Bücherschau der Woche
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Klappentext
Walter Jens, mein Vater, ist dement. Sein Gedächtnis ist taub, die Sprache versiegt. Die Blicke sind hohl und verloren. Meine Mutter, mein Bruder und ich sind uns einig, wir wollen, wir werden sein Leid nicht verstecken. Tilman Jens' Buch ist die Chronik eines Abschieds des Sohnes vom geliebten und bewunderten Vater. Schmerzhaft konkret erzählt er von der Entdeckung eines ganz anderen, hilflosen Menschen, von der Grausamkeit der Krankheit, von einem quälenden langen Weg in die letzte Stufe des Dämmerns. Er zeichnet die Stationen dieses Abschieds nach und erzählt von einem Lebensende, das so gänzlich anders verläuft, als es seinem Vater, dem Virtuosen des Wortes, vorbestimmt schien.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2009
Christian Geyer lässt die Kritik an diesem Buch als einem "Teufelswerk" einmal links liegen und wendet sich dem Text selbst zu. Nicht die auf die NSDAP-Mitgliedschaft abzielenden Vorwürfe des Autors gegen den demenzkranken Vater interessieren Geyer, sondern der von Tilman Jens vorgelegte Kommentar zum Thema Sterbehilfe. Für Geyer liegt die Brisanz der Causa Walter Jens eben hier: Wie einem kranken Menschen begegnen, der wie Jens die aktive Sterbehilfe (für sich) gefordert hat? Tief berührt folgt Geyer den Ausführungen des Sohnes über Krankenhausodysseen und hoch emotionale Momente, in denen der Autor seine und des Vaters Einstellung zur Sterbehilfe in Zweifel zieht, und sieht die Gewissheiten sich auflösen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.02.2009
Mitleidig eher noch als kritisch blickt Alex Rühle auf dieses Buch. Er könnte sich, schreibt er, durchaus vorstellen, dass man über die Demenzerkrankung seines Vaters ein tiefsinniges Werk, mit Reflexionen über die "Fleischlichkeit" des Menschen zum Beispiel, schreiben kann. Nur bräuchte es dafür einen Autor von einem Kaliber, das Tilman Jens nicht einmal in Ansätzen, so Rühle, besitzt. So gebe es, zusätzlich zum schon in der Zeitungsartikelfassung absurden Versuch, den Gedächtnisverlust mit der von Jens stets abgestrittenen NSDAP-Mitgliedschaft zu verbinden, vor allem "Kitschpfützen" und "Kolportage". Nichts als Wirrnis kann Rühle da ausmachen, Vorwürfe, die Jens seinem Vater implizt mache, nehme er dann gleich wieder zurück. So schlimm kommt dem Rezensenten dieser Sohn vor, dass er eine Alternativthese zu des Vaters Demenz im Scherz erwägt: Vielleicht wollte Walter Jens ja nur Ruhe haben vor diesem Tilman.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.02.2009
Man beachte den Untertitel, schreibt Rezensent Arno Widmann, denn da stehe "Abschied von meinem Vater", weshalb das Buch durchaus als das zu verstehen sein, was Widmann selbst darin gelesen hat: eine "temperamentvolle, wütend-verzweifelte, bittere, hilflose, melancholische, angriffslustige, manchmal auch müde" Reflexion über den Abschied vom Vater. Insgesamt ein Buch, das Widmann keinen Moment gelangweilt hat, und das er allein wegen des Talents dieses Autors zum "kalten Blick" , mit der der Verfall protokolliert werde, höchst lesenswert fand. Auch leuchtet Widmann der von Tilman Jens ja eher als Frage formulierte Zusammenhang zwischen der beginnenden Demenz und dem Bekanntwerden von Walter Jens' NSDAP-Mitgliedschaft ein. Denn interessant sei ja doch, "dass die Alten ja nicht einfach im Nebel versinken, sondern im Nebel ihrer Vergangenheit".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.02.2009
Als empörend und ”ehrlose Entblößung seines wehrlosen Vaters” empfindet Rezensentin Iris Radisch das ”kleine” Buch, das der Journalist Tilman Jens über seinen demenzkranken Vater Walter Jens geschrieben hat. Auch die Tatsache, dass Jens jr. seine voyeuristischen Überlegungen von der Bild-Zeitung vorabdrucken ließ, findet sie unrühmlich. Jens' Kernthese, dass nämlich die Demenz des Vaters aus Scham über die jahrzehntelange Verheimlichung seiner NSDAP-Mitgliedschaft quasi als ”historisch-politischer” Reflex entstanden sei, findet sie so ”abwegig” und entfernt von jeder medizinischen Vernuft, dass sie die Idee fast schon ”literarisch” nennen möchte. Allerdings öffnet ihr die Dämonisierung der väterlichen Krankheit durch den Sohn auch andere Blicke auf das Buch: dass nämlich der Sohn die Krankheit des Vaters ”romantisiere”, der nicht an einer normalen Krankheit sterben dürfe, sondern hölderlinhaft an einer ”hochbrisanten politischen Infektion”. An diesem Punkt wird die Denunziation für die Rezensentin zur Verklärung und damit auch zum Ausdruck einer unausgereiften Auseinandersetzung mit einem übergroßen Vaterbild, der Versuch eines ”demolierten Sohnes”, sich durch Denkmalsturz seinen ”kreatürlichen Vater” zurückzuerobern.
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