Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Tilman Jens

Demenz

Abschied von meinem Vater

Cover: Demenz

Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008
ISBN-10 3579069985
ISBN-13 9783579069982
Gebunden, 141 Seiten, 17,95 EUR

Bestellen bei Buecher.de

Klappentext

Walter Jens, mein Vater, ist dement. Sein Gedächtnis ist taub, die Sprache versiegt. Die Blicke sind hohl und verloren. Meine Mutter, mein Bruder und ich sind uns einig, wir wollen, wir werden sein Leid nicht verstecken. Tilman Jens' Buch ist die Chronik eines Abschieds des Sohnes vom geliebten und bewunderten Vater. Schmerzhaft konkret erzählt er von der Entdeckung eines ganz anderen, hilflosen Menschen, von der Grausamkeit der Krankheit, von einem quälenden langen Weg in die letzte Stufe des Dämmerns. Er zeichnet die Stationen dieses Abschieds nach und erzählt von einem Lebensende, das so gänzlich anders verläuft, als es seinem Vater, dem Virtuosen des Wortes, vorbestimmt schien.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2009

Christian Geyer lässt die Kritik an diesem Buch als einem "Teufelswerk" einmal links liegen und wendet sich dem Text selbst zu. Nicht die auf die NSDAP-Mitgliedschaft abzielenden Vorwürfe des Autors gegen den demenzkranken Vater interessieren Geyer, sondern der von Tilman Jens vorgelegte Kommentar zum Thema Sterbehilfe. Für Geyer liegt die Brisanz der Causa Walter Jens eben hier: Wie einem kranken Menschen begegnen, der wie Jens die aktive Sterbehilfe (für sich) gefordert hat? Tief berührt folgt Geyer den Ausführungen des Sohnes über Krankenhausodysseen und hoch emotionale Momente, in denen der Autor seine und des Vaters Einstellung zur Sterbehilfe in Zweifel zieht, und sieht die Gewissheiten sich auflösen.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.02.2009

Mitleidig eher noch als kritisch blickt Alex Rühle auf dieses Buch. Er könnte sich, schreibt er, durchaus vorstellen, dass man über die Demenzerkrankung seines Vaters ein tiefsinniges Werk, mit Reflexionen über die "Fleischlichkeit" des Menschen zum Beispiel, schreiben kann. Nur bräuchte es dafür einen Autor von einem Kaliber, das Tilman Jens nicht einmal in Ansätzen, so Rühle, besitzt. So gebe es, zusätzlich zum schon in der Zeitungsartikelfassung absurden Versuch, den Gedächtnisverlust mit der von Jens stets abgestrittenen NSDAP-Mitgliedschaft zu verbinden, vor allem "Kitschpfützen" und "Kolportage". Nichts als Wirrnis kann Rühle da ausmachen, Vorwürfe, die Jens seinem Vater implizt mache, nehme er dann gleich wieder zurück. So schlimm kommt dem Rezensenten dieser Sohn vor, dass er eine Alternativthese zu des Vaters Demenz im Scherz erwägt: Vielleicht wollte Walter Jens ja nur Ruhe haben vor diesem Tilman.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.02.2009

Man beachte den Untertitel, schreibt Rezensent Arno Widmann, denn da stehe "Abschied von meinem Vater", weshalb das Buch durchaus als das zu verstehen sein, was Widmann selbst darin gelesen hat: eine "temperamentvolle, wütend-verzweifelte, bittere, hilflose, melancholische, angriffslustige, manchmal auch müde" Reflexion über den Abschied vom Vater. Insgesamt ein Buch, das Widmann keinen Moment gelangweilt hat, und das er allein wegen des Talents dieses Autors zum "kalten Blick" , mit der der Verfall protokolliert werde, höchst lesenswert fand. Auch leuchtet Widmann der von Tilman Jens ja eher als Frage formulierte Zusammenhang zwischen der beginnenden Demenz und dem Bekanntwerden von Walter Jens' NSDAP-Mitgliedschaft ein. Denn interessant sei ja doch, "dass die Alten ja nicht einfach im Nebel versinken, sondern im Nebel ihrer Vergangenheit".

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.02.2009

Als empörend und ”ehrlose Entblößung seines wehrlosen Vaters” empfindet Rezensentin Iris Radisch das ”kleine” Buch, das der Journalist Tilman Jens über seinen demenzkranken Vater Walter Jens geschrieben hat. Auch die Tatsache, dass Jens jr. seine voyeuristischen Überlegungen von der Bild-Zeitung vorabdrucken ließ, findet sie unrühmlich. Jens' Kernthese, dass nämlich die Demenz des Vaters aus Scham über die jahrzehntelange Verheimlichung seiner NSDAP-Mitgliedschaft quasi als ”historisch-politischer” Reflex entstanden sei, findet sie so ”abwegig” und entfernt von jeder medizinischen Vernuft, dass sie die Idee fast schon ”literarisch” nennen möchte. Allerdings öffnet ihr die Dämonisierung der väterlichen Krankheit durch den Sohn auch andere Blicke auf das Buch: dass nämlich der Sohn die Krankheit des Vaters ”romantisiere”, der nicht an einer normalen Krankheit sterben dürfe, sondern hölderlinhaft an einer ”hochbrisanten politischen Infektion”. An diesem Punkt wird die Denunziation für die Rezensentin zur Verklärung und damit auch zum Ausdruck einer unausgereiften Auseinandersetzung mit einem übergroßen Vaterbild, der Versuch eines ”demolierten Sohnes”, sich durch Denkmalsturz seinen ”kreatürlichen Vater” zurückzuerobern.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

blog comments powered by Disqus

Archiv: Bücherschauen

Krisen des modernen Ichs

26.05.2012: FAZ und NZZ sind beeindruckt von Drastik und Zartheit in John Cheevers neu übersetztem Roman "Willkommen in Falconer". Ganz groß findet die FAZ auch Alexander Garcia Düttmanns neues Buch "Naive Kunst". Die SZ guckt Safaa Fathys Film über Derrida. Die taz staunt über Germán Kratochwils spätes Debüt "Scherbengericht", in dem das Wien der Kaiserzeit mit dem Patagonien der Gegenwart verbunden wird.
Mehr lesen

Archiv: Vorgeblättert

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3

07.05.2012: Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen

Goncalo M. Tavares: Die Versehrten

19.04.2012: Mylia trotzt seit Jahren den Prognosen der Ärzte über ihren bevorstehenden Tod; Ernst, ihr ehemaliger Geliebter, ist seit seinem Aufenthalt in der Nervenklinik ein gebrochener Mann, und Hinnerk ist ein vom Krieg Gezeichneter. In einer schicksalhaften Nacht treffen all diese Personen aufeinander. Hier eine Leseprobe aus Goncalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten". Mehr lesen

Laszlo Vegel: Sühne

12.04.2012: Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen

Archiv: Buchautoren