Bücherschau der Woche
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Klappentext
Aus dem Russischen von Esther Kinsky. Die dreizehnjährige Nadjka kehrt in ihr Dorf zurück. Ein Floß bringt sie flussaufwärts, genau an die Stelle, an der sie vor Jahren ausgesetzt worden war. Der Bruder Marat rekonstruiert ihre Geschichte: Weil das Mädchen geistig behindert ist, hatte man sie ihrem Schicksal überlassen. Sie hatte als Heimkind gelebt, musste Spott und Brutalitäten über sich ergehen lassen, mit ansehen, wie ihr bester Freund, als er sich für sie einsetzen will, dafür büßen muss. Schließlich war Nadjka geflohen. Für die, die ihren Weg durch die Steppe kreuzten, trug sie die Züge einer mythischen Lichtgestalt, einer Wunderheilerin. Doch die Odyssee ist nicht vorbei. Es ist das Jahr 1962, inmitten der Kubakrise fürchtet man einen atomaren Schlag der Amerikaner. In Hysterie und Todesangst erwarten die Menschen das Ende. Marat fleht Nadjka an zu handeln.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.10.2003
Eine spezifische Rolle für die Frau sah der sowjetische Kommunismus nicht vor, schreibt die Rezensentin Katharina Granzin. Die herrschende Ideologie sah in der Frau ein eher geschlechtsloses Wesen, das sich jedoch auf "libidinöse" Weise der Arbeit hingab. Dass dem nun nicht mehr so ist, zeigt die Rezensentin an drei neueren, russischen Romanen auf, die mit dem Klischee der sowjetischen Heldin aufräumen: Alexander Ikonnikows "Liska und ihre Männer", Michail Kononows "Die nackte Pionierin" und Svetlana Vasilenkos "Die Närrin". Bei Svetlana Vasilenko stehen sich zwei völlig gegensätzliche Frauenbilder direkt gegenüber, in der Konfrontation zwischen einer sich immer wieder reinkarnierenden, "unschuldigen" und "entrückten" Närrin und der erzkommunistischen und dümmlich verbohrten Waisenhausleiterin Traktorina Petrovna. Vasilenkos Närrin sieht die Rezensentin einer deutlich "christlichen" Tradition verpflichtet, dem "mythisch geladenen Konzept reiner Weiblichkeit, das den irdischen Körper transzendiert". Mit "betont kargen sprachlichen Mitteln", lobt die Rezensentin, schafft Vasilenko eine "archaische" Atmosphäre, die als "surrealistisch geladene" und doch alte "Heiligenlegende" erscheint, voll "selbstverständlicher, kindlicher Religiosität", und in der das "Heilige über das Profane" siegt, "das Mythische über das Rationalistische" und schließlich "das alte Russland über die Sowjetmacht". Mit diesem Roman, so die erfreute Rezensentin abschließend, betreibt die Autorin den "Exorzismus der gesamten sowjetischen Epoche".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2003
Lassen Sie sich von der Schlichtheit der Erzählung nicht täuschen, ruft Marta Kijowska - "Die Närrin" sei der ganz große Wurf, und er treffe genau ins Schwarze. Denn was so harmlos beginne - eine Geschichte von Bruder und Schwester in den sechziger Jahren, sie geistig behindert, er ihr Beschützer und der Erzähler ihres Lebens, das er in seiner Phantasie verdoppelt und in die dreißiger Jahre zurückverlegt, wo die imaginäre Schwester schließlich zu einer märchenhaften Lichtgestalt wird -, sei tatsächlich der Versuch einer Bestandsaufnahme von Jahrzehnten sowjetischer Geschichte, um daraus das Psychogramm der in ihren historischen, politischen und nationalcharakterlichen Zwängen verfangenen posttotalitären Gesellschaft zu zeichnen". Das die Autorin dabei auf die Konventionen von Märchen und Heiligengeschichten zurückgreife, um sie auf die Realität treffen zu lassen, mache den Roman umso erstaunlicher, der - zurecht! - mit der Empfehlung einer Booker-Preis-Nominierung die deutschsprachigen Leser erreiche.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.07.2003
Eines der einprägsamsten Erlebnisse im Leben der russischen Autorin Svetlana Vasilenkos war nach ihren eigenen Worten die Kubakrise, die sie als Sechsjährige auf einer sowjetischen Raketenbasis miterlebte, wie Rezensent Ulrich M. Schmid erklärt. Denn ihr Roman "Die Närrin" präsentiere eine Antwort auf die Frage, warum die Welt damals nicht zerstört wurde. Die Heldin ihres Romans ist ein schwachsinniges, taubstummes Mädchen, das sich seine moralische Integrität gerade dadurch bewahrt, dass es durch seinen "defizienten Sinnesapparat" von der sowjetischen Außenwelt abgekoppelt ist - eine heilige Närrin mithin. Diese Geschichte trage zwar alle Merkmale einer Heiligenvita, meint Rezensent Schmid, doch die erfahrene Drehbuchautorin Vasilenko entkomme deren Fallen dabei durch die filmische Strukturierung des Stoffes: "Psychologische Introspektion hat in diesem Roman keinen Ort". Schmid hat "Die Närrin" als einen "äußerst ausdrucksstarken Text" gelesen, der ihn zu der Prophezeiung veranlasst, dass sich Vasilenko mit ihm "dauerhaft in die russische Literaturgeschichte eingeschrieben hat".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.04.2003
Für den Rezensenten Heribert Kuhn reiht sich Svetlana Vasilenkos von 1993 bis 1998 geschriebener Roman "Die Närrin" in die literarischen Identitätsfindungsversuche des post-kommunistischen und post-ideologischen Russlands ein. Die Geschichte, so Kuhn, spielt im russischen Raumfahrtsstützpunkt Kasputin Jar und dreht sich um das geisteskranke Mädchen Nadjka, das nach seiner Geburt ausgesetzt wird und dreizehn Jahre später, zur Zeit der Kubakrise, in seine Familie zurückkehrt. Marat, Nadjkas Bruder, rekonstruiere und erträume sich Nadjkas zwischenzeitliches Leben, und dieses Träumen führe in die dreißiger Jahre zurück, zu der ebenfalls geisteskranken kleinen Hanna, die zur Heiligen wurde. Und auch Nadjka werde zu einer Art unschuldigen Lichtfigur, die sich naiv dem ideologischen Diskurs widersetzt. Nicht nur, dass die Stunden vor Ablauf des amerikanischen Ultimatums "kaum wirklichkeitsnäher" erzählt werden könnten, als durch die von der Autorin gewählten Kinderperspektive. Dem sowjetischen Heldenmythos stelle Vasilenko dabei eine "kulturübergreifende", christlich geprägte Erzählmotivik entgegen, und so trage sie, schreibt der Rezensent, zu einer sinnvollen "Arbeit am Mythos" bei.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.04.2003
Einen ganz "eigenen Zauber" bescheinigt die Rezensentin Maike Albath Svetlana Vasilenkos Geschichte um das "schwachsinnige", aber hellseherische Mädchen Hanna, das den Soldaten der Sowjetmacht entkommt, als die das ganze Dorf niedermetzeln, und durch die Steppe flieht. Jahre später, so Albath weiter, taucht am Raumfahrtstützpunkt Kasputin Jar Nadjka auf, ein Mädchen, in der die kleine Hanna wiederkehrt, und die die Einwohner zur vergessenen Religiosität zurückbringt. Auch sie muss irgendwann fliehen, und es weben sich Legenden um das "streunende Mädchen", dessen Kräfte immer mehr zunehmen und das sich als eine Art Heilige entpuppt. Ein wenig fühlt sich die Rezensentin an die Naive Malerei erinnert, in der Art, wie Vasilenko die "magisch-bäuerliche Tradition" mit "Elementen aus der christlichen Ikonografie" verknüpft, und nebenbei mit dem Sowjet-Regime und dessen Ästhetik - hier allerdings ironisch - abrechnet. Und wenn auch diese märchenhafte und zugleich sozialistisch-konturhafte Erzählweise, die die Rezensentin an die Fresken der Moskauer U-Bahn erinnern, den westlich geprägten Leser zunächst befremden können, so ist der Roman doch ein von "unerklärlichen Korrespondenzen" durchdrungenes, "eigentümlich irisierendes Geschichten-Gewebe", in dessen Mitte Hanna sich als "Chiffre für die unsterbliche Seele", für den "Kern des Menschlichen" lese.
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