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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Witold Horwath

Seance

Roman

Cover: Seance

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2000
ISBN-10 3455035752
ISBN-13 9783455035759
Gebunden, 448 Seiten, 22,96 EUR

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Klappentext

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Witek ist sechzehn und Schüler an einem Warschauer Gymnasium, als eines Tages - es ist der 22. September 1975 - Milena Hrabicz in sein Leben tritt. Milena, aus ihrem reichen Krakauer Elternhaus und von ihrer alkoholkranken Mutter weggelaufen, fasziniert ihn mit ihrem Lebensstil, ihrer Art, sich zu kleiden, und ihrer übermäßigen Trinkerei. Jenseits aller offensichtlichen Gegnsätze und trotz der Kälte, die Milena an den Tag legt, schließen beide im Augenblick ihrer ersten Begegnung einen Bund.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2001

Der 1957 geborene polnische Schriftsteller Witold Horwath räumt mit manchem im Westen über den Ostblock verbreiteten Vorurteil auf. Auch dort hörten die Teenager der siebziger Jahre Black Sabbath und Led Zeppelin, hatten Schlaghosen und lange Haare und lasen die Beat-Poets und die Existentialisten, berichtet Friedmar Apel über das in "Seance" geschilderte Lebensgefühl junger Polen. Aber darum geht´s nicht, jedenfalls nicht vordergründig. Sondern um das nach Apel leider etwas langatmig ausgefallene Scheitern des Protagonisten beim Vorhaben, das Seelenleben seiner Angebeteten zu erkunden. Die hohe Kunst des Romanschreibens beherrscht der Autor nicht, denkt der Rezensent. Trotzdem hält er Horwarths Werk, "flüssig und kenntnisreich" von Esther Kinsky übersetzt, für ausgesprochen lesenswert. Die Erzähltechnik des Autors erinnert Apel an Albert Camus. Seine autobiografisch angehauchte Geschichte habe die Züge einer existentialistischen Education sentimentale vor dem distanziert und differenziert gezeichneten Hintergrund der Geschichte Polens vor der Öffnung.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.10.2000

`Was ein Messeschwerpunkt so alles anrichten kann`, stöhnt Michael Kohtes über die verhunzte Übersetzung aus dem Polnischen, für die Esther Kinsky und Olaf Kühl verantwortlichen zeichnen. Und ein Lektor, meint Kohtes, der sich mal an der Quelle sprich beim Autor hätte erkundigen können, um was für eine Sorte Literatur es sich eigentlich bei `Séance` handelt. Siehe da, jedenfalls ist Kohtes zu dieser Erkenntnis gekommen, es geht um realistische und nicht um experimentelle Literatur. Wie also ist dieses verstiegene `Stilchaos` zu erklären, von dem Kohtes seinen Lesern verschiedene Kostproben bietet: `....den Aufstieg zur middle class aufgestiegen` oder `... in der Stimme ähnelte... sie sich an`? Für Kohtes ist das schlechtes Deutsch, das Lesen hat ihm keinen Spaß gemacht und darum mag er über das Buch auch nichts erzählen. Ach ja, es handelt sich um eine Liebesgeschichte, im Polen der 70er und 80er Jahre.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.10.2000

Mit einer Doppelrezension bespricht Ulrich M. Schmid zwei Romane polnischer Autoren, die - trotz großer Unterschiede - einige Gemeinsamkeiten aufweisen. So haben beide Romane nicht nur die aussichtslose Liebe eines pubertierenden Jungen zum Thema, sondern zeigen auch, dass die "sozialistische Vergangenheit Polens noch nicht als aufgearbeitet (...) gelten darf". Schmid stimmt mit einigen polnischen Kritikern überein, dass beide Roman eher für die über Vierzigjährigen interessant sind, bei denen sich ein "Wiedererkennungseffekt" einstellen dürfte. Darüber hinaus sieht der Rezensent in beiden Büchern einen speziell polnischen Machismus beschrieben, bei dem das in erotischer Hinsicht beschädigte narzisstische Ich mit einer "gesteigerten Phantasieproduktion antwortet", anstatt einen Reifungsprozess durchzumachen.
1.) Antoni Libera: "Madame" (dtv Verlag)
Schmid betont bei diesem Buch die "konsequent subjektive Erzählhaltung", die ihm offenbar besonders gut gefallen hat. Denn dass Leben der begehrten Französischlehrerin wird hier, wie er feststellt, erst nach und nach durch die Nachforschungen des Protagonisten deutlich. Daneben hebt der Rezensent die komischen Aspekte des Romans hervor, die gerade bei polnischen Lesern mit einem Wiedererkennungseffekt rechnen können. Dazu zählen nach Schmid von Libera geschilderte sozialistische Relikte im Alltagsleben, Schwarzhandel an den Universitäten, bürokratische Kleinkariertheit, auf der anderen Seite jedoch auch die Flucht in Traumwelten, die vom Autor nicht ohne Ironie beschrieben werde.
2.) Witold Horwath: "Séance" (Hoffmann und Campe)
Von Liberas Roman unterscheidet sich der Horwaths schon durch die Konzeption, so Schmid. Keine "fiktiven Erinnerungen" werden hier geschildert, vielmehr sei das Buch eine "Collage einzelner Bewusstseinsfragmente". Was zunächst als eine Sammlung scheinbar unzusammenhängender Teile erscheint, erweist sich, wie Schmid betont, am Ende doch als logische Notwendigkeit. Denn erst am Ende werde klar, dass es sich um eine Beichte handelt, eine "raffinierte Wendung", wie der Rezensent anerkennend anmerkt.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000

Typisch für die junge polnische Literatur sei der Rückzug ins Private, schreibt Schamma Schahadat in ihrer positiven Rezension des Buchs. Dafür, dass dieser Rückzug jedoch nur ein vordergründiger ist, hinter dem sich immer ein gesellschaftlicher und politischer Kontext verberge, sei der neue Roman von Witold Horwath ein gutes Beispiel. Denn die scheinbar private Liebesgeschichte von Witek und Milena, jenen jugendlichen Aussteigern zur Zeit der politischen Restriktion in Polen, sei zugleich ein "Sittengemälde, eine Darstellung des Lebens der heute Vierzigjährigen in den 70er und 80er Jahren in Warschau". Aber auch als Roman über einen Roman lasse sich das buch lesen, denn "Séance" ist auch der Titel des Buches, das Witek über seine Séancen mit Milena verfasst.

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