Aus dem Archiv

Teju Cole

Open City

Roman
Cover: Open City
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
ISBN 9783518423318
Gebunden, 333 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Christine Richter-Nilsson. Julius, ein junger Psychiater, durchstreift die Straßen Manhattans, allein und ohne Ziel, stundenlang. Die Bewegung ist ein Ausgleich zur Arbeit, sie strukturiert seine Abende, seine Gedanken. Er lässt sich treiben, und während seine Schritte ihn tragen, denkt er an seine kürzlich zerbrochene Liebesbeziehung, seine Kindheit, seine Isolation in dieser Metropole voller Menschen. Fast unmerklich verzaubert sein Blick die Umgebung, die Stadt blättert sich vor ihm auf, offenbart die Spuren der Menschen, die früher hier lebten. Mit jeder Begegnung, jeder neuen Entdeckung gerät Julius tiefer hinein in die verborgene Gegenwart New Yorks - und schließlich in seine eigene, ihm fremd gewordene Vergangenheit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2013

Mit viel Lob bespricht Rezensent Oliver Jungen Teju Coles Debütroman "Open City", der ihm als einer der "elegantesten Prosa-Essays" über das Zusammenwirken von Identität und Erinnerung seit W. G. Sebald erscheint. Er folgt hier einem jungen amerikanischen, einsamen Psychiater mit afrikanischen Wurzeln bei seinen Streifzügen durch das fremdenfeindliche Brüssel und das fremdenfreundliche New York - dabei nach "Benjamin-Art" über Kosmopolitismus und Multikulturalismus räsonierend. Der Kritiker erlebt hier nicht nur, wie in New York etwa Schwarze von Schwarzen überfallen werden und ein Weißer einer Asiatin Chinesisch beibringt, während in Brüssel etwa zwei gebildete Marokkaner ihren Israel-Hass und ihre Al-Quaida-Sympathien als Heiligen Krieg im Namen der Differenz darstellen, sondern auch wie Coles melancholischer Protagonist vergeblich versucht, der Auseinandersetzung mit der eigenen Doppelidentität durch die protokollierende Beobachterperspektive zu entfliehen. Abgesehen von wenigen "debütantenüberdeutlichen" Bildern kann der Kritiker diesen herausragenden, schönen und zugleich "beunruhigenden" Flaneur-Roman nur unbedingt empfehlen.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2012

Mit hohen Erwartungen machte sich Christoph Schröder an die Lektüre dieses ringsum in höchsten Tönen gefeierten Romans über einen intellektuellen New Yorker Großstadtflaneur, der mit dem Autor, wie Schröder informiert, auffällig viele biografische Eckdaten teilt. Doch schon nach 170 von 336 Seiten hat der Rezensent nicht nur "alles verstanden", er langweilt sich im folgenden auch sichtlich. Mit der sich ausgesprochen souverän durch Kunst, Kultur und Kritik manövrierenden Hauptfigur entwickelt Schröder fast schon Mitleid, für ziemlich altklug hält er unterdessen, wie Cole in Abruf und Auflistung des intellektuellen Kanons die Gegenwart deutet. Bedauerlich findet der Rezensent dies auch, da sich in einigen Passagen immer wieder auch "das Leben selbst" ins Geschehen stiehlt, für das noch keine abrufbare Vorformulierung des intellektuellen Diskurses parat steht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2012

Alex Rühle kann es nur bewundern, dass sich Teju Cole traut, ausgerechnet die viel besungene Stadt New York als Romanort zu wählen, durch den er seinen Protagonist ausgiebig flanieren lässt. Der Ich-Erzähler Julius, der mit dem Autor die nigerianischen Wurzeln teilt und als Psychiater an einem Krankenhaus arbeitet, lässt sich durch die Stadt treiben, begegnet dem multikulturellen New York in Gestalt von Taxifahrern, seinem ehemaligen japanischen Professor oder den Inhaftierten in einem Abschiebegefängnis und gibt sich dabei seinen Reflexionen über Einsamkeit, Erinnerung oder Freundschaft hin, die er bei seinen Rundgängen durch die Stadt stetig vertieft, erfahren wir. Der Rezensent lässt sich tief in den Bann dieses einsamen, aufmerksamen Wanderers ziehen, der ihm, auch wenn er wenig von sich preisgibt, in seiner ruhigen, und souveränen Art sehr sympathisch ist. Wenn allerdings am Ende eine Bekannte aus Nigeria ihm vorwirft, sie vor Jahren in Lagos vergewaltigt zu haben, und der Ich-Erzähler keinen Funken der Erinnerung daran hat, dann wird Rühle die "opake Kühle" und "ironische Skepsis", die Julius umgibt, unheimlich.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.10.2012

Teju Cole setzt mit diesem an Anspielungen auf die urbane Literatur des Westens reich gesättigten Roman über einen jungen Psychiater namens Julius einen politischen Akzent in der New-York-Belletristik, freut sich Martin Zähringer. Der Titel "Open City", zugleich eine Anspielung auf das gleichnamige New Yorker Literaturmagazin, steht dabei zusehends im Kontrast zu den schroffen Erfahrungen, die der - schwarze - Protagonist und Kunstliebhaber bei seinen Erkundungen insbesondere auch in der Kulturszene der sich als offen und tolerant rühmenden Stadt macht, beobachtet der Rezensent, dem sich bei der Lektüre zeigt, dass auch "die Universalität der Kunst ein Traum mit versteckter Farbenlehre" sei. Somit sieht Zähringer in Julius auch ein Gegenbild zu üblichen New York-Klischees.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2012

Endlich ist Teju Coles mutiger Roman "Open City" auch auf Deutsch erschienen, freut sich Rezensentin Ina Hartwig, die die Lektüre aus einer Vielzahl von Gründen empfiehlt. Zum einen ist da dieser vielschichtige Protagonist namens Julius, Psychiater und Sohn eines Nigerianer und einer Deutschen, der sich durch seine Hautfarbe nirgendwo ganz zugehörig fühlt und den die Kritikerin nicht nur bei seiner Reise von New York nach Brüssel begleitet, sondern insbesondere auch in Gesprächen mit zahlreichen Figuren aus den unterschiedlichsten Schichten erlebt. Während Hartwig von den an die Beschreibungskunst barocker Gemälde erinnernden Schilderungen und den feinsinnigen Gesprächen über Migration und Rassismus tief beeindruckt ist, lässt sie sich zugleich von Julius' dunkler und unheimlicher Seite, die er stets zu verdrängen versucht, in den Bann ziehen. Darüber hinaus liest die Rezensentin den Roman als "raffiniert komponierte Collage", der nicht zuletzt ein herausragendes Porträt der Stadt New York, ihrer "Melancholie" und "Offenheit" zeichnet.

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Teju Cole

Teju Cole, geboren 1975, wuchs in Nigeria auf und kam als Jugendlicher in die USA. Er ist als Kunsthistoriker, Schriftsteller und Fotograf tätig und hat eine Stelle als Distinguished Writer ... mehr lesen
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