Bücherschau der Woche
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Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Aus dem Archiv
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- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Christiana Goldmann. Das Böse stellt die menschliche Vernunft auf eine harte Probe, denn es bringt unsere Zuversicht ins Wanken, dass der Lauf der Welt einen Sinn ergibt. Für die Europäer des 18. Jahrhunderts war das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 manifester Ausdruck des Bösen, während wir heute das Böse ausschließlich als Folge böswilligen, ja grausamen menschlichen Handelns begreifen - und Auschwitz als dessen extremste Verkörperung. Wieviel Sinn steckt also in einer Welt, in der Unschuldige leiden? Ist das Böse tiefgründig oder banal? Ist das Böse überhaupt verstehbar, und wenn ja, sind wir gar moralisch zu einem solchen Verständnis verpflichtet? Susan Neiman zeigt in ihrer historisch wie systematisch profunden Studie, die bei dem Erdbeben von Lissabon einsetzt und bei Auschwitz und dem 11. September endet, dass diese Fragen die moderne Philosophie von der Frühaufklärung bis in die Gegenwart, von Voltaire bis Hannah Arendt, wie ein roter Faden durchziehen und nachhaltig geprägt haben. Entstanden ist eine Geschichte des Nachdenkens über das Böse, die zugleich eine andere Geschichte der Philosophie ist.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.06.2004
"Es scheint", schreibt Ludger Heidbrink, "grosse Schwierigkeiten zu bereiten, die Schrecken der Moderne ohne Absicherung zu denken, seien sie moralischer oder ästhetischer Art". Das kreidet er auch Susan Neiman an, obwohl er ihr Buch offensichtlich mit Gewinn gelesen hat. Neimans Studie, so Heidbrink, lasse die Beschäftigung der Philosophie mit dem Bösen - ihr zufolge die "treibende Kraft des modernen Denkens" - Revue passieren und stoße dabei auf folgende Konstante: Das Böse markierte von Bayle bis Hegel immer die "Grenzen des Sinns", das Gegenteil des Vernünftigen, das aber deshalb keineswegs in Frage gestellt, sondern im Gegenteil: neu beglaubigt wurde. Dann, seit Voltaire, dominierte "die Rede vom Guten als metaphysische Täuschung, die es durch die Anerkennung eines irrationalen Weltengrundes zu überwinden gelte". Gerade deshalb aber wurmt es Heidkamp, dass Neiman sich einreiht "in die Tradition der säkularen Theodizeen, mit deren Hilfe der Mensch dem Übel in der Welt einen Namen gibt". Das Böse ist bei ihr nicht schieres Phänomen, sondern immer noch metaphysisches Problem, das es zu verstehen gilt. Es bleibt also dabei: "Nicht das Böse ist treibende Kraft des Denkens, sondern der Versuch, ihm einen Platz in der prekären Ordnung der Dinge zu geben."
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.03.2004
Klares Denken verlangt Susan Neiman an einer Stelle ihres Buch über die Geistesgeschichte der Idee des Bösen. "Genau dies ist ihr nicht durchgängig gelungen", urteilt Jan Süselbeck lakonisch. Über weite Strecken gelinge es der Autorin zwar, ihr anspruchsvolles Vorhaben "flüssig" umzusetzen - besonders lobend erwähnt der Rezensent die Passagen, die sich mit den Denkern des 18. Jahrhunderts beschäftigen -, am Schluss aber schwächele sie. Im Kapitel über Hannah Arendts Totalitätstheorie "purzeln" verschiedenste und laut Rezensent unvergleichbare Inkarnationen des Bösen wie das Lissaboner Erdbeben, Auschwitz, Adolf Eichmann, Ödipus und der 11. September "munter durcheinander". Das verfestigt Süselbecks Vermutung, dass der Autorin im Laufe ihrer Abhandlung "schlicht die Puste ausgeht". Gipfel des Unzumutbaren sei schließlich die "desaströse Konterkarierung" des 11. September mit Auschwitz. Da platzt dem Rezensenten dann doch der Kragen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004
Nicht hundertprozentig überzeugt zeigt sich Rezensent Christian Geyer von Susan Neimans "gelehrtem Buch" über das Böse. Zwar rechnet er der Autorin hoch an, das Böse wieder als Thema der Philosophie begriffen und dem absoluten Zugriff der Theologie entrissen zu haben. Erhellend findet er zudem Neimans Ausführungen über die verschiedenen Auseinandersetzungen mit dem Bösen von Voltaire und Rousseau über Nietzsche und Freud zu Hanna Arendt, der kritischen Theorie oder John Rawls. Aber dass sie der neueren Philosophie ihren zurückhaltenden Umgang mit dem Bösen verübelt und die Erkenntnistheorie diffamiert, hält Geyer für verfehlt, zumal sich auch Neiman weigere, eine Definition des Bösen zu geben. Ihr Zugriff auf das Thema erscheint Geyer "allzu selbstgewiss" und "allzu sehr von moralischen Interessen geleitet". Neiman vermittle auf jeder Seite den Eindruck, "alles in einem Aufwasch erledigen zu können". Für Zweifel bleibe bei ihr kein Raum. Trotzdem: "Als inspirierte Materialsammlung", resümiert Geyer, "bleibt Neimans Buch überaus wertvoll."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2004
Wirklich "anders" ist die populäre Philosophiegeschichte Susan Neimans nicht, befindet Jens Bisky. Ihre Darstellung der Ideen von Pierre Bayle bis John Rawls folge in weiten Teilen in Auswahl von Texten und Argumenten "durchaus den Konventionen" der Philosophiegeschichte, wenn gleich Neiman das Böse in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen stelle. Die an Hannah Arendt angelehnte Vorstellung, zur neuen Gestalt des Bösen gehöre nicht zwingend "schwärzeste Absichten", trifft zwar auf manchen "Schreibtischtäter", aber nicht auf die "NS-Verbrechen insgesamt" zu, bemängelt der Rezensent. Doch immerhin gesteht er zu, dass Neimans Werk nicht nur durch scharfes Formulieren, sondern auch durch die "so anregende", aber auch "verwirrende Vielfalt" der Perspektiven des Bösen seinen "Reiz" gewinne.
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