Bücherschau der Woche
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Klappentext
"Ein Leben wird besichtigt" - Wolf Jobst Siedler macht sich auf die Suche nach seiner Kindheit, und diese Suche führt ihn weit zurück in die frühen dreißiger Jahre, als Hitler die Macht ergriff. Entstanden ist eines der leisesten Erinnerungsbücher voller Einsichten und Humor.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.08.2001
Eine "Ehrenrettung des Bürgertums" versucht der Verleger Wolf Jobst Siedler mit seinen "glänzend geschriebenen Memoiren" einer Jugend unter Hitler, schreibt Andrew James Johnston und ist zwiegespalten. Den Rezensenten beeindruckt einerseits die Nostalgie der Darstellung, die ihre Metaphern aus der Meteorologie bezieht, dabei trotzdem "bemerkenswerten Scharfblick" beweise und immer wieder satirisch sei. Dies offenbart die traurige Ironie des "insgesamt fesselnden Lebensberichts", findet Johnston und stellt heraus, dass das eigentlich Tragische nicht die Tatsache des Untergangs bildungsbürgerlicher Werte, ihres Vom-Winde-Verweht-Seins sei, sondern dass diese Werte gar nichts taugten, als es auf sie ankam. Ärgerlich wird der Rezensent allerdings, wenn Siedler den offensichtlichen Antisemitismus vor 1933 herunterspielt und behauptet, das gehobene Bürgertum sei gegen die Verführungen Hitlers immun gewesen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000
Gleich einem Bildungsroman, dessen Beweggrund der Krieg ist, hat Wolf Jobst Siedler seine Autobiografie angelegt, schreibt Karin Wieland. Der Autor schildere zunächst die gepflegte bürgerliche Welt im Diplomatenhaus seiner Eltern, ihre Resistenz gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus, der für Siedler immer ein Kleinbürger-Phänomen geblieben sei, `was auch immer die Forschung behaupte`, so die Rezensentin. Mit Kriegsbeginn sei diese Welt für Siedler verschwunden. `Ruhig und unprätentiös` schreibe er über seine `Hinwendung zu einer anderen Moderne`, die Freundschaft mit Ernst Jüngers Sohn, ihre gemeinsame Zeit in Haft aufgrund einer Denunziation und schließlich seine zweijährige Kriegsgefangenschaft in Afrika. Wieland kritisiert lediglich, dass Siedler seine Aufzeichnungen immer wieder durch Einschübe seiner späteren Erfolge unterbricht, die jedoch dem `existentiellen Ernst` der Kriegserfahrungen nach Ansicht der Rezensentin nicht angemessen sind.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000
Ziemlich enttäuscht äußert sich Mechthild Küpper über den Lebensbericht dieser `eleganten Erscheinung` eines Berliner Bürgersohnes, der sich vor allem als `Abkömmling vieler berühmter Leute` sieht. Seine beeindruckende Karriere als Publizist und Verleger ist ihr einerseits zu wenig geordnet, chronologisch kaum nachvollziehbar beschrieben, andererseits aber auch in den Passagen, wo es um Schillerndes geht, wenig beredt. Die von ihm häufig eingestreuten Zitate anderer Autoren setzen sein eigenes Erinnern, so Küpper, immer wieder als dagegen `unanschaulich` ab. Die `Verehrung alles Jüdischen`, die frühe Leidenschaft für Buber, der ständige Hinweis auf `die verlorenen Provinzen` des Ostens in diesen Memoiren haben sie befremdet. Ihre Erwartung war, dass hier etwas vom `deutschen Bürgertum`, also der Welt der Siedler`schen Eltern, hätte vermittelt werden müssen: aber `außer einem gewissen Habitus`, so stellt sie am Schluss ihrer Besprechung fest, war da offenbar nichts zu holen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000
In Zeiten der Krise sind Rückblicke auf goldene Jahre beliebt. Derzeit ist das Verlagswesen dran, und Matthias Wegner berichtet eher lang als eindringlich über zwei Biografien.
1) Ralf Dahrendorf: `Liberal und unabhängig`
Der deutschstämmige Lord Ralf Dahrendorf, zudem Soziologe und Publizist, erzählt bewundernd aber nicht distanzlos die “Bilderbuchkarriere” des Zeit- und Sternverlegers Gerd Bucerius (1906-1995), findet Wegner und bemüht dazu einen abgedroschenen Superlativ nach dem anderen für Leben, Werk und Biograf. Als liberal-konservativer Politiker (CDU, Bausenator Hamburg und MdB) ein “tollkühner Freigeist” konzentrierte sich Bucerius seit 1957 ganz aufs Verlegerische und Publizistische und verband sich später mit dem Verleger Reinhard Mohn (Bertelsmann). Wegner bescheinigt der Biografie, den “Vollblutunternehmer in seinen staunenswerten Facetten und oft verblüffenden Widersprüchen” zu porträtieren.
2) Wolf Jobst Siedler: `Ein Leben wird besichtigt`
Wolf Jobst Siedler hat über sich selbst geschrieben. Mit Bucerius teilt er einen liberal-konservativen Hintergrund, überschaubare Schwierigkeiten im Nationalsozialismus und in späteren Jahren die Verbindung mit den Bertelsmännern. Anders als Bucerius ist er weniger Querulant als vielmehr Schöngeist und “Hommes des Lettres”, informiert Wegner. Erst Ullstein-Chef, dann Leiter eines Verlags mit seinem Namen, hat er u.a. mit Fests Hitler-Biographie und den FJS-Memoiren einige Renner verlegt. Nebenbei trauert er bis heute dem großbürgerlich-aristokratischen Berlin nach und mag die moderne Literatur nicht. Wegners Superlativ-Delirium lässt hier etwas nach, aber “jenen Typus des konservativen, aber zugleich radikal individuellen Connaisseurs” und sein Buch mag er auch gern.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.09.2000
So toll, wie der Autor sein Leben findet, so toll findet Gustav Seibt seine Autobiografie nicht. Zwar lobt er einerseits ausführlich die Verdienste des "konservativen Freigeists", den er als "verwegen, draufgängerisch, brillant" bezeichnet; er hebt auch brav das Geschichtsbewusstsein Siedlers hervor und würdigt die daraus entsprungenen historischen Reihen des Siedler-Verlags. Aber es hat ihm missfallen, wie Siedler mit dem ungebrochenen Großbürgerstolz einer "herrenhaften Freiheit" das "Naziwesen" zur Sache der Haus- und Blockwarte erklärt, seine eigene Verhaftung durch die Gestapo mindestens fünfmal erzählt und wie er herausstreicht, wessen Bücher er mit persönlichen Widmungen (Ernst Jünger) bekam, wer ihm schrieb (Thomas Mann) und mit wem er speiste (Chagall, Ungaretti etc). Ein wenig beleidigt bemerkt Seibt, dass Siedler seine Leser offenbar darüber hinaus auch noch für "unwissend, geradezu für ungebildet hält", und ihnen "belehrende Exkurse" vorsetzt über alte Ostseebäder und "schlesische Mystik". Das wirkt alles so, meint Seibt, als würde man nicht einfach goldenes Besteck auffahren, sondern jeden, bevor er zu Messer und Gabel greift, darauf hinweisen, "das Besteck sei aus Gold und nicht etwa nur Messing".
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