Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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Zülfü Livaneli
Der Eunuch von Konstantinopel
Klappentext
Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann. Dieser erste Roman von Zülfü Livaneli folgt der Erinnerung eines schwarzen Eunuchen im osmanischen Serail: der Erinnerung an seine Entführung als Kind aus Abessinien, an die Marter der Kastration und an seinen Aufstieg innerhalb des Harems bis an die Seite des Herrschers. Er erzählt, wie sein Herr eines Tages von der eigenen Mutter entthront und zusammen mit seiner Geliebten in einem fensterlosen Raum gefangen gehalten wird und auf den Tod wartet. Der Lieblingseunuch wird dazu auserkoren, seinem Herrn die Nahrung unter der Türe durchzuschieben. Livaneli wählt einen historischen Schauplatz, den Topkapi-Palast in Istanbul, eine historisch verbürgte Geschichte und eine historische Figur: Sultan Ibrahim, den achtzehnten osmanischen Sultan, der 1615 geboren wurde und als einziger überlebender, d. h. nicht ermordeter Prinz der Dynastie den Thron bestieg.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.12.2000
Der Roman sei keine Haremsgeschichte der gängigen Art, schreibt die Rezensentin. Ob das ein Gewinn ist? Jedenfalls sei dem Autor dafür ein "düsteres Szenario der Verführbarkeit des Menschen durch die Macht" als ein "Paradigma des Gefüges der orientalischen Despotie" gelungen. Ein politisches Buch also, und da passt es ja, wenn Erdmute Heller den Autor einen "türkischen Biermann" nennt und seine Verdienste im Kampf um Menschenrechte aufzählt. Livaneli aber verlege das Geschehen zurück ins 17. Jahrhundert, "in eine der finstersten Epochen der osmanischen Geschichte", so Heller, und lasse offen, inwieweit sich Fiktion und Fakten vermischen. Allerdings kann die Spannung der Geschichte die Rezensentin doch nicht täuschen: Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt ihr, dass der Autor gründlich recherchiert und die Protgonisten wie auch die meisten Ereignisse, "bis in ihre grausamsten Details", nicht frei erfunden hat. Das alles freut die Rezensentin ungemein. Dem Autor attestiert sie Talent und, was seinen Stil und die "sarkastische Ironie" seiner Sprache betrifft, eine Beeinflussung durch die Meister der islamischen Mystik. Um so dringlicher aber vermisst sie editorische Sorgfalt: Den mangelhaften Anhang und die vielen Fehler im Text, wird sie gedacht haben, hat dieses Buch nicht verdient.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.08.2000
Monika Garbe zeigt sich spürbar fasziniert von diesem Buch - auch wenn sie den deutschen Titel unnötig plakativ zu finden scheint. Zwar dürfe der Leser auch "Lüsternheit" erwarten, doch für sie steht viel mehr das System von Macht und Gewalt im Harem im Vordergrund - ein System, das plötzlich und unerwartet deutlich aus den Fugen gerät. Garbe sieht in diesem Buch eine Parabel auf andere totalitäre Systeme, ohne dass dabei jedoch das Lesevergnügen auf der Strecke bleibe. Neben der ausgezeichneten Recherche lobt sie vor allem Livanelis literarisches Geschick, die Spannung der Geschichte, das Gruselige, aber auch die subtile, distanzierte Ironie. Und die Übersetzung von Wolfgang Reimann findet die Rezensentin schlicht "ausgezeichnet".
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