2020 wiederhergestellt werden. Selbst mit einem aktiven Chip standen die Chancen, nicht in eine Kontrolle zu geraten und erwischt zu werden, 1:9. Ich musste es wissen, schließlich war es mein Job. Natürlich sagte ich ihr nichts.
    
Um halb acht weckte mich das Memo. Ihr warmer Körper hielt mich fest umschlungen. Ich versprach, dass wir uns vor meiner Abfahrt noch sehen würden. Kurz darauf stand ich in der Lobby, Humbert wartete schon auf mich. Besser gesagt tigerte er vor den Panoramafenstern hin und her und blickte dauernd auf seine altmodische goldene Uhr. Auf seinem Hemd hatten sich große Schweißflecke gebildet. Seine Visage war noch abstoßender als am Vortag, vielleicht, weil im unteren Teil jetzt fette schwarze Bartstoppeln sprossen. Hatte der Typ etwa in der Hotelhalle übernachtet? Ich schlug vor, bei einem Koffeinflip das weitere Vorgehen zu besprechen, aber Humbert wollte lieber gleich aufbrechen. Bevor ich das Schiff nach Algier bestieg, wollte er mir noch etwas zeigen. Hätte ich geahnt, was ich sehen würde, ich wäre nicht mitgekommen. Und vielleicht, möglicherweise wäre dann alles anders verlaufen.


Wir bogen in die Rue de la République ein, wo noch einige der alten Haussmann-Blocks standen. Anfang des 21. Jahrhunderts war die Gegend nahe der Docks Teil eines gigantischen von den Vereinten Progressiven Territorien initiierten Modernisierungsprojekts für den gesamten Mittelmeerraum gewesen, das der von Kriminalität und Verfall geprägten Stadt ein neues Image verpassen und internationale Investoren anlocken sollte, seinerzeit eine beliebte Win-win-Strategie. Die große Depression von 2015 verhinderte das, die Häuser verfielen zum zweiten Mal. Jetzt nisteten die Möwen darin, ein trauriger Anblick. Doch das war nichts gegen die Szenerie, die uns erwartete. Je weiter wir gen Norden stadtauswärts fuhren, desto ungemütlicher wurde es. Bald war die Straße zu beiden Seiten von meterhohen Abfallbergen gesäumt. Ratten und anderes Ungeziefer nisteten darin, hin und wieder ragte ein menschlicher Arm oder ein Bein heraus. Der Gestank war unerträglich. Humbert schien das nicht zu stören, er nuckelte genüsslich an seinem Inhalator. Heute Morgen war er nicht sehr gesprächig. Im Grunde war es mir recht so. Ich hoffte nur, er wusste, wo er uns hinführte. Endlich passierten wir einen Scannertunnel, danach eine Sicherheitsschleuse. Ich sah ein Schild mit der Aufschrift »Priority Crime Zone«, das stimmte mich zuversichtlich; Klassifizierungen aller Art stimmen mich zuversichtlich. »Bougainville«, grunzte Humbert. Das klang eindeutig viel besser als es aussah. Mein Memo spuckte sofort Impressionen von schneeweißen, in üppige Vegetation eingebetteten Villen aus, zu deren Füßen das Meer verführerisch glitzerte. Leider war das hier alles andere als verführerisch. Unschwer zu erkennen, dass man an diesem Ort nichts verloren hatte, es sei denn, man hatte gar keine Wahl.
     Die Schlafstädte der »Sujets« mit ihren Betonsilos erstreckten sich kilometerweit in die sanfte Hügellandschaft der ehemaligen Provence. Kaum zu glauben, bis vor ungefähr einem Vierteljahrhundert war die Gegend ein beliebter Sehnsuchtsort für sonnenhungrige Nordeuropäer gewesen. Den Duft von Thymian und Lavendel hatte längst der Gestank von Exkrementen und Blut abgelöst, das unaufhörlich aus den Schlachtfabriken floss, in denen die Menschen aus den dunkleren Sektoren Tag und Nacht arbeiteten. Die übrigen rieben sich in brutalen Bandenkriegen auf. Der Handel mit Waffen und Drogen war bis zu einem gewissen Grad geduldet, ja erwünscht. Das perfide Kalkül des Hohen Rats ging auf, der Bevölkerungszuwachs unter den »Sujets« hielt sich ganz von allein in Grenzen. So war es in allen Banlieues, die ich kannte. Unterwegs auf der Transitstrecke, die in sicherer Höhe auf Betonpfeilern über die Ghettos hinwegführte, sahen wir ein paar Kinder mit Sturmgewehren. Sie zielten auf uns, doch wir waren zu weit weg. Immer wieder fielen Schüsse, doch nie war eine Polizeisirene zu hören.
     Kurz vor Aix hielt Humbert den Wagen an. Er drückte mir ein Fernglas in die Hand und deutete auf eine Gruppe von Männern, die sich auf einem Platz versammelt hatten. In ihrer Mitte konnte ich eine ausgehobene Grube erkennen. Eine Weile standen sie herum und palaverten. Dann fuhr ein Pick-up vor, und Bewegung kam in die Gruppe. Zwei Männer stiegen aus, sie zerrten eine junge Frau von der Ladefläche des Pick-ups und schleiften sie zu der Grube. Das Mädchen war an Armen und Beinen gefesselt. Ich ahnte, was kommen würde, doch ich konnte den Blick nicht abwenden. Sie steckten sie mit den Füßen voran in das Erdloch und gruben sie bis zu den Schultern ein. Unterdessen hatten sich die anderen Männer in etwa fünf Metern Entfernung auf einer Seite der Grube aufgestellt. Erst jetzt bemerkte ich die Pflastersteine in ihren Händen. Genau in dem Augenblick fing das Mädchen plötzlich zu singen an. Ich konnte ihre Worte nicht verstehen, aber ihre Stimme war hell und klar. Es war ein Lied auf Somali, glaube ich. Für einen Moment schienen die Männer irritiert von dem Gesang. Einer von ihnen, ein großer Kerl mit Stock, so eine Art Stammesführer, stieß einen Fluch aus, ging zu dem Mädchen hin und spuckte ihm ins Gesicht. Aber das Mädchen sang weiter. Da schlug er ihr mit dem Stock mit aller Wucht seitlich gegen den Kopf, so als würde er einen Golfball abschlagen. Blut schoss aus dem Ohr des Mädchens. Der Kopf fiel zur anderen Seite und prallte wieder zurück wie ein Punchingball. Auf einen Wink des Mannes begannen die anderen, ihre Steine gegen das Mädchen zu schleudern. Manche verfehlten ihr Ziel, andere trafen das Gesicht oder die Stirn, und der Kopf des Mädchens kippte nach hinten, wieder und wieder, bis nur noch ein blutiger Stumpf übrig war. Ich warf Humbert das Fernglas vor die Füße und stieg in den Wagen. Ich wollte so schnell wie möglich hier weg. Auf meine Frage, was er damit bezwecke, sagte er, das Mädchen sei heute Morgen am Hafen aufgegriffen und zu seiner Familie gebracht worden. »Wie Sie sehen, ist die Wiedersehensfreude nicht sehr groß.«
     Also daher wehte der Wind. Humbert hatte herumgeschnüffelt und es für angebracht gehalten, mir eine Lektion zu erteilen, eine blendende Idee. Scheinbar hielt er es für unklug, dass ich mich mit jemandem einließ, den jederzeit das gleiche Schicksal ereilen konnte wie das des Mädchens. Wahrscheinlicher war jedoch, dass der Arme keinen mehr hochkriegte. Es passte ihm einfach nicht, dass ich in seinem Revier wilderte. Dieser Teil der Botschaft ging mir am Arsch vorbei. Der andere betraf meine Arbeit, und da war ich wirklich empfindlich. Es war ihm nicht entgangen, dass ich seinen Alarmismus das Sicherheitsmodul betreffend nicht teilte. Na und? Das war noch lange kein Grund, meine Arbeitsmoral anzuzweifeln. Genau das sagte ich meinem Freund. Von da an herrschte eisiges Schweigen zwischen uns.

Zur vereinbarten Zeit erwartete ich Jocelyne in der Hotelhalle. Ich wartete eine halbe, eine Dreiviertelstunde, ich pulte sämtliche Krümel aus den Sesselritzen, doch sie kam nicht. Ich hinterließ ihr eine Nachricht und fuhr zum Überseekai. Als wir ablegten, ging ich an Deck und hielt Ausschau: nichts. Vielleicht hatte der alte Zackenbarsch doch nicht so unrecht gehabt.


In der Bucht von Algier ist das Meer nicht blau. Stattdessen schillert es silbrig wie ein aufgedunsener Fischbauch. Der Grund ist der Elektroschrott, der täglich vor der Küste verklappt wird, Tablets, Mp9-Player, iPhones. Vor allem die aus recyceltem Weißblech gefertigten iPhones. Das so entstandene künstliche Riff ist bereits halb so groß wie das Great Barrier Reef. Und da heißt es, Technik und Natur gehen nicht zusammen!

Die Überfahrt nach Algier dauerte fünf Stunden, un passage nostalgique, wie gesagt, die man sich aber auch sparen konnte. Das Geschaukel war wirklich kein Spaß, ebenso der Service an Bord. In Algier dauerte es weitere vier Stunden, die erforderlichen Genehmigungen zu bekommen. Willkommen in der dritten Moderne! Die Basis »Bab el-Bahr II« lag rund 100 Kilometer vor der Küste, eine ausrangierte Ölplattform, vollgestopft mit der neuesten Überwachungstechnik. Aus der Luft sah alles ziemlich normal aus, eine abgetakelte Bohrinsel, wie sie zu Hunderten im Mittelmeer vor sich hin rosteten. Niemand käme auf die Idee, dass sich auf so einem schwimmenden Schrottplatz unser Schicksal entschied, aber genauso war es. Ein Sensorennetz, verbunden durch rund ein Dutzend Stützpunkte von Tanger bis Port Said. Nicht mal eine Sardine kam unbemerkt da durch, geschweige denn ein Schwimmer oder eins dieser abenteuerlichen selbst gebastelten Unterseeboote. Meist havarierten die armen Teufel, noch bevor die Sensoren sie erfassten. Anderenfalls hätte uns längst eine Migrantenwelle überschwemmt; ein Ansturm unvorstellbaren Ausmaßes. Ich kannte die Statistiken, ich meine die echten, nicht die Wolkenkuckucksheime der Politiker. Von den Vereinigten Progressiven Territorien wäre nicht viel übrig, soviel ist klar. Unser christlich-demokratisches Mitteleuropa wäre über Nacht islamisiert, keine sehr angenehme Vorstellung. Wenn dergleichen nicht passierte, so war das also auch ein bisschen mein Verdienst. Nicht dass ich stolz darauf war, aber es war gut zu wissen, dass nicht alles umsonst war; das war sogar sehr gut. Unsere Technik hatte einen überzeugenden Wirkungsgrad. Eine annähernd vergleichbare Wirkung hätte man nur erzielen können, indem man das gesamte Mittelmeer trockenlegte. Der Hohe Rat hatte das sogar erwogen, hatte der jetzigen Lösung jedoch den Vorzug gegeben. Aus rein romantischen Gründen, wenn man mich fragte. Schließlich war es nicht allzu lange her, da fuhr man ans Meer, um zu baden.
     Der Trikopter setzte auf der Plattform auf, aber niemand kam, um mich in Empfang zu nehmen. Wahrscheinlich spielte der Kommandant gerade an sich herum, die Tage können lang werden in dieser Einsamkeit. Zum Glück war ich mit den Örtlichkeiten vertraut. Jedes Jahr besuchte ich ein halbes Dutzend solcher Offshorebasen zu Inspektionszwecken, und eine war wie die andere. Ich salutierte dem Piloten. In sechs Stunden würde er mich wieder abholen. Genug Zeit, das Problem zu lösen, sofern es eines gab.
     Als ich die Metalltreppe zum Kontrollraum hochstieg, war mir kurz, als schwanke der Boden unter meinen Füßen. Die See war ruhig, gespenstisch still geradezu, tatsächlich herrschte vollkommene Windstille. Vielleicht ein Seebeben? Ich klopfte, nichts rührte sich. Ich öffnete die Schleuse und betrat den Steuerungsraum, ein Kabuff, kaum größer als eine Trikopterkanzel. Der Gestank fuhr mir sofort wie Nadeln in die Nase und trieb mir die Tränen in die Augen. Er musste schon eine Weile da hängen. Gewöhnlich dauerten die Schichten auf den Inseln nicht länger als zwei Wochen, dann folgte eine Woche in der Kaserne oder zu Hause bei Frau und Kindern, je nachdem. Nach dem Grad der Verwesung zu urteilen, wegen der hohen Temperaturen war das nicht ganz leicht, lag der Todeszeitpunkt schon ein paar Tage zurück, zwei, drei oder auch vier Tage. Die Leichenstarre hatte ausgesetzt, das Gewebe begonnen, sich zu zersetzen und wie heißes Wachs herunterzutropfen. Unter dem Leichnam hatte sich eine Lache gebildet, in der sich Tausende Fliegenlarven rekelten. Augen und Nasenlöcher des Toten wimmelten ebenfalls vor weißen Maden. Um nicht ohnmächtig zu werden, hielt ich die Luft an. Ich griff mir das Memo vom Schreibtisch und machte, dass ich wieder raus kam. Die Seeluft wirkte wie eine erfrischende Dusche. Ich setzte mich auf die Stufen und starrte auf das Memo. Meine Hände zitterten. Der Tod war immer wieder überraschend und fremd, vor allem fremd. Ich hatte schon einige Tote gesehen, aber keiner war wie der andere. Ich schaltete das Memo ein. Der letzte Eintrag des Kommandanten datierte auf den 5. Juli 2063. Das war vor drei Tagen, also genau an dem Tag, als die Störungsmeldung bei uns einging. Offenbar wollte er gefunden werden, bevor ihn die Maden ganz aufgefressen hatten. Der Eintrag war bloß ein paar Zeilen lang und nicht gerade von erlesenem Protodeutsch:

Das positive Scannersignal von gestern Nacht, woraufhin ich den Elektrozekutor hochfuhr, es handelte sich um ein kleines Boot, kaum größer als eine Badewanne. Heute Morgen trieb es in der Grenzzone, darin zwei Kinder und ein Hund, alle tot. Ich kann das nicht länger verantworten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer das verantworten kann. Entweder sind wir alle Menschen, oder keiner ist mehr ein Mensch. Ich gebe alle Ehren freiwillig ab und wähle die Freiheit. Gez. Kommandant Manuel Koutouiba

Das überraschte mich doch. Es kam vor, dass einem hier draußen die Sicherung durchbrannte; die Isolation, die lange Abwesenheit von der Familie usw. Aus diesem Grund waren die Schichten jüngst drastisch verkürzt worden. Doch dass jemand die Art und den Sinn seiner Arbeit hier so offenkundig missverstanden hatte, war ungewöhnlich. Schließlich durchliefen die Männer ein langes Eignungstraining. Auf die Insel kamen sie nur, wenn an ihrer Loyalität nicht die Spur eines Zweifels haftete. Ich las den Eintrag noch einmal. Plötzlich kam mir ein Verdacht. Ich hatte vorhin keine Zeit gehabt, das System zu überprüfen, doch jetzt war mir, als wären alle Screens im Kontrollraum dunkel gewesen. Ich lief die Stufen wieder hinauf und öffnete die Tür. Der Gestank umgab mich sofort wie eine Glocke. Ich hatte recht: Sämtliche Systemfunktionen waren heruntergefahren worden. Der Kommandant hatte den Scannerschild deaktiviert, bevor er sich aus dem Staub gemacht hatte, und niemand hatte etwas bemerkt. Inzwischen konnten ganze Schiffsladungen mit menschlicher Fracht die Grenze passiert haben. Ich fuhr das System wieder hoch. Alles funktionierte einwandfrei. Eine Stunde später holte der Trikopter mich ab, und ich schrieb meinen Bericht. Damit war mein Auftrag erledigt.


Inzwischen waren die Streiks beigelegt worden, die Verbindung Algier-Paris stand wieder. Ich hätte ins Flugzeug steigen und die vergangenen Tage aus meinem Memo streichen können. Stattdessen kehrte ich nach Marseille zurück. Im Hotel überreichte mir der Portier einen Umschlag. Ein Brief von Jocelyne, abgegeben am Abend nach meiner Abreise. Der Ton war verzweifelt. Sie schrieb, sie werde beobachtet, möglicherweise sei sie verraten worden, jedenfalls müsse sie für eine Weile untertauchen. Sie schrieb auch, dass sie mir vertraue. Im Augenblick könne sie nicht mehr sagen, aber unter der angegebenen Adresse könne ich jemanden erreichen, der den Kontakt herstellen würde, vorausgesetzt, ich wolle sie überhaupt sehen. Ich wollte.
     Nach Einbruch der Dunkelheit machte ich mich auf. Ich schlug einige Haken, um ganz sicher zu gehen. Ich fühlte mich wie in einem Film noir; vor rund hundert Jahren war das ein populäres Genre, viele der Filme spielten sogar hier in der Gegend. Unser Treffpunkt war das »Marengo«, eine Spelunke im alten Hafenviertel, noch immer eine zwielichtige Gegend, auch wenn die früheren Bewohner, Araber, Anarchisten, Zigeuner, längst fort waren. Im Augenblick hatte hier die chinesische Mafia das Sagen, mit ihren protzigen Luxusjachten und Orgien mit lebendigen Oktopussen. Der Barmann schob mir einen Zettel über die Theke. Jocelyne erwartete mich auf der Rückseite des Gebäudes. Ich fand sie im Schatten einer Toreinfahrt, sie war ziemlich mitgenommen. Jocelyne erzählte, eine Freundin von ihr sei von einem ekligen Typen mit Glatze bedroht worden. Irgendsoein kleines Arschloch von der Migrationsbehörde, sagte sie. Der Kerl wollte Informationen über Jocelyne, ihren Umgang, ihren Arbeitgeber, auch über ihre Vergangenheit. Er drohte der Freundin mit Schwierigkeiten für den Fall, dass sie nicht kooperativ wäre. Ich konnte Humberts hässliche Fresse direkt vor mir sehen.

Das Umcodieren des Chips war ein Kinderspiel. In Jocelynes Versteck, einem Dachboden nicht weit vom »Marengo«, fanden wir ein altes Opinel Messer, eine Kerze zum Desinfizieren und Nadel und Faden, um die Wunde zu verschließen. Alles ging glatt, es dauerte kaum eine Stunde. In aller Frühe lief die »Rabat« wieder aus, dasselbe Schiff, mit dem ich gekommen war. Eine Alternative gab es nicht, das wussten wir beide. Die Frage, was passieren würde, wenn etwas schiefging, stellten wir uns nicht.

Während das Schiff mit Jocelyne sich langsam aus dem azurblauen Sektor entfernt, habe ich einen seltsamen Gedanken. Eigentlich ist es mehr ein Gefühl, das Gefühl, dass ich mir immer ähnlicher werde. Gespeist aus eigener, vor allem aber aus fremder Anschauung und Idealen entwickelt jeder im Lauf seines Lebens ein Bild von sich selbst, dem er, überwiegend unbewusst, zu entsprechen versucht. Der Unterschied zwischen Jugend und Alter besteht unter anderem darin, dass dieser Vorgang uns mit den Jahren immer stärker bewusst wird. Lange Zeit glauben wir, dass wir uns relativ frei entwickeln, nicht ganz und gar unabhängig, aber doch mit gewissen Möglichkeiten der Wahl. Dieser Glaube bedeutet uns viel. Der Moment des Erwachens ist entsprechend bitter, für viele ist es der Anfang einer schweren Depression.
     Jetzt ist das Schiff kaum noch zu erkennen, ein Rauchfaden am sich verdunkelnden Horizont. Und während bei l'Estaque die Sonne über die Bergrücken rollt und die Fenster der verlassenen Quarantänestation auf der Ile Ratonneau in Flammen stehen, weiß ich, dass es uns nicht gelingen wird. Es ist ein verlorenes Spiel, von Anfang an. Die Landungsboote der Fremdenlegion schaukeln wie Totenlichter entlang der Corniche Kennedy. Das letzte Aufgebot, angeheuert, die Notfallpläne umzusetzen. Sie werden nichts mehr ausrichten.

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