Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Bücherbrief

Erzählender Euripides

05.04.2010. Die besten Bücher im April.

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Weitere Anregungen finden Sie in den älteren Bücherbriefen, der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Frühjahr 2010, den Leseproben in Vorgeblättert und in den Büchern der Saison vom Frühjahr 2010.


Literatur

Bild zum ArtikelGeorg Klein
Roman unserer Kindheit
Rowohlt Verlag 2010, 22,95 EUR

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Georg Kleins "Roman unserer Kindheit" betrachtet die Ereignisse in einem Sommer Anfang der 60er Jahre in einer Neubausiedlung in Augsburg, durch die Augen einer Kinderbande. Damals gab es noch genug davon, dass man sie Banden oder Horden nennen konnte. Zu dieser gehören die Witzigen Zwillinge, die Schicke Sibylle und der Ältere Bruder, der es versteht, gruselige Geschichten zu erzählen, bei denen allen das Maul offen bleibt. Die Kinder, vielleicht, weil es so viele sind, haben ihr eigenes, von den Erwachsenen kaum kontrolliertes Leben, in dem Kriegsversehrte, unterirdische Gänge und ein Kindermörder die Hauptrolle spielen. "Nun schafft sich die kindliche Lustangst in der überhitzten Phantasie jene bedrohlichen Kulissen und Schreckensfiguren, die an der Oberwelt nur zu gut hinter dem schönen Schein der neuen Welt in Schach gehalten werden", schreibt Roman Bucheli in der NZZ. Für Ina Hartwig (Zeit) lebt der Roman vor allem aus der Sprache, die "opak, dicht, verrückt, hässlich und irre schön" ist. Jutta Person (taz) hat eine "wahnwitzige, monströs wuchernde, schwarzmagische und fuchslochartig verzweigte - schlicht und einfach: fantastische Geschichte" gelesen. Und auch die SZ liebt die seltsame Traumlogik der Erzählung. In der FAZ dagegen fühlt sich Katharina Teutsch irgendwie betrogen: Verunsicherungstechniker, Andeutungsextremist, ruft sie Klein entgegen. Georg Klein wurde für seinen Roman (hier eine Leseprobe) mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet.

Bild zum ArtikelSamanta Schweblin
Die Wahrheit über die Zukunft
Erzählungen
Suhrkamp Verlag 2010, 19,80 EUR

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In der Erzählung "Konserven" spuckt eine werdende Mutter nach einer strengen ärztlichen Kur ihr mandelgroßes Embryo in ein Konservierungsglas - vielleicht wird später was draus. In "Einen Hund töten" wird der Bewerber um die freie Stelle in einer wichtigen Organisation danach beurteilt, ob er ohne zu zögern einen Hund töten kann. "Vögel im Mund" erzählt von einem Mädchen, dass lebendige Vögel verspeist: Nur so, scheint es, bewahrt sie sich einen rosigen Teint und glänzende Augen. Die Erzählungen der argentinischen Autorin Samanta Schweblin sind voller Andeutungen und Unschärfen: "Als sei etwas gerade dabei zu entstehen: und man ist sich nicht sicher, ob man abwarten und zusehen soll, oder ob man besser die Beine in die Hand nimmt und rennt", heißt es im Magazin "Glanz und Elend". Eberhard Falcke gefällt in der Zeit, dass die sprachlich originellen Geschichten trotz ihrer beunruhigenden Plots nicht in "fantastischen Spukwelten" spielen, sondern in der argentinischen Alltagswelt.

Bild zum ArtikelPhilip Roth
Die Demütigung
Roman
Carl Hanser Verlag 2010, 15,90 EUR

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Die Liebe, der Sex, das Alter - um all dies geht es in Philip Roths neuem Roman. Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein berühmter hünenhafter Schauspieler, Mitte sechzig, entdeckt von einem Tag auf den anderen, dass er nicht mehr spielen kann. Sein Talent ist tot. Was auf der Bühne nicht mehr gelingt, hat sich im wirklichen Leben dagegen verselbständigt: hier sieht er sich nur noch spielen, schlecht zwar, aber selbst bei einem ersten Selbstmordversuch sieht er sich von außen zu. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie beginnt er eine Affäre mit einer vierzigjährigen Lesbe, die Heterosexualität ausprobieren will, während er hofft, eine Lesbe "umpolen" zu können. Roth ist "ein erzählender Euripides", schreibt Albert Ostermaier in der FAZ, "es ist geradezu von antiker Wucht, wie unausweichlich er sich ins Verderben liebt und hofft". In der SZ sieht Christopher Schmidt Roths Grundthemen, "angereichert mit dem Ferment einer qualvollen erotischen Travestie, in der Theater-Metapher zusammenschießen: Dass wir zwar jede Rolle spielen, aber nicht jede leben können." Und Ulrich Greiner ahnt in der Zeit, warum Roth nie den Nobelpreis bekam: Die Schweden "lieben Autoren, die etwas zur Verbesserung der Welt beitragen. Philip Roth trägt nur etwas zu ihrer Erkenntnis bei."

Bild zum ArtikelShahriar Mandanipur
Eine iranische Liebesgeschichte zensieren
Roman
Unionsverlag 2010, 19,90 EUR

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Und wie schreibt man über Liebe und Sex im Iran? Gar nicht. Darum hat Shahriar Mandanipur seinen Roman gleich für ein Publikum außerhalb des Irans geschrieben. Denn dort, das wusste er, würde sein Buch nicht erscheinen dürfen. Mandanipur erzählt von zwei Liebenden und einem Schriftsteller, der allerlei Listen finden muss, um ihre Liebe beschreiben zu können, ohne dass ihm der Zensor Porfirij Petrowitsch - benannt nach dem Untersuchungsrichter in Dostojewskis "Verbrechen und Strafe" - auf die Schliche kommt. "In immer neuen Zwiegesprächen mit dem Zensor verteidigt der Autor seine Story und erzählt uns nebenbei viel aus der iranischen Geschichte und Literatur, ohne dass er je pedantisch würde", erklärt ein Kritiker bei Arte. Und in der NZZ skizziert Angela Schader einige der Tricks, derer sich Mandanipur bedient: "Die schöne Schirin und ihr hochherziger, doch glückloser Verehrer Farhad aus Nizamis 'Chosrou und Schirin' treffen im modernen Teheran aufeinander; und dies klassische persische Versepos dient Mandanipur nebenbei noch als fruchtbares Exempel, wie man ausgiebigst von erotischen Dingen erzählen kann, ohne sie zu benennen." Mandanipur hat übrigens auch vor zwei Wochen in der NZZ über die Zensur im Iran geschrieben, die er für den iranischen Teufelskreis aus Revolution und Gegenrevolution verantwortlich macht: "Ein Grund für diesen Teufelskreis könnte auch darin liegen, dass unabhängige Zeitungen und Zeitschriften mit schöner Regelmäßigkeit verboten werden, so dass die ältere Generation ihre Erfahrungen nicht an die jüngere weitergeben kann."

Bild zum ArtikelNicholson Baker
Der Anthologist
Roman
C.H. Beck Verlag 2010, 19,95 EUR

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Der Anthologist in Nicholson Bakers neuem Roman ist ein mittelbegabter Dichter, der seit Ewigkeiten an einem Vorwort für eine Lyrikanthologie sitzt. Seine Freundin Rosslyn ist inzwischen ausgezogen, weil sie sein Phlegma nicht mehr erträgt. Da sitzt er jetzt, in einer Scheune in Neuengland, schon über 50, ohne Hoffnung auf irgendeine Art von Karriere, und grübelt über Reime und Rosslyns Brüste, die er mit einer Hand umschließen konnte. Denn: "Umschließen ist Reim - die gefühlte Paarung zweier gleicher Formen", zitiert ihn Christopher Schmidt in der SZ. Ein Versager also? Nicht für die Rezensenten, die diesem Mann allesamt verfallen sind. In der Zeit erklärt Jochen Jung, lange keine innigere "Liebeserklärung an die Poesie" gelesen zu haben. Auch Judith von Sternburg liebte in der FR die erstaunlich fesselnden Beschreibungen von Reimschemata und Versmaße, die "durchfunkelt" sind von Geist und Witz, wie die SZ versichert. Ein dickes Lob geht auch an die Übersetzer Matthias Göritz und Uda Strätling, die Gedichtproben englischer und amerikanischer Lyrik aus dem 18. Jahrhundert übertragen haben, so, dass auch der deutsche Leser die Beispiele für Lautung, Reimpaar und Versmaß nachvollziehen kann.


Sachbuch

Bild zum ArtikelOliver Jens Schmitt
Skanderbeg
Der neue Alexander auf dem Balkan
Friedrich Pustet Verlag 2009, 26,90 EUR

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Mit großem Interesse wurde Oliver Jens Schmitts Biografie des albanischen Nationalhelden Skanderbeg besprochen, der eine kritische Biografie offenbar bitter nötig hatte: In Albanien selbst wurde dieses Buch mit großer Empörung quittiert, sehr unrühmlich hat sich hierbei auch Ismael Kadare hervorgetan, wie Ekkehard Kraft in seiner sehr instruktiven Besprechung in der NZZ berichtet. Als Kind wurde Fürst Georg Kastriota zum Unterpfand an den Hof des Sultans Murad II gegeben, kehrte aber nach dem Tod seines Vaters nach Albanien zurück, um gegen das Osmanische Reich zu kämpfen. Die Albaner entsetzte Schmitt vor allem in zweierlei Hinsicht: Zum einen führt er Skanderbegs erbitterten Kampf gegen die Hohe Pforte auf das Motiv der Blutrache zurück, zum anderen kratzt er am Bild eines rein albanischen Freiheitskampfes, an dem sich nämlich auch bulgarische, serbische oder vlachische Orthodoxe beteiligt haben. Auch in der FAZ lobte Michael Martens diese akribische, gute geschriebene, vielleicht nur nicht gründlich genug lektorierte Biografie.

Bild zum ArtikelSarah Blaffer Hrdy
Mütter und andere
Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat
Berlin Verlag 2009, 28,00 EUR

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Die Evolution ist nicht nur "Survival of the Fittest", meint die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy, sie ist - zumindest auf den höheren Stufen der Evolution - nicht denkbar ohne soziale Kompetenz. Hier kommt die Mutter ins Spiel. Vor über einer Million Jahre begann eine Linie von Menschenaffen, ihre Jungen gemeinschaftlich aufzuziehen. "Mütter und andere" erzählt, warum sich aus dieser neuen Form der Fürsorge nicht nur neue Formen sozialen Miteinanders entwickelten, sondern auch unsere Fähigkeit, Gedanken und Absichten der Menschen um uns "lesen" zu können, verspricht der Klappentext. Die Kritiker sind einverstanden. Ein "Aufsehen erregendes Buch", meint zum Beispiel Susanne Mayer in der Zeit. Sie ist seit Lektüre des Buchs überzeugt, dass erst Mütterlichkeit das Entstehen des Homo Sapiens und eine auf Zusammenarbeit gegründete Gemeinschaft ermöglicht habe. Hrdy sei eine "Apologetin der Kooperation", schreibt Cord Riechlemann in der SZ - aber er meint das positiv: Hrdy hat ihre These für ihn mit überzeugenden und gut lesbaren Argumenten belegt.

Bild zum ArtikelDaniel Everett
Das glücklichste Volk
Sieben Jahre bei den Piraha-Indianern
Deutsche Verlags-Anstalt 2010, 24,95 EUR

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Auf keinen Fall sollte man sich vom Titel dieses Buches abhalten lassen, warnen die Rezensenten, die allesamt Daniel Everetts Buch mit Begeisterung gelesen haben. Es sei nicht nur der Forschungsbericht eines Linguisten, sondern zugleich auch philosophischer Essay und Abenteuerroman in einem und eigentlich nur mit Claude Levi-Strauss' "Traurigen Tropen" vergleichbar. Everett ist 1977 mit Frau und Kindern als Sprachforscher und Missionar in das brasilianische Amazonasgebiet gereist, um die Sprache der Piraha lernen, die er mit einer Bibelübersetzung beglücken wollte. Es kam anders, der Missionar wurde bekehrt. Er lernte die Sprache der Piraha, machte sich mit ihren Gebräuchen und ihrer Lebensweise vertraut - und verabschiedete sich selbst von seinem christlichen Glauben und seiner Mission. "Aufschlussreich, unterhaltsam, spannend und den Blick weitend", fand Harald Eggebrecht in der SZ, was er alles über die Piraha gelernt hat, zum Beispiel dass sie für verschiedene kulturelle Funktionen unterschiedliche Sprachkanäle haben: eine Pfeifsprache, Summsprache, Schreisprache, musikalische Sprache und normale Sprache. Außerdem schlafen sie wenig, weil es aufregender ist, wach zu sein. In der FAZ zeigte sich Karl-Heinz Kohl sehr fasziniert von dieser gerade mal 500 Menschen umfassenden Volksgruppe, die allen Anfechtungen der Moderne bisher getrotzt und kaum einen Begriff von Vergangenheit und Zukunft habe, stattdessen ganz im Hier und Jetzt lebt.

Bild zum ArtikelTony Judt
"Das vergessene 20. Jahrhundert"
Die Rückkehr des politischen Intellektuellen
Carl Hanser Verlag 2010, 27,90 EUR

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Die in diesem Band versammelten Essays von Tony Judt sind nicht neu, zum Teil stammen sie aus bereits aus den neunziger Jahren. Aber, so versichert Jacques Schuster in der Welt, was Tony Judt über die großen Denker des 20. Jahrhunderts zu sagen hat, sei "so gebildet wie blitzgescheit": Arthur Koestler und Albert Camus, Manes Sperber und Eric Hobsbawm, Hannah Arendt und Leszek Kolakowski. "Was Judt über Primo Levi schreibt, gehört zum Besten, das jemals über den in Auschwitz geschundenen Juden verfasst worden ist", meint Schuster. In einer großen Besprechung in der New York Times rühmte Geoffrey Wheatcroft die Essays und erklärte Tony Judt zu einem der besten Historiker und einem politischen Denker, der dem Engagement wieder einen guten Namen gibt. Und im Guardian lobte John Gray Judts "furchtlose Integrität" verkündet: "Wie Raymond Aron, der subtile und unerbittliche französische Polemiker, ist Judt als liberaler Denker wie geschaffen dafür, liberale Illusionen zu entmystifizieren."


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07.06.2012. Atiq Rahimi erzählt von Schuld und Sühne in Kabul. Nina Bußmann stellt uns den suspendierten Physiklehrer Schramm vor. Mark Z. Danielewski durchquert in einem Roadmovie 200 Jahre amerikanische Geschichte. Marc Hansmann beschreibt die Geschichte des deutschen Schuldenstaats. Und der Wirtschaftspsychologe Daniel Kahneman schafft den rationalen homo oeconomicus ab. Dies alles und mehr in unseren besten Büchern des Monats Juni.
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07.05.2012. Matthias Nawrat erzählt von einem schwer verliebten Gemüsefahrer. Helene Bessette erzählt von einem besessenen Pfarrer. Ketil Bjoernstadt erzählt von der Sandwich-Generation, Nedim Gürsel von Allahs Töchtern. Außerdem reisen wir mit Stephen Greenblatt in die Renaissance und mit David van Reybrouck in den Kongo. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Mai. Mehr lesen

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