Bücherschau der Woche
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Klappentext
"Animationen" ist ein erzählender und philosophierender Essay. Er führt mit Goethe in die Schweiz, mit Flaubert in den Orient und - auf einer Spur, die eine Kurtisane namens Ruschiuk Hânem legt - schließlich nach Venedig. Hier tauchen Montaigne und Casanova auf, der Anatom Andreas Vesalius und vor allem der aus Rom geflüchtete Pietro Aretino, Verfasser berühmter erotischer Sonette, die Thomas Hettche erst kürzlich kongenial nachgedichtet hat.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.12.1999
Respektvoll und wohl auch ein wenig irritiert legt Hans-Peter Kunisch dem Leser auf der ersten Seite der Literaturbeilage diesen 200-Seiten langen Essay des 1965 geborenen Schriftstellers ans Herz, - oder vielleicht sollte man sagen ans Hirn. Um Körperlichkeit geht es jedenfalls, genauer: um die Geschichte der Bilder vom Körper als Maschine - von der ersten anatomischen Illustration bis zum digitalen Bild. Der nach Venedig, sozusagen ins Archiv abendländischer Kunst- und Handelsgeschichte reisende Ich-Erzähler bleibt auch in seinem Hotelzimmer per Laptop angedockt an die Datenströme des weltweiten Netzes. Und mit den aus der Spannung von Laptop und Venedig sich ergebenden kulturhistorischen Querverweisen und einem ohne viel körperliche Eigenbewegung reisenden Protagonisten tut der Rezensent sich nicht weiter schwer: vielmehr zitiert er seinerseits Filme (David Cronenbergs "eXistenZ") und Filmbilder (Brigitte Bardot in "Le Mepris") als marktgängige Vorläufer der auch hier thematisierten Auflösung des Körpers in seinem Bild. Manchmal weiß man kaum, welches kluge Zitat auf wessen Mist gewachsen ist - Autor oder Rezensent. Kultupessimistisch sei Hettche in diesem "mit Hang zum sprachlichen Klassizismus" geschriebenen Buch durchaus nicht, merkt Kunisch positiv an, aber dann ist ihm doch kalt geworden vor lauter Kunst und Künstlichkeit. Ein Nacht- und Winterstück, ist sein Fazit.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.12.1999
In einer ausschweifenden Kritik vergleicht Hubert Winkels das Buch mit einem elektronischen Karpfen. Der Vergleich hinkt ein wenig, denn ein Karpfen, selbst ein elektronischer hat eine Karpfenform, sonst wäre er kein Karpfen. Eine Form scheinen Hettches "Animationen" aber laut Winkels gerade nicht zu haben. Hettches ausufernde Sequenzen führten etwa "über die Zeichnung zur Kartogafie zur Entdeckung der Welt". Nichts, so scheint es, gibt es auf der Welt, dass in diesem Buch nicht vorkommt. Unterschiedliche "Motive und Sprechweisen" kommen noch hinzu. Nachdem Winkels "354 zum Teil lange Anmerkungen" und eine "mehrere hundert Bücher in verschiedenen Sprachen auflistende Bibliografie" gezählt hat, wendet er seinen Vergleich vom elektronischen Karpfen wenig schmeichelhaft zum "Hamster mit aufgeblasenen Backentaschen". Immerhin seien die Geschichten über Venedig "sachlich kühl und in knapper Eleganz erzählt", aber leider, so Winkels, überlasse Hettche es dem Leser, die Einzelteile zu verknüpfen. Der Leser müsse "das Buch erst schreiben, das Hettche gern geschrieben hätte".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.1999
Stephan Krass ist von Hettches Venedig-Essay begeistert: Hier habe der Autor "Maßstäbe für ein Genre formuliert, das in der deutschen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht". Hettche treibt in seinen Betrachtungen die Frage um, was wohl aus der Sprachwelt wird, wenn die Macht der Bilder letztlich überhand gewinnt, so Krass. Dazu schlage er einen Bogen von ersten anatomischen bzw. pornographischen Bildveröffentlichungen bis zu computergenerierten Bildverfahren. Krass hebt dabei Hettches Gelassenheit angesichts des schwindenden Einflusses der Sprachwelt und den Verzicht auf "zivilisationskritisches Lamento" hervor. Gleichzeitig weiss er Hettches intellektuelles Niveau und seine poetische Sprache zu schätzen.
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